BRÜCKEN ZUR NEUEN MUSIK

Das “kunsthaus muerz”  ist sehr aktiv. Am 22. und 23. Mai findet in Mürzzuschlag unter anderem eine Personale Kurt Schwertsik statt, in deren Rahmen das Ensemble “die reihe”, geleitet von Nali Gruber, sieben Werke (frühe und späte) aufgeführt werden, darunter die Rarität “Liebesträume” und, als Uraufführung, die Komposition für Bariton und Ensemble “Die Wahrheit ist, man hat mir nichts getan”. Die Veranstaltungen laufern unter dem Motto “Brücken in die Gegenwart”. Die Programmgestalter Ernst Kovacic und Heinz Karl Gruber wollen Beziehungsgeflechte heutiger Musik zu solcher der Vergangenheit aufzeigen.

Ein zweiter Block läuft von 18. bis 21. Juni in Neuberg an der Mürz. Auch in diesem Rahmen findet eine Uraufführung statt: das Klarinettenkonzert 2008 von Friedrich Cerha, gespielt vom Kammerorchester Leopoldinum Breslau (Dirigent: Ernst Kovacic), mit Andreas Schablas als Solist. Außerdem stehen Werke von Stockhausen, Strawinsky und J. M. Hauer im Programm, weiters amerikanische Musik (George Crumb, John Adams, Steve Reich), und, als Rarität, Ernst Kreneks “Deutsche Messe für Gemeindegesang, gemischten Chor, Orgel und Instrumente, als heiliger Messe aufgeführt im weithin bekannten Neuberger Münster.
Aus dem Gesamtkomplex seien Schwertsik und zwei seiner Werke, die Uraufführung Cerhas und die Messe Kreneks hervorgehoben.

Kurt Schwertsik (musikalisch) sündenfrei

 

Ein Original, oder originell? Stets freundlich und gelassen, geneigt, zu lachen (auch über sich selbst): Kurt Schwertsik, 1935 in Wien geboren, Individualist abseits von Mainstreams. Trinkt grünen Tee. Zelebriert dessen Zubereitung. Kandierte Veilchen wären ihm auch willkommen. 1964 schrieb er ein Bläserquintett, Freund Friedrich Cerha bezeichnete es – laut Urheber treffend – als Neo-Biedermeier. Zwar bewohnt Schwertsik in  Wien ein wundersames Biedermeierhaus ohne Neo, der Hinweis auf eine vergangene ambivalente Epoche sollte aber nicht abdeckend über die Persönlichkeit Schwertsiks gestülpt werden. Das wäre verfälschend. Sein im Hintergrund verwaltetes Gegewartswissen korrigiert die Gewichtung. – In Stichworten: Kompositionsstudium u. a. bei Karl Schiske, der offenen Geistes seine Schüler zwecks Horizonterweiterung zu den Darmstädter Ferienkursen für neue Musik schickte.

Dort traf Schwertsik auf Henze, Boulez, Maderna, Stockhausen und Cage. Die beiden Letztgenannten (weiters Satie und die Züricher DaDa-Gruppe) prägten die eigenen Wege. Nach der Darmstädter Uraufführung seiner “Liebesträume” kam ein verpackter Würfelzucker zu Schwertsik geflogen, auf dem Papier stand: “Beehren Sie uns bald wieder”. Der Werfer hieß Stockhausen, die gegenseitige Wertschätzung blieb über all die Jahre aufrecht. – Der Praktiker Schwertsik: Hornist bei den Niederösterreichischen Tonkünstlern und den Wiener Symphonikern, auch bei der “reihe”. –  Der ambitionierte Vermittler neuer und neuester Musik: Gemeinsam mit Cerha gründete er 1958 in Wien das Ensemble “die reihe”. Es konzertiert nach wie vor und feierte kürzlich sein 50. Bestandsjahr. (Aufmüpfiges Nebenprodukt: die 1965 mit Zykan installierten “Salonkonzerte”.) –  Der Lehrer: 1989-2003  Kompositionsprofessor an der Wiener Musikhochschule (jetzt Musikuniversität). –  Der Auszeichnungsträger: Großer österreichischer Staatspreis, Österreichisches Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst usw. Viele Aufführungen bei prominenten Festivals hauptsächlich zwischen Wien und London. Etc. etc. – Bis dato schrieb Schwertsik 103 Werke. Intoleranz, Verachtung und Streit lehnt er ab. Und reklamiert das Recht auf den eigenen Blick.

Musikalisch beengende Reglementierung mag er nicht. Ein sich vom Umfeld abhebendes Erscheinungsbild durchaus. Seine Kleidung ist unverwechselbar schwertsiktypisch.  HK Gruber postulierte, heutzutage dürfe niemand anderer so komponieren wie Schwertsik. Absolution. Wie also komponiert er? Wiederholt mit Witz. Er begann tonalitätsfrei, analysierte serielle Musik  und erkannte, diese sei seine Sache nicht. Blieb jedoch bis etwa 1962 mehr oder weniger im atonalen Idiom. Mit der Erstfassung von “Shâl-i-mâr” wandte er sich “offenherzig” der Tonalität zu, mit der er sich anfangs “sehr geplagt” hat. Keine Rückwendung zu den Gesetzen der funktionellen Harmonik. Ihm ging und geht es immer nur um die Stimmführung, die horizontale Gestalt, um die Qualität der Linien. Erst aus diesen entsteht die Harmonik. Dreiklang und Kadenz sollten immer wieder neu klingen. Oder eben nach Schwertsik. Es heißt, er schreibe gutmütige Musik. Unzureichend charakterisiert. Skurrilität mit Hintersinn ist auch dabei. Er habe bis vor nicht allzu langer Zeit die eigene Musik kritisch abwägend gehört. Jetzt endlich, gelöst im Lehnstuhl sitzend, gefalle sie ihm. Chapeau!

 

Liebesträume für sieben Spieler, op. 7 (1962/63). Prelude – Nocturne – Dritte Episode – Marche funebre – Potpourri. – In diese Zusammenfügung hat sich die Ästhetik (oder Nichtästhetik) von Cage, DaDa und Fluxus rudimentär eingenistet. Schwertsik definiert das Stück als ein erleichterndes Ablegen einer Musik, die ihn zur Zwangsjacke verurteilt hätte. Ein anderer Weg zu “happy new ears”, ließe sich Cage zitieren, hier gerichtet auf die Inhomogenität  einer Collage. Mit einer Rasierklinge zerschnitt Schwertsik hinter seinem Rücken die Noten von Liszts Liebesträumen, und danach klebte er sie nach grafisch-musikalischem Ermessen wieder zusammen, nun losgelöst von tonaler Logik (zweiter Satz), was zu verblüffenden Hörerlebnissen führt. Die Sätze eins, drei und fünf enthalten Spuren des Reihendenkens, sie sind aus einer Serie von Dreiklängen und Septakkorden gebildet. Nächste Überraschung: im vierten Satz spazieren die Musiker auf dem Podium herum und wechseln die Instrumente, produzieren schlappe Geräusche. Dieses Verwirrspiel erinnert an einen Kondukt, als sollte eine andere neue Musik als die aus dem Zufall geborene zu Grabe getragen werden.

 

Die Wahrheit ist, man hat mir nichts getan, sieben Lieder nach Gedichten von Theodor Kramer  für Bariton und Ensemble, op. 103 (2009). – Kramer wurde im niederösterreichischen Weinviertel als Sohn eines jüdischen Dorfarztes geboren und starb vereinsamt, vergessen, in Wien. Eine Gedenktafel, das ehrenhalber gewidmete Grab (Zentralfriedhof) und eine nach ihm benannte Straße samt Schule (22. Bezirk) änderten daran nichts mehr. Er war explizit Lyriker. Seine nie romantischen Gedichte erfassen das Milieu der Arbeiter, Handwerker, sozial Benachteiligten, liefern aber auch unübliche Bilder von Landschaften. Das Germanistik-Studium brach er ab.

 

Den Ersten Weltkrieg überlebte er schwer verwundet, und die Nazis, die dem Juden und Sozialdemokraten jegliche Publikation untersagten, überlebte er ebenfalls; im letzten Moment gelang ihm und seiner Frau die Emigration nach London. Dort knüpfte er Kontakte zu Hilde Spiel, Erich Fried, Canetti. Thomas Mann nannte Kramer einen großen Dichter. 1957 kehrte er zurück. Man hat ihm zwar nichts getan – so der Titel des Liedzyklus -, aber beachtet wurde er auch nicht mehr. Schwertsik, drastischer Attitüde abhold, wählte Texte, die ihm einen schlank instrumentierten Bogen von nichts Gutes verheißenden Marschanklängen bis zu Versöhnung und Ruhe spannen ließ. Wer vormals draußen nachts an der Tür läutete, hätte der Unheilbote sein können. Also ein letzter Brief, aber auch ein Funken des Widerstands gegen die “Wanzen”. Am Morgen dann die überstandene Angst, ein Hoffnungszweig an der Tür.

 

Friedrich Cerha, 1926 in Wien geboren, Doyen der österreichischen Komponisten, bedarf eigentlich keiner biographischen Präsentation. Man sollte ihn kennen. Er zählt international zu den prominentesten Komponisten (auch wenn das manche ignorieren). Bezogen auf sein Jahrgangs-Umfeld, steht er in einer Reihe mit Ligeti, Boulez, Stockhausen, Berio und Kurtág. Verdientermaßen wurden ihm die angesehensten Ehrungen und Auszeichnungen zuteil. Auch als Dirigent hat er sich überregional einen Namen gemacht – kein Show-Dirigent, sondern einer, der das Innere der Musik, ihre Strukturen und agogischen Werte, profund kennt und demgemäß vermittelt. Mit Schwertsik gründete Cerha 1958 “die reihe”.

 

Mit dem Klangforum Wien, dessen Präsident er ist, erarbeitete er die authentische Interpretation der Werke Anton Weberns. Ein fürwahr epochales Hauptwerk  ist sein siebenteiliger “Spiegel”-Zyklus, nachhaltiges Vorbild für viele Klangflächenkompositionen mit Massenstrukturen. Andere Hauptwerke sind das Musiktheater “Netzwerk” (1962-67,UA der Endfassung 1981 in Wien) sowie die Opern Baal (1974-80, UA 1981 Salzburger Festspiele), “Der Rattenfänger” (UA 1987 Graz, steirischer herbst) und “Der Riese vom Steinfeld” (1997-99, UA 2002 Wiener Staatsoper). Nicht übersehen sei die Fertigstellung des dritten Aktes der Oper “Lulu” von Alban Berg (1962-78). Derzeit ist Cerha, dessen Imagination unvermindert sprudelt, vermutlich etwa beim Opus 140 angelangt.

Das Klarinettenkonzert entstand 2008. Wiederholt wandte sich Cerha der Gattung Instrumentalkonzert zu, wobei sich bei der Wahl der Soloparts Vorlieben für bestimmte Instrumente abzeichnen. In den Jahren zwischen 1951 und 1996 entstanden Konzerte für Klavier, Violine, Bratsche und Violoncello, außerdem Doppelkonzerte für Violine und Violoncello sowie für Flöte und Fagott. In seinen Spätwerken ab 2002 interessierten ihn einerseits Instrumentalkonzerte für Violine, Saxophon und Schlagwerk, andererseits spielte die Klarinette, eines seiner Lieblingsinstrumente, auf dem Gebiet der Kammermusik eine vorrangige Rolle. Das zeigt sich unter anderem im “Klarinettenquintett”, dessen Klarinettenpart 2008 in Salzburg von Andreas Schablas interpretiert wurde. “Sehr schön”, sagt Cerha, und das hatte Nachwirkungen: “In der darauf folgenden Nacht träumte ich, dass ich an einem Klarinettenkonzert schreibe – und schließlich ist aus dem Traum Realität geworden”. – Heute hören wir die Uraufführung.

 

Das Konzert ist viersätzig. Den 1. Satz, Ouverture, leitet ein “entschieden abwärts strebendes Thema ein. Zwei eigensinnige, dem Orchester gegenüber obstruktive Motive bilden den Mittelteil” (Cerha). –  Attacca folgt der 2. Satz, ein heiteres Capriccio, “leichtfüßig dahinhuschend”. In der Mitte allerdings erscheint ein “auftrumpfendes Thema, mit dem – bei mir ganz selten – kontrapunktisch höchst kunstvoll gespielt wird.” – Der umfangreichste, langsame 3. Satz, dem Charakter nach streng und ernst, ist formal sehr komplex. Dreimal wird ein Lied aus dem “Buch von der Minne”(1946-64) stark variiert zitiert. – Der 4. Satz, Finale, enthält zunächst Materialien der Ouverture, auch die zwei eigensinnigen Motive tauchen wieder auf. Sodann stören mehrfach Fortissimo-Floskeln eine “blasse, unentschiedene Bewegung”. Die Kadenz für die Klarinette hinterfragt die beiden Ouverturen-Motive. Die Musik greift nun das Scherzando des Capriccio auf und findet darin “einen eigenwilligen Schluss”.

 

Ernst Krenek (1900-1991) sagt im neunten Lied des “Reisebuchs aus den österreichischen Alpen”: Wir in der Zeiten Zwiespalt haben es schwer. Damit meint er einerseits, einer Zwischengeneration anzugehören, der es versagt bleiben musste, epochale Evolutionsschritte zu setzen – diese fielen der davor liegenden Generation zu. Andererseits deutete er damit die politische Situation an, die dem radikal diktatorischen Nationalismus weltverdüsternd zusteuerte. Und außerdem spiegelt der Ausspruch wie auch immer das Spektrum seines riesigen Schaffens (allein die Nummerierung seiner Kompositionen reicht bis 240), das rasch wechselnde ästhetische Strömungen aufgreift. Wenn Krenek sich dem jeweiligen Zeitgeist eingliedert, geschieht dies nie ohne gedankliche Abstützung. Daraus resultieren seine stilistisch unterschiedlichen Schaffensperioden.

Die erste (1920-23) ist – schlagwortartig vereinfacht – tonalitätsfrei, teilweise nachexpressionistisch. Die zweite (1924-26), sehr kurze, neoklassizistisch, französisch beeinflusst. Die dritte (1926-31) romantisch. In diese fällt der Welterfolg von “Jonny spielt auf” (1925/26), fälschlich als Jazz-Oper kategorisiert und den Nazi ein Gräuel, da darin ein Schwarzer die Handlung mitlenkt. Mit der vierten Schaffensperiode (1931-56) hat Krenek seine kompositorische Heimat erreicht: die Dodekaphonik. An deren Beginn steht das Hauptwerk schlechthin: “Karl V.”, das Thema Rechtfertigung steht im Zentrum. Eine Aufführung an der Wiener Staatsoper wurde 1934 durch Nazi-Machenschaften unmöglich gemacht (“entartete” Musik), im letzten Moment gelang in Prag 1938 die Uraufführung. Im selben Jahr emigrierte er in die USA. Schließlich als fünfte die serielle Periode (1957 bis ans Lebensende), eigentlich die Weiterführung dessen, was sich im Reihendenken der Zwölftontechnik angebahnt hatte, aber insgesamt divergierend seriell, da Krenek eigene Regeln kreiert und überdies auch Stücke abseits strenger Vorgaben schreibt. Dazu zählt, mit der Werknummer 204, die

 

Deutsche Messe für gemischten Chor, Gemeinde und Instrumente (1968), komponiert in Palm Springs, Kalifornien. Gebrauchsmusik, könnte man sagen, falls dieser Terminus nicht abwertend gemeint ist. Einfach bedeutet nicht billig, das Werk liefert die Bestätigung. Krenek hat wiederholt sakrale Musik geschrieben (nicht nur Kirchenmusik), darunter Proprien, Motetten, Psalmenverse, das elektronische Pfingstoratorium “Spiritus intelligentiae, sanctus” (1955/56), eine “Missa Duodecim Tonorum”, vor allem den beklemmend eindringlichen a-cappella-Klagegesang “Lamentatio Jeremiae prophetae” (1941/42).

 

Für die “Deutsche Messe” verwendet Krenek eine lapidare, schnörkelfreie Tonsprache nahe des tonalen Idioms, verhalten und prägnant. Der Text des Ordinariums ist so kurz wie möglich gehalten, das Credo auf die Kernaussage “Wir glauben alle an einen Gott” reduziert. Die Orgel fundiert das vokale Gewebe. Der vierstimmige Chorsatz ist überwiegend homophon, zuweilen mit polyphonen Ansätzen. Der schlicht diatonisch in Oktaven geführte Gemeindegesang, unterstützt von Trompete und Posaunen, löst den Chor responsorisch ab. Pauken und Schlagzeug (Triangel, Becken, Gong) schaffen gliedernde Akzente, die Bläser (einschließlich der Klarinette) sind sparsam eingesetzt. Harmonisch dominiert freie Tonalität ohne Rückfall in das funktionelle Korsett. Krenek hat offenbar auf Textverständlichkeit geachtet und sich an Palestrina orientiert, dessen Klangidiom jedoch in jenes des 20. Jahrhunderts transferiert.
l. k.

 

Foto Kurt Schwertsik: Axel Zeininger/ Boosey & Hawkes
Foto Friedrich Cerha: Universal Edition
Foto Ernst Krenek: Musikverlag Doblinger