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„Wir waren echt verwundert darüber, dass es auch mal so schnell gehen kann“ – LÖVEN im mica-Interview

Die drei Mitglieder von LÖVEN sind alles andere als unbeschriebene Blätter und konnten mit ihrer alten Band MY GLORIOUS bereits zahlreiche internationale Erfolge feiern. Nun haben sie sich neu erfunden und im vergangenen Jahr, u.a. mit Songs wie „ANANANDA“, einiges an Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Alexander Kochman sprach mit SAMI FISCHER, sowie GREGOR und PAUL SAILER über ihre musikalische Neuorientierung, Erfolge und ein kommendes Album.

Mit eurer alten Band MY GLORIOUS ging es ja jahrelang in die Indie-Alternative-Rock-Richtung, mit LÖVEN seid ihr davon jetzt doch relativ weit entfernt.  War das eine bewusste, strategische Entscheidung?

Gregor Sailer: Schon. Diesmal wollten wir etwas machen, das einerseits Deutsch ist, weil das einfach viel Aufwind bekommen hat, und andererseits etwas, das auch ins Radio passt bzw. dem Mainstream näherkommt. Das war eigentlich das Ziel.  Und weil wir auch sehr viel Popmusik hören bzw. viele Popkünstlerinnen und -künstler lieben, widerspricht das auch nicht unserem Geschmack. Deswegen haben wir uns gedacht, dass wir einfach Mainstream-Pop pur machen. Nach ein paar Monaten Herumprobieren sind wir dann draufgekommen, dass wir immer wieder ins Alternative zurückdriften. Aber es gibt trotzdem ganz bewusst modernere Beats, Hip-Hop-lastige Drums und elektronische Sounds. Mainstream mit einer alternativen Richtung. anscheinend kommt das so aus uns raus. Insgesamt war es schon eine bewusste Entscheidung, ganz andere Wege zu gehen.

Gab es da auch Diskussionen, wie diese Neuorientierung klingen soll?

Gregor Sailer: Das gehört immer dazu. Weil im Normalfall machst du dir, wenn du eine Band startest, mit deinen Freunden eine Hetz und spielst die Musik, die allen taugt. Vielleicht in einem konkreten Genre oder für eine gewisse Zielgruppe. Und wenn man dann einmal von dem weg möchte oder etwas verändern will, gibt es natürlich Diskussionen.

Sami Fischer: Wobei man erwähnen muss, dass wir alle drei sehr viel Verständnis für die kreativen Vorlieben des anderen haben und da auch sehr offen sind. Wir kommen auch aus einer Musik, die total Hands-On ist. Mit MY GLORIOUS waren wir die ganze Zeit auf Tour und haben dauernd Konzerte gespielt. Die Songs kamen oft einfach durchs Jammen und Spielen. Mit der Musik, die wir jetzt machen, ist die Herausforderung die, dass viel am Computer entsteht. Wir verbringen unterm Strich viel weniger Zeit am Instrument gemeinsam im Proberaum. Das war eigentlich die größte Challenge, würde ich sagen.

Wie funktioniert denn der Songwritingprozess bei euch? Gibt es da eine Art Rollenverteilung?

Sami Fischer: Das Meiste kommt schon von mir. Ich habe mir über die Jahre einige Songwriting-Praktiken angeeignet, die ich immer wieder anwende. Wenn mir beispielsweise eine Nummer von einer anderen Interpretin oder einem Interpreten total taugt, höre ich sie mir im Hintergrund an und „riffe“ selber ein bisschen dazu. Dabei versuche ich nicht, diese Nummer zu kopieren, sondern herauszufinden, was mich daran berührt, um das dann in etwas Neues zu übersetzen. Manchmal nehme ich mir aber auch einfach irgendwelche Beats und schaue, was mir dazu einfällt, oder mache am Computer ein Radl mit Harmonien, die mir gefallen. Im Prinzip ist es so, dass ich eine Idee vorformuliere und dann am Computer schreibe.
So kommt sehr schnell eine Skizze zusammen, die ich dann eigentlich sofort Gregor und Paul schicke. Die urteilen dann, ob es ihnen gefällt. Wenn das nicht der Fall ist, bleibt die Idee halt liegen. Oder ich bin so von ihr überzeugt, dass ich versuche, sie zu überzeugen. Ansonsten arbeiten wir auch oft gemeinsam an Texten. Im nächsten Schritt geht es dann mit einer Demo zu unseren Produzenten Niki [Nikola Paryla; Anm.] und Andi [Andreas Grass; Anm.] von POPMACHÉ. Die haben großen Einfluss auf den Sound, weil sie uns helfen, alles auch aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

„Wir haben da schon an sehr vielen Schrauben gleichzeitig drehen müssen, um es so hinzubekommen, wie wir es wollten.“

Ihr habt auf eurem Channel euch einige Videos mit Liveversionen, welche alle überraschend fett klingen. Wie war da eure Herangehensweise, den doch auch elektronisch geprägten Sound der Studioversion, dann in ein Livesetting zu übertragen?

Gregor Sailer: Das war sehr viel Arbeit. Wir haben teilweise fünf verschiedene Versionen von einem Lied ausprobiert. Das hat auch dazu geführt, dass sich das Spiel jedes einzelnen von uns verändert hat. Ich verwende zum Beispiel jetzt auch ganz anderes Equipment, eines, das einen ganz anderen Ton erzeugt. Wir haben da schon an sehr vielen Schrauben gleichzeitig drehen müssen, um es so hinzubekommen, wie wir es wollten. Die Songs sollen zwar wie aufgenommene Versionen klingen, gleichzeitig sollen sie aber auch eine geile Live-Attitude haben. Das ist jedes Mal ein schmaler Grat.

Sami Fischer: Wir haben eigentlich immer den Anspruch, dass der Song auch ohne Samples und fancy Sounds stehen muss.

Wahrscheinlich kommt es auch deshalb so gut rüber…

Gregor Sailer: Ja, genau. Ende 2019 hatten wir auch ein etwas größeres Konzert. Das hat echt viel Spaß gemacht, aber ich hätte natürlich gerne gewusst, wie sich das Ganze nach beispielsweise zehn Konzerten anfühlt. Nach so viel Aufbauarbeit hat man sich schon sehr darauf gefreut, wieder mehr Konzerte zu spielen, aber dann ist halt Corona gekommen.

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Wie war das vergangene Jahr für euch denn als Künstler? Konntet ihr die Zeit nutzen?

Sami Fischer: Naja, wir haben halt viel im Studio verbracht. Wir hatten das Glück, dass unsere Singles sehr viel im Radio und anderswo gespielt wurden und auch immer noch werden. Das ist schon super, auch wenn das wirtschaftlich jetzt nicht so einen großen Unterschied macht. Aber immerhin haben wir etwas zu tun, etwas, woran wir auch Spaß haben. Aber klar, wir würden schon gerne wieder live spielen. Wobei man auch sagen muss, dass wir diesbezüglich unsere Sünden gewissermaßen abgebüßt haben. Mit MY GLORIOUS waren wir einfach so viel auf Tour, dass wir uns mit LÖVEN recht bewusst dagegen entschieden haben, jeden Kirtag oder jedes Stadtfest mit einem 13:30 Uhr Slot zu spielen (lacht). Das würde mittlerweile auch nicht mehr zur Musik passen. Wir wollen dort spielen, wo es uns taugt und vor allem wo uns die Leute auch hören wollen.

Im Moment machen wir auch gerade ein Crowdfunding für ein Konzert im Herbst. Konzerte sind ja immer – und besonders jetzt – ein finanzielles Risiko. Deswegen machen wir eben dieses Crowdfunding, wo die Leute vorab Tickets, Merchandise etc. kaufen können. Und wenn wir das Budget zusammen bekommen, wird das Konzert organisiert. Da das auch irgendwie etwas Neues ist, braucht es natürlich etwas Überzeugungsarbeit. Aber es ist ein cooles Konzept.

Die optischen Elemente – allem voran die Musikvideos – sind bei LÖVEN auch sehr ansprechend. Macht ihr das auch selbst?

Sami Fischer: Ja das machen wir alles selbst. Gelegentlich haben wir mal einen Kameramann oder eine Kamerafrau dabei, aber sonst… Wir machen da aus der Not eine Tugend und verwenden extrem viel Creative Commons Material. Es ist dann natürlich sehr schwierig, so etwas mit unserem Kontext zu verbinden, aber irgendwie schaffen wir es dann doch immer. Es gibt ja sehr viele Musikvideos, die einfach nur aus Stock Material bestehen, was eh auch passt, aber man sieht es halt. Und wir glauben eben, dass wir diesen Schritt schaffen, daraus etwas Eigenes zu kreieren. Da investieren wir auch sehr viel Energie und schneiden uns selbst in Szenen hinein oder verknüpfen uns über Grafiken und Farbgebung. So geht es dann vom Hundertsten ins Tausendste. Und wenn dann am Ende ein schlüssiges Video herauskommt, ist die Reise gelungen.

„Wir waren es eigentlich gewohnt, extrem darum kämpfen zu müssen, im Radio gespielt zu werden.“

Ihr seid durch eure Zeit mit MY GLORIOUS auch Erfolge gewohnt. Und auch mit LÖVEN ist es – insbesondere im Radio – sehr schnell gegangen. Habt ihr das so erwartet bzw. erhofft?

Sami Fischer: Mit MY GLORIOUS war es ja eigentlich ganz anders. Es gab schon Radioairplay, aber das waren eher Collegeradios und weniger der Mainstream. Da waren unsere Erfolge alle irgendwie offline. Wir haben beispielsweise als erste europäische Band den International Independent Music Award in Amerika gewonnen. Einmal waren wir auch auf iTunes Newcomer des Jahres, was aber in Hinblick auf Airplay kaum einen Unterschied gemacht hat. Wir waren es eigentlich gewohnt, extrem darum kämpfen zu müssen, im Radio gespielt zu werden. Ganz einfach, weil wir keine Radiomusik gemacht haben. Einmal wurden wir mit MY GLORIOUS auf FM4 gespielt und der Moderator hat uns total auseinandergenommen, weil er uns nicht international genug gefunden hat. Was eigentlich lustig ist, weil ich Engländer bin und wir damals in Kalifornien aufgenommen und produziert haben. Also eigentlich war das der Inbegriff von international, wenn man so will.

Gregor Sailer: Er hat dann gesagt: „Es muss halt schon auch gut sein…“ [lacht]

Sami Fischer: Somit ist der Radioerfolg, den wir schon bisher mit LÖVEN hatten, überhaupt nicht gewohnt für uns. Es war sogar so, dass die erste Single „ANANANDA“ schon drei Wochen vor der eigentlichen Veröffentlichung, bei FM4 auf und ab gelaufen ist. Im ersten Moment war das fast etwas irritierend. Wir waren echt verwundert darüber, dass es auch mal so schnell gehen kann.

Gregor Sailer: Jetzt mit LÖVEN haben wir zwar von Anfang an gehofft, dass wir es ins Radio schaffen, dass es dann aber tatsächlich so schnell geht, hat uns schon fast irgendwie überrumpelt.

Im Sommer soll ein Album kommen. Was wird uns außer den bisherigen Hits erwarten?

Gregor Sailer: Für uns ist es auch sehr wichtig, dass wir auch Lieder haben, die als Single nicht funktionieren würden. Wenn ich mir z.B. meine Kindheit ohne Alben vorstelle, da würde mir musikalisch gesehen, sehr viel fehlen. Heutzutage sagen die Plattenfirmen, man soll halt die Singles sammeln und daraus ein Album machen. Uns ist diese Herangehensweise ein bisschen zu wenig, auch wenn ich den Gedanken dahinter verstehe. Das ist ja auch nicht unschlüssig, aber für uns braucht es auch einen Platz für Nummern, welche vielleicht nicht als Single funktionieren. Auch in der heutigen Zeit. Und ich glaube eigentlich, dass es die Leute vielleicht auch interessieren wird, da es ja weitere Facetten von uns zeigt.

Vielen Dank für das Gespräch! 

Alex Kochman

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