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Zsófia Boros (c) Reinhard Winkler

„Zeigen, was ich erlebt habe” – ZSÓFIA BOROS im mica-Interview

ZSÓFIA BOROS will Geschichten einatmen und spüren. Dass die Gitarristin ihre Erlebnisse daraufhin mit uns teilt, ist als Glücksfall einzustufen. Mit Markus Deisenberger sprach sie über die unterschiedlichen Objekte ihres aktuellen Albums „Local Objects”, intime Stimmungen und Musik zwischen Fingerakrobatik und Energietransport.

Sie kommen gerade von Konzerten aus Seoul zurück. Welche Eindrücke haben Sie gesammelt? 

Zsófia Boros: Es war fantastisch. Ich habe im Arts Center vor circa 700 Leuten gespielt und einen Showcase in einem berühmten CD-Laden vor ungefähr achtzig Leuten. Die Leute waren sehr aufnahmefähig.

Aufnahmefähiger als hier? 

Zsófia Boros: Das würde ich nicht sagen, aber es war für beide Seiten exotisch. Sowohl für das Publikum als auch für mich.

Ich habe sie bei Jazz & The City Salzburg im Weinarchiv des Arthotels Blaue Gans, einem sehr kleinen und intimen Rahmen, erlebt. Nun ist die Musik, die Sie spielen, zweifelsohne eine, die Aufmerksamkeit erfordert und der eine gewisse intime Stimmung alles andere als schadet. Ist es schwieriger, mit siebenhundert Menschen eine gelungene Interaktion herzustellen?

Zsófia Boros: Es ist ganz anders. Aber da wurde in Seoul schon mit dem Licht viel gemacht. Der ganze Publikumsbereich war verdunkelt und nur ich war beleuchtet. Wenn ich ehrlich bin, sehe ich dann die Menschen gar nicht. Das heißt, für mich ändert sich nicht so viel. Und es liegt immer am Publikum selbst: Ob einer oder viele zuhören, ist letztlich egal. Worauf es ankommt, ist die Aufmerksamkeit. Es kann auch in einem kleinen Saal sehr unruhig werden. Aber vergleichen kann man das nur schwer. Die intime Stimmung macht die Musik. Wenn die Leute das richtig aufnehmen, wird es zart bleiben, egal wie viele letztlich anwesend sind.

Was hat es mit dem Titel Ihres aktuellen Albums “Local Objects” auf sich? 

Zsófia Boros: Das stammt vom Gedicht, das im Booklet abgedruckt ist. Das Gedicht ist von Wallace Stevens, einem US-amerikanischen Dichter. Es geht um unterschiedliche lokale Dinge, die man nach Hause bringt und die dort eine schöne Symbiose eingehen.

Das heißt der Titel steht metaphorisch für die unterschiedlichen Stücke, die Sie im übertragenen Sinne nach Hause gebracht haben? 

Zsófia Boros: Genau.

Auf dem Album finden sich mit kleinen Ausnahmen – „Garoto“ etwa – sehr viele zeitgenössische Stücke. War das Absicht? 

Zsófia Boros: Nein, gar nicht. Das ist einfach so passiert.

Macht es einen Unterschied, ob man sich nun einem zeitgenössischen Stück nähert oder einem klassischen?

Zsófia Boros: Dadurch, dass ich manche der Komponisten – wie etwa Duplessy und Pinter – persönlich oder durch Kontakt über verschiedene soziale Netzwerke kenne, habe ich die Möglichkeit, die Leute selber spielen zu hören. Ich kann mir ein Bild davon machen, wie sie ihre eigenen Kompositionen interpretieren. Dass ich aber nicht immer unbedingt auf ihre Interpretationen eingehe, kann man, glaube ich, schon auch hören.

„Was mich an Musik, aber auch an Sprache, fasziniert, ist, dass nicht immer alles ausgesprochen beziehungsweise ausgespielt werden muss […]“

Wo genau verläuft die Grenze zwischen einer möglichst werkgetreuen Interpretation und einer Aneignung des Stückes, d.h. also einer Adaption, die den Stoff weiterführt und aus ihm in gewissem Sinne etwas Eigenes macht? Wie löst man von Interpretationen, die bei einem Stück wie „Milonga“ vielfach in die gleiche Richtung gehen? Wie verläuft die Aneignung, wie macht man das fremde Stück zu seiner eigenen authentischen Version?

Zsófia Boros: Dass ich etwas anders spiele, ist keine bewusste Entscheidung. Ich übe sehr viel mit einem Aufnahmegerät. Ich nehme mich auf und höre mir das dann aufmerksam an. Ich glaube, dass ein Stück immer etwas Bestimmtes ausdrücken möchte. Ich versuche es einfach so zu interpretieren, dass der von mir antizipierte Inhalt zum Ausdruck kommt.
Bei dem von Ihnen angesprochenen „Milonga“ etwa erinnern mich die kleinen Pizzicatos am Anfang an eine filmische Arbeit, bei der die Szene nicht in dem Haus beginnt, in dem sie spielt, sondern man sich dem Haus zu Beginn von außen nähert. Als Einführung auf das Kommende. So bekomme ich einen rhythmischen und klangfarblichen Vorgeschmack auf das, was nachher kommt.
Was mich an Musik, aber auch an Sprache, fasziniert, ist, dass nicht immer alles ausgesprochen beziehungsweise ausgespielt werden muss, dass manchmal auch der Zuhörer selbst die Möglichkeit hat, die Geschichte fertigzuspielen, sie fertigzuhören oder in seiner Vorstellung weiterzuführen, wenn nicht sogar zu vollenden.
Deshalb mag ich bei „Milonga“ diese kleinen Vorspiele so gerne. Man ahnt, in welche Richtung es gehen wird, ausgesprochen aber wird es nicht. Im Stück gibt es dann einen Aha-Effekt, weil man in seiner Vorahnung bestätigt wird. Dieses Erlebnis ist für mich so schön, dass ich es teilen möchte.

Kann man das mit einer Kurzgeschichte vergleichen, die meist dann als besonders gelungen empfunden wird, wenn sie nicht alles erzählt und erklärt, sondern auch Dinge offenlässt, die in der Fantasie des Lesers weitergesponnen werden?

Zsófia Boros: Genau, der Leser erzählt sich die Geschichte selbst fertig. Es ist ein besonders schönes Gefühl, wenn man als Leser oder Zuhörer dadurch zum Teil der Interpretation wird. Wenn man alles wortwörtlich erzählt, ist es für mich immer ein wenig mühsam. Da bleibt einem dann nicht viel mehr, als sich zu bedanken. Die eigene Fantasie bleibt in diesem Fall auf der Strecke.

Aber mit den lebenden Komponisten treten sie nicht in Kontakt?

Zsófia Boros: Es ist so, dass ich in der Situation des Findens so viel Abstand wie möglich haben will. Das klingt vielleicht komisch, aber nur so kann ich meine eigene Interpretation finden. Sonst fühle ich mich gezwungen, brav das zu spielen, was in den Noten steht. Ich möchte meine Version erleben und dann zeigen, was ich erlebt habe. Es wird dann meistens etwas ganz Anderes. Zumindest war es oft so, dass etwas ganz Anderes als erwartet rausgekommen ist. Aber diejenigen Komponisten, mit denen ich Kontakt hatte, waren zufrieden oder haben das zumindest so bekundet.

Können Sie den Vorgang des Erarbeitens näher beschreiben?

Zsófia Boros: Es beginnt mit einer Geschichte, die ich entdecke oder die mir zugetragen wird. Ich möchte sie wie ein Buch lesen, die Rollen spüren und sie dann als Mensch erfühlen.  Jeder erlebt eine bestimmte Geschichte anders. Wenn ich eine Geschichte eingeatmet habe, dann möchte ich sie auch weitererzählen. Nur eben mit meinen eigenen Worten. Quasi in Form einer Nacherzählung.

Ist es eher hinderlich, viele Interpretationen ein und desselben Stückes zu kennen?

Zsófia Boros: Nein, das ist interessant. Manchmal versteht man dadurch bestimmte Situationen besser, manchmal wendet man sich ganz ab, weil man merkt, dass es für einen selber etwas ganz Anderes bedeutet. Das ist genauso wie im Leben: Man hört zu, hat unterschiedliche Hintergründe, Sichtweisen, und die gleichen Dinge bedeuten in den gleichen Worten mitunter ganz andere Dinge.

Bei jemandem wie Pinter ist es leicht. Man fragt ihn, wie er das gemeint hat, wie er zu der hinter dem Stück stehenden Geschichte gekommen ist. In diesem Fall ist es der Verlust der Liebe; eine Beziehung, die endet. Wie funktioniert das in anderen Fällen? Wie lange dauert so eine Spurensuche?

Zsófia Boros: [lacht] Unter Umständen sehr lange. Bei Pinter habe ich extra gefragt. Göteborg ist eine Stadt, in der ich gerade letzte Woche war, um zu spielen. Es ist sehr interessant, zu erfahren, was den Komponisten dazu bewegt hat, das Stück zu schreiben, in welch trauriger Stimmung er war.

Stellt sich über diese Geschichte dann ein Link zu eigens Erlebtem her?

Zsófia Boros: Ich habe jetzt zwar nicht die gleiche Geschichte erlebt wie er, aber verletzt wurde jeder von uns schon einmal. Deshalb kann ich das gut nachvollziehen, und ich finde es schön, wenn man dieses Gefühl in Musik übersetzen kann.

„Dieses heute sehr verbreitete Genre-Denken finde ich schlimm“

Ihre “Local Objects” sind sehr verschieden. Kann man trotzdem gewisse Vorlieben ableiten, die Sie haben, wenn es an die Auswahl der Stoffe geht?

Zsófia Boros: Das kann man ganz gut mit Büchern oder Einrichtungen vergleichen. Ich weiß nicht, wie es bei Ihnen ist, aber ich mag es nicht, dass es bei mir zuhause wie aus einem Guss aussieht. Ich mag es nicht, wenn etwas monokulturell ist. Ich mag die Abwechslung, das Multikulturelle. Das Schlimmste ist, wenn man in eine neue Wohnung einzieht und sich alles von A bis Z machen lässt. Ich finde es viel aufregender, es Stück für Stück einzurichten, da etwas mehr Orientalisches, das etwas mehr Hightech. So will ich das haben: Unterschiedliche Objekte, die unterschiedliche Geschichten erzählen.
Dieses heute sehr verbreitete Genre-Denken finde ich schlimm. Die Abos, wo alles reinpassen und uniformiert sein muss. Wir sind doch nicht so uniformiert. Einmal gefällt uns dies, einmal das. Ich finde dieses Genre-Denken sehr schade, weil es Musiker limitiert. Viele sind aber gezwungen – damit sie in ein Abo passen, damit sie ein Album in einem Bogen spielen und in einem gewissen Land Konzerte spielen können – in diesem System zu denken. Da vergeben wir uns etwas.

Kann man sagen, dass bei Ihrem Album Sie der Bogen sind?

Zsófia Boros: Sozusagen, ja. Ich glaube aber, dass viele sind wie ich. Aber weil die Welt so funktioniert, wie sie funktioniert, versuchen sich viele anzupassen.

Wird es besser oder schlechter?

Zsófia Boros: Ich hoffe, besser. Wenn jeder sich selbst treu bleibt, wird es jedenfalls besser.

Bleiben wir bei Klischees und Uniformen. Ein Klischee ist ohne Frage auch, dass Flamencomusik von Männern gespielt wird…

Zsófia Boros: Absolut. Es gibt keine Frauen.

Wird das durch Frauen wie Sie aufgebrochen?

Zsófia Boros: Nein, das glaube ich nicht. Das ist eine Tradition. Die Frauen tanzen und singen, die Männer spielen Gitarre. Ich habe noch keine Flamenco-Gitarristin erlebt.

Reizt das nicht ungemein, sich ein wenig dagegen aufzulehnen?

Zsófia Boros: Nein. Ich hatte bei meinem ersten Album eigentlich nicht unbedingt die Intention, zu beweisen, dass eine Frau auch Flamenco spielen kann. Mir gefällt es einfach, Stücke wie Al Di Meolas „Vertigo Shadow” auf klassischer Gitarre zu spielen. Aber ich versuche nicht, mich als eine emanzipierte Frauenheldin darzustellen. Überhaupt nicht. Ich kenne mich im Flamenco im Grunde genommen auch gar nicht so aus. Es kommt bei mir einfach darauf an, ob ein Stück mich einfängt. Tut es das, dann muss ich es einfach spielen.

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Zsófia Boros (c) Michael Matejcik

Wie stoßen Sie auf Literatur?

Zsófia Boros: Unterschiedlich. Ich höre mir viel an, gehe viel auf Konzerte, suche viel im Internet und höre sehr stark auf mein Bauchgefühl. Sobald man sich denkt, „das könnte doch auch sehr schön sein…”, ist es vorbei. Denn genau in diesem Moment schaltet sich schon das Gehirn dazu. Wenn ich mir von Anfang bis Schluss etwas gerne anhöre, dann ist es das. Bis man so ein Stück findet, dauert es eine Weile. Aber es ist spannend, sich dabei zu beobachten, wie schnell das Gehirn mitspielen will. Dieses „Ach, wenn du das machst, könnte es doch auch passen…”
Das ist wie mit Kleidungsstücken: Man probiert etwas an und ist sich nicht ganz sicher, ob es auch wirklich das Richtige ist. Auf der einen Seite hat man Zweifel, auf der anderen aber denkt man sich: „Genau das habe ich doch schon so lange gesucht.“ Das ist das Hirn. Auf das Bauchgefühl – das ist das Wahre – muss man hören.

„[…]Musik ist meines Erachtens nicht nach Fingerakrobatik zu bewerten“

Es gibt also die Stücke, die sich von Anbeginn an anhören wie eine zweite Haut, wie ein Kleidungsstück, das einem wirklich gut passt. Gibt es auch die, die einem sehr gefallen, von denen man dann aber doch aus einem bestimmten Grund Abstand nimmt?

Zsófia Boros: Klar, die gibt es. Vor allem die, zu denen man hinwill, aber genau weiß, dass es eine ungemeine Herausforderung wird, die man auf sich nimmt. Auf der Uni ist man zu sehr in einem kleinen Kreis gefangen. Es gibt Normen, was üblich ist, zu spielen. Man spielt auf Wettbewerben Pflichtprogramme. Jeder spielt auf Gitarrenfesten im Grunde genommen das Gleiche. Wenn man dann mit der Uni fertig ist, fällt man in ein Loch. Man fragt sich: „Und jetzt?”. Es gibt plötzlich keine Vorlagen mehr. Durch eine Art der Selbsterkenntnis habe ich in dieser Phase angefangen, mich zu beobachten. Ich habe Gitarre ja nicht zu spielen begonnen, um das Repertoire, das halt so üblich ist, zu spielen. Ich will etwas spielen, weil es mir gefällt, und nicht, weil es schwer und technisch anspruchsvoll ist. Für viele Musiker ist etwas schon einmal gut, wenn es technisch anspruchsvoll ist. Wenn es vom Blatt lesbar ist, ist es dagegen nicht mehr so interessant. Aber Musik ist meines Erachtens nicht nach Fingerakrobatik zu bewerten. Musik ist ein Energietransport. Das Umdenken hat nicht so schnell funktioniert, weil man von außen beeinflusst wird. Man fragt sich: „Ist es nicht zu einfach?” oder: „Ist das schon virtuos genug?”. Es hat eine Weile gedauert, um diese Skepsis abzulegen und einfach das zu tun, wonach einem ist. Irgendwann, wenn das alles abgelegt hat, wird es gut. Dann denkt man nicht mehr nach und freut sich darüber.

Inwiefern ist Manfred Eicher von ECM jemand, der einem bei diesen Entscheidungen hilft?

Zsófia Boros: Der geht null nach Virtuosität. Eicher sucht nur nach dem musikalischen Flow. Es soll einfach fließen…

Wie kann man sich die Zusammenarbeit mit einer solchen Koryphäe vorstellen?

Zsófia Boros: Für mich faszinierend ist, wie er nach nur einem Mal hören für sich einen Überblick über die Struktur, Aussage und Interpretation eines Stückes gewinnt. Wie er alles erfassen kann. Das ermöglicht ihm, Künstlern mit Ideen auszuhelfen, die ihnen dabei helfen sollen, genau das, was sie sagen wollen, noch stärker herauszuarbeiten. Seinen persönlichen Geschmack stellt er dabei hinten an.
Er gibt kleine Anweisungen, die einem unheimlich helfen können. Oft ist man zu vorsichtig und aufgrund der Herausforderung etwas zu verkrampft. Und in diesen Momenten ermutigt Manfred Eicher einen, einfach loszulassen und die Sache etwas lockerer anzugehen. Er achtet sehr darauf, dass die ganze Geschichte authentisch bleibt, was man, glaube ich, auch jeder einzelnen ECM-Produktion anhört. Die sind allesamt sehr individuell.

Beide Alben wurden in Lugano aufgenommen. Warum dieser Ort?

Zsófia Boros: Weil er so besonders ist. Die Aufnahmen fanden in Lugano beim Radio statt.  Und das nicht in einem gewöhnlichen Studioraum, sondern in einem Konzertsaal mit einem sehr schönen Klang. Wenn der Klang in einem Saal so richtig schön trägt, dann ist man auch motiviert, mehr zu erzählen. Dann fühlt man sich wohl. Auch über das Licht machten wir uns dort Gedanken, damit ich mich wohl und frei fühlen konnte, um all das zu erzählen, was ich mir vorgenommen habe. Alle diese kleinen Details passten einfach sehr gut zusammen, diese vielen kleinen Aufmerksamkeiten, die in Summe für eine gute Arbeitsstimmung sorgten.

In zwei Tagen ein Album dieser Klasse einzuspielen, klingt heftig.

Zsófia Boros: Heftig ist das nicht, man bereitet sich ja länger darauf vor. Und irgendwann müssen die Stücke dann ja auch geboren werden.

„Ich möchte zu jeder einzelnen Note eine Beziehung entwickeln” haben Sie einmal gesagt. Das klingt bei der Fülle an gespielten Noten kompliziert. Ist es das? Geht es um Genauigkeit oder eher um Instinkt?

Zsófia Boros: Das ist wie bei einem Theaterstück, in dem oft Statisten im Hintergrund mitwirken. Man spürt diese Mehrdimensionalität. Die Statisten sind wichtig, sie sind das Volk, aber sie müssen nicht einzeln mit ihrem jeweiligen Ausdruck und Gesicht wahrgenommen werden. Trotzdem habe ich, wenn ich mich als Regisseurin empfinde, zu jedem einzelnen dieser Statisten eine Beziehung, kenne sie oder ihn, weil es die Leute sind, mit denen ich gemeinsam das Bühnenbild, das Stück erarbeite. Genauso ist es mit den Tönen: Manche sind im Vordergrund, manche bleiben im Hintergrund, aber alle sind sie für das musikalische Gesamtbild wichtig. Manche Töne sind eher für die Farben zuständig, andere haben eine Stimme.

Gibt es auch bei dieser Könnerschaft Dinge, vor denen man sich fürchtet und nicht weiß, ob sie letztlich funktionieren werden?

Zsófia Boros: Ja, bei ganz langen Stücken. Wenn es lang und technisch anspruchsvoll ist, macht man sich Gedanken, wie man die Konzentration von Minute eins bis acht so hoch halten kann, damit man dem Stück auch wirklich in jedem Moment die gleiche Aufmerksamkeit entgegenbringt. Acht Minuten können ganz schön lange sein, wenn man derart konzentriert ist. Am besten ist es aber, sich nicht zu viele Gedanken zu machen und schon gar keine Angst zu haben, sondern einfach im Hier und Jetzt zu sein.

Bei Ihrem Konzert im Rahmen von Jazz & The City haben sie gegen Ende des Auftritts ein Stück angekündigt, das sie lange nicht gespielt haben. Sie wüssten nicht, ob sie es hinkriegen, haben sie gesagt. Und dann kommt es aus Sicht des Publikums perfekt rüber. Wie kann man das nach so langer Zeit des Nichtspielens so perfekt abrufen oder ist es nur in den Ohren der Zuhörer perfekt?

Zsófia Boros: [lacht] Nur in den Ohren der Zuhörer. Aber man kann das auch selbst nicht so gut beurteilen, weil man so konzentriert ist. Aktuelle Stücke, die ich häufig spiele, kann ich miterleben, weil sie ein wenig aus der Hand fließen. Da kann ich mich auch ein wenig als Zuhörer empfinden. Bei einem Stück wie dem von Ihnen angesprochenen bin ich nur Spielerin. Da bin ich so sehr damit beschäftigt, darauf zu achten, dass die Finger am richtigen Ort sind, dass mir keine Zeit für Selbstbeobachtung bleibt. Wie ein Reiseführer, der die Stadt, die er zeigt, schon länger nicht gesehen hat. Er kennt die Stadt, muss sich aber gewisse Dinge erst wieder in Erinnerung rufen. Es ist spannend, weil er nicht mehr weiß, ob es das Café an der Ecke noch gibt.

Gibt es da auch Überraschungsmomente? Bei Journalisten zum Beispiel stellt sich eine interessante zweite Ebene ein, wenn man aufgenommene Interviews später abhört. Da merkt man, dass man Gesprächssituationen vor Ort teilweise anders eingeschätzt hat, als sie sich dann beim aufmerksamen Abhören präsentieren.

Zsófia Boros: Sowieso. Diese Überraschungsmomente stellen sich immer wieder ein. Nur muss man gleichzeitig auch verstehen, dass man die Dinge beim ersten Mal anders erlebt als beim zweiten Mal. Beim ersten Mal hat man keine Erwartungen, man kommt ins Gespräch. Erlebt man Dinge ein zweites Mal sind die Erwartungen bereits da, man hat sie ja schon inhaltlich einmal bewertet. Und genau so verhält es sich auch in der Musik. Hört man sich ein Stück wieder an, ist man nicht mehr unvoreingenommen, man hat sich eine Meinung gebildet, von der man sich eine Wiederbestätigung erhofft. Und da kann es natürlich schon auch einmal passieren, dass der erste Eindruck einen getäuscht hat und man beim erneuten Anhören eines Stückes, dieses gar nicht mehr so toll findet.

Es stellt sich also eine Enttäuschung ein?

Zsófia Boros: Ja, und auch umgekehrt. Wenn man sich denkt, es war nicht gut. Man muss schon das glauben, was man als erstes empfunden hat, und dabeibleiben. Objektiv ist sowieso nichts.

Ihr letztes Album wurde November 2015 aufgenommen. Das liegt nun doch schon eine Weile zurück. Gibt es Pläne für ein neues Album?

Zsófia Boros: Ja, ich arbeite an einem neuen Programm. Wolfgang Muthspiel hat sieben kleine Stücke für mich geschrieben, die ich gerne einmal aufnehmen würde. Die habe ich auch schon in Seoul gespielt und werde sie auch auf meinen Konzerten im Jänner spielen.

Wie lang sind die Stücke?

Zsófia Boros: Kurz, sehr kurz. Insgesamt fünfzehn Minuten.

Das klingt fast schon nach Punk.

Zsófia Boros: [lacht] Nein, das ist weit weg von Punk. Aber wann wir mit den Aufnahmen beginnen, steht noch nicht fest. Ein fixes Datum gibt es also noch nicht.

Vielen Dank für das Gespräch.

Markus Deisenberger

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