„Wir versuchen uns, soviel Freiraum wie möglich zu bewahren […]“ – GIOVANNA FARTACEK (MYNTH) im mica-Interview

Dass sie den elektronisch angehauchten Pop anspruchsvoller und vor allem eigener Note vortrefflich beherrschen, haben MARIO und GIOVANNA FARTACEK als MYNTH schon auf ihren bisherigen zwei Alben in eindrucksvoller Manier unter Beweis gestellt. Mit „Shades I Mynth“ (Assim Records) erschien nun das dritte Werk des aus Salzburg stammenden Geschwisterpaares. Und wie es eigentlich zu erwarten war, bietet es einmal mehr wundere Musikkost. Im Interview mit Michael Ternai sprach GIOVANNA FARTACEK über die Entscheidung der Band, ein eigentlich schon fertiges Album zu kübeln, über die Suche nach einem neuen Sound und darüber, warum ihr Pop dann doch etwas ungewöhnlicher ist.

Beim Durchhören eures neuen Albums „Shades I Mynth“ fällt auf, dass ihr euren Sound dieses Mal doch ein wenig erweitert habt. Und das, obwohl ihr gefühlsmäßig noch reduzierter an die Sache herangegangen seid als bisher.

Giovanna Fartacek: Uns ist von Album zu Album immer klarer geworden, dass wir zwar den elektronischen Sound sehr schätzen und ihn auch weitermachen wollen, gleichzeitig ist in uns aber auch der Wunsch gewachsen, wieder mehr zu unseren Wurzeln zurückzukehren. Mario kommt ja von der Gitarre und wir haben vor Mynth beide in diversen anderen Bands gespielt. So gesehen war die Entscheidung, in diese Richtung zu gehen, jetzt auch nicht so ungewöhnlich. Wir wollten für dieses Album einfach einen organischeren Sound und haben aus diesem Grund die Gitarre wieder mehr in den Vordergrund gerückt. Wobei man schon sagen muss, dass wir sie sehr divers verwendet haben. Vieles, was von der Gitarre kommt, nimmt man nicht wirklich als Gitarre wahr, sondern eher als Synthieflächen. Es war aber jetzt auch nicht so, dass wir uns komplett neu erfinden wollten. Der Bogen unserer gesamten Entwicklung sollte schon noch nachvollziehbar bleiben.
Auf jeden Fall hat der gesamte Entstehungsprozess des Albums sehr lange gedauert. Fast zwei Jahre. Das lag auch daran, dass wir schon relativ bald ein Album fertig hatten, dieses aber dann verworfen und neu begonnen haben. Wir waren mit diesem ersten Versuch einfach nicht zufrieden. Es hat sich für uns einfach nicht richtig angefühlt.
Der Schlüsselsong, der uns dann in die richtige Richtung geführt hat, war „Laurel“. Es war die Nummer, in der wir zum ersten Mal die Gitarre so richtig reingebracht haben. Dadurch bekam sie auch diese besonderen Bowie‘schen Vibes, was uns einfach sehr gut gefallen hat. Ich würde sagen, dass die neuen Songs trotzdem immer noch melancholisch sind, gleichzeitig sind sie aber auch etwas luftiger und lebendiger als zuvor. Das war uns wichtig.

Man hört den Songs an, dass ihr an ihnen lange gearbeitet und herumgetüftelt habt. Der Sound ist generell sehr auf die Basics hinuntergebrochen. Er erinnert von der Stimmung her ein wenig an Portishead 

Giovanna Fartacek: Portishead ist eine Band, die uns in der Vergangenheit definitiv beeinflusst hat. Es ist die Musik, die wir auch gerne hören. Aber es ist auf keinen Fall so, dass wir uns eine Interpretin oder einen Interpreten als Vorlage dafür hernehmen, wie wir klingen wollen. Und geht es immer darum, eine bestimmte Stimmung zu transportieren und ein Soundgewand zu finden, in dem wir uns wohlfühlen und das gut zu uns passt.

Es schwingen auch immer wieder gewisse 1980er-Jahre Vibes mit. 

Giovanna Fartacek: Ich glaube, das liegt an manchen Synths, die sehr signifikant klingen und diese Vibes auslösen. Aber auch hier war das jetzt keine bewusste Entscheidung.

„Unser Ziel war, ein Album zu machen, das wir selber immer wieder gerne hören.“

Eure ersten beiden Alben waren sehr erfolgreich und haben euch das Tor zur internationalen Bühne geöffnet. Inwieweit habt ihr dieses Mal einen Druck verspürt, irgendwelche Erwartungshaltungen erfüllen zu müssen?  

Giovanna Fartacek: Ich glaube, für sehr viele Musikerinnen und Musiker ist das dritte Album eine Art Schlüsselalbum. Und auch wir hatten das Gefühl, dass bei diesem Album der nächste Schritt folgen muss. Daher haben wir uns zu Beginn eigentlich auch einen wahnsinnigen Druck gemacht, was aber, wie sich herausstellte, nicht gut war. Nachdem wir unser bereits aufgenommenes Album gekübelt hatten, entschieden wir uns, erst einmal einen Schritt zurück zu machen, um uns darüber klar zu werden, in welche Richtung es tatsächlich gehen sollte. Dafür haben wir uns bewusst Zeit genommen.  Unser Ziel war, ein Album zu machen, das wir selber immer wieder gerne hören. Wie sich jetzt zeigt, war dieser Weg der richtige. Wir bekommen von den Leuten viele positive Rückmeldungen. Viele meinen, die Songs würden etwas mit ihnen machen, sie würden ihnen gefallen, weil man sie sich in unterschiedlichsten Stimmungslagen anhören könne. Egal ob man nun nicht so gut drauf oder fröhlich sei. Ich kann für mich auf jeden Fall sagen, dass ich innerlich selten so sehr zusammengeräumt war wie jetzt nach diesem Release.

Bild Mynth
Mynth (c) Patricia Narbon

Interessant an eurer Musik ist, dass sie zwar unter Popmusik läuft, sie aber dann doch nicht deren Regeln folgt.  

Giovanna Fartacek: Ich denke, wir schreiben einfach intuitiv. Bei mir ist es so, dass ich beim Schreiben eine gewisse Stimmung brauche. Ich kann mich jetzt nicht einfach hinsetzen und einen Song schreiben. Schon gar nicht nach einem bestimmten Schema. Das ist nicht die Art, wie wir schreiben. Bei uns ist das Songschreiben extrem gefühlsgeleitet, was, so glaube ich, auch verhindert, dass wir uns einengen. Wir überlegen uns nicht, ob zum Beispiel eine Hook catchy ist oder dass eine Nummer nur drei Minuten dauern darf, damit sie im Radio gespielt wird. Wir versuchen, uns so viel Freiraum wie möglich zu bewahren. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum unsere Songs auch selten dem klassischen Popschema entsprechen. Wir wollen einfach Musik machen, die aus uns rauskommt, und schielen nicht darauf, ob sie auf gewissen Plattformen funktioniert.

„Alles andere war präsenter als der Release unseres Albums.“

Nun ist dieses Jahr für alle ein sehr schwieriges. Inwieweit hat die Situation Einfluss auf das Album ausgeübt?

Giovanna Fartacek: Das Album war grundsätzlich schon vor dem Ausbruch der Krise fertig. Es sind am Schluss dann eigentlich nur noch zwei Songs dazugekommen. So gesehen hatte die Krise musikalisch jetzt keinen allzu großen Einfluss. Was wir uns aber schon kurz überlegt haben, war, ob wir den Release nicht vielleicht in das nächste Jahr verschieben sollten. Das haben wir aber dann nicht getan beziehungsweise wir haben den Veröffentlichungstermin lediglich um drei Monate nach hinten verlegt. Ursprünglich war ja geplant, dass das Album im September erscheint.
Natürlich hätten wir uns gewünscht, dass es anders läuft. Gerade auch, weil wir jetzt ein Album haben, mit dem wir wahnsinnig glücklich sind. Aber es ist viel zusammengekommen. In der Release-Woche gab es zudem noch den Terroranschlag in Wien und die Wahlen in den USA. Alles andere war präsenter als der Release unseres Albums. Im Grunde genommen habe ich mir dann einfach nur noch gedacht, dass es eh schon wurscht ist.
Wir hatten also keine großen Erwartungen. Wir haben uns einfach gesagt, dass wir hier ein schönes Werk haben, das wir einfach mit den Leuten teilen wollen. Durch diese Lockerheit war es dann so schön, die Reaktionen mitzubekommen. Vielleicht hat der Lockdown ja insofern etwas Positives, als dass die Leute wieder Zeit haben, Musik zu hören, und Musik oder Kunst jetzt wieder bewusster konsumieren.

Wie sehr schmerzt es, dieses Platte nicht live vorstellen zu können? 

Giovanna Fartacek: Das ist natürlich bitter. Es wird im kommenden Februar hoffentlich eine Tour geben – in welcher Form auch immer. Das Spielen von Konzerten geht uns schon extrem ab. Wir sind am Release-Tag, an dem eigentlich eine große Show im WUK stattfinden hätte sollen, bei Mario zu Hause gesessen und haben uns bei einem Glas Wein im Studio zum ersten Mal gemeinsam die neue Platte auf Vinyl angehört. So hätten wir uns das natürlich nicht vorgestellt. Aber okay, wir haben den Release halt so gefeiert. 

Wie sieht es mit der Zeit bis zu einer möglichen Tour aus? Was habt ihr geplant? Womit seid ihr beschäftigt? 

Giovanna Fartacek: Mario ist hauptberuflich Produzent. Er hat im Moment viele andere Produktionen am Laufen und ist daher gut ausgelastet. Was auch sehr super ist, weil er von der Musik auch lebt. Ich selber verbringe im Moment viel Zeit damit, an meinem Soloalbum zu schreiben und hoffe, dass ich damit bis Ende des Jahres fertig bin. So gesehen passt die Zeit für mich im Moment eh ganz gut. Ich brauche zum Songschreiben ein bisschen die Einsamkeit und schon auch ein bisschen diese bedrückende Stimmung. Dann kann ich kreativ sein [lacht].

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Ternai

 

Links:
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Assim Records