mica-Interview mit Peter Lang und Johannes Pokorny (Mozart Knabenchor Wien)

Der Mozart Knabenchor Wien feiert das 15jährigen Jubiläum seiner Neugründung mit einem Konzert – auf dem Programm steht aber wider Erwarten nicht Mozart, sondern ausschließlich Werke lebender, österreichischer Komponisten. Wie diese außergewöhnliche Kombination zustande kommt, erläuterten Peter Lang, künstlerischer Leiter des MKW, und Johannes Pokorny, zuständig für Konzert- und Projektmanagement und von 1998 bis 2009 aktives Mitglied des Chores, im Gespräch mit Doris Weberberger.

Auf der Homepage präsentiert sich der Mozart Knabenchor Wien mit Klischees der Musikstadt Wien – Buben in Uniform und Mozart-Perücke. Den dementsprechenden Erwartungen entgegen präsentieren Sie nun ein Programm mit Werken zeitgenössischer, österreichischer Komponisten – wofür steht der MKW?

P. L.: Die Perücken-Uniform ist ein Relikt von den Mozart Sängerknaben. Die Mozart Sängerknaben wurden 1956 von Erich Schwarzbauer für Buben gegründet, die nicht ins Internat wollen, die normal in die Schule gehen. Die Idee von Herrn Schwarzbauer war, eine Art kleine Mozarts zu präsentieren, wobei ursprünglich alle Burschen, ob groß oder klein, in der Rokoko-Uniform aufgetreten sind. Als ich den Chor 1995 übernommen habe, habe ich das soweit geändert, dass nur die Oberstimmen, Sopran und Alt, mit Mozart-Uniformen auftreten und die Großen dann in unserer roten Uniform singen. Irgendwann einmal muss man sich orientieren, will man in dieses Klischeebild „Mozart-Klassik“ oder sucht man sich nicht doch eine Nische – und da habe ich als künstlerischer Leiter gefunden, dass man einen Kontrapunkt setzen soll und muss und wir haben uns daher eine Nische in der Aufführung der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts geschaffen. Das ist seit vier bis fünf Jahren ein ganz wichtiger Schwerpunkt und bei dem Jubiläumskonzert wollen wir diesen Schwerpunkt auch präsentieren. Also machen wir nun ein Konzert mit Musik ausschließlich von lebenden, österreichischen Komponisten, die bis zu einem gewissen Grad auch immer wieder eine Rolle bei den Aufführungen des Chores spielen.

Welche Rolle?

P. L.: Ich gehe es jetzt von hinten an: Das „Te Deum“ von Uwe Theimer wurde an dem Tag, an dem sich die Mozart Sängerknaben überraschend aufgelöst haben und der neue Chor, Amadeus Knabenchor oder jetzt wieder Mozart Knabenchor neu gegründet wurde, aufgeführt. So hat es für uns nicht nur einen künstlerischen, sondern auch einen symbolischen Wert. Vielleicht symbolisch auch insofern, als ein neues Werk am Beginn des Mozart Knabenchores Wien steht. Ich finde das Werk einfach toll! Es ist ein unwahrscheinlich fetziges Stück, einerseits Zwölftonmusik, aber in einer sehr guten Zusammenstellung, sehr rhythmisch. Dann auch immer wieder gregorianische Teile – das hat vielleicht auch ein bisschen Symbolwert für mich – die Gregorianik gegenüber dem Modernen, Alt gegen Neu. Das ist für sechsstimmigen Chor, wo mein Erwachsenenchor, der Chorus Curiositas, die Frauenstimmen übernimmt und die Großen bei uns die Herrenstimmen. Die Erwachsenen von meinem Chor übernehmen die Choralskola, die einfließt. Darüber gibt es noch eine Knabenkantorei, wie z.B. bei der Matthäus-Passion, wo die Knaben über ein rhythmisches Ostinato singen; dann kommt auch noch die Orgel dazu. Das ist ein klanglich und rhythmisch tolles Stück. Gerhard Track hat an diesem Tag das Te Deum von Theimer dirigiert, ist ein guter Freund unseres Chores, weshalb wir sehr viele Werke von ihm in unserem Repertoire haben. Herwig Reiter war Lehrer von mir; wir führen sehr viele Werke von ihm auf. Ulf-Dieter Soyka habe ich über das Konservatorium kennen gelernt, er hat mir dann Kompositionen zukommen lassen, weshalb wir auch Soyka aufführen. Der Sohn von Thomas Daniel Schlee ist Mitglied unseres Chores, also war es naheliegend, dass wir auch einen Schlee aufführen. Rainer Bischof kenne ich schon sehr, sehr lange und ich habe ihn vor drei Jahren gefragt, ob er nicht einmal ein Stück für uns schreiben möchte – „Des Lichtstrahls dreifache Töne“ bringen wir jetzt endlich zur Uraufführung. „Mr. Spock“ von Richard Filz ist als Sprechstück der Kontrapunkt in dem ganzen Ablauf. Ich habe es voriges Jahr einmal gehört und es hat mir sehr gut gefallen. Deswegen wollte ich es probieren, wenngleich es auch für die Knaben rhythmisch sehr schwierig ist.

Sie haben vorhin die Neugründung 1995 angesprochen. Inwiefern war sie überraschend?

P. L.: Die Neugründung war überraschend, sagen wir so. Ich war der letzte künstlerische Leiter der Mozart Sängerknaben und fand hier einen Chor vor, der sehr alt war. In unserem Chor hören die Buben nicht nach der Mutation auf, sondern sie können weitersingen. Daher treten wir vierstimmig auf, Sopran – Alt – Tenor – Bass. Der Chor war damals sehr geprägt durch Tenöre und Bässe, die kaum jünger waren als ich, sehr wenige Buben. Ich hatte den Auftrag, den Chor wieder aufzubauen, was uns glaube ich auch ganz gut gelungen ist. Schwarzbauer ist am 1.6.1995 gestorben und kurzerhand später hat man – aus welchen Gründen auch immer – entschieden, dass man den Chor nicht mehr in dieser Form weiterführen bzw. den Chor auflösen möchte. Nachdem man nun schon ein Jahr einen neuen Chor aufgebaut hat – die Buben waren da, der Chor war da –, haben wir nach dem letzten Konzert in der Hofburg mit den Eltern gemeinsam am Heldenplatz stehend beschlossen, dass wir weitermachen. Es war eine sehr spannende Sache.

Wer wollte den Chor nicht mehr weiterführen?

P. L.: Der sogenannte Vorstand wollte den Chor nicht mehr weiterführen. Ich kann Ihnen nicht sagen, aus welchem Grund. Man wollte jedenfalls den Betrieb des Chores einstellen. Das muss Mitte Juni 1995 gewesen sein, als wir ca. drei Wochen vor einer Japan-Tournee gestanden wären. Der Grund, warum es den Chor heute noch gibt, ist wahrscheinlich der, dass das japanischen Management, das eine fertige Tournee auf die Beine gestellt hat, uns gebeten hat, für uns selber [die Mozart Sängerknaben] mit unserem Chor [Amadeus Knabenchor] einzuspringen und daher haben wir damals den Namen Mozart Sängerknaben umgewandelt – aus „Mozart“ ist „Amadeus“ geworden, aus „Sängerknaben“ ist „Knabenchor“ geworden und „Wien“ ist dazugekommen. So ist aus den Mozart Sängerknaben der neue Chor Amadeus Knabenchor Wien entstanden. 2006 hat sich unser Obmann Gerhard F. Greiner bemüht, den alten Namen wieder anzunehmen. Das wurde uns von der Behörde nicht untersagt, deshalb heißen wir seit 2006 Mozart Knabenchor Wien, was natürlich wesentlich mehr Publicity bringt. Mozart ist einfach bekannter, Amadeus assoziiert man vor allem im deutschsprachigen Raum mit Mozart.

Die Perücken werden also aus Marketing-Gründen weitergeführt?

P. L.: Richtig, es ist unser Markenzeichen – vor allem im Tourismus-Bereich, im Ausland will man das haben. Das werden wir pflegen, aber trotzdem – und das finde ich immer sehr schön – diesen Kontrapunkt zwischen alt und neu wirklich bewusst herausarbeiten.

Nach welchen Kriterien stellen Sie die Werke aus den unterschiedlichen Epochen zusammen?

P. L.: Unser Repertoire baut auf den Wünschen unseres Publikums, unserer Agenten auf. Bei unserem Standardprogramm besteht der erste Block aus Werken von Mozart, von Jahresregenten, wie heuer Schumann und Wolf, und moderner Musik. Der zweite Teil, das muss sein, ist der österreichischen Musik gewidmet, das sind dann Volkslieder, Johann Strauss, Knabenchorliteratur im weiteren Sinne – was man sich eigentlich erwartet und voraussetzt, wenn man uns engagiert. Nur mit neuer Musik könnten wir nicht reussieren. Wobei auch andersherum die neue Musik das ist, womit wir unsere Sympathiepunkte gewinnen. Zwei Beispiele: Das eine war in Oberwart vor einem Jahr, wo mich der Veranstalter mehrmals angerufen und mich gefragt hat: „Wollen Sie das wirklich singen?“ Vor dem Konzert hat er noch gesagt: „Machen Sie eine Programmumstellung. Die Philharmoniker haben etwas Modernes aufgeführt und die Leute sind mir davongelaufen.“ Daraufhin habe ich gesagt: „Warten Sie ab, reden wir nach dem Konzert weiter.“ Der Applaus ist nach den modernen Stücken sukzessive mehr geworden, so dass am Anfang der Pause das Publikum getobt hat. Anschließend hat der Veranstalter zu mir gesagt: „Das ist ein Wunder, das ist mir überhaupt noch nie passiert.“ Man soll moderne Musik nicht von Anfang an abwerten. In Bad Hofgastein haben wir auch ein Konzert gegeben, da war es noch drastischer, weil ich den ersten Teil des Konzertes ausschließlich mit modernen Werken besetzt habe; im zweiten Teil waren dann Strauss-Walzer. Während des Konzertes habe ich mich gefragt, ob das für das Publikum in einem Kurort wie Bad Hofgastein nicht doch zu schwer ist, aber in der Pause waren die Reaktionen durchwegs positiv. Eigentlich haben wir uns den Respekt damit ersungen.

Bei meiner Auseinandersetzung mit Musikvermittlung habe ich den Eindruck gewonnen, dass Kinder sehr empfänglich für neue Musik sind; erst in späteren Jahren, wenn sich die Hörgewohnheiten gefestigt haben, wird ein Zugang zur Neuen Musik zunehmend schwieriger – wie ist ihr Eindruck diesbezüglich?

P. L.: Es ist so, dass die Älteren, weil sie schon mehr Vorerfahrung haben, sehr abstrakt singen können und daher die Intervalle leicht treffen. Aber die Jüngeren, die 8- bis 10-Jährigen, die an sich grundsätzlich mit der Chormusik noch ihre Schwierigkeiten haben, weil es einfach schwer ist, in diesem Alter vierstimmig zu singen. Die sind dann erst recht überfordert, wenn es ins Abstrakte geht.

In diesem Fall treffen Sie die Wahl der Werke vermutlich nicht nur aus ästhetischen Gründen, sondern auch in Bezug auf die Möglichkeiten der Realisierung, weil die Einstudierung von atonalen Werken für die jungen Sänger doch schwieriger ist, oder?

P. L.: Bei „Des Lichtstrahls dreifache Töne“ von Rainer Bischof sieht man die Problematik eines Knabenchores mit einem Chor, so wie wir es sind: Wir sind natürlich immer abhängig von den Buben, die da sind. Vor drei Jahren, als ich das Werk in Auftrag gegeben habe, war der Chor ein eher alter Chor, also 13-, 14jährige Buben im Durchschnitt, die diese Art von Musik viel rascher umsetzen konnten, weil sie es intellektuell besser geschafft haben. Ich habe momentan einen sehr jungen Chor. Der Sopran hat derzeit ein Durchschnittsalter von 11 Jahren, also sehr jung, wo wir dann die Grenzen gesehen haben, wie weit man gehen kann. Wir machen das Stück jetzt so, dass wir die Jungen zu diesem Stück nicht heranziehen, sondern dass wir dieses Werk nur mit einem kleineren Chor aufführen und dafür nur die Älteren heranziehen, weil die jüngeren Buben mit der Klanglichkeit, mit der Klangstruktur des ganzen Werkes überfordert wären.

Wie ich gesehen habe, verschreiben sich die zeitgenössischen Komponisten, deren Werke Sie singen, in gewissem Sinne der Tradition. Ist das ein Kriterium für die Auswahl der Werke?

P. L.: Ich selber lehne die ganz abstrakte Musik eher ab, ich kann persönlich wenig damit anfangen und ein bisschen Klanglichkeit gehört dazu. Ich glaube, auch für die Burschen ist es wichtig, dass es sangbar ist. Da gebe ich Ihnen absolut recht, ich schaue natürlich, dass nicht die extreme Moderne vorkommt, aber modern im Sinne von „neu“, von „klanglich“ schon.

Wie verläuft die Arbeit an zeitgenössischen Werken? Anders als bei klassischen oder barocken Kompositionen?

P. L.: Ein kleiner Unterschied bei der Einstudierung liegt in den Reaktionen der Buben. Wenn ich moderne Stücke auflege, ist zuerst eher Ablehnung zu spüren: „Das klingt so fürchterlich.“ Je öfter und je länger wir diese Stücke singen, desto mehr findet man Zugang zu der Musik und wenn dann auch das entsprechende Publikumsecho dazukommt, ist es den Burschen egal, ob das ein modernes Stück, Mozart oder Strauss ist. Ein Unterschied liegt glaube ich auch darin, dass man sich bei einem modernen Stück am Anfang weniger vorstellen kann. Ich sage brutal: Ein Mozart klingt halt, Mozart kann man schwer umbringen. Ein modernes Stück muss man sich erst erarbeiten.

Ich denke, das liegt nicht an der Musik, sondern an den Hörgewohnheiten. Wie sehen Sie das?

P. L.: Richtig. Wir haben eine Zeitlang „Das Sprachbastelbuch“ von Herwig Reiter aufgeführt, wo es am Anfang eher mehr Widerstand gegeben hat. Nach dem zweiten, dritten Mal singen ist es immer lockerer und schöner geworden. Wie wir es dann weggelegt haben, haben die Kinder gefragt: „Warum singen wir das nicht mehr?“

In welchem Alter fangen die Burschen bei Ihnen zu singen an?

P.L.: Wir lassen die Kinder sehr zeitig anfangen und mitsingen, eigentlich schon in der 2. Volksschule, damit sie im Alter von sieben bis zehn Jahren eine Basis ihres Singens bekommen – ich sage immer: mit der Muttermilch aufgesogen. Ich gebe ihnen keine Verantwortung, sondern sie sollen mitsingen, damit sie dann mit zehn, elf Jahren wirklich zur Stütze des Chores werden. So haben sie zu dem Zeitpunkt, zu dem sich die Stimme entwickelt und größer wird, bis zum Stimmbruch ihren Mann schon eine Basis. Wenn man diese Entwicklung erst mit der ersten Klasse Mittelschule macht, dauert die Eingewöhnungsphase eineinhalb Jahre. So dauert sie bei uns drei Jahre und sie können dann früher ihren Mann stellen.

Was ich da heraushöre, ist, dass es ein sehr umkomplizierter Umgang mit dem Gesang ist, dass da kein besonderer Druck vorherrscht, sondern dass die Kinder das Singen einfach kennen lernen können. Von anderen Chören hört man immer wieder, dass es da sehr streng zugeht. Wie haben Sie das erlebt, Herr Pokorny?

Johannes Pokorny: Es ist wirklich komplett unkompliziert. Wir haben zwei Mal in der Woche zwei Stunden geprobt und Stimmbildung gehabt. In den Proben war kein Druck, sondern das ging alles sehr locker und ist nach wie vor so. Die Stücke werden über den Spaß beigebracht. Auch auf den Tourneen oder bei den Konzerten ist es alles immer so geplant, dass der Druck nie so vorhanden ist.

P. L.: Ich sage jetzt etwas sehr Gefährliches: Im Prinzip soll unser Chor eine Freizeitbeschäftigung bleiben – mit allem Ernst, mit aller Qualität, die wir von den Kindern fordern, aber es ist eine Freizeitbeschäftigung. Die Kinder sollen wirklich freiwillig herkommen. Stimmt das Umfeld nicht, kommen sie nicht. Das ist daher auch für mich die Motivation, einen Mittelweg zu finden – ich bezeichne mich durchaus als paris inter pares. Ich versuche, auf gleicher Ebene mit den Burschen zu agieren, aber so, dass sie sehr wohl wissen, da vorne steht einer, der den Ton angibt. Aber bei zu viel Druck, bei zu viel Spannung würde der Chor auseinanderfallen.

Es gibt aber auch Nachteile. Dadurch, dass der schulische Druck bzw. die schulische Tätigkeit immer mehr wird, immer länger dauert, auch durch die Ganztagsschule, wird es immer schwieriger, Nachwuchs zu finden, weil manche bis fünf Uhr in der Schule sitzen und dann sollen sie auch noch zum Proben kommen – das tun sie nicht. Wir können nicht so viel aufführen, wie wir wollen, weil wir auf die schulische Tätigkeit der Buben Rücksicht nehmen müssen und sind daher nie vor absagen gefeit und dadurch kaum flexibel. Wenn uns ein Agent anruft und sagt, wir sollen morgen ein Konzert singen, können wir das nicht machen. Ich glaube aber sehr wohl, dass man merkt, dass die Burschen freiwillig herkommen und dass man die Freude, die sie beim Singen empfinden, dann auch spürt. Zu uns kommen viele, die bei den Sängerknaben waren, für die aber das Leben im Internat nicht in Frage kommt. Dann ist bei uns der Aha-Effekt immer sehr groß, dass es auch so gehen kann – ohne von oben herab und ohne allzu großen Druck.

Sie haben eben den Nachwuchs angesprochen. Von anderen Chören hört man immer wieder, dass sie Schwierigkeiten haben, genügend Nachwuchs zu finden. Wie sieht die Situation bei Ihnen aus?

J. P.: Im Prinzip ist es so, dass wir um jeden Einzelnen kämpfen und wir froh sind, wenn jemand kommt. Es ist in keinem Fall so, dass wir irgendjemanden ablehnen, wir sind immer auf der Suche. Das Thema ist immer sehr schwierig.

P. L.: Allgemein gesagt müsste man meiner Meinung nach den Stellenwert des Singens mehr forcieren. Es wird in Wien sehr viel getan – keine Frage. Es gibt viel mehr Chöre als früher. Die Kinderchöre bestehen zu 90 Prozent aus Mädchen und aus ein paar Burschen. Knabenchor, sage ich immer, hat einen gewissen sozialen Aspekt. Fast alle Knaben singen bei uns, weil sie sich hier untereinander singen trauen. Da gibt es das nicht, dass man sich vor einem Mädchen geniert, da sind sie unter sich, da können sie ihr Hobby des Singens ausleben und keiner sagt: „Ha ha, du singst.“ Es ist wahrscheinlich so, dass zwei Drittel der Burschen in der Schule nicht sagen, dass sie im Chor singen. Daher ist es sehr schwierig, Buben zu finden. Manchmal kommen mehr, manchmal weniger.
Ich glaube, dass der Knabenchor durchaus seinen Stellenwert hat, seinen Stellenwert auch haben muss. Werbung ist sehr schwer, auch unter Musiker-Kollegen: „Knabenchor ist uninteressant, altmodisch und asozial.“ Aber das muss nicht sein, es kommt immer darauf an, wie man es aufzieht und das kann durchaus etwas Spannendes, Lustiges sein und ich persönlich finde es auch nicht schlecht, wenn einmal nur Burschen oder nur Mädchen zusammen sind. Die Buben wollen hier unter sich bleiben und singen, was sie sich in der normalen Welt vielleicht nicht trauen, ungeniert auszuleben.

Der Chor probt zwei Mal pro Woche, Sie fahren mit dem Chor auf Tourneen ins Ausland, die Jungen verbringen also viel Zeit miteinander und mit den Proben. Welche Rolle spielt der Chor Ihrer Meinung nach auf sozialer Ebene für die Burschen?

P. L.: Der soziale Aspekt ist sehr wichtig und wird à la longue gesehen wahrscheinlich noch eine größere Rolle spielen. Wir haben auch Überlegungen angestellt, den Chor in diese Richtung mehr auszubauen. Wir haben immer wieder auch Kinder mit Migrationshintergrund, die zu uns kommen und hier eine gewisse Festigkeit, eine soziale Struktur vorfinden. Denen helfen wir, bis sie den Chor verlassen und sie ihren Weg gefunden haben.

Man knüpft vermutlich auch viele Freundschaften – wie war das bei Ihnen, Herr Pokorny?

J. P.: Unser Obmann, Herr Greiner, der selbst Sängerknabe war, hat uns erzählt, dass die Freundschaften, die man im Chor schließt, lange halten und es ist wirklich so. Man trifft sich immer wieder, einfach auf Grund der Erlebnisse, die keine normalen Alltagserlebnisse sind. Da geht man nicht nur zusammen Fußball spielen oder macht eine andere Sportart. Wenn man die Welt bereist und vor vielen Menschen auftreten kann, sind das besondere Erlebnisse, die einen prägen. Das schweißt natürlich auch zusammen. Auch wenn die Wege nachher ganz woanders hingehen, aber das ändert nichts an der Freundschaft.