Zwischen Diaspora und Crossover – die afrikanische Musikszene in Wien

Kasumama Festival/Mano GallouNahezu täglich gibt es zurzeit Schlagzeilen über Menschen, die von Afrika nach Europa gelangen wollen. Doch Afrika sollte nicht nur für Flucht, Hunger und Krieg, sondern auch für Kultur stehen. Dieses Szeneporträt von Jürgen Plank ist eine Spurensuche nach afrikanischen Musikerinnen und Musikern in Wien sowie nach afrikanischen Musiktraditionen.

Mamadou Diabate, Sidy Keita, Haja Madagascar, Lamin Camara, Salah-Addin, Diakali Kone, um nur einige zu nennen – die afrikanische Diaspora, welche die afrikanische Kultur und deren TrägerInnen seit Jahrhunderten über die ganze Welt verstreut, geht weiter und reicht bis Österreich. Hier beschäftigen sich wiederum österreichische MusikerInnen mit afrikanischen Musiktraditionen und es kommt zu Zusammenarbeiten. So ist es nicht verwunderlich, dass eine der zentralen Figuren der österreichischen Afro-Musikszene ein Jazz-Saxophonist ist, der ursprünglich aus Deutschland stammt und seit Anfang der 1980er-Jahre in Wien lebt: Sigi Finkel.
„Mir haben immer die Energie und die Komplexität der afrikanischen Rhythmen gefallen. Ich habe mir dann gedacht, es müsste spannend sein, die rhythmische Ebene mit meinen Wurzeln, dem Jazz, zu verbinden und etwas Neues zu schaffen“, erzählt Finkel über den Beginn seiner Beschäftigung mit afrikanischer Musik. Das war Mitte der 1990er-Jahre.

„Für mich ist das Thema Afrika seit vielen Jahren im Vordergrund und es ist Teil meines musikalischen Lebens.“

Finkel/DiabateGesagt, getan: Von 1997 bis 2008 betrieb er das Projekt Sigi Finkel & African Heart, bei dem er mit MusikerInnen aus Westafrika zusammenspielte. Die Band hat 4 CDs und Konzerte in halb Europa sowie in Zimbabwe, Burkina Faso, Marokko und Tunesien auf der Habenseite stehen und hat die Afro-Szene hierzulande nachhaltig geprägt. Das tut Finkel bis heute, denn nach der Auflösung von African Heart ist Finkel der afrikanischen Musik treu geblieben. Jetzt spielt er hauptsächlich mit dem in Wien lebenden Balafonisten Mamadou Diabate zusammen. Unvergesslich ist für Finkel ein gemeinsamer Auftritt auf einem Dorfplatz in Diabates Heimatland Burkina Faso. Noch in Wien hat er dafür gemeinsam mit Diabate traditionelle Stücke einstudiert und damit die DorfbewohnerInnen verblüfft.

„Für mich ist das Thema Afrika seit vielen Jahren im Vordergrund und es ist Teil meines musikalischen Lebens“, sagt Finkel. Mit Exotik habe das nichts zu tun. Die MusikerInnen, mit denen er spielt, seien Freunde, denen er viel zu verdanken habe: „Durch die afrikanische Musik bin ich aus dem ‚engen Korsett’ des Jazz heraus getreten.“
Festivals wie das KASUMAMA Afrika Festival im Waldviertel oder die Afrika Tage Wien, die afrikanische Musik in den Fokus stellen, halten Finkel und Diabate gleichermaßen für wichtig.

Elfmal Afrika Tage Wien

Wer nach afrikanischer Musik in Österreich sucht, kann vielerorts fündig werden: DJ Zipflo hat sich darauf spezialisiert, und wer sich von einem Kenner der Materie beschallen lassen möchte, ist bei ihm genau an der richtigen Adresse. Apropos Adresse: In der Liechtensteinstraße im 9. Wiener Gemeindebezirk befindet sich das afrikanische Restaurant Sagya, wo zum regionalen Essen oft Livekonzerte aus allen Richtungen serviert werden – und da ist wieder die eingangs angesprochene Zusammenarbeit über alle Grenzen hinweg, denn hier spielen MusikerInnen aus der ganzen Welt miteinander.
Das KASUMAMA Afrika Festival hat alljährlich Afrika zum Thema: Stargast 2015 ist Habib Koité, der auch schon das Wiener Konzerthaus ausverkaufte. Und von 31. Juli bis 16. August findet das Festival Afrika Tage auf der Wiener Donauinsel statt – bereits zum elften Mal. Bei beiden Festivals sind Finkel und Mamadou Diabate heuer übrigens dabei.

<Mamadou Diabate„In diesen Kooperationen versuche ich immer, diese beiden Kulturen auf der Bühne zusammenzubringen.“

Wie Koité ist Diabate ein Griot, das ist in Westafrika die Bezeichnung für einen professionellen Sänger, Geschichtenerzähler und Dichter. Diabate entstammt einer Musikerfamilie und ist in der Grenzregion zu Mali aufgewachsen. In Burkina Faso können Balafonspieler ihr Instrument als Mittel zur Kommunikation einsetzen. „Wir sprechen mittels Musik“, sagt Diabate und erzählt von einem minutenlangen Dialog zwischen Balafon und mündlich antwortenden ZuhörerInnen. In Österreich entwickelt Diabate die Balafonmusik seines Landes weiter, indem er eigene Stücke schreibt und die Brücke in eine andere Richtung schlägt: hinüber zum Jazz und zu Grenzen auflösenden Musikern wie Karl Ritter, Otto Lechner und Wolfgang Puschnig, mit denen er bereits zusammengearbeitet hat. „In diesen Kooperationen versuche ich immer, diese beiden Kulturen auf der Bühne zusammenzubringen“, erzählt Diabate.
Von der Jazzszene habe er viel gelernt, so Diabate, der sich selbst aber nicht als Jazzmusiker sieht. Er bezieht sich auf die Traditionen Westafrikas und siedelt seine eigenen Kompositionen zwischen Pop, Rock und Jazz an. Dabei interessieren ihn die leisen Zwischentöne. „Bei meiner Musik sind alle Farben dabei“, sagt Diabate. In seinen Stücken geht es stets um das Verbindende, um das Zusammenleben, die Nähe zu politischen Fragen ist immanent. Wenn Diabate seine eigenen Stücke in westafrikanischen Sprachen wie Bambara und Dioula singt, erklärt er anschließend dem österreichischen Publikum den Inhalt.

Anders als Diabate stellt sein senegalesischer Kollege Cheikh M’Boup die Kraft des Rhythmus in den Mittelpunkt: M’Boup spielt traditionelle Trommeln wie Sabar und Dun Dun, aber auch afro-kubanische Bongos und Congas. In Wien hat der Perkussionist und Sänger immer wieder mit Diabate gespielt. Wenn das passiert, genügt es, dass er oder Diabate ein Thema andeuten – der andere wüsste darauf einzusteigen, meint M’Boup: „Das ist der ursprüngliche Jazz afrikanischer Musik.“
<M’BoupM’Boup hat einst eine legendäre Gruppe mitbegründet: Tam Tam D’Afrique war eine der ersten afrikanischen Bands in Österreich. In seiner Musik bezieht er sich insbesondere auf den Senegal und verwendet Trommeln von dort: „Die Sabar wird für alle Anlässe verwendet, fürs Heilen und fürs Feiern.“ Sein letztes Projekt habe Deep Energy geheißen, aber alle paar Jahre mache er etwas Neues, so M’Boup, der seine Instrumente meist selbst baut und auf einer CD von Café Drechsler als Gastmusiker mitwirkte. Eben hat er die früheren Tam-Tam-D’Afrique-Kollegen – im wahrsten Sinne des Wortes – wieder zusammengetrommelt. Man darf gespannt sein, was als Nächstes kommt.
Die Gründung von Tam Tam D’Afrique fällt in die Anfangszeit der Afro-Szene in Wien, an die sich auch Sigi Finkel noch gut erinnert: „Als ich mit African Heart begonnen habe, waren wir ziemlich allein auf weiter Flur.“ Vor allem gab es den Crossover nicht, der seitdem die Szene dominiert.

„Wir kreieren Stücke, die von westafrikanischen Originalen ausgehen, entweder von den Rhythmen oder von den Liedern.“

In Mamadou Diabates Heimatland Burkina Faso hat sich auch Karin Mitterbauer aufgehalten und Unterricht bei einheimischen Lehrern genommen, inzwischen unterrichtet sie selbst Perkussion. Mitterbauer spielt hauptsächlich Djembe und beschäftigt sich mit ihrer Gruppe Affenbrot seit rund 20 Jahren mit westafrikanischer Musik, wobei es immer wieder zu Kollaborationen mit afrikanischen MusikerInnen kommt. Den Kern der Gruppe bilden aber fünf Österreicherinnen: „Wir kreieren Stücke, die von westafrikanischen Originalen ausgehen, entweder von den Rhythmen oder von den Liedern“, sagt Mitterbauer im Interview mit mica. In Verwendung sind dabei traditionelle Instrumente wie Balafon, Kora und Ngoni. Durch die Hinzufügung von Akkordeon und Querflöte hat die Gruppe Affenbrot auf ihrer letzten CD eine Fusion mit österreichischer Volksmusik geschafft.
Wie Sigi Finkel hat Mitterbauer von Anfang der Rhythmus afrikanischer Musik begeistert: „Die Wirkung des Rhythmus, die Anregung zum Tanzen, ist faszinierend“, sagt Mitterbauer.
Doch afrikanische Musik ist sehr vielfältig und reicht von den kraftvollen Rhythmussektionen Westafrikas bis zu Frauenchören im Süden und dem Blues der Wüste irgendwo dazwischen. Haja Madagascar, der ebenfalls in Wien lebt, stammt – nomen est omen – von der gleichnamigen Insel und ist wiederum als Singer-Songwriter in US-amerikanischer Tradition zu sehen. Er will mit seiner Formation The Groovy People die MusikerInnen der afrikanischen Diaspora zusammenführen.

Sudan—Wien—Berlin

Die MusikerInnen vom Kontinent südlich von Europa scheinen auch hier in Bewegung zu bleiben. Der sudanesische Gitarrist und Sänger Salah-Addin agiert an sich von Wien aus, gerade weilt er in Berlin. In Wien bringt er in verschiedenen Formationen seinen meditativen Blues auf die Bühne – Desert Blues nennt Salah-Addin seinen Stil selbst, der vom Sudan ausgehend Raum für Ausflüge in Richtung Sufi-Traditionen oder Reggae offenlässt. Der vor Kurzem verstorbene Courtney Jones aus Trinidad verstärkte Salah-Addin live immer wieder als Perkussionist.

Manche MusikerInnen kommen und gehen wieder: Der aus dem Senegal stammende Kora-Virtuose Solo Kouyate lebte in den 2000er-Jahren mehrmals in Wien und erzählte in seinen virtuosen Balladen Geschichten aus seinem Heimatland.
Kadero RayDer Raï-Musiker Kadero Ray lebt seit 1997 in Wien und hat seine internationale Karriere hier gestartet. Kadero Ray wurde 1972 in Marokko geboren, in Wien gründete er gemeinsam mit Otto Lechner das international besetzte Vienna Raï Orchester: Neben den beiden waren MusikerInnen aus Tunesien, dem Irak und aus Österreich involviert. So wurden auf musikalische Weise erneut Brücken zwischen Afrika und Europa geschlagen. Da die Szene untereinander gut vernetzt ist, überrascht es nicht, dass auch Sigi Finkel mit Kadero Ray gespielt hat.

Unterwegssein

Themen wie Migration und Integration sind in der Szene präsent. „Irgendwann ist jemand auf mich zugekommen und hat gesagt: ‚Du zeigst die Afrikanerinnen und Afrikaner in einem ganz anderen Licht als etwa Boulevard-Medien‘“, erzählt Sigi Finkel. Abseits von Asylanten- und Drogendealer-Klischees. „Es muss aber die Musik im Vordergrund stehen, auch wenn die Zusammenarbeiten mit afrikanischen Musikerinnen und Musikern diesen wichtigen Nebeneffekt haben“, meint Sigi Finkel und erwähnt, dass es vor zehn Jahren noch leichter gewesen wäre, Einreisevisa für MusikerInnen aus Afrika zu bekommen.

Kasumama
KASUMAMA: afrikanische Musik im Waldviertel

Das Musiklabel Atlas Music Pro von Katrin Pröll veröffentlichte eine CD von Kadero und trug damit seinen Teil zur Etablierung der Szene in Österreich bei. Pröll tut dies weiterhin, schließlich ist sie heute maßgeblich in die Organisation des KASUMAMA Afrika Festivals eingebunden. „Inzwischen gibt es schon einige Festivals wie das CHIALA Afrika Festival in Graz, aber KASUMAMA konzentriert sich sehr stark auf die heimischen afrikanischen Bands“, sagt Pröll. Ein Ziel des KASUMAMA Afrika Festivals war von Anfang an, Afrika abseits der Klischees darzustellen. „Die Leute in der Region haben das Festival inzwischen vollkommen akzeptiert“, erzählt Pröll über die letzten Festivaljahre im Waldviertler Dorf Moorbad Harbach. Dort wird heuer einmal mehr – auch mittels Workshops – bewiesen: Die Afro-Musikszene Österreichs ist kreativ, zeigt sich selbstbewusst und ist in viele Richtungen offen.
„Die afrikanische Musik führt, abgesehen von den Festivals, immer noch ein bisschen ein Randdasein. Das ist ein kleines Segment in diesem Kuchen, der an musikalischen Möglichkeiten angeboten wird“, beschreibt Sigi Finkel trotz aller positiven Entwicklungen die aktuelle Lage der afrikanischen Musikszene in Österreich.

Jürgen Plank
Kasumama (15.07.-19.07.2015)
www.kasumama.at
www.facebook.com/Kasumama

Afrikatage (31.07.-16.08.2015)

www.facebook.com/Afrikatagewien

Chiala Afrika Festival Graz

www.chiala.at

Foto KASUMAMA Festival/Mano Gallou: Jürgen Plank
Foto Finkel/Diabate: archivband
Foto Mamadou Diabate: Jürgen Plank
Foto M’Boup: Jürgen Plank
Foto Kadero Ray: Elfriede Rossori
Foto KASUMAMA Festival: Jürgen Plank

 

Die Diskussions-, Vortrags- und Artikelreihe mica focus wird unterstützt durch die Abteilung für Wissenschafts- und Forschungsförderung der MA7 Wien.

http://www.mamadoudiabate.com
http://www.sigifinkel.com
http://www.affenbrot.at
http://www.hajamadagascar.com