Festivalleitung (c) Rania Moslam

„Wir wollen das Festival sehr breit aufstellen“ – MARTINA LAAB und KATRIN PRÖLL (FESTIVAL SALAM ORIENT) im mica-Interview

Das MUSIC & ART FESTIVAL SALAM ORIENT gibt es seit 17 Jahren, seit 2017 unter der Leitung von MARTINA LAAB und KATRIN PRÖLL. Die beiden sprachen mit Jürgen Plank darüber, was sie geändert haben, mit welchem Orient-Begriff sie arbeiten und welche Programmschwerpunkte sie für das heurige Festival gesetzt haben.

Wie kam es, dass Sie beide das Festival Salam Orient leiten?

Martina Laab: Wir haben miteinander schon Projekte gemacht, zum Beispiel den Austrian World Music Award. Wir leiten auch den Verein „IG Weltmusik“. Ein Gründungsmitglied des Vereins war Norbert Ehrlich, der lange die Szene Wien geleitet hat. Er hat Salam Orient ins Leben gerufen. Da er nun knapp über 75 Jahre alt ist, hat er sich gedacht, dass es nun Zeit ist, die Festivalleitung abzugeben. Deshalb hat er uns gefragt, ob wir uns vorstellen können, diese Aufgabe als Team zu übernehmen.

Haben Sie lange überlegt?

Katrin Pröll: Für mich war es sehr schnell klar, weil ich schon sehr lange im Weltmusikbereich unterwegs bin und vor allem die Musik aus dem arabischen Raum mein Schwerpunkt ist. Insofern war das ein Traumprojekt.

Was war eine Herausforderung bei der Übernahme des Festivals?

Martina Laab: Das Festival hat seine Tradition, es hat seinen Ruf in der Stadt und wir wollten es bis zu einem gewissen Grad so lassen, wie es ist, aber auch unsere eigene Note hinzugeben und das Festival vielleicht ein bisschen mehr ins Jetzt holen. Das war die größte Herausforderung. Wir wollten traditionelle Musik bringen, aber auch neue, junge Gruppen, die ihre Musik mit westlichen Elementen mischen. Wir wollten auch ganz junge und unbekannte Bands.

Katrin Pröll: Wahrscheinlich haben wir die größten Veränderungen im Marketing-Bereich gesetzt, in der Bewerbung in sozialen Netzwerken, da war noch nicht viel vorhanden. Wir haben auch ein ganz neues Design des Logos gemacht und wollen so ein jüngeres Publikum erreichen.

„Durch die Beleuchtung der Musik, der Kultur wollen wir ein anderes Bild in die Köpfe der Menschen bringen.“

Welche Schwerpunkte haben Sie beim Programm des heurigen Festivals gesetzt?

Katrin Pröll: Dieses Jahr haben wir zwei große Themen: einerseits die Region Palästina, Libanon und Israel, andererseits die kurdische Musik. Wir sind zwar kein politisches Festival, aber wir wollen doch Länder und Regionen beleuchten, die bei uns eher durch negative Schlagzeilen auffallen. Durch die Beleuchtung der Musik, der Kultur wollen wir ein anderes Bild in die Köpfe der Menschen bringen.

Welchen Orient-Begriff verwenden Sie? Norbert Ehrlich hat den Begriff eher weit gefasst, wie ich aus einem Gespräch mit ihm weiß.

Martina Laab: Das ist bei uns ähnlich. Wir verwenden den Begriff als großen geografischen Raum. Wir sind uns im Klaren darüber, dass der Begriff politisch und sprachwissenschaftlich nicht unproblematisch ist. Das ist ein großer Raum – vom Nahen Osten über den arabischen Raum bis nach Indien. Wir überlegen, nächstes Jahr auch China hinzuzuholen. Wir wollen das Festival sehr breit aufstellen.

Katrin Pröll: Wir gehen überall dorthin, wo sich die arabische Kultur schon einmal angesiedelt hat. So kann es vorkommen, dass wir wie letztes Jahr in Andalusien landen. Den Begriff weit zu fassen macht uns Spaß, weil wir so durch die ganze Welt reisen können.

Damit zum konkreten Programm von Salam Orient 2018, in dem sich auch „Mountain Rock“ findet. Was ist das?

Martina Laab: Die Gruppe Tootard von den Golanhöhen hat diesen Begriff geprägt, weil sie aus einem kleinen Bergdorf kommt. Die Gruppe spielt eine Mischung aus Wüstenblues mit Reggae-Einflüssen und arabischer Musik.

Marwan Abado (c) osaka

Katrin Pröll: Wir haben die Gruppe bei einer Musikmesse in Marokko kennengelernt. Die Bewohnerinnen und Bewohner der Golanhöhen leben in einer ganz speziellen Situation. Sie haben keine Nationalzugehörigkeit und keine Pässe, sondern nur Passierscheine. So ist die Musik für Tootard, die nirgendwo zugehörig sind, eine Möglichkeit, eine Identität zu finden. Mit der Musik haben sie eine Freiheit, die ihnen kein Pass geben kann. Ihr zweites Album ist die erste internationale Veröffentlichung von den Golanhöhen, das ist etwas Besonderes. Wir sind stolz darauf, dass wir diese Band zum ersten Mal nach Österreich holen können.

Auch Marwan Abado wird in verschiedenen Rollen Teil von Salam Orient sein. Was wird er alles machen?

Martina Laab: Marwan Abado wird im RadioKulturhaus ein Konzert spielen, und zwar gemeinsam mit Paul Gulda und erstmals – das ist eine Premiere – mit Derya Türkan an der Kamangah.

Was wird Abado noch machen? Sie denken offenbar bereits an die nächste Generation, die sich für Musik aus dieser Region begeistern könnte.

Katrin Pröll: Für uns ist es wichtig, dass wir mit Kindern ein spezielles Programm machen können. Darauf hat sich Abado schon seit einigen Jahren spezialisiert, er macht viel an Schulen und er hat das Konzept „Die Rhythmusstraße“ entwickelt. Da geht er auf Musik ein, stellt aber auch Verbindungen zur Sprache her. Ich war bei einem seiner Workshops dabei und das war sehr spannend. In der Brunnenpassage bieten wir für Schulklassen zwei Workshops mit Marwan Abado an. Und Abado ist auch beim Stück „Das bunte Kamel“ von Marko Simsa dabei, das findet ebenfalls in der Brunnenpassage statt.


Greifen Sie bitte einen Programmpunkt heraus, der Ihnen besonders am Herzen liegt.

Martina Laab: Ich nehme das israelische Yamma-Ensemble, das am 20. Oktober im Porgy & Bess spielen wird. Wir wollten ein Ensemble, das wirklich traditionelle Musik spielt. Dieses Ensemble haben wir auf der Weltmusikmesse WOMEX kennengelernt. Es spielt auch alte Psalmen, eines seiner Videos mit dem Psalm 104 wurde über eine Million Mal angeklickt. Und das Ensemble bringt jüdische Traditionen aus der Diaspora ein, zum Beispiel aus dem Jemen.

„Wir haben uns vorgenommen, auch in die Regionen zu gehen, die für uns interessant sind.“

Wie haben Sie Ihre Programmpunkte gefunden? Sind Sie monatelang auf Reisen oder recherchieren Sie hauptsächlich im Internet?

Martina Laab: Beides. Es ist schon wichtig, sich Bands live anzusehen, und dafür gibt es eben diese Showcase-Festivals, das hat sich in den letzten Jahren sehr entwickelt. Aber wir haben uns vorgenommen, auch in die Regionen zu gehen, die für uns interessant sind. Deswegen waren wir letztes Jahr auch in Marokko und in Israel. Wir sprechen auch mit internationalen Veranstalterinnen und Veranstaltern, die ähnlich programmieren, um vielleicht eine Band gemeinsam herzuholen und sich die Flugkosten zu teilen.

Was ist aus Ihrer Sicht ein Highlight des Festivalprogramms?

Katrin Pröll: Wir freuen uns sehr über Gaye Su Akyol aus Istanbul, sie ist ein Kunstfigur, eine Konzeptkünstlerin, deren Musik auf ganz altes Liedgut zurückgreift. Gleichzeitig ist aber auch Punk dabei, es ist eine wilde Mischung. Sie sagt selbst, dass ihr neues Album feministisch und revolutionär ist und sie eine Idealistin ist, die nicht zu träumen aufgibt.

Warum sollte man das Salam Festival 2018 unbedingt besuchen?

Martina Laab: Weil es den Horizont erweitert, weil man in verschiedene Regionen reisen kann, in die man sonst vielleicht nicht so leicht kommt, etwa zu den Golanhöhen. Man wird sicher im Programm etwas finden, was einem gefällt.

Katrin Pröll: Man sollte unbedingt dabei sein, weil – auch aus der Erfahrung vom letzten Jahr kann ich das sagen – einfach unglaubliche Konzerterlebnisse bevorstehen. Auch das Publikum kommt aus aller Herren Länder. Oft bringen wir Bands zum ersten Mal nach Österreich und es könnte sein, dass diese Gruppen nicht so schnell wiederkommen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Jürgen Plank

Fotos: Osaka, Promotion, Rania Moslam

 

Termin:
Salam Orient (15. bis 23. Oktober 2018)

Links:
Salam Orient (Website)
Salam Orient (Facebook)