mica-Interview mit Walter und Gert Brantner

Diese Tage nimmt das neue österreichische Weblabel Bruit den Betrieb auf, um elektronische Musik auf ebendiesem Wege unters musikbegeisterte Volk zu bringen. Die Labelgründer Walter und Gert Brantner stellen im mica-Interview ihre Plattform vor.

Was macht ihr, wenn ihr nicht gerade ein Internet-Label gründet?

Walter:
Ich bin als Moderator und Redakteur für verschiedene Radiosender tätig. Meine Freizeit allerdings ist ganz dem Podcast “Überklang” gewidmet, der in wöchentlicher Ausstrahlung über Neues und Kultiges aus allen Bereichen der sog. “Nischenmusik” berichtet, also alles, was nichts mit irgendwelchem Mainstream zu tun hat (www.ueberklang.net). Die Internetseite dazu, das Archiv der vergangenen Podcasts und alle anderen technischen Aspekte werden von meinem Bruder Gert betreut. Und wenn noch Zeit bleibt, dann mache ich natürlich Musik als  “Dr. Nachtstrom”.

 

Gert:
In meiner Freizeit bin ich als Systemadministrator & Programmierer tätig. In meiner knapp bemessenen Arbeitszeit widme ich mich meinen sensorischen Forschungsprojekten farmersmanual (http://web.fm) und bildbach (http://bildbach.net).

 

Wie sieht die Entstehungsgeschichte von “Bruit” aus? Entspringt die Idee, das Label zu gründen längeren Überlegungen oder einfach einer spontanen Eingebung?

 

Walter:
Als ich mit meinem Bruder zusammen 2006 bei dem Grazer Elektronikevent “Interpenetration Festival” spielte, waren wir von der Qualität und Frische der dort auftretenden Künstler aus aller Welt ziemlich begeistert, auch von der wie selbstverständlichen Vernetzung dieser Musiker untereinander. Und da kam uns relativ spontan die Idee, selbst ein Weblabel zu starten; einerseits natürlich um qualitativ hochwertige Releases im Bereich elektronisch- experimenteller Musik präsentieren zu können, andererseits auch, um selbst so ein Netzwerk zu starten, innerhalb dessen die kreative Zusammenarbeit der Künstler untereinander wachsen kann.

Gert:
Ein Impuls war sicherlich die große Resonanz, die die Internetpräsenz unseres (ebenfalls gemeinsam produzierten) Vorgänger-Podcasts “Hörbar Abstrakt” erhielt. Nachdem wir uns thematisch selbstständig gemacht hatten, indem wir “Überklang” gründeten, war es eine logische Folge, etwas Ähnliches in Form eines Weblabels zu versuchen. Das mit der Spontaneität stimmt nicht ganz, das weltumspannende Musik-Imperium war schon immer ein insgeheimer Wunsch meines Bruders 😉

Gibt es, abgesehen von der Kostenfrage, sonstige Gründe, warum ihr die
Releases ausschließlich auf elektronischem Weg vertreiben wollt?

 

Walter:
Wenn man den Überlebens- bzw. Todeskampf einstmals arrivierter Labels auf dem Elektroniksektor (beste Beispiele dafür in Österreich: Mego, Cheap, Angelika Köhlermann) miterlebt hat, erkennt man natürlich die Unmöglichkeit, heute ein Kleinlabel auf eigene Kosten zu betreiben; weiters stellen ja auch viele internationale Labels inzwischen auf rein elektronischen Download um. Das ist einfach ein Zeichen der Zeit, welches man beachten muss. Da aktuelle elektronische Musik heutzutage eh schon hauptsächlich via Internet präsentiert wird bzw. erhältlich ist, fanden wir es am passendsten, ein so genanntes “Weblabel” zu eröffnen.

 

Gert:
Das www stellt für uns nach wie vor die demokratischste Möglichkeit dar, mit einem breiteren Publikum in Resonanz treten zu können. Des Weiteren wird es in der Zukunft von bruit ja auch “physikalische” Interaktionen mit dem CDR-Label “chmafunocords” (http://nocords.net) geben.

 

Könnt ihr ein wenig etwas über das Konzept von Bruit erzählen? Welchen Vorteil hat es für die jeweiligen Künstler, bzw. soll es für sie haben, ihre Stücke gratis über Bruit zu veröffentlichen, wenn sie das genauso auch über ihre eigene Homepage machen könnten?

Walter:
Also, von inflationären Download-Seiten wie mp3.com, wo man sich durch abertausende (völlig obsolete) Releases durchklicken kann, wollen wir uns ganz klar und deutlich abgrenzen. Deswegen wird unser Angebot auch immer überschaubar bleiben.
Wir sehen “Bruit” als Präsentationsplattform unserer persönlichen Vision aktueller elektronischer Musik, die etwas innovatives, spannendes zu bieten hat, also ganz klar abseits tausendmal gegangener Pfade existiert. “Bruit” ist ja übrigens nur ein Teil eines umfassenden “Listening Portals”, welches ja schon einen ausgezeichnet besuchten Podcast und ein Blog beinhaltet- andere Komponenten dieses Portals sollen noch folgen.
Hier also unser Argument: durch den Podcast und den erarbeiteten Ruf unserer Seite ist es für Künstler in der “Bündelung” durch “Bruit” sicher leichter, wahrgenommen zu werden.

 

Gert:
“bruit” bedeutet nicht nur Lärm, Geräusch, sondern ist auch ein Wortspiel mit den Brüdern, es ist also ganz klar ein eklektisches
Brüder-Konzept. Unsere Künstler veröffentlichen auch auf anderen Plattformen, wir wollen uns durch die Auswahl auszeichnen. Bei unserem Listening Portal geht es im weiteren Sinne um außergewöhnliche Hör-Erfahrungen, und das Weblabel soll eine Plattform für nächstverwandte Releases bieten.
Es ist uns wichtig, ein besonderes Konzept für die Distribution der Musik zu präsentieren. Musik, oder die Idee der Musik beschreibt für uns eher eine Informative Einheit, so etwas wie eine lebendige Entität, die man eben nicht “besitzen” kann. Daher soll die angebotene Musik “Frei”sein.

 

Das Label wird mit Veröffentlichungen von 6 Künstlern an den Start gehen. Könnt ihr dazu schon nähre Infos geben, wer da beteiligt ist? Und welchen Umfang werden die Releases haben; also verglichen mit herkömmlichen physischen Tonträgern, werden das ganze Alben, EPs.?

 

Walter:
Die erste, von uns sorgsam ausgewählte, sozusagen “handverlesene” Welle an Releases (6 Stück insgesamt) featured zum Beispiel den Grazer E-Musiker Robert Lepenik, der für seinen Release auf Bruit “Eine mögliche Unausweichlichkeit” mit einem extrem innovativen musikalischen Konzept gearbeitet hat; weiters haben wir einen Release des jungen schwedischen Noise-Musikers Jon Eriksen, der eine Art “High-Speed-Noise” spielt, wie ich ihn so eigentlich zuvor noch nie gehört habe.
Ein weiterer junger, sehr innovativer Künstler ist der Amerikaner Benjamin Rossignol, der unter dem Namen “Ophibre” recht außergewöhnliche Musik komponiert. Außerdem auf Bruit sind Gerald Schauder, der als “Kabelton” auf einem äußerst unbequemen Stuhl genau an der Schnittstelle zwischen Dance-Music und avancierter Electronica sitzt und der Grazer Maru, legendär als Veranstalter und Betreiber des Lables “chmafu nocords”, der sich für Bruit in die Untiefen des ultraslowen Funeral-Dooms begeben
hat. Auch eine der seltenen Zusammenarbeiten von meinem Bruder und mir (“Nachtstrom + v93r”) wird es auf Bruit zu hören geben.

 

Worum es uns geht: auf Bruit gibt es wenige Releases, die jeder für sich eine innovative Facette der elektronischen Musik präsentieren; die Originalität der Konzepte und natürlich die Exklusivität (jeder Release wurde für Bruit komponiert und ist nirgendwo sonst erhältlich) ist extrem wichtig.
Es gibt übrigens auch keine Möglichkeit, uns Demos zu schicken- wir gehen auf die Musiker zu, die uns gefallen und interessieren, und fragen sie, ob sie Interesse an einem Release bei Bruit haben.

 

Gert:
Zusätzlich zu der 192 Kbps im Freien OGG-Codex encodierte Stream-Version der Releases planen wir für die nähere Zukunft ein downloadbares Archiv, das eine 256 Kbps Version der Tracks, eine Playlist, die Titelgrafiken sowie gegebenenfalls digitalen Mehrwert wie Videos, Patches o.ä. enthält – wir möchten das traditionelle Release-Format transzendieren.

 

Stilistisch ist das Label auf elektronisch/experimentelle Musik ausgerichtet. Ist später auch mal eine Erweiterung des Angebots auf andere Genres angedacht?

Walter:
Also, stilistisch sollte es (auch in Zukunft) im Bereich  “elektronisch erzeugter” Musik bleiben; dass wir eine Band auf Bruit  herausbringen, kann ich mir nur sehr schwer vorstellen, das ist halt auch nicht so meine Welt. Aber innerhalb dieser “elektronischen Musikerzeugung” ist natürlich stilistisch noch ganz vieles möglich….

 

Gert:
Eine Band, warum nicht, sofern sie etwas Interessantes macht. vielleicht gründen wir ja selber noch mal eine Band? 😉

 

Warum die Entscheidung, sämtlichen Content kostenlos anzubieten?

 

Walter:
“Bruit” ist eine Präsentationsplattform unserer musikalischen Visionen und hat nichts mit Geld zu tun- erstens wollen wir daran nicht
verdienen, zweitens wäre das in diesem Genre auch nur sehr schwer möglich; diese Komponente des Musikbiz wollten wir uns einfach ersparen 😉

 

Gert:
Ein Webshop, die Anmeldung, SSL-Verschlüsselung, die Bezahloptionen, all das bedeutet Hürden über Hürden; welche die “Nischenmusik”, die wir vertreten wollen, stets weiter von dem potentiellen Hörer entfernt. Da sich solche Musik per Definition nicht leicht in etablierte Bezahl-System integrieren lässt, lag die Idee nahe, Revenue über sekundäre Wege zu erzeugen, indem man z.B. den Künstlern Auftritte verschafft und Merchandise betreibt.

 

Leider ist ja die Auffassung “was nix kostet, is’ nix wert” auch hierzulande weit verbreitet; keine Befürchtungen, dass eventuell die Künstler/deren Werke dadurch nicht so wahrgenommen werden, wie sie es eigentlich sollten?

 

Walter:
Diese Befürchtung habe ich eigentlich gar nicht- das beste Gegenbeispiel ist ja der von uns betriebene Podcast: die über 20.000 Besuche auf unserer Homepage seit dem Start im März dieses Jahres und die wohlwollende Berichterstattung im Netz/ in Zeitungen (“Falter”, “Freistil”) dazu beweisen eigentlich, dass “Gratis- Angebote”, sofern sie niveauvoll aufbereitet sind (ein ganz wichtiger Aspekt!!) sehr gut angenommen werden.

 

Gert:
Wie zuvor erwähnt ist die Musik die wir präsentieren “Frei”, was allerdings  nicht bedeutet, dass sie gratis ist. Mit dem Download erwirbt man eine Lizenz, die nicht nur bestimmte Rechte gewährt, sondern auch einige Auflagen stellt. Weiters empfehlen wir die Benutzung unserer Donations-Möglichkeit oder die Ausführung einer anderen Tat, die die Gesamtbilanz des Universums zum Positiven verschiebt :))

 

Es wurde schon die geplante Lizenz angesprochen, die zum Download, zur Nutzung und zur Verbreitung der Songs berechtigen soll. Könnt ihr darüber schon etwas erzählen?

 

Gert:
Wir entwickeln 2 Lizenzen: Einerseits die bruit-Lizenz, welche die Urheberschaft würdigt und den Konsumenten ermutigt, die Musik unter der Auflage der Beibehaltung der Lizenz weiterzuverbreiten.
Andererseits die bruit-Extended-Lizenz, die es erlaubt, die Musik kreativ als Quellmaterial oder Ausgangspunkt für weitere Werke zu verwenden. Das ganze ist auch ein wenig als persönliches Statement gegen den Wahnsinn der Kommerzialisierung gedacht, inkl. DRM, Generalverdacht und Klagewellen.

 

Danke fürs Interview.

 

Gerne! Danke auch dir!

 

Das Interview führte Michael Masen