netzzeit – "Out of Control": La philosophie dans le labyrinthe

Im Rahmen des von der Gruppe netzzeit ausgerichteten Festivals “Out of Control” steht ab Do., 8. März im Museumsquartier als Wiener Erstaufführung “La philosophie dans le labyrinthe”, ein Auftragswerk der Münchener Biennale 2006, auf dem Programm. Die Oper reflektiert die Geschichte vom Minotaurus, der in einem Spiegellabyrinth eingeschlossen ist. Bühnenbild und Inszenierung: Nora & Michael Scheidl, es spielt das Klangforum Wien.

Labyrinth und SpiegelungenDie “Philosophie im Labyrinth” entstand aus der Kooperation des mittlerweile 74-jährigen Lyrikers, Dramatikers und Wissenschaftlers Edoardo Sanguineti mit dem jungen italienischen Komponisten mit Wahlheimat Madrid, Aureliano Cattaneo.

 

Die Oper reflektiert die Geschichte des Minotaurus, im Text der beziehungsreichen Poesie von Sanguineti, in der Musik: Diese verbindet Gesang, Tanz und zwei instrumentale Ebenen, entwickelt Spiegelungsformen in der Groß- und Feinstruktur, zieht feine “Ariadnefäden” durch ihren Verlauf, nimmt die Physis der Lautartikulation – Atem, Schwirren, Verlockung, Schrei – zum Material des Klangs, das vielfach reflektiert wird.

 

Aureliano Cattaneo über seine Komposition und das Spiel mit labyrinthischen Spiegelungen: “Ein Vorbild war für mich war Alban Berg, ein Komponist, den ich sehr schätze. Bei ihm finden sich oft sehr strenge Strukturen. Zum Beispiel läuft das Adagio in seinem Kammerkonzert von der Mitte aus wieder rückwärts, allerdings mit einigen deutlichen Veränderungen: das Spiegelbild ist niemals blank identisch mit der Ursprungsgestalt (.)  Es gibt in meiner Partitur Passagen, die ähnlich komponiert sind wie Bergs Kammermusik. Aber ich habe, wie er, das Spiegelbild immer verändert, vor allem durch ,Ausradieren’ bestimmter Elemente. Andere Entsprechungen sind über weite Zeiträume auseinander gezogen. Sie wirken, so hoffe ich, im Unterbewussten des Hörers. Es gibt Spiegelbilder zwischen Personen und Instrumenten: das Luftgeräusch des Akkordeons ist der instrumentale Widerschein von Minotaurus’ Atem. Man kann, wenn man will, in meiner Partitur auch Spiegelungen aus der Geschichte finden. Der tragende Untergrund der ersten Arie ist aus einem traditionellen, in Halbtönen absteigenden Lamentobass entwickelt. Er bewegt sich langsam, oft ist er nur im Spektrum seiner Obertöne vorhanden, aber stets wirksam. Auch die Verwendung der Barockflöte ist ein Bild aus der Geschichte. Aber all das erscheint eben ,reflektiert’, der Spiegel unseres Bewusstseins (und Unterbewusstseins) bestimmt die Gestalt des Gespiegelten mit.” (Auszug aus dem Downloadtext der Münchener Biennale, siehe Link).

 

Die handelnden Personen, insbesondere die jungen Opfer des Stiermenschen, werden dreifach dargestellt: durch Sänger, Tänzer und Stimmen von außerhalb. Nur Minotaurus bleibt bei seinen Soloarien auch musikalisch allein. Er findet sein “Echo” im atmenden Instrument aus einem der beiden Ensembles: dem Akkordeon. Die drei Akte schließen ohne Pause aneinander an. Der erste bringt die Annäherung an und den Eintritt ins Labyrinth. Der zweite, längste, spielt im Zentrum des Labyrinths. Die Begegnung des Minotaurus mit seinen Opfern ist dreifach dargestellt: aus der Perspektive von außen, aus der Erlebnisperspektive des Minotaurus, und aus seiner Traumperspektive, dem Wunschbild erotischen Glücks. Der dritte, kürzeste Akt konzentriert sich um Minotaurus’ Tod. Er endet im Postludio mit einem wahren Labyrinth der Wörter, Sätze und Sprachen.

 

Gegenläufig zum Bühnengeschehen werden drei Videosequenzen eingeblendet. Sie beginnen mit dem Tod des Minotaurus, zeigen ihn dann im Labyrinth mit seinen Opfern, sie enden mit der Geburt des Minotaurus. So schließt sich ein Bogen. Theater und Video treffen sich in der Mitte, im real vereitelten Traum von Liebe und Brüderlichkeit. (pressetext netzzeit/hr).

 

Aus den Uraufführungskritiken

 

Was den Stiermenschen umtreibt, wie er seinen Opfern begegnet, namentlich den weiblichen – das schildert Sanguineti in freien Verszeilen, die von einer geradezu brachialen Körperlichkeit und zugleich, in ihrer asyntaktischen Sprache, von der erlesensten Entrücktheit sind. Aureliano Cattaneo reagiert auf diese hochstehende Vorlage mit einer Musik von raffinierter Konstruktion und zarter Schönheit.
(Peter Hagmann, NZZ, 12. Mai 2006)

 

Es entstand eine subtile, luftig durchhörbare, immer wieder auf plastische und geschmeidig geführte Linien fokussierte Musik von subtilem Glanz.
(Reinhard Schulz, Süddeutsche Zeitung 11.5.2006)

Cattaneo reiht sich vorzüglich ein in eine neue Tradition italienischen Opernschaffens, mit den Ahnherren Nono, Berio, Sciarrino, die auch der jungen Generation Impulse für eine sensitive, entschieden aus dem Melos, dem Klang der Stimme gewachsenen Musiksprache weitergegeben haben (.) Michael und Nora Scheidl als Regisseur und Ausstatterin sowie die Choreografin Takako Suzuki haben für die Minotaurus-Sage imaginativ zeichenstarke Bilder gefunden.
(Karl Harb, Salzburger Nachrichten 11.5.2006)

 

AUFFÜHRUNGEN
8., 16., 17.03.2007, MUSEUMSQUARTIER-HALLE E, WIEN/20.00 Uhr

 

INFORMATION/TICKETS
Theaterkartenbüro Jirsa
Tel.: 0043 / 1 / 400600,
www.viennaticket.at
am MQ Point und an der Abendkasse
Preis: 25 Euro
(im Abo: 18,75 Euro)
StudentInnen 10% Ermäßigung
Freie Sitzplatzwahl

 

Begleitveranstaltungen:

 

DA PONTE LECTURE
mit Edoardo Sanguineti
Music and poetry
Geschmacksintelligenz und Denk-Inszenierung als performatives Ereignis
Mittwoch, 7. März 2007, 19.00 Uhr – freier Eintritt
Da Ponte Institut, Goethegasse 1, 1010 Wien, 4. Stock
www.daponte.at

 

“è un controsenso, mia cara: ma non è un problema”
“Es ist ein Widersinn, mein Schatz: aber es ist kein Problem”
Sanguineti liest Sanguineti
Freitag, 9.3.2007, 19.00 Uhr – freier Eintritt
Literaturhaus Wien, Zieglergasse 26A, 1070 Wien
www.literaturhaus.at

 

Fotos Philosophie Totale: Nora Scheidl
Foto Aureliano Cattaneo: Lucía Nunes García