Bild Miles Matrix
Bild (c) Miles Matrix

„Würde man Synthwave zurück in die 1980er schicken, würde er zu futuristisch klingen“ – MILES MATRIX im mica-Interview

MILES MATRIX produziert Musik aus einer Vergangenheit, die niemals passiert ist. Die nostalgische Vorstellung der 1980er vermischt sich mit Melancholie der eigenen Erinnerung, um sich an Synthesizermelodien zu laben, die sich zwischen verklebten Kaugummiautomaten und drei Runden im Autodrom ziehen, bevor sie beim Abstecher ins Urlaubsparadies an bunten Cocktails im Neonschimmer schlürfen. „French Riviera“ steckt das Gefühl von Sonnenuntergängen an der Côte d’Azur ins Kassettenfach, kurbelt an Autofenstern und bläst uns das Meer und den Sommer durch die Haare. Warum man sich mit Synthwave in eine andere Zeit zurücksehnen kann, wo man die Grenze zwischen Sample und Neuinterpretation ziehen kann und wieso Genres heute keine Rolle mehr spielen, hat MILES MATRIX im Gespräch mit Christoph Benkeser erzählt.

Du bist 1981 in Gibraltar geboren. Welche Erinnerungen hast du an deine Kindheit?

Miles Matrix: Das ist eine schwierige Frage, weil ich mittlerweile bei vielen Sachen nicht mehr weiß, ob das tatsächlich meine Erinnerung ist oder ob es Dinge sind, die ich im Fotoalbum gesehen und daraufhin zu einer Erinnerung verdichtet habe. An einen Moment kann ich mich aber gut erinnern. Es war 1989. Meine Familie und ich saßen im Auto und im Radio lief ein Bericht über die Öffnung der Berliner Mauer. Als neunjähriger Bub habe ich nicht gecheckt, was da vor sich ging. Meine Mutter hat vor Freude geweint. Ich habe gespürt, dass da gerade was Großes passiert, konnte es aber nicht einordnen. Abgesehen davon habe ich Erinnerungen an die Grundschulzeit und an die Mode. Bewusst Musik zu hören habe ich aber erst mit Anfang der 1990er-Jahre begonnen. Mein Vater hat kein zeitgenössisches Radio gehört, sondern nur The Beatles und Elvis. Damit bin ich aufgewachsen – und mit der Mainstream-Klassik von Richard Clayderman. Erst als ich selber zu hören begann – ich wurde mit dem Radio
sozialisiert –, kam Neues hinzu.

Kannst du dich an mediale Einflüsse erinnern?

Cover French Riviera
Cover “French Riviera”

Kannst du dich an mediale Einflüsse erinnern?

Miles Matrix: Ich bin ohne Fernseher aufgewachsen. Irgendwann hatte ich einen kastrierten Fernseher, mit dem ich nur Videos aus der Bücherei schauen konnte. Meine Eltern waren Zeugen Jehovas, Unterhaltung wurde stark gescreent. Richtigen Einfluss auf meinen Musikkonsum hatten erst meine Klassenkameraden am Gymnasium. Guns N’ Roses war meine erste bewusste Lieblingsband neben Ace of Base. Deren Musik hat bis heute alles für mich geprägt, weil Rock und Electro bzw. Pop die Musikrichtungen sind, die ich immer noch höre.

Die Vorstellung der 1980er ist in deinen Songs allgegenwärtig. Melancholische Synthesizermelodien, knallige Neonfarben, Sehnsuchtsorte als Songtitel – ein Sehnen nach der Vergangenheit? 

Miles Matrix: Jenseits der generellen Nostalgie hat das bestimmt etwas mit einem Zurücksehen zu tun. Nicht unbedingt in meine eigene Kindheit, sondern in eine romantisierte Form einer Kindheit. Schließlich war meine Kindheit bis auf die Sektensache total schön. Eine Erinnerung, die ich konkret mit der siebten Klasse verbinde, habe ich an Moby und sein Album „Everything is Wrong“. Das hat sich eingeprägt. Sogar wenn ich heute zu Hause rumklimpere, kreist meine Musik um die 1980er und 1990er. Das hat mit Erinnerung zu tun.

„Bei Synthwave ist der Konsensus, dass es die Art dieser Retro-Musik nie gegeben hat.“

Die zeitgenössische Popkultur feiert den Retro-Chic schon länger. Stranger Things und Vaporwave passen nur deshalb so gut zusammen, weil sie sich auf eine Vergangenheit beziehen, die niemals stattgefunden hat. Wie viel Nostalgie steckt in dem Versuch, wie die Vergangenheit zu klingen?

Miles Matrix: Eine Form von Melancholie ist dabei, aber auch ein Ausleihen an verschiedenen Elementen. Bei Synthwave ist der Konsensus, dass es diese Art der Musik nie gegeben hat. Es gab unterschiedliche Elemente davon. Auf die Art, wie sie heute verdichtet wird, klingt sie aber, als hätte man ein Paralleluniversum entworfen. Bei heutigen Post-Punk-Bands ist das zum Beispiel anders. Viele von ihnen hätten auch in der Vergangenheit existieren können. Würde man heutigen Synthwave zurück in die 1980er schicken, würde er zu futuristisch klingen. Es ist ein „Exploitation Genre“, bei dem man sich etwas so zusammenmischt, wie man es gerne gehabt hätte. Bei „French Riviera“ ging es mir aber nicht darum, so zu klingen, wie etwas früher war, sondern eine Atmosphäre herzustellen. Deshalb findet man Vaporwave-Elemente, ohne direkt sagen zu können, dass es Vaporwave ist.

Das Album ist aber keine Utopie-Vorstellung, sondern fasst eher das atmosphärische Vergangene ein. Mark Fisher hat einmal gesagt, dass sich Musikerinnen und Musiker in den 1950ern nicht vorstellen konnten, wie Musik in den 1970ern klingen würde, und Musikerinnen und Musiker in den 1970ern keine Ahnung hatten, wie sich Musik in den 1990ern anhören wird. Trotzdem habe ein Glaube an eine Fortschreibung geherrscht. Der sei heute verloren gegangen oder sei zumindest verstellt – durch den Rückgriff auf die Vergangenheit. Kannst du dir erklären, warum dieser Rückgriff auf so viel Zuspruch stößt?

Miles Matrix: Die Frage ist, ob das so ein modernes Phänomen ist. Klassische Komponisten haben sich auch mit der Vergangenheit beschäftigt. Richard Wagner hat ja keine Science-Fiction geschrieben. Im Gegenteil. Die Opern waren für ihre Zeit entweder zeitgenössisch oder ein Rückblick auf etwas Vergangenes. In der Kunst gibt es ein nostalgisches Element. Was die 1980er angeht, wird sehr viel verklärt. Gerade in meiner Generation. Wir waren nicht erwachsen und haben nicht gespürt, dass es auch eine beschissene Zeit war. Die britische Seite meiner Familie hatte mit Thatcher nichts zu lachen. Außerdem war es die Zeit des Kalten Kriegs. Wir denken an diese Zeitspanne aber anders zurück, weil wir Kinder waren. Das merkt man auch daran, dass die Heldinnen und Helden bei Stranger Things oder auch in den Verfilmungen der Steven-King-Bücher häufig Kinder sind – und die Handlung aus einer kindlichen Perspektive spricht.

Man lädt die Sehnsüchte auf Kinder ab, ein Symptom des infantilen Kapitalismus.

Miles Matrix: Wir hatten seit 1990 – trotz der Tatsache, dass es in Europa Kriege gab – eine Phase der gefühlten Sicherheit. Seit dem 11. September 2001 ist diese Sicherheit verschwunden. Vielleicht ist es ein Rückgriff auf eine Zeit, in der es ähnlich unsicher war, aber sich aus unserer heutigen Perspektive schöner anfühlte.

Bild Miles Matrix
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„Ich fühle Bewunderung und Neid vor dem echten punkigen DIY-Approach.“

Eine Perspektive, die auch stark über die Ästhetik transportiert wird. Allein in den Albumtitel „French Riviera“ lässt sich viel hineintransportieren. Inwiefern zeichnet sich deine Musik durch eine Bildbezogenheit aus? 

Miles Matrix: Die Ästhetik ist sehr wichtig. Ich fühle Bewunderung und Neid vor dem echten punkigen DIY-Zugang. Manchmal wäre es mir lieber, dass mir mehr egal wäre. Gleichzeitig geschieht der Rückgriff auf die Memphis-Entwürfe wie beim Albumcover bewusst. Der Name bezieht sich auf die Urlaubserinnerungen an der französischen Riviera. Diese sind Rahmen und Ausgangspunkt.

Stichwort Rahmen. Engen diese ästhetischen Mittel nicht auch ein, indem sie den Interpretationsrahmen vorgeben?

Miles Matrix: Es ist fast ein Konzeptalbum. Das Thema gebe ich vor. „Easy Listening“ ist ein verhasster Begriff, den ich eigentlich gut finde. In diese Richtung sollte es gehen. Ich wollte kein Album machen, das aufschreckt. Die Kassette entstand während der ersten Wochen des Lockdowns. Zu Beginn habe ich es primär für mich geschrieben – als etwas Beruhigendes. Gerade im Synth- und Vaporwave-Bereich gibt es viele Konzeptalben. Ich würde es zwar nie so weit treiben wie Coheed and Cambria, die eine eigene Comic-Saga zu ihren Alben aufbauen, aber ich mag es durchaus, eine Geschichte mitzugeben. Trotzdem geht es mir gar nicht ums Interpretieren. Wenn das Album jemand hört und etwas anderes daraus macht, ist das okay. 

Ich habe das Gefühl, dass es im kollektiven Bewusstsein der Generation X eine formlose Masse an Popkultur und Werbung gibt, die man aus ihrem ursprünglichen Kontext reißen und so zu einer neuen Ästhetik mit eigener Geschichte werden lassen kann. Bei dir ist das ähnlich, du arbeitest quasi mit Bruchstücken des Gewesenen.

Miles Matrix: Wie häufig das bei mir bewusst abläuft, kann ich schwer sagen. Es ist ein bisschen wie Samplen. Ich weiß nicht, ob es eine Kunstform gibt, die nicht ohne eine Art von Sampling auskommt. Selbst wenn es kein direktes Sample in der Musik ist, gibt es nur Variationen von Melodien, aber das meiste war schon da und wird in zufälliger Doppelschöpfung neu geschrieben. Die Grenze zwischen Sample, Cover und Neuinterpretation lässt sich also kaum ziehen. Ich finde den Ansatz mit der Arbeit am Gewesenen aber gut.

Die Jazzlegende Gary Bartz hat mir einmal gesagt, es gebe immer nur die gleichen zwölf Noten, seit Bach sei nur die Rhythmussektion dazugekommen. Da lässt sich durchaus intervenieren, aber du würdest ihm zustimmen.

Miles Matrix: Klar, es sind immer nur zwölf Noten. Da gibt es Puristinnen und Puristen, die zwischen E- und U-Musik unterscheiden, was total albern ist. Wenn Mozart heute wieder auf die Welt kommen würde, schriebe er vielleicht keine dreißigminütigen Sinfonien, weil er sehen würde, dass es auch in zwei Minuten geil geht. Ich denke, er würde die heutigen Möglichkeiten feiern und eine Kollabo mit Travis Scott machen. Und ich bin mir sicher, dass es schon damals Leute gab, die die Musik von Mozart als Popmusik empfunden haben, um experimentellere Sachen zu machen. Diese Genre-Inflexibilität, die es früher gab – und mit der ich auch aufgewachsen bin –, gibt es heute gar nicht mehr. Früher durftest du Punk hören, daneben ging sich noch ein bisschen Metal aus. Wenn du Rap gehört hast, warst du eine Purist bzw. ein Purist. Und als Pop-Hörer bzw. -Hörerin warst du verloren. Die Chemical Brothers haben das Ende der 1990er aufgeweicht, Prodigy haben definitiv die Grenzen zwischen Metal, Rock und elektronischer Musik aufgebrochen. Für mich war Techno auch ein großes Ding, da haben Freundinnen und Freunde zu Beginn noch blöd geschaut. Heutzutage spielen Genres überhaupt keine Rolle mehr.

Es muss knallen, da ist es egal, aus welcher Richtung die Musik kommt. Das war aber auf früheren Mixtapes auch nicht anders. „French Riviera“ ist auf Tape erschienen, was macht das Format für dich aus? 

Miles Matrix: Dass ich Kassetten auf dem Schirm habe, ist relativ neu. Durch das Musikmachen habe ich gemerkt, dass mein Bezug zu Kassetten größer ist als zu Vinyl. Als ich mich als Kind für Musik zu interessieren begonnen habe, waren Schallplatten extrem uncool. Die CD war da. Und ich habe immer noch Mixtapes auf Tapes aufgenommen. Später kam die MP3 – und Tapes waren für mich uninteressant. Heute sieht das anders aus. Meine Freundin sammelt Vinyl und Kassetten. Aber es dauerte, bis ich auf die Idee kam, selber ein Tape zu machen. Bei „French Riviera“ gibt es den ästhetischen 1990er-Jahre-Bezug, das passt natürlich. Außerdem sind bei Kassetten Kleinstauflagen ökonomisch machbarer als mit Vinyl.

Wir haben viel über die Vergangenheit geredet. Du entwickelst auch Spiele und vertonst sie. Anfang 2020 erschien „Dungeons & Deadlines“, ein 8-Bit-Browsergame, bei dem es darum geht, mit den Auswüchsen des Spätkapitalismus klarzukommen. Der Soundtrack simuliert die Chiptune-Musik der frühen Spieleklassiker. Eskapismus meets Business-Punk quasi? 

Miles Matrix: Witzigerweise hat sogar das Onlinemagazin Business Punk darüber berichtet. Das war komplett meta, weil das Spiel die Business-Punk-Sache aufs Korn nimmt. Entweder sie waren sich dessen bewusst und feierten es trotzdem oder sie haben es einfach nicht gemerkt. Die Thematik hat aber einen Nerv getroffen. Ich arbeite selbst in der Werbebranche, das kann auch heuchlerisch rüberkommen. Aber es ist gar nicht so unverbreitet in der Branche, dass man das eigene Schaffen kritisch sieht. Außerdem positioniert sich das Spiel nicht gegen einzelne Leute, sondern gegen das System. Die meisten können sich darauf einigen, dass das System kaputt ist. Dadurch, dass ich das Spiel programmiert und die Musik geschrieben habe, konnte ich meine eigene politische Überzeugung einfließen lassen. Das war viel Arbeit, aber es kam gut an – und hat wirklich Spaß gemacht.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Christoph Benkeser

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