Wolfram Schurig im Interview: Die Verhältnisse zwischen Skizzen und dem Hauptwerk

Kompositionen von Wolfram Schurig sind in Vorarlberg höchstens im privaten oder halböffentlichen Kreis zu hören. Doch bei namhaften Festivals außerhalb der Landesgrenzen, beispielsweise „wien modern“ im vergangenen Herbst und aktuell im Rahmen der „klangspuren schwaz“ ist der Feldkircher Komponist präsent. Während der vergangenen zwölf Jahre verfasste Wolfram Schurig einen groß angelegten Werkzyklus, der seinen Anfang in einer Skizze von Domenico Tintoretto nahm. Auf Schluss Ambrass werden die fünf Kompositionen „Battaglia“, „tintoretto: erste übung“; „Augenmaß“, „tintoretto: zweite übung“ sowie „Gravur“ vom ensemble phace uraufgeführt und anschließend in Wien in inszenierter Form im Kunsthistorischen Museum in Wien gespielt. Über den Werkzyklus, aktuelle kompositorische Vorhaben und marktwirtschaftliche Bedingungen innerhalb der Musikbranche sprach Silva Thurner mit dem Komponisten.

Wie ist die Idee entstanden, den „Tintoretto Zyklus“ zu komponieren?

Ende der 90-er Jahre habe ich in Hamburg eine Ausstellung mit italienischer Grafik besucht. Eines der ausgestellten Täfelchen war eine Studie, die Tintoretto zum Gemälde „Eroberung Konstantinopels durch die Venezianer“ im Dogenpalast Venedig angefertigt hatte. Dieses ragte heraus wie kein anderes, weil es eine Wirkung hatte, die mich an ein expressionistisches Gemälde aus dem frühen 20. Jahrhundert erinnert hat. Mich hat die Tatsache interessiert, dass diese Skizzen eine derart präzise ästhetische Formulierung darstellen, obwohl sie nicht für sich als Werk gedacht waren, sondern Vorstudien sind.

Der Ausgangspunkt

Wie bist du kompositorisch vorgegangen und welche Überlegungen leiten dich?

Konzeptionell war „Augenmaß“ das erste Werk der Reihe. Diese Komposition war für mich ein Versuch, ein Arbeitskonzept in den Rang einer Ästhetik zu heben. Die Irrwege, die man sonst in der Vorarbeit für ein Stück geht, sind Bestandteil von diesem Stück. Die jeweils nächsten Ereignisse sind Reaktionen auf das Vorhergehende.

Gerne schaffe ich Beziehungen zwischen Dingen, die von vornherein eigentlich nichts miteinander zu tun haben müssen. Wenn es darum geht ein Stück zu schreiben, habe ich eher einen naturwissenschaftlichen Ansatz. Mich interessiert ein Sachverhalt und das Werk ist dann wie eine Versuchsanordnung. Ich möchte etwas entdecken, der Weg dorthin wird dann vielleicht das Stück, das „Protokoll“.
 
Das Ganze

„Battaglia“, „Augenmaß“ und „Gravur“ sind die Hauptwerke des Zyklus, ein Violinsolowerk und das Stück für Posaune und Schlagwerk sind Bindeglieder. In welchem Verhältnis stehen die Werke zueinander?
Ich organisiere gerne in Symmetrien ungerader Zahlen. Der Zyklus besteht aus fünf Stücken, davon drei größere Stücke, die von der Besetzung und von der Dauer her mehr Gewicht haben. Dazwischen stehen zwei Stücke, die dramaturgisch eine Brückenfunktion haben, aber keine kompositorischen Leichtgewichte sind. Das längste Stück, „Augenmaß“, ist vom Hören her das Entspannteste. Es steht in der Mitte wie ein dicker Fisch, der sich nicht rührt. Das anstrengendste weil dichteste Stück ist das Trio „Gravur“. „Battaglia“ am Anfang ist sehr lebhaft, das Werk wirkt sehr aufgeweckt, es hat einen verspielten, auch ironischen Charakter – wie das Bild im Dogenpalast. „tintoretto: zweite übung“ besteht hauptsächlich aus Pausen, verströmt aber eine unglaubliche Hektik, weil die einzelnen Töne eine unglaubliche Präzision erfordern.

Beziehungen

Die Verbindung Musik und Bildende Kunst ist ein Schwerpunktthema des musikwissenschaftlichen Instituts in Innsbruck. In diesem Zusammenhang steht auch die Aufführung des „Tintoretto Zyklus“. Im Anschluss an das Konzert gibt es ein Podiumsgespräch.

Im Forschungsschwerpunkt von Monika Fink geht es um die Wechselwirkungen von Bildender Kunst und Musik. Entweder ergeben sich durch die enge Zusammenarbeit von Bildenden Künstlern und Komponisten bestimmte ästhetische Übereinstimmungen oder Bilder stellen einen konkreten Anlassfall dar für die Entstehung einer Komposition. Darüber werden wir diskutieren.

Inszenierung

Im Kunsthistorischen Museum wird die Aufführung des „Tintoretto Zyklus“ inszeniert. Was ist zu erwarten?
In Wien machen wir ein Experiment, weil das Kunsthistorische Museum für größere Ensemblebesetzungen wenig Platz bietet. Deshalb erklingen manche Werke gleichzeitig, weil die Aufführung in unterschiedlichen Räumen stattfindet. Markus Kupferblum wird das Konzert mit einer gewissen Ironie inszenieren. Denn die Qualität des Gemäldes „Eroberung Konstantinopels durch die Venezianer“ von Tintoretto liegt auch in der Ironisierung des Genres. Zur Zeit der ‘Battaglia-Malerei’ hatte Tintoretto ein Schlachtengemälde zu malen, das den Auftraggeber verherrlichen sollte. Der war aber in Wahrheit schon völlig seiner Macht entledigt. Dieser Anlass – da sind wir im Zuge der Recherchen drauf gekommen – verherrlicht eine Schlacht, die überhaupt nicht stattgefunden hat und einen Feldzug, der eine reine Plünderungstour war, den man sicher nicht verherrlichen müsste.

Aktuelles

Woran arbeitest du derzeit?
Als nächstes komponiere ich einen Vokalzyklus. Ich bin vor zwei Jahren auf Gedichte von Daniela Danz gestoßen. Aus ihrem ersten Gedichtband habe ich Texte heraus gefiltert.

Der Musikmarkt

Welche Tendenzen beobachtest du im Hinblick auf die Aufführungen und Rezeption zeitgenössischer Werke?
Die Aufführung zeitgenössischer Musik wird immer mehr eine Sache, die nach gewissen Automatismen funktionieren. Die wenigen Festivals werden immer austauschbarer, weil immer mehr Veranstalter das gleiche machen. Kooperationen zwischen Festivals sind einerseits praktisch, sie führen aber auch zu einer Verflachung, weil an vielen Orten das gleiche stattfindet.
 
Ich habe das Gefühl, dass viele Werke nicht aufgrund von ästhetischen Erwägungen in Programme aufgenommen werden. Veranstalter interessieren sich in erster Linie für ein Verkaufskonzept. Entweder man spielt da mit oder man hat keine Aufführungen. Gesellschaftlich findet 1:1 das gleiche statt. Das Verkaufen wird als Heilige Kuh betrieben, die Inhalte sind Nebensache. Diese Geschäftigkeit, bei der man sich selbst nur noch über die Präsenz definiert, ist problematisch. Es entfremdet mich dem Ganzen schon ein bisschen, ich komponiere inzwischen extrem wenig. Aber es gibt auch positive Erscheinungen. Viele organisieren sich selbst und stellen sich inhaltlich neu auf. Die interessantesten Aufführungen in der letzten Zeit hatte ich bei privaten Konzerten bei Freunden.
 
Danke für das Gespräch.

Dieses Interview ist zuerst in der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft, 7/ 2011 erschienen.

Factbox:
Wolfram Schurig:  Tintoretto Zyklus – Klangspuren Schwaz
Dienstag, 20.9.2011
Schloss Ambrass, Spanischer Saal, 6020 Innsbruck, 20.00 UHR,
Ensemble: PHACE|CONTEMPORARY MUSIC

Im Anschluss an das Konzert
Bild und Musik – Komponist Wolfram Schurig im Gespräch mit Musikwissenschafterin Monika Fink; Moderation: Daniel Ender
Mittwoch, 21.9.2011
Kunsthistorisches Museum Wien – La battaglia di Constantinopel
La battaglia di Constantinopel 
eine virtuelle Erkundung von Krieg, Religion und Politik
Ensemble: PHACE|CONTEMPORARY MUSIC. Inszenierung: Markus Kupferblum

Ausschnitte aus dem Konzert bei Zeit-Ton am Montag, 26.9.2011, 23.03 Uhr

 

http://www.musikdokumentation-vorarlberg.at/