„Die größte Herausforderung ist immer, der Sache gerecht zu werden“ – IMRE LICHTENBERGER-BOZOKI im mica-Interview

Der studierte Jazztrompeter Imre Lichtenberger-Bozoki ist 2000 dem Zauber des Theaters verfallen. Am SCHAUSPIELHAUS GRAZ gelangt am 14. April 2018 sein Stück „Polizei Graz. Eine ALL-Inclusive Erfahrung“ mit einem Libretto von PIA HIERZEGGER zur Aufführung. Mit Julia Philomena sprach der Künstler über taffes Zeitmanagement, die Harmonie als Prämisse, die Polizei als Teil unseres Lebens und das Privileg, bei den Proben mit der Autorin zusammenzuarbeiten.

Zu welchem Zeitpunkt stand fest, dass Sie als Musiker für die Produktion arbeiten werden? Welche Art der Vorbereitung fand dann statt?

Imre Lichtenberger-Bozoki: Circa ein Jahr vor Probenbeginn hat mich die Regisseurin Monika Klengel eingeladen, beim Projekt mitzumachen – erstaunlich früh. Und sehr cool, weil man dadurch genug Zeit hat, sich Gedanken zu machen, Melodien und Konzepte zu formen. Die „Titelmelodie“ für „Polizei Graz“ kam mir in den Sinn, als ich Ende Juni 2017 für die Produktion „Traiskirchen. Das Musical“ Endproben gehabt habe. In einer Pause ging ich nach draußen und habe die Melodie in das Handy gesungen. Ein halbes Jahr später habe ich die Nummer immer noch gut gefunden und angefangen, sie auszuarbeiten.

„Die Polizei ist ein Teil unseres Lebens.“

In ihrem Stück „Polizei Graz. Eine ALL-Inclusive Erfahrung“ erzählt Pia Hierzegger von drei bei der Polizei Graz arbeitenden Paaren, die einen vermeintlich erholsamen Urlaub machen. Wie nahe ist dem Ensemble der Stoff gestanden beziehungsweise welchen Zugang fanden sie? Spielt Humor eine große Rolle? Ernsthaftigkeit? Tragik?

Imre Lichtenberger-Bozoki: Die Polizei ist ein Teil unseres Lebens. Für Schauspielerinnen und Schauspieler sowie für Musikerinnen und Musiker genauso wie für alle anderen. Für das Stück hat sich das Leading-Team um Pia und Moni natürlich besonders intensiv mit dem Stoff beschäftigt. Interviews, Filme, Dokus. Ich habe mir viele Polizeifilm-Soundtracks und traditionelle thailändische Musik angehört – danke YouTube! Kurz nach Probenbeginn kamen dann die Schauspielerinnen und Schauspieler dazu und dann haben wir noch lange über das Thema im Allgemeinen und über unsere eigenen Erfahrungen gesprochen. Aus diesen Gesprächen resultierten neue Impulse, die Pia in das Stück eingebaut hat. Es ist übrigens ein sehr großer Luxus, bei den Proben mit der Autorin zusammenzuarbeiten und somit die Möglichkeit zu haben, das Stück immer noch beeinflussen zu können.

Aus welcher Perspektive könnte oder sollte man das Stück Ihrer Meinung nach betrachten? Was macht es für Sie interessant?

Imre Lichtenberger-Bozoki: Ich finde, das Publikum sollte selbst wählen, aus welcher Perspektive es das Stück betrachtet. Wir versuchen, unsere subjektive Perspektive im Hinblick auf diese Figuren im Besonderen und über die Polizei im Allgemeinen zu zeigen. Vielleicht schaffen wir es, die starken Bilder, die fast jeder Mensch in Bezug auf die Polizei hat, zu unterwandern und ein anderes Bild zu zeichnen.

„[…] Mutanten zwischen analog und digital.“

Welche Instrumente und musikalischen Stilrichtungen wurden ausgewählt und warum?

Imre Lichtenberger-Bozoki: Die Gitarre wurde von Norbert Wally von The Base gespielt, die Trompeten und Posaunen habe ich selbst eingespielt. Ansonsten verwende ich analoge Drum-Loops und Bässe, die samplebasiert sind, also Mutanten zwischen analog und digital.

Diverse Synths und Orgeln sind natürlich digital. Die Emulationen der alten analogen Kisten sind schon so gut, dass es echt eine Freude ist, mit Arturia und Co. zu arbeiten. Es gibt auch „Hand-Drums“, die ich selbst am Midi-Keyboard einspiele, das ist bei eher speziellen Tracks der Fall, die nicht so krass grooven müssen.

Meine „Thai“-Instrumente, also Flöten und diverse World-Music-Instrumente, sind auch digital.

Gibt es eine Art musikalisches Leitmotiv?

Imre Lichtenberger-Bozoki: Ja, die Polizei hat ein „Polizeimotiv“, so eine Art „Straßen von Graz“ und nicht von San Francisco. Der thailändische Hoteldirektor hat sein Motiv und das Urlaubsressort und der Strand haben jeweils ihre eigenen Signations, etwa idyllische Meeresklänge – wobei im Hintergrund leise die wummernden Bässe der Diskothek zu hören sind, in der Helene Fischer gespielt wird [lacht].

„Ich durfte ganz meiner Intuition folgen.“

Wie frei konnten Sie sich als Musiker in der vorgegebenen Struktur der Produktion bewegen?

Imre Lichtenberger-Bozoki: Die Struktur ist sehr musikfreundlich und ich habe keine sound-alikes von Moni bekommen, nach denen ich mich richten musste. Ich durfte ganz meiner Intuition folgen. Pia hat dann auch einen sehr coolen Songtext geschrieben, der von drei Schauspielerinnen und von Lorenz Kabas auf der klassischen Gitarre live performt wird. Es ist ein Segen, einen Profimusiker auf der Bühne zu haben!

Was war die größte Herausforderung?

Imre Lichtenberger-Bozoki: Ich stoße immer an meine Grenzen. Und das wird wohl so bleiben, solange ich nicht für ein einzelnes Projekt mehrere Monate Zeit und ein ganzes Orchester oder eine Big Band zu Verfügung habe. Also, liebe Filmregisseurinnen und -regisseure, bitte, bitte, bitte …

Die größte Herausforderung ist immer, der Sache gerecht zu werden. Eine Symbiose zu erreichen, um durch mein Zutun alle und alles besser werden zu lassen. Nicht nur als Komponist, sondern auch als Kollege, Mitstreiter und jemand, der mitdenkt und mitfühlt. Theater ist sehr persönlich und die Stimmung muss passen, um gute Arbeit zu leisten. Da ist es manchmal wichtiger, im richtigen Moment die richtige Anzahl Biere zu trinken und miteinander zu reden, als die richtigen Akkorde in der richtigen Lautstärke zu platzieren.

Haben Sie als Musiker das Gefühl, die Inszenierung auch in ihrer visuellen Bedeutsamkeit mitdirigieren zu können?

Imre Lichtenberger-Bozoki: Wenn nach der technischen Einrichtung die Lautsprecher dort hängen, wo ich sie haben will, dann schon Und weil Johanna Hierzegger eine supercoole Bühnenbildnerin ist, wird das wahrscheinlich klappen.

Worin besteht für Sie der Reiz, Theatermusik zu komponieren?

Imre Lichtenberger-Bozoki: Als ich im Jahr 2000 mein Theaterdebüt bei Hans Kresniks „Herr Heidler, Herr Hund“ gegeben habe, bin ich dem Zauber des Theaters verfallen. Ich habe mein Jazztrompeten-Studium abgebrochen und bin seitdem hauptberuflich am Theater zu finden. Am Anfang noch viel als Theatermusiker, dank meines ersten Theatermentors Sandy Lopicic. Nachdem ich nach Wien gezogen war, habe ich immer mehr musikalische Leitungen übernommen. Seit 2015 bin ich auch als Regisseur aktiv. Theatermusik zu machen, ist für mich kein Nebenjob. Ich plane meine Zukunft am Theater – als Musiker, Komponist, Regisseur.

Ich bin an allen Musikstilen interessiert und das Theater bietet die größte musikalische Spielwiese, die es gibt. Und ich spiele sehr gerne!

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Julia Philomena

 

Links:

Schauspielhaus Graz