
Parlamentarische Enquete zum Thema “ZukunftsMusik” (Teil 1)Am 3. Juni 2008 fand im Nationalrats-Sitzungssaal des Parlamentsgebäudes eine parlamentarische Enquete mit dem Thema “ZukunftsMusik. Aktuelle Herausforderungen und musikalische Entwicklungsperspektiven in Österreich” statt. Initiiert wurde die Enquete von der Präsidentenkonferenz, einer auf Betreiben des mica-music austria gegründeten regelmäßigen Zusammenkunft von Organisationen des österreichischen Musiklebens.
Teil 1: Einleitung und Themenblock 1 und 2
Die erste Hälfte der Enquete war den aktuellen Herausforderungen an die musikalische Bildung und Ausbildung gewidmet, am Nachmittag ging es um Musikwirtschaft und Standortentwicklung.
Mag. Christine Muttonen, Obfrau des parlamentarischen Kulturausschusses, sprach einleitende Worte, betonte ihre Hoffnung auf einen fruchtbaren Dialog zwischen Politik und Kultur und dankte dem mica – music austria für seinen Einsatz für das Zustandekommen der Enquete. Mit einem Zitat von Napoleon unterstrich sie die Bedeutung der Musik auch für die Politik: “Die Musik hat von allen Künsten den tiefsten Einfluss auf das Gemüt. Ein Gesetzgeber sollte sie deshalb am meisten unterstützen.”
Bundesministerin für Unterricht, Kunst und Kultur Claudia Schmied versicherte, dass die Inhalte der folgenden Referate, Panels und Diskussionsbeiträge Eingang in ihr Ressort finden würden. Die Musik sei für Österreich eine tragende kulturelle Säule und ein respektabler Wirtschaftsfaktor. Die Rahmenbedingungen für die Musiklandschaft müssten immer wieder neu definiert werden, um den sich verändernden Bedingungen Rechnung zu tragen. Sie betonte auch ihr Bekenntnis zur gesellschaftspolitischen Bedeutung der Musiklandschaft Österreichs. Musik sei ein wichtiger Baustein zur Bildung junger Menschen und müsse auch einen Platz an Schulen haben. Unter Bezugnahme auf Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra wies sie auf die Bedeutung der Musik für das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Kulturen hin.
Der Bundesminister für Wissenschaft und Forschung Johannes Hahn berichtete vom hohen Niveau der universitären Musikausbildung. Die staatlichen Ausgaben für Musikstudenten seien ungefähr dreimal so hoch wie für einen “normalen” Studierenden, nur im Medizinbereich seien sie höher. Der Musikbereich sei mit 46% Nicht-Österreichern der “globalisierteste”. Hinsichtlich der Implementierung der Bologna-Architektur betonte Hahn, dass eine dreijährige Ausbildung im musikalischen Bereich als nicht hinreichend anzusehen sei, unterstrich allerdings auch die Bedeutung der Bologna-Philosophie im Hinblick auf die vielbeschworene “Internationalität”.
Die Forschung an den Musikuniversitäten sollte verstärkt werden, etwa im Bereich der Musikpädagogik.
Kammersängerin Angelika Kirchschlager sprach zum Auftakt in sehr emotionaler Weise über die Bedeutung der Musik in der heutigen Zeit, vor allem in sozialer Hinsicht. Es sei ein großes Missverständnis der Politik, Musik als “Sahnehäubchen” zu betrachten. Sie habe denselben Stellenwert wie anderes, was wichtiger scheine, etwa die Wirtschaft. So könne eine stärkere Bedeutung der Musik vielleicht in der Gesellschaft einen Klimawandel initiieren und der Ausbreitung von Einzelkämpfertum und Ellbogengesellschaft entgegenwirken. Es gehe um Solidarität und Mitgefühl.
Kirchschlager kritisierte auch das teilweise niedrige Niveau und die Praxisferne des schulischen Musikunterrichts und forderte eine gute musikalische Ausbildung für alle Kinder, unter Bezugnahme auf das Orchester-Projekt des Musikers und Politikers José Antonio Abreu, der vor 30 Jahren in einer Garage begonnen hätte, mit elf Jugendlichen aus den Slums zu musizieren. Heute gäbe es zahllose Kinder- und Jugendorchester in Venezuela und hervorragende MusikerInnen kämen aus den Slums. Die Beschäftigung mit dem Schönen dürfe kein Privileg für einige wenige sein.

Über die fünf Musikalischen Grundrechte im internationalen Kontext, wie sie vom International Music Council 2001 formuliert wurden, referierte Peter Rantasa, Geschäftsführer des mica – music austria und Vizepräsident des International Music Council.
Während in Österreich hinsichtlich des Rechts aller Menschen auf freien musikalischen Ausdruck keine Einschränkungen wahrzunehmen seien, gebe es bei der Umsetzung anderer Rechte Handlungsbedarf. Vor allem beim Recht aller Menschen, musikalische Fähigkeiten zu erwerben – Thema des ersten Panels – sei einiges zu verbessern, so fehle ein einheitliches Gesamtkonzept für das Zusammenspiel der verschiedenen Ausbildungsstufen.
Der Zugang zu musikalischen und kulturellen Aktivitäten durch Teilnehmen, Zuhören, Kreation und Information sowie das Recht für Kulturschaffende auf geeignete Ausstattung um ihre Kunst auszuüben und durch alle Medien zu kommunizieren, sei durch Digitalisierung und Globalisierung in einem Änderungsstadium begriffen. Dies sei auch eine große Herausforderung für die Musikwirtschaft. Dieser Strukturwandel stelle eine politische Herausforderung dar, eine gezielte Strategie zur “e-culture” sei erforderlich.
Das Recht für Kulturschaffende, gerechte Anerkennung und Bezahlung für ihre Arbeit zu erhalten, stelle die größte Herausforderung an die Politik dar. Künstlerische Einkommen lägen deutlich unter den allgemeinen Einkommen. Auch hier sollten entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen werden, wobei nicht nur Bildung und Wissenschaft, sondern auch Wirtschaft und Justiz miteinbezogen werden müssten.
Simone Dudt vom Europäischen Musikrat erläuterte die Internationalen Rahmenbedingungen: Europa und kulturelle Vielfalt. Die Förderung und der Schutz der Vielfalt im Sinne der Umsetzung der fünf Musikalischen Grundrechte stehe im Mittelpunkt der Arbeit des Europäischen Musikrats. Sie erläuterte zunächst die UNESCO-Konvention zur kulturellen Vielfalt aus dem Jahr 2005, die eine “Magna Charta” der internationalen Kulturpolitik sei und das Recht aller Staaten auf eine eigenständige Kulturpolitik sichern solle. Kunst und Kultur seien Träger von Identitäten und Bedeutungen.
Die EU habe zu diesem Thema 2007 ein eigenes Dokument erstellt, die “Europäische Agenda für Kultur in einer globalisierten Welt”. Darin werde ebenfalls die Bedeutung der kulturellen Vielfalt hervorgehoben und Kultur als wesentlicher Bestandteil der internationalen Beziehungen genannt.
Ein drittes Dokument, “Kreative Online-Inhalte im Binnenmarkt”, befasse sich mit KonsumentInnen und Urheberrechten. Der kulturelle Reichtum werde hier aber zu sehr auf den Wirtschaftsfaktor im Sinne der Lissabonstrategie verkürzt.
Im Jahr 2009 werde die EU die Themen Kreativität und Innovation schwerpunktmäßig aufgreifen. Dabei warnte sie vor einer zu engen Interpretation. Die Förderung und der Erhalt der musikalischen Vielfalt müssten Beachtung finden.
Zur Frage “Kulturelle/Musikalische Bildung – Wozu?” sprach Susanne Keuchel vom Zentrum für Kulturforschung in Bonn. Sie brachte Begründungen aus der Musikpsychologie, der Pädagogik, der Neurophysiologie und der Soziologie. Der musikpsychologische Ansatz, bekannt geworden unter dem Schlagwort “Musik macht intelligent”, gründete sich vor allem auf die Studie von Bastian, aus der hervorginge, dass musikgeforderte Kinder bessere kognitive Leistungen erbrachten. Die pädagogischen Begründungen stellten den Erwerb von sozialen Schlüsselkompetenzen ins Zentrum. Die Neurophysiologie belege die anregende Wirkung von musikalischer Betätigung bei der Kommunikation beider Gehirnhälften.
Voraussetzung für den Zugang zu musikalischer Bildung sei nach wie vor ein gebildetes und kulturelles Elternhaus. Das Ungleichgewicht des Musikzugangs in der Bevölkerung werde in Deutschland durch die Schule nicht ausgeglichen. Eine Befragung habe ergeben, dass 68% der Bevölkerung kulturelle Bildung für wichtig halten, ein beträchtlicher Teil davon macht den Staat für den Zugang zu dieser Bildung verantwortlich.

Per Ekedahl, Kinder- und Jugendleiter der schwedischen Rikskonserter (Bundeskonzerte) von den Jeunesses Musicales International berichtete über neue Wege der Musikvermittlung. Das alte Konzept des Konzerts, bei dem ein aktiver Künstler einem passiven Publikum gegenübertritt, solle für ein junges Publikum aufgebrochen werden, um auch einen direkteren Zugang zu ermöglichen. Er regte auch eine fächerübergreifende Kombination von Musik mit anderen Kunstrichtungen an. Außerdem wies er auf die Bedeutung der kulturellen Bildung für die Gesellschaft und die psychologische Bedeutung der Musik für den Menschen hin. Insbesondere Kinder seine “ästhetische Wesen”, wenn sie in der Schule keinen Zugang zu Formen des ästhetischen Ausdrucks erhielten, würde man ihre “Seelen kastrieren”.
Michael Wimmer von “educult” (Wien) erläuterte Strukturen der Musik(aus) bildung in Österreich. Er forderte eine Institutionenreform, um vom Kindergarten bis zur höheren Schule die bestmögliche Ausbildung zu ermöglichen. In dieser Hinsicht sei eine hohe Qualität der musikpädagogischen Ausbildung von KindergärtnerInnen und VolksschullehrerInnen bedeutend, da die musikalische Förderung im frühen Kindesalter einsetzen müsse. Außerdem sei eine Öffnung der Kindergärten hinsichtlich der Zusammenarbeit mit elementaren Musikpädagogen anzustreben. Schulen, auch berufsbildende, sollten als kulturelle Zentren begriffen werden. Die Musiker-Ausbildung solle die Musik-Vermittlungsarbeit in das Curriculum mit einbeziehen.
Monika Oebelsberger, Universität Mozarteum Salzburg betonte in ihrem Vortrag über Musikpädagogik. Tradition und Herausforderung das Grundrecht auf musikalische Bildung und auf Entfaltung der Kreativität.
“Österreich steht im internationalen Vergleich noch nicht schlecht da”. Sie verwies auf die unterschiedliche Situation der Bundesländer hinsichtlich der Ausbildungsmöglichkeit in einer Musikschule.
Heute sei im Vergleich zu früher die Freizeitgestaltung in hohem Maße musikbezogen, dem Lernbereich Musikhören käme daher besonders Bedeutung zu, um tiefes, einfühlendes und forschendes Hören zu ermöglichen. Ebenfalls essentiell ist für Oebelsberger die Förderung des Singens, da dieses den Willen und die Fähigkeit sich mitzuteilen stärke. Außerdem habe musikalische Betätigung einen wesentlichen Effekt beim Erwerb von Schlüsselkompetenzen wie Konzentration, Durchhaltevermögen und konstruktive Hirnarbeit. Sie müsse deshalb allen zugänglich sein und ein selbstverständlicher Bestandteil des Unterrichts an Schulen bleiben. Handlungsbedarf ortet Oebelsberger auch bei der Ausbildung der Volksschullehrer, auf deren musikalische Kompetenz größeres Augenmerk gelenkt werden sollte.
Das anschließende Panel war Kurzreferaten von Experten zum Thema Musikalische (Aus)Bildung quo vadis? gewidmet.
“Im 21. Jahrhundert sollte der elitäre Zugang zur Musik in ein für alle Menschen geltendes Recht transformiert werden” forderte Harald Huber vom Österreichischen Musikrat. Zur Umsetzung dieses Vorhabens sollte im Ministerium eine Arbeitsgruppe mit Vertretern des Bundes, der Länder und mit Fachkräften eingerichtet werden, um dieses Vorhaben umzusetzen. Weiters forderte er die Wiedereinführung der Niederlassungsbewilligung für ausländische Künstler, die Heranführung der Anteile von heimischer Musik im Rundfunk an den durchschnittlichen europäischen Anteil von 40% und die Schaffung eines österreichischen Musikexportfonds.
Marialuise Koch, Fachinspektorin für Musikerziehung in Niederösterreich, hatte folgenden Katalog von Forderungen vorbereitet: die Einrichtung von Mindeststandards für musikalische Bildung, die Vermehrung von Musikvolksschulen und deren Überführung ins Regelschulwesen, die Sicherstellung eines qualifizierten Musikunterrichts auch in Hauptschulen bis zur vierten Klasse, einen durchgehenden parallelen Unterricht von Musik und bildender Kunst in den AHS, die Einführung beider Fächer an Tourismusschulen, die Angleichung der Gehaltseinstufung der Musikerzieher an “normale” Fächer, mindestens zwei Wochenstunden Musikunterricht, Räume für kreativen und zeitgenössischen Musikunterricht an jeder Schule, rechtliche Grundlagen und Rahmenbedingungen zur Verankerung von Musik in Ganztagsschulen.
Außerdem müsse allen Bildungsverantwortlichen das Bewusstsein “verordnet” werden, welch unverzichtbaren Beitrag die Künste zur Bildung leisten.
Anneliese Zeh vom Chorverband Österreich verwies auf die Bedeutung der Laienverbände wie Blasmusik und Chormusik für das Musikland Österreich. In einer Gegenüberstellung mit dem ebenfalls vereinsmäßig organisierten Fußballsport, kritisierte sie die ungleich höheren Förderungen und die größere Medienpräsenz, die dem Fußball zukämen, obwohl das Laienmusizieren eine höhere Anzahl an Vereinen, mehr Publikum und einen größeren Frauenanteil hätte.
Laienmusikverbände sollten auch in schulische Aktivitäten einbezogen werden und außerdem als Erwachsenenbildungsanstalten anerkannt werden.
Gerhard Gutschik von der Konferenz der österreichischen Musikschulwerke (KOMU) berichtete über steigende Schülerzahlen an den österreichischen Musikschulen und, abhängig vom jeweiligen Bundesland, das ungenügende Platzangebot. Wünschenswert sei ein Ausbau der teilweise bereits jetzt bestehenden Kooperation zwischen Schulen, Kindergärten und Musikschulen. Er appellierte an die Politik, die Musikschulen in Planung und Umsetzung aller kommenden Schulreformen unbedingt einzubeziehen.
Udo Dahmen von der Popakademie Baden-Württemberg unterstrich die Bedeutung der Digitalisierung und der “social digital networks” für die zukünftige Entwicklung der musikalischen Welt. Der Anteil von Freiberuflern unter den Künstlern werde sich in Zukunft noch verstärken. Die Popakademie biete deshalb zusätzlich zur künstlerischen Ausbildung auch eine ökonomische an, um den Musikern auch ein unternehmerisches Grundlagenwissen zu vermitteln. Der Popmusik-Bereich sei vor allem für bildungsferne Schichten wichtig, spiele aber an deutschen Schulen eine untergeordnete Rolle.
Gunter Waldek von der Anton Bruckner Privatuniversität, Komponist und Dirigent, kritisierte den niedrigen Stellenwert der Musik an Schulen sowie die uneinheitliche Ausbildung bei musikpädagogischen Berufen, und fordert eine Initiative, um die Bevölkerung von Kultur zu überzeugen und weiters einen höheren Anteil an heimischer Musik in den Medien.
Die anschließenden Diskussionsbeiträge brachten teilweise neue Themen aufs Tapet, wie etwa die Forderung nach Thematisierung der während der Nazizeit verfolgten Musik im Rahmen der Musikausbildung, sowie eine Verlängerung der urheberrechtlichen Schutzfrist zu Gunsten der verfolgten Komponisten bzw. ihrer Nachfolger.
Kritisiert wurde die eklatant schlechtere Ausstattung der Musikstadt Wien mit Musikschulen im Vergleich zu anderen Bundesländern. Außerdem wurden die Gleichstellung der Lehrerausbildung auch hinsichtlich der Musikschullehrer, und die gleiche Bezahlung der Musiklehrer an AHS im Verhältnis zu Lehrern anderer Gegenstände gefordert.
Im wesentlichen wurden aber bereits erläuterte Positionen unterstrichen, wie etwa die Bedeutung eines guten Musikunterrichts vom Kindergarten bis zur Universität, die Aufwertung der Schule zu einem kulturellen Zentrum, die Forderung gleicher Zugangsbedingungen zu musikalischer Bildung, die Aufwertung des “Nebenfachs” Musik, sowie die Verbesserung der musikpädagogischen Ausbildung und die Forderung entsprechender Rahmenbedingungen. (sr)