"Wir wollen für unsere Instrumente ein neues Repertoire entwickeln" – BartolomeyBittmann im mica-Interview

MATTHIAS BARTOLOMEY und KLEMENS BITTMANN lieferten 2014 mit ihrem Erstlingswerk „Meridian“ ein wirklich sehr schönes Beispiel dafür ab, dass es immer noch möglich ist, neue und innovative musikalische Wege zu gehen. Aktuell arbeitet das Streicherduo, das in wenigen Wochen einen Auftritt bei der JAZZAHEAD in Bremen absolvieren wird, am zweiten Album. Das Interview führte Michael Ternai.

Hört man sich durch Ihre Musik, wird sehr schnell klar, dass Sie für ein Streicherduo doch recht unkonventionell agieren. Mit der reinen Klassik hat das, was Sie zu Gehör bringen, eigentlich nichts zu tun. Würde man Ihre Kompositionen von einer Band spielen lassen, kämen diese dem Rock der 60er- und 70er-Jahre schon recht nah.

Matthias Bartolomey:
Unser Ansatz ist der: Wir wollen die Musik, die wir in der Vergangenheit gerne gehört haben und die uns auch geprägt hat, auf unser Instrumentarium übersetzen. Und ja, würden wir unsere Musik in einen Bandkontext verlagern, kämen wir einem Sound der Sorte Mahavishnu Orchestra vermutlich sehr nahe. Aber wirklich bewusst haben wir diese Entscheidung eigentlich nicht getroffen. Als wir uns ja vor ungefähr zweieinhalb Jahren zusammengesetzt haben, wollten wir zunächst nur einmal schauen, was überhaupt passiert, wenn wir zu zweit in einem Raum spielen. Seitdem hat sich die ganze Geschichte sehr stark in die Richtung entwickelt, dass wir in unseren Sessions sehr ungezwungen mit den Ideen, die wir haben und die sich entwickeln, umgehen. Letztlich versuchen wir, aus den vielen einzelnen Gedanken, den Riffs, Groove-Patterns und Melodieideen einfach etwas Eigenes zusammenzubasteln.

Clemens Bittmann: Das mit den Rockideen aus den 70er- und 80er-Jahren ist eigentlich schon ganz richtig. Das ist unter anderem auch die Musik, die wir gerne hören und in unserem Ensemble neu zu interpretieren versuchen. Wir wollen für unsere Instrumente ein neues Repertoire entwickeln. Und dabei machen wir vor keinen musikalischen Grenzen halt. Unser Ziel ist, auf diesem Instrumentarium etwas Neues zu schaffen, indem wir mit diesem auch anders umgehen.
Gerade Instrumente wie das Cello und die Geige, überhaupt die Streicherfamilie im Allgemeinen, sind ja äußerst klassisch konnotiert. Und genau diesen Aspekt nutzen wir ganz bewusst für uns, mit dem Unterschied eben, dass wir der ganzen Sache eine andere, eine deutlich bandorientiertere Richtung geben.
Matthias und ich sind eine Working-Band. Wir komponieren gemeinsam, wir üben und spielen gemeinsam, wir organisieren gemeinsam. Und das Spannende für uns ist, die klassische Musiktradition zu verlassen. Damit einher geht auch, dass wir unsere Musik auf die verschiedensten Bühnen bringen wollen, in einen Jazz-Club ebenso wie in einen klassischen Konzertsaal. Wir sind auch schon in Rock- und Pop-Clubs aufgetreten.

“Wir versuchen einfach immer, die Grenzen – seien es nun die instrumentalen oder die musikalischen – auszuloten.”

Wie gehen Sie beim Komponieren an die Sache heran? Ich habe gelesen, dass sehr viel aus der Improvisation heraus entsteht und Sie sich in ihren Probesessions regelmäßig in einen fast schon hypnotischen Zustand spielen.

Matthias Bartolomey: Das ist der Idealfall, der sich immer wieder einstellt. Wenn die Ideen aufeinanderprallen und sich die ganze Geschichte zu so einem Flow-Zustand aufschaukelt. Auf diese Weise kommt man eigentlich sehr schnell voran und die Nummern sind dann recht bald fertig. Das ist etwas, was ich an unserer Zusammenarbeit sehr genieße.
Es kommt bei uns eigentlich nie vor, dass einer mit einer bereits fertigen Nummer zu den Proben kommt. Die Lieder entstehen in den Momenten, in denen wir zusammensitzen. Und in diesen Momenten ist man sehr gefordert, die kreative Energie zum Leben zu erwecken. Der Prozess des gemeinsamen Komponierens und Schreibens ist einer, der sehr stark zusammenschweißt.

Clemens Bittmann: Ja, dabei lernt man sich richtig kennen, musikalisch wie auch persönlich. Und es ist tatsächlich so, dass eine solche Session absolut in eine Art hypnotischen Zustand übergehen kann. Wir arbeiten gerade an unserem neuen Album und sind im Moment in einer sehr intensiven Komponier-Phase. Stücke, die wir schon mehr oder weniger fertig haben, probieren wir natürlich auch bei Konzerten einmal live aus, einfach nur, um zu sehen, ob sie tatsächlich funktionieren. Und eines dieser neuen Stücke – wir werden es wahrscheinlich „Ki“ nennen – macht genau eben diesen hypnotischen Zustand auch zum Thema. Es ist ein rhythmisch sehr komplexes Stück, in dem wir in unserem Denken und Tun schon sehr stark auf einer Ebene miteinander funktionieren müssen. Es setzt ein hohes Maß an gegenseitigem Vertrauen voraus, um „Ki“ spielen zu können. Diese komplexen Rhythmusaneinanderreihungen sind etwas, was man nicht mit jedem machen kann.

Matthias Bartolomey: Wir versuchen einfach, die Grenzen – seien es nun die instrumentalen oder die musikalischen – auszuloten und nach oben hin immer höher zu setzen. Die Stücke, die jetzt entstanden sind oder entstehen, sind zum Teil noch herausfordernder als die früheren. Und das eigentlich in allen Belangen. Vom Grad der Schwierigkeit her wie auch von dem der Virtuosität und der Komplexität.

Es überrascht auch, dass Sie eigentlich vollkommen akustisch zu Werke gehen und dennoch einen richtig mächtigen Sound fabrizieren.

Matthias Bartolomey: Stimmt, wird sind ein rein akustisches Duo. Aber es ist schon so, dass wir live verstärkt – sprich mikrofoniert – spielen. In puncto Ästhetik haben wir eine sehr druckvolle und nicht wirklich der Klassik entsprechende Vorstellung von Klang.

Clemens Bittmann: Verzerrende und verstärkende Gerätschaften sind eigentlich auch gar nicht notwendig. Gerade Effekte wie etwa Chorus sind Dinge, die auf Streichinstrumenten irrsinnig gut funktionieren und die man super spielen kann. Ganz einfach, weil diese Effekte in den Instrumenten – die, nebenbei bemerkt, vor ein paar Jahrhunderten entstanden und gebaut worden sind – ohnehin drinnen sind. Sie existieren in ihnen. Diese Effekte aus den Instrumenten herauszukitzeln und sie in einem neuen musikalischen Kontext aufgehen zu lassen, das ist das Spannende an der ganzen Sache.

“Es geht aktuell einfach darum, die Aussagen – mehr als noch auf der ersten Platte – zu konkretisieren.”

Beeindruckend ist vor allem auch die musikalische Breite, die Sie abdecken. Hört man sich etwa durch das Debüt „Meridian“, findet man eigentlich keine Nummer, die der anderen ähnelt. Die musikalische Vielfalt dürfte etwas sein, worauf Sie sehr viel Wert legen, oder?

Clemens Bittmann: Man muss dazu sagen, dass „Meridian“ letztendlich eine Sammlung von Kompositionen ist, die innerhalb der letzten eineinhalb Jahre entstanden sind. Und musikalisch handelt es sich um die Auslotung dessen, was alles möglich ist. Wenn man das als „breit aufgestellt“ formuliert, ist das schön und wir nehmen das auch als Kompliment. Die verbindenden Elemente sind trotzdem das Instrumentarium und der Aspekt, dass alles zusammengehört. Auf „Meridian“ ist es zunächst einmal darum gegangen, Dinge zu entdecken. Jetzt sind wir an dem Punkt, an dem wir schon wissen, was uns gefällt und auch liegt. Und das sind eben Groove, das Rockige wie auch das Lyrische.
Letztendlich setzen wir uns aber nicht hin und sagen, dass wir jetzt in eine bestimmte Richtung schreiben. Es kommt sehr stark darauf an, wie diese aus den Sessions hervorgehenden improvisatorischen Zellen miteinander wirken, wie die eine hin zur nächsten führt.
Ich glaube, dass für uns die Musikrichtung nun eigentlich schon recht definiert ist. Es geht jetzt nicht mehr darum, das Ding neu zu erfinden, sondern vielmehr darum, die kompositorischen und musikalischen Stärken noch weiter auszubauen und da noch mehr an die Kanten heranzugehen.

Matthias Bartolomey: Es geht aktuell einfach darum, die Aussagen – mehr als noch auf der ersten Platte – zu konkretisieren. Diese Entwicklung ist auch irgendwie logisch, weil wir mit unserer Musik ja doch neues Terrain erschließen und sich alles, was nach einem bereits getanen Schritt folgt, im Idealfall der Essenz des Ganzen annähert.
Dass unsere musikalische Bandbreite so groß ist, liegt auch daran, dass wir zu zweit sind. Im Duo zu spielen, ist eine super Sache. Man kann in dieser Konstellation wirklich intensiv aufeinander eingehen und so viele Qualitäten und Facetten herausarbeiten. Auf der anderen Seite ist das Spiel zu zweit aber auch ein sehr herausforderndes, weil man eigentlich permanent gefordert ist. In einer Rockband mit mehreren Mitgliedern ist es wahrscheinlich eher möglich, sich einmal für kurze Zeit etwas zurückzunehmen und die anderen machen zu lassen. Im Duo geht das nicht.
Etwas, was auch noch in die ganze Geschichte hineinspielt, ist, dass wir wissen wollen, wie groß man zu zweit eigentlich klingen kann. Deswegen verwenden wir bei einigen Nummern auch Vocals, um das Ganze noch orchestraler zu machen.
All diese Dinge ergeben zusammen, glaube ich, dieses vielfältige musikalische Bild.

Clemens Bittmann: Ein weiterer spannender Aspekt für mich ist, dass ich mit der Geige und der Mandola zwei Instrumente zur Verfügung habe, die gänzlich unterschiedliche Rollen ausfüllen und damit zwei verschiedene musikalische Ansätze ermöglichen. In der Besetzung mit der Geige übernimmt Matthias mit dem Cello und dessen Bassfunktion quasi die Rolle der gesamten Rhythmuscombo, während ich das Brett obendrüber mache und in Gitarren-Richtung oder Sänger-Richtung agiere. Das ist vor allem bei den eher rockorientierten Nummern der Fall. Diese Rollenverteilung kann sich in der Besetzung mit der Mandola – hierbei handelt es sich, grob umschrieben, um eine kleine, in Quinten und um eine Oktave tiefer gestimmte Gitarre plus eine H-Saite – sehr schnell wieder drehen. Genau aus diesem Gegensatz heraus gewinnt die ganze Sache für mich zusätzlich an Reiz. Und das nicht nur beim Komponieren, sondern vor allem auch live, wo die Anforderungen von Nummer zu Nummer wechseln.

“Es geht uns schon auch sehr darum, Musik mit Substanz zu machen, eine, die über den bloßen Effekt hinausgeht.”

Weil gerade das Wort „live“ gefallen ist. Ich nehme an, die Leute sind nicht selten darüber erstaunt, was man soundtechnisch so alles aus einer Streicher-Duo-Besetzung herausholen kann?

Matthias Bartolomey: Absolut. Bis jetzt haben wir ausschließlich positives Feedback erhalten. Vor allem dahingehend, dass viele gesagt haben: „Ihr hört euch wirklich an wie eine riesen Band. Es klingt überhaupt nicht so, als würden nur zwei Leute auf der Bühne stehen.“ Das gibt natürlich unglaublich viel Selbstvertrauen. Auch weil dieses Feedback von unterschiedlichsten Publikumsschichten kommt. Wir sind doch irgendwie musikalische Exoten und versuchen auch diesen Umstand zu unserem Vorteil zu nutzen.
Aber es ist dennoch so, dass bei uns das Musikalische doch immer im Mittelpunkt steht, dass wir vor allem unser Schaffen in den Fokus rücken. Im Moment stehen wir von unserem musikalischen Ansatz her für etwas Neues. Aber irgendwann einmal, wenn wir bekannter sein sollten, fällt dieser neue Faktor weg. Deswegen geht es uns schon auch sehr darum, Musik mit Substanz zu machen, eine, die über den bloßen Effekt hinausgeht.

Klemens Bittmann: Für mich ein irrsinnig schöner Moment war, als nach einem Konzert die beiden Töchter der Veranstalter, die selber in einer Streicher-Gruppe spielen, zu uns gekommen sind und uns um die Noten gebeten haben, um unsere Stücke auch selber spielen zu können. Das zeigt mir, dass das Musizieren mit Streichinstrumente mittlerweile wieder cool und interessant ist, weil man mit ihnen doch auch etwas anderes als klassische Musik machen kann.

Wie sieht die nahe Zukunft aus? Das Album soll doch im Sommer erscheinen?

Klemens Bittmann: Erscheinen nicht, aber fertig sein. Wir nützen in den nächsten Monaten die wunderbaren und von Preiser Records zur Verfügung gestellten Aufnahmemöglichkeiten im Casino Baumgarten, um das neue Album aufzunehmen. Parallel dazu gibt es mehrere andere Projekte, die teilweise noch entwickelt und fertig gestellt werden müssen. Aktuell haben wir ein Projekt mit Ursula Strauss. Es heißt „Marlene“ und befasst sich mit Liedern und Texten von Marlene Dietrich und ihrer Tochter Maria Riva. Wir haben die Lieder für die Ursula teilweise neu arrangiert, wobei wir aber schon auch darauf geachtet haben, unsere Ästhetik nicht zu verlassen – im dem Sinne, wir sind jetzt die Begleitband von Ursula. Wir haben als Trio versucht, etwas Neues in die Sache hineinzubringen. Und ich glaube, dass ist uns auch ganz gut gelungen.
Parallel dazu gibt es einen Auftrag von Ursula Strauss, die in ihrer Funktion als Intendantin von “Wachau in Echtzeit” vor einem Jahr an uns und Ewald Palmetshofer, einem Burgtheater-Literaten, herangetreten ist, ein Stück für das Festival zu schreiben. Das Stück stammt aus der Feder von Ewald und heißt „Wo der Hund begraben liegt“. Wir vertonen es.
Generell ist es aber so, dass unser Hauptaugenmerk im Moment definitiv auf unserem Duo und dem neuen Album, das im Herbst erscheinen soll, liegt.

Danke für das Interview.

Michael Ternai
Foto BartolomeyBittmann 1: M. Parovsky
Foto BartolomeyBittmann 2: Leo Fellinger
Foto BartolomeyBittmann 3: Andrea Peller

http://www.bartolomeybittmann.at/