„Wo die Hände und die Finger hinfallen“ – SCARABEUSDREAM im mica-Interview

SCARABEUSDREAM veröffentlichten am 18. Jänner 2019 ihr neues Album unter dem Titel „Crescendo“ (Noise Appeal Records) und gaben damit wieder ein starkes Lebenszeichen von sich. Irgendwo zwischen Post-Hardcore und DAVID BOWIE anzusiedeln, beeindruckt das Duo aus Pinkafeld nicht nur auf Platte, sondern vor allem auch bei seinen energetischen und mitreißenden Liveshows. Mit Alexander Kochman sprachen BERND SUPPER (Keyboard, Gesang) und HANNES MOSER (Schlagzeug, Gesang) über musikalische Gegensätze, den Unterschied zwischen Kunst und Unterhaltung und darüber, was SCARABEUSDREAM ausmacht.

Sie haben vor Kurzem Ihr neues Album „Crescendo“ veröffentlicht und im Jänner auf einigen Konzerten in Österreich präsentiert. Was hat sich seit dem ersten Albumrelease vor über zehn Jahren getan? Wie hat sich die Arbeit bei Scarabeusdream verändert?

Bernd Supper: Bezüglich der Arbeitsweise selbst haben wir beim ersten Album sehr wenig aus der Hand gegeben. Da waren wir selbst hinter dem Mischpult, haben selbst aufgenommen etc. Wir haben selbst entschieden, was reinkommt und was weggeschmissen wird. Vielleicht ein bisschen selbstverliebt, aber auch total okay. Das haben wir jetzt anders gemacht. Diesmal haben wir uns so eine Art Schiedsrichter, also einen Produzenten, geholt. Der hat gesagt: „Leute, das ist der Song. Was braucht der? Braucht der Song jetzt einen Solopart über 16 Takte?“ Dass eine dritte Person dabei war, die drübergeschaut hat, ist sicher der größte Unterschied zu der Art und Weise, in der wir vor zehn Jahren gearbeitet haben.

Auf „Crescendo“ sind sehr unterschiedliche Sounds zu hören. Wie laufen die Songwriting-Prozesse bei Ihnen ab? Gibt es da eine klare Rollenverteilung ?

Bernd Supper: Also ich würde sagen, der überwiegende Teil passiert tatsächlich einfach im Proberaum. Wo die Hände und die Finger hinfallen.

Hannes Moser: Wobei du mehr das Händchen für die Struktur hast und ich vielleicht mehr die Seele für die Farbe.

Bernd Supper: Du hast das Gefühl dafür, die Struktur zu hinterfragen und aufzubrechen. Genau das macht es dann nämlich aus!

Hannes Moser: Die Struktur, die er dann in einem Song sieht, würde ich eben manchmal nicht oder anders sehen.

Bernd Supper:  Du hast ein Talent dafür, dort Akzente zu setzen, wo man es nicht erwarten würde, und das gibt dem Song Übergänge. Sonst hat man immer einen Teil nach dem anderen. Das Schlagzeugspiel formt das Ganze schon extrem. Wenn ich allein ein paar Akkorde hinlegen würde, wäre das wahrscheinlich nicht einmal als Scarabeusdream erkennbar. Und da Hannes dann in diesem System etwas ganz anderes erkennt und entsprechend dazu spielt, wird es dann ein Song.

„Die richtige Frage ist: ‚Was braucht der Song?‘“

In einem Fernsehinterview haben Sie Gegensätze angesprochen, die sich verbal in einem Streit äußern, musikalisch aber sehr interessant sein können. Wie manifestieren sich diese Gegensätze beim kreativen Prozess? Gibt es auch Situationen, in denen Sie sich musikalisch nicht einig werden?

Hannes Moser: Ich glaube, wir kennen uns schon so lange, dass wir wissen, wem welche Dinge wichtiger sind. Also wenn Bernd zum Beispiel eine Idee bringt, versuche ich zu überlegen, wie wichtig ihm diese Passage ist. Manchmal unterstütze ich diese Idee und manchmal nicht.

Bernd Supper: Ja, Gott sei Dank. Das war nicht immer so. Wir haben einander lange Zeit die falschen Fragen gestellt. Die richtige Frage ist: „Was braucht der Song?“ Und nicht: „Komme ich da jetzt fett genug rüber?“ Das erklärt vielleicht auch die lange musikalische Pause.

Hannes Moser: Es ist ein musikalisches Erwachsenwerden. Als junger Musiker will man seinen Schniedel ein bisschen raushängen lassen – à la: „Meiner ist länger als deiner.“

Irgendwann erreicht man vielleicht eine Ebene, wo es einem einfacher fällt, sich zurückzunehmen. Es hätte am aktuellen Album ein paar Nummern gegeben, die meine ursprüngliche Idee am Schlagzeug ein bisschen zerstört hätten. Das Ego ist bei einem Musiker meistens das größte Problem.

„Das Ego ist bei einem Musiker meistens das größte Problem.”

Bernd Supper: Auf der anderen Seite kann es sein, dass es dem Song manchmal total hilft, wenn man die Songstruktur mal bewusst sabotiert. Aber nicht immer. Einfach nur eine Justament-Gegenhaltung zu haben, ist zu wenig.

Hannes Moser: Das Thema ist meines Erachtens auch der Grund, warum wir so eine lange Pause gemacht haben. Weil wir uns gewissermaßen gegenseitig sabotiert haben. Ich habe vielleicht auch manchmal probiert, Sachen zu zerstören, weil ich ein Problem mit Popmusik hatte. Jetzt habe ich mich versöhnt [lacht].

Scarabeusdream (c) Scarabeusdream

Gab oder gibt es Gedanken, die Besetzung von Scarabeusdream zu erweitern?

Hannes Moser: Wir haben immer wieder Anfragen bekommen. Von Scratchern über Didgeridoo-Spieler usw.

Aber bis jetzt waren wir eigentlich immer zu egoman, warum auch immer.

Bernd Supper: Wir schließen das überhaupt nicht kategorisch aus.

Hannes Moser: Nein. Wir sind ja jetzt auch bei einer Kollaboration, bei der wir zusammen mit der Performance-Theatergruppe Saint Genet arbeiten. Eigentlich stammt diese aus Seattle, sie macht jetzt aber auch einiges in Wien. Irgendwie fangen wir jetzt an, uns zu sozialisieren.

Bernd Supper: Mit richtigen Musikern! Die Musik studiert haben und vom Blatt lesen können. Das ist auch gut. Da kracht man dann mal wieder so richtig auf den Boden und fragt sich, was man denn eigentlich für ein Schneebrunzer ist.

„[…] da waren ja die AMIGOS noch progressiver als manche Hardcore-Bands.“

Sie selbst haben öfter die Hardcore-Szene der 90er-Jahre als prägend erwähnt. Ist der Verzicht auf eine E-Gitarre bzw. die Reduzierung auf Piano und Schlagzeug eine bewusste künstlerische Entscheidung gewesen oder kam das eher aus der Not heraus?

Bernd Supper: Definitiv Letzteres. Hannes war Sänger in einer Band, zu der ich dazugestoßen bin. Das war halt so klassisch Schlagzeug, Bass, Gitarre. Ich habe dann halt auch ein wenig Keyboard dazu gespielt. Diese Band hat sich dann aufgelöst und wir zwei sind übrig geblieben. Also ist eigentlich überhaupt kein Konzept dahinter, es war ein Zufall. Ich selbst wollte eigentlich auch immer viel lieber Gitarre spielen und spiele das Klavier noch immer über einen Gitarren-Amp.

Hannes Moser: Und wenn man sich The Doors anhört, merkt man, dass eine Gitarre nicht unbedingt von Nöten ist. Aber es war definitiv aus der Not heraus und weil die Musik irgendwie niemand spielen wollte bzw. der Zugang zur Musik zusammengepasst hat. Ich war Anfang der 90er-Jahre sehr begeistert von der progressiven, positiven Stimmung in der Hardcore-Szene, aber dann sind immer mehr das „Harte-Jungs-Image“ und irgendwelchen plumpen Inhalte gekommen. Ich hatte das Gefühl, dass sich da irgendetwas weiterentwickeln muss. Ich meine, da waren ja die Amigos noch progressiver als manche Hardcore-Bands [lacht].

Im Rahmen der Recherche habe ich öfter gelesen, dass Sie sich in gewisser Weise von der (reinen) Unterhaltung distanzieren wollen bzw. für Sie Kunst einen anderen, vielleicht höheren Anspruch als nur Unterhaltung hat. Was ist Ihr Anspruch an Musik und Kunst?

Scarabeusdream Cover Crescendo

Bernd Supper: Wenn man das Gefühl hat, dass man sich auf eine Bühne stellen und äußern muss, dann hat man damit nicht nur die Möglichkeit, sich selbst darzustellen, sondern meines Erachtens auch die Verpflichtung, irgendetwas beizutragen. Da ist für mich die Grenze zwischen Kunst und Unterhaltung, bei der jeglicher Subtext fehlt. Es ist in Ordnung, dass es so etwas gibt, aber dort sehen wir uns überhaupt nicht. Das ist für mich nämlich der Gipfel der Selbstverliebtheit. Auch wenn es dann eine Bühne gibt, die höher als das Publikum ist. Aber in Summe soll es ein Erlebnis mit allen Involvierten sein. Und da spiegelt sich die Wahrheit wider.

Hannes Moser: Ich will die Leute nicht in eine Narkosesituation durch Entertainment bringen, sondern deren  Gehirne stimulieren. Die Leute sollen vielleicht auch eine nachhaltige Erfahrung von dem haben, was wir da produzieren. Es ist schön, wenn man zum Beispiel jemanden trifft, der erzählt, dass er auf einem Konzert von uns war, was ihn dann irgendwie dazu bewogen hat, auch Musik zu machen. Unterhaltung versucht, den Menschen irgendwie zu sedieren, ruhig zu stellen, und wir wollen eigentlich gerade das Gegenteil erreichen. Ob das jetzt eine positive oder negative Reaktion ist, ist dann fast zweitrangig. Alles ist besser, als sich irgendwo in der Mitte herumzutreiben.

Wie sieht es in nächster Zeit mit Auftritten aus? Sie arbeiten jetzt auch mit einer deutschen Agentur zusammen.

Bernd Supper: Ja, genau. Als Nächstes stehen der 28., 29. und 30. März im WUK-Saal an. Da gibt es die von Hannes angesprochene Performance des Künstler-Kollektivs Saint Genet, bei der wir mitwirken dürfen. Das ehrt uns sehr.

Dann sind wir ein bisschen in Europa unterwegs. Italien, Tschechien, Deutschland. Im Sommer spielen wir ein paar Festivals und im Herbst gibt es dann die nächste Österreich-Runde. Darauf freuen wir uns schon.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Alexander Kochman

Termin:
Saint Genet: “A modern history in a continuous present portrait I”
28, 29. 30. März – WUK

Links:
Scarabeusdream (Website)
Scarabeusdream (Facebook)
Noise Appeal (Website)