Catarina Pratter und Martin Stepanek 1997
Catarina Pratter & Martin Stepanek 1997 (c) Stepanek

„WIR SUCHTEN UNS EINE EIGENE SCHUBLADE“ – CATARINA PRATTER (CA.TTER) UND MARTIN STEPANEK (MSTEP) IM MICA-INTERVIEW

CATARINA PRATTER und MARTIN STEPANEK haben die Wiener Electronic-Szene der letzten 25 Jahre erlebt und mitgeprägt. STEPANEK spielte in den 1990er Jahren Bass auf Veröffentlichungen von CHEAP RECORDS. PRATTER wandelte zu dieser Zeit mit 550 RONDY zwischen Goth und Rave. Was beide zusammenführte, war die Faszination für Techno, für den Club und die Flucht aus ihm. Frühe Veröffentlichungen wie „Yes, We’ve Got The Rhyhtm“ fingen die Zeit um die Jahrtausendwende in der Bundeshauptstadt ein. Trotzdem sei man immer zwischen den Stühlen, nie aber auf ihnen gestanden. Wenn Techno tatsächlich im Underground verortet gewesen sei, waren 550 RONDY seine Wächter*innen zwischen Kruder und Dorfmeister. Sowohl PRATTER als auch STEPANEK haben sich künstlerisch weiterentwickelt, sind zu „Individualisten“ in ihrer Musik geworden – und veröffentlichen noch immer. PRATTER pumpte zuletzt als DJ REESHNIADA ein Album zwischen Footwork-Gestampfe und Vierviertel-Abriss raus. STEPANEK zerklopft als MSTEP den Electro der späten 90er, um ihn auf seinem Maschinenpark ins 21. Jahrhundert zu beamen. SOUNDING FUNCTIONS, das Label, das STEPANEK seit den frühen 2010er Jahren betreibt, dient dafür als Basis. Warum in der Wiener Szene früher mehr möglich war, wieso wieder alles hektischer wird und welche Entwicklungen sich im Rückblick einordnen lassen, haben beide im Gespräch mit Christoph Benkeser erklärt.

Seit den 1990ern seid ihr Teil der Electronic-Szene in Wien. Wollen wir gedanklich zu eurem Ursprung zurückgehen?

Catarina Pratter: Unseren gemeinsamen Rondy-Sachen sind früh auf Cheap erschienen. Ich hab aber immer auch alleine produziert, Zeug beim Berliner Label Monika Enterprise von Gudrun Gut veröffentlicht – und als Ca.tter für Dubsquare, dem Label von Christian Hessle …

Martin Stepanek: Gemeinsam begonnen haben wir aber 1997. Oder 98. Damals war ich bereits Teil von lo-res, ein Quartett um Christoph Kummerer, Daniel Kollmer, Thomas Hofstätter – der heute noch als DJ-Audio-Device bekannt ist – und mich. Wir produzierten mit analogen Synths und Drummachines und spielten live auf Raves. Um diese Zeit, 1996, lernte ich Patrick [Pulsinger, Anm.] kennen und fing an, bei ihm und Erdem [Tunakan, Anm.] als Live- und Studiomusiker am Bass mitzumachen. Catarina kannte ich zu diesem Zeitpunkt auch schon, sie produzierte bereits gemeinsam mit Matthias Lichtenegger [heute Matthias Diro, Anm.] als 550 Rondy. Irgendwann merkte ich, dass die Improvisations-Sachen mit lo-res zwar interessant waren, ich aber die Dinge, die ich mir bei Patrick und Erdem im Studio abschaute, viel besser mit Catarina und Matthias von 550 Rondy umsetzen konnte. Mein musikalischer Schwerpunkt verschob sich danach immer weiter, bis ich 1997 oder 98 bei Rondy einstieg und wir zum Trio wurden. Daneben habe ich aber mit Christoph Kummerer weiterhin immer wieder gemeinsam meist frei improvisierte Elektronik-Live-Acts gespielt.

Bleiben wir kurz beim Jahr 1997: Das war nach der ersten Hochphase von Techno in Wien.  

Martin Stepanek: Techno in Wien hatte 1995/1996 schon seinen ersten Höhepunkt, ja. Die Jungle-Welle schwappte um diese Zeit auch gerade rüber. 1997 war dann ein Jahr, in dem Wien auf der Landkarte der elektronischen Musik auch medial ziemlich präsent war. Aus dieser Situation heraus begonnen wir, erste Tracks zu bauen und abzustecken, in welche Richtung wir gehen könnten.

1997 hast du, Martin, auch das erste Mal auf den Platten von Patrick Pulsinger und Erdem Tunakan gespielt, oder? 

Martin Stepanek: Genau, „Puta“, ein Track des Sluts’N’Strings-Album „Carrera“, war mein Debüt mit ihnen, wobei der Track im Herbst 1996 produziert wurde. Im Sommer und Herbst 1996 passierte alles irgendwie gleichzeitig. Ich lief Christoph Kummerer über den Weg, lernte Catarina kennen, und über die Uni traf ich auf Katja Maier, die Freundin von Patrick. Sie erzählte mir, dass Erdem und er gerade ein Album produzierten und gerne mit Musikern zusammenarbeiten würde. Da sie wusste, dass ich Bass spiele hat sie uns miteinander bekannt gemacht – und ich landete kurze Zeit später bei den beiden im Studio.

Wie war das bei dir, Catarina? 

Catarina Pratter: Ich kannte zu diesem Zeitpunkt Matthias [Lichtenegger, Anm.], der damals aber ganz andere Sachen produzierte. Er war es aber, der mir irgendwann zeigte, dass man die fürchterliche Musik mit den geraden Bass-Drums, die ich damals hörte, auch selber machen kann. Und zwar mit seinen Geräten, auf denen er so schöne Grufti-Gothic-Musik produzierte. Plötzlich war ich hin und weg. Ich saß nächtelang am Atari und nahm meine eigene Musik auf. Matthias stieg ein bisschen später ein. Seine Inputs hatten einen deutlichen Einfluss auf meine Musik, das hört man auch. Rondy ging aber bereits damals mehr in die Song-Richtung. Wir konnten was mit Melodien anfangen, wollten Geschichten erzählen – das war im auf die Bedürfnisse der DJs ausgelegten Track-Format nur schwer umzusetzen. Als Martin dazu kam, brachte er oft ganz am Ende eines Songs noch die Idee mit ein – den einen Loop, den einen Bass, die eine Hi-Hat, die alles veränderte. Das war schon super, aber als Studenten hatten wir ja auch viel Zeit.

Bild Martin Stepanek & Matthias Lichtenegger
Martin Stepanek & Matthias Lichtenegger (c) Stepanek

Was war das Ende der 90er für eine Szene in Wien? 

Catarina Pratter: Eine, bei der wir uns dachten: Wir machen da einfach mit! Und wir haben es gemacht. Damals gab es auch eine gewisse Neugier für Neues und Vieles war noch nicht so ausdefiniert wie heute. Das hat es uns sicher erleichtert Zugang zu finden und akzeptiert zu werden. Heute kommt mir die Szene nicht mehr so offen vor. Der Wille, etwas gemeinsam zu kreieren, ist für mich heute nicht mehr so deutlich da. Heute wird alles recht schnell sehr professionell.

Wenn man sich die Pseudonyme dieser Zeit ansieht, stehen oft dieselben Personen hinter verschiedenen Veröffentlichungen. 

Catarina Pratter: Es war damals möglich zu spielen. Einfach zu spielen. Wichtig war nicht, dass man mit dem einen Namen erfolgreich und groß wird. Man hat einfach produziert, unterschiedliche Musik rausgebracht und verschiedene Namen verwendet. Das ist heute ganz anders. Selbstvermarktung ist alles.

Die Anonymität ist ein Grundgedanke von Techno. Die Musik stand im Vordergrund. 

Martin Stepanek: In Wien war es auch so, dass man sich ausprobieren konnte. Wenn es funktionierte, freute man sich natürlich. Aber dass es funktionieren muss, war nicht der einzige Beweggrund, Musik zu machen. Oft ging es einfach ums Experimentieren. Der Gedanke, dass es Konzepte braucht, um ökonomisch zu funktionieren, kam erst später auf. Im Cheap-Umfeld gab es diesen Schwenk meiner Meinung nach ungefähr mit dem zweiten Louie-Austen-Album. Da hat man gemerkt …

Dass sich etwas dreht. 

Martin Stepanek: Genau, das Musikproduzieren bekam eine neue Dimension.

Die logische Entwicklung? 

Martin Stepanek: Ich glaub schon. Ein paar Leute kamen in den 90ern recht schnell an den Punkt, an dem sie merkten, dass es sich ausgehen könnte, davon zu leben. Um die Jahrtausendwende herum wurde dann aber vielen wohl klar, dass man den Erfolg nur mehr weitertreiben konnte, wenn man ein klares künstlerisches Konzept hatte. Herumprobieren alleine reichte nicht mehr.

550 Rondy war dabei: 2001 brachtet ihr die erste LP „Yes, We’ve Got Rhythm“ auf Cheap heraus.  

Martin Stepanek: Unsere erste Platte entspricht aber noch eher diesem offeneren, spielerischen Ansatz der 90er. Sie entstand aus einem großen Fundus an Tracks aus den Jahren 1997-2000, die wir Patrick und Erdem zur Begutachtung vorlegten. Das konnte man später wohl nicht mehr auf diese Weise machen … den Leuten 20 recht unterschiedliche Tracks vorlegen und darauf hoffen, dass daraus eine Veröffentlichung wird. Außerdem produzierten wir damals – vom Standpunkt des Studio Engineers – nicht sehr professionell. Wir hatten zum Beispiel keine Studiomonitore und weder das Know-How noch die Werkzeuge um unsere Musik gut abzumischen. Als wir uns vor dem Beginn des Masterings die Auswahl der Tracks im Cheap-Studio nochmal durchgehört haben dachte ich mir: Oje, wie soll daraus was werden, was man auf Platte pressen kann. Gemastert hat das Album dann Mario Neugebauer an einem Nachmittag. Und ich war überrascht, wie gut die Platte auf einmal klang!

Catarina Pratter: Vor allem sind Tracks mit schönen, dicken Bässen dabei. Wir merkten erst später, dass wir mit der Basslastigkeit der ersten Platte bereits etwas vorwegnahmen, was für uns später bei Dubstep sehr wichtig wurde. Das war aber genau unseres.

„INTERESSANT FÜR DIE REAKTION AUF UNSERE PLATTE – WEIL ES KEINE GAB.“

Martin Stepanek: Stimmt, Bass war uns immer wichtig! Aber ich würde auch sagen, dass die Basslastigkeit damals eher zufällig und unkontrolliert zustande gekommen ist.

Catarina Pratter: Man lernte immer dazu.

Martin Stepanek: Interessant war für mich die Reaktion auf unsere erste Platte – weil es gar keine gab oder weil sie nicht so ausgefallen ist, wie ich mir das vorgestellt hatte. Zwar wurde ein Track der Platte sofort vom französischen House-DJ Jerome Pacman als Opener seiner Mix-CD lizensiert, aber wir dachten natürlich, dass wir ein Album veröffentlichen, das vor allem in der Wiener Szene Feedback erzeugen wird. Das passierte nicht wirklich. Wahrscheinlich, weil wir in Wien noch viel weniger bekannt waren, als wir selber glaubten. Viele dachten wohl auch, dass, wenn Cheap etwas rausbringt, das sie nicht kennen, es sich um einen in Wien unbekannten Act aus dem Ausland handeln wird. Jemand erklärte mir zum Beispiel, dass er total überrascht gewesen sei, als er gemerkt hat, dass wir 550 Rondy sind. Der dachte, dass das irgendwelche Engländer seien.

Bild 5050 Rondy
550 Rondy (c) Christoph Weber

Damit sind wir wieder beim Gedanken der Anonymität. 

Martin Stepanek: Wir waren auch etwas naiv und dachten: Wenn wir eine Platte veröffentlichen, die im Plattenladen steht, werden sich automatisch Menschen dafür interessieren, um herauszufinden von wem sie eigentlich ist. Über das Thema Promotion haben wir uns damals aber überhaupt keine Gedanken gemacht – gut, es gab einen Pressetext, den ich geschrieben habe … aber wie der verteilt wurde, weiß ich nicht.

Das war damals vermeintlich schwieriger als heute … 

Catarina Pratter: Gefühlt wurde aber früher noch viel weniger veröffentlicht als heute. Heute mag es zwar viel mehr Wege für Promotion geben, die sind aber verstopft, weil so viel rauskommt. Deshalb gleicht sich das vermutlich aus.

Man muss auch dazu sagen: Eure erste LP war kein Club-Banger. Das waren Stücke, die in eine Downbeat-artige Richtung gingen.

Martin Stepanek: Jein. Mit “Curvy Traction” war auch ein klassischer House-Track drauf, den Nans X. Girardin mitproduzierte. Der war schon DJ-Material. Aber stimmt, die anderen Stücke auf der Platte waren stilistisch teilweise schwer einzuordnen. Wir positionierten uns damals halt gerne zwischen den Stühlen und suchten uns eine eigene Schublade aus.

Catarina Pratter: Das merkte man auch anhand unserer Plattensammlung. Matthew Herbert war ein großer Einfluss – vor allem, weil er so gerne mit verrückten Soundquellen experimentierte und damit sehr melodiöse, tanzbare Songs schreiben konnte. Etwas veröffentlichen zu können, dass nicht nur die Club-Schiene fährt, sondern einfach schöne Musik ist, war deshalb schön. Einen Club-Track zu produzieren, war uns in dieser Zeit außerdem gar nicht so wichtig. Das kam erst später.

In der Clubszene seid ihr trotzdem aktiv gewesen. 

Catarina Pratter: Ich legte viel auf, ja. Aber die Musik, die wir produzierten, das war eine parallele Schiene und mehr Kunst als Club. Das Auflegen, die Party, der Club … das war für mich immer etwas anderes.

Martin Stepanek: Na ja …

Catarina Pratter: Tschuldigung, dass ich dich unterbreche, aber: Beim Auflegen war mehr möglich, oder?

Martin Stepanek: Das ist schwierig zu sagen. Ich legte am Anfang eher in Bars auf und kam selten in die Situation, einen Dancefloor zu bespielen. Natürlich war das insgeheim ein Ziel. Gleichzeitig wollte ich interessante Platten spielen und nicht ausschließlich funktionelle Club-Sets auflegen. Deshalb dauerte es ziemlich lange, bis ich eine Form fand, die für mich funktionierte.

Welche war das? 

Martin Stepanek: Na, die Formfindung hat meinen Sound als DJ schon recht stark verändert. Ich merkte, welche Sounds mir als DJ wichtig waren, ohne dabei den Dancefloor aus den Augen zu verlieren. Das Kriterium, ob ich zumindest einen Track in ein DJ-Set für den Dancefloor einsetzen kann, wurde für mich beim Plattenkaufen mit der Zeit immer wichtiger. Allerdings war es auch entscheidend, sie gerne zu Hause zu hören. Und natürlich sollten sie vom Sound her irgendwie speziell sein.

Unter „Sounds“ meinst du, was du mit 550 Rondy produziertest? 

Martin Stepanek: Genau, mit der Orientierung als DJ zum Dancefloor veränderten sich die Platten und damit die Musik, die ich zu Hause hörte. Daraus ergab sich für mich ein Perspektivenwechsel, der auch unsere Produktionen als 550 Rondy betraf. Ob damals mehr möglich war, wie Catarina meinte, weiß ich nicht. Anfang der 2000er wurde im Club aus meiner Perspektive alles engmaschiger und funktioneller.

Inwiefern? 

Martin Stepanek: Na ja, nach einer Phase des Experimentierens und Ausprobierens ging es auch im Club zunehmend darum, professionell ein stimmiges Konzept zu verwirklichen. Das veränderte sich aber auch schnell wieder. 2006 kam zum Beispiel bereits Dubstep und brachte eine neue Dimension in den Club.

War das 2006 schon in Wien? 

Catarina Pratter: Christian [Hessle, Anm.] kam Mitte der 2000er aus Brighton zurück und spielte diese für uns völlig neue Musik vor. Sie brachte einen neuen Ansatz in unsere elektronische Musik. Das war mit ein Grund, warum wir ab 2006 in diese Richtung gingen.

Obwohl es Ende der 2000er-Jahre ruhiger um Rondy geworden ist.

Martin Stepanek: Da brauchen wir kurz eine Rückblende. Das zweite Rondy-Album „My Critical Hertz“ kam 2004, die erste Ca.tter-Platte von Catarina kam dann … 2007 oder 2008.

Bild Catter
Catter (c) Florian Senekowitsch

Was ist in den drei oder vier Jahren passiert? 

Martin Stepanek: Es veränderte sich sehr viel! 2004 spielten wir als 550 Rondy viel live. 2005 begannen wir, an einem Folgealbum zu arbeiten. Catarina war in dieser Zeit schwanger. Und ich merkte, dass ich an die poppigere Rondy-Schiene, die wir auf „My Critical Hertz“ probierten, nicht mehr anschließen konnte. Wir veröffentlichten als 55.rnd noch eine housigere Platte auf Temp. Records. Aber dann kam wie gesagt schon Christian [Hessle, Anm.] mit seinen Dubstep-Platten!

Catarina Pratter: Das war die Zeit, in der wir merkten, dass es Spaß macht, Clubmusik zu produzieren. Mit Kind war es außerdem nicht mehr so einfach, im Trio Musik zu machen. Sie veränderte sich.

Die Musik hat sich individualisiert durch die familiäre Situation.

Catarina Pratter: Mit dem ersten Kind war es schwieriger, die Ruhe zu finden, um Musik zu machen.

Deshalb ist sie direkt hektischer geworden. 

Catarina Pratter: Guter Punkt! Ich kann mich noch erinnern, wie ich das erste Mal im Club stand, nachdem ich abgestillt hatte.

„WIR VERZWEIFELTEN AN DER PLATTHEIT, DIE VON UNS VERLANGT WURDE.“

Davor hatte sich bei dir viel entwickelt, Catarina. Du warst 2001 Teilnehmerin der Red Bull Music Academy in São Paulo.

Catarina Pratter: Für ein oder zwei Jahre hat unsere Musik wirklich funktioniert. Wir verdienten gut, konnten Theatermusik für große Häuser produzieren – kurz stellte sich tatsächlich das Gefühl ein, dass man davon leben könnte. Trotzdem hatten wir bereits die Einsicht, dass wir mehr Kompromisse eingehen müssten, wenn wir davon leben wollten. Dafür waren wir aber zu große Individualisten.

Ja? 

Catarina Pratter: Selbst, wenn wir Remix-Aufträge bekamen, verzweifelten wir an der Plattheit, die von uns verlangt wurde.

Da kam der Idealismus ins Spiel. 

Catarina Pratter: Das Hauptding war und ist: die Selbstvermarktung. Darin bin ich nicht gut. Ich kann nichts anderes, außer Musikmachen. Deshalb stellt sich die Frage, wie viel Zeit ich für meine eigene Promotion aufwende, gar nicht.

Die Promo war damals also auch schon wichtiger für den Erfolg als der Output als solcher. 

Catarina Pratter:  Ja, außerdem merkte ich, dass man sich die coolsten Dinge immer um fünf in der Früh in einem Backstage-Raum ausmachte. Spätestens mit dem ersten Kind wollte ich nicht mehr so lange rumsitzen, nur um die potentielle Chance zu haben, mit irgendjemandem zu reden, der dir weiterhilft. Das war’s mir nicht mehr wert.

Der Familienalltag geht sich im Club nicht aus. 

Catarina Pratter: Außerdem stieg der Wunsch nach einer höheren Gage. Du legst nicht mehr für 100 Euro auf und schleppst dein Equipment nicht für 300 Euro zu einem Gig. Schließlich probten wir immer viel, um professionell auftreten zu können. Wir hatten einen eigenen Tontechniker. Der Anspruch war wichtig. Aber irgendwann konnten sich die Leute das nicht mehr leisten.

Martin Stepanek: Ja, in den 2000ern wurde natürlich auch für uns der Aspekt der Performance immer wichtiger. Was bringen wir auf die Bühne, was stellen wir dar? Die Hinwendung zum Pop, also dass wir live mit Bass und Gesang spielen, ist aus der Erfahrung entstanden, dass wir als reine Elektronik-Partie teilweise nicht wirklich ankamen.

Wie meinst du das? 

Martin Stepanek: Kurz nach Veröffentlichung der Cheap-Platte traten wir bei einem Festival in Berlin auf, das Christof Kurzmann organisierte. Es gab zwar Publikum, aber es bestand hauptsächlich aus Mitgliederinnen und Mitglieder der anderen Acts. Das waren größtenteils Berliner Experimental-Elektronikerinnen und -Elektroniker. Dort hatten wir den Eindruck, dass wir gar nicht so gut in diesen reinen Elektronik-Kontext passen. Das war mit ein Grund, warum wir uns um 2002 entschieden, unseren Ansatz zu ändern. Catarina begann zu singen, ich spielte live am Bass, Matthias bediente live die Elektronik.

Catarina Pratter: Das war ein Weg, auf dem viele Einflüsse mitgespielt hatten. Der Schritt, sich mehr als Band zu verstehen, war ein Ding der Zeit. Außerdem konnte man dadurch freier sein. Live zu singen bringt Flexibilität, die man als elektronischer Live-Act nicht hat.

Das dürfte dem künstlerischen Anspruch von 550 Rondy entsprochen haben. 

Catarina Pratter: Es sollte schon unterhalten. Wir wollten ein Konzert-Feeling kreieren– auch weil wir keine Visuals hatten und mit dem Publikum interagieren wollten.

Nach Rondy hat sich eure Musik individualisiert. Anfang der 2010er-Jahre hast du, Martin, das Label Sounding Functions gegründet. 

Martin Stepanek: Ein eigenes Label zu starten, hat mich schon immer interessiert. Sounding Functions entstand aus der Erfahrung, dass ich Tracks produziert hatte, die zu keinem Label in meinem Umfeld passten. Zu Beginn gab es Sounding-Functions-Releases exklusiv auf zero-inch, einer von Georg Lauteren und anderen ins Leben gerufenen digitalen Plattform für elektronische Musik mit Büros in Wien und Berlin. 2013 musste zero-inch allerdings schließen und ich suchte mir einen Digitalvertrieb. Seit damals gibt es also eine Bandcamp-Seite und Sounding Functions ist auf den gängigen Download-Portalen zu finden. 

Deshalb findet man eure neueren Tracks auch einfacher als die alten Platten. 

Martin Stepanek: Stimmt, wobei unser 550 Rondy-Debüt inzwischen auch digital zu haben ist. Cheap hat zuletzt den kompletten Back-Katalog digital veröffentlicht.

Catarina Pratter: Wir hatten aber auch schon lange davor ein Internet-Label.

Martin Stepanek: Richtig, Anfang der 2000er-Jahre hatten Christoph Kummerer, Christian Hessle und ich ein Digital-Label gegründet, das Pilot-Fm hieß. Es war neben „Falsch“, ein Netlabel von Editions Mego, eines der ersten in Österreich.

Digital, weil es zu der Zeit noch Neuland war, nehme ich an.

Martin Stepanek: Ja, es ging einerseits darum, neue Wege zu beschreiten und andererseits brauchten wir dafür auch absolut kein Budget, da wir unseren eigenen Internet-Server hatten. Platten zu pressen, hätte außerdem einen hohen ökonomischen Druck erzeugt.

Die CD hätte es auch gegeben. 

Martin Stepanek: Als Medium war die CD damals für uns nicht interessant. Entweder man machte eine Platte, um sie aufzulegen. Oder man probierte den digitalen Weg, weil der neu und interessant erschien.

Das Tape wollte man noch nicht aus der Versenkung zurückholen. 

Martin Stepanek: Stimmt, die hatten damals Pause.

Mit Sounding Functions ging auch dein neues Pseudonym einher: MSTEP. 

Martin Stepanek: Sounding Functions war eine Bühne, um MSTEP zu präsentieren. Die Musik hätte sonst kein anderes Zuhause gefunden. Es gab 2011 aber auch einen Ca.tter-Release. Und mit Peter Clamat aus Karlsruhe und Antin O. Reixtra aus der Ukraine auch weitere Artists, die im ersten Bestandsjahr von Sounding Functions Veröffentlichungen hatten. Auch Donna Neda aus Hamburg hat ein Album auf Sounding Functions veröffentlicht. Anfang 2012 gab es noch einen Release von mir. Danach passierte eine Zeit lang gar nichts.

Bild Mstep
Mstep (c) Martin Feilhauer

Ich wollte gerade sagen: Danach passierte länger nichts.

Martin Stepanek: Ja, weil das zero-inch-Ding nicht so gut klappte. Mit dem Digitalvertrieb lief es etwas besser, aber insgesamt war es für mich eher schwierig, Aufmerksamkeit für das Label zu erzeugen. Weiter habe ich trotzdem gemacht. In der Zeit kam auch der Schwenk von Dubstep zu Electro. Neben den MSTEP-Releases auf Sounding Functions erschien 2011 noch eine Dubstep-orientierte EP auf Phlox Records – ein Label, das Hans Platzgumer, Gerhard Potuznik und Martin Dibek betrieben. Danach kam 2012 der Schwenk – einerseits zu Acid und Electro, andererseits zu einem Interesse für Jungle und innovativere Drum&Bass-Ansätze. Es ging für mich darum, Sounds aus den 90ern wiederzubeleben. Außerdem eröffnete sich dadurch ein Experimentierfeld, in dem man Vertrautes auf unerwartete Weise kombinieren und mit Neuem konfrontieren konnte.  In der Zeit entdeckte ich interessante analoge Nachbauten der Roland TR808 und TB303 – und hab sie gekauft.

Und dich damit zurück in die Zukunft gebeamt. 

Martin Stepanek: Zunächst ging es eigentlich gar nicht darum, etwas Neues zu produzieren, sondern einfach Geräte im Studio zu haben, mit denen ich Spaß haben konnte. Sie waren einfach zu bedienen und produzierten die Sounds, die mir so vertraut waren. Zur gleichen Zeit bin aber am Computer von Logic Audio zu Ableton Live umgestiegen und war sofort fasziniert, wie leicht man in Ableton einen Loop in kleinste Einzelteile zerschnipseln konnte. Das ging natürlich am besten mit Drum&Bass- und Jungle-Loops.  Mit „Who’s To Blame“ veröffentliche ich dann 2013 auf Sounding Functions einen Release, der beides kombinierte: 808- sowie 303-Sounds und zerhäkselte Drum&Bass- und Jungle-Loops. Das war übrigens der einzige Vinyl-Release des Labels. Ein schräges Projekt.

Wieso das?

Martin Stepanek: Der Titeltrack „Who-s to Blame” ist zwar im Tempo von 175 Beats per Minute programmiert – also der für modernen Drum&Bass typischen Geschwindigkeit –, die Drums haben aber eher eine 808-Soundästhetik und der Groove suggeriert ein halb so schnelles Tempo. Dann trifft ein eindeutig Dubstep-beeinflusster Bass auf eher melancholisch-verträumte Synthie-Melodien, garniert mit viel Bleeps und digitalen Edits. Da treffen also viele Gegensätze recht unvermittelt aufeinander. 

Wie viele Platten hast du von der Veröffentlichung noch? 

Martin Stepanek: Ca. 100 und 200 Stück habe ich wahrscheinlich noch im Keller.

Von … 300? 

Martin Stepanek: Ja, genau. Ca. 100 Stück habe ich verschenkt, ca. 80 verkauft, der Rest lagert gut verpackt und foliert im Keller.

Die Zeit, um das Ding an die Leute zu bringen, kommt schon wieder! 

Martin Stepanek: Bestimmt. Jedenfalls war dieser Release die Initialzündung, um weiter in die Electro-Richtung zu gehen. Anfang 2015 nahm ich Kontakt zu Georg Lauteren aka DJ Glow auf, der das Label TRUST betreibt. Bis dort meine erste Platte erschien, hat es allerdings gedauert. Rückblickend passte das aber gut, Georg gab viel Feedback, mit dem ich die Tracks anpassen konnte. Das sorgte für so viel Qualität, dass ich mir anschließend die Frage stellte, wie ich daran anschließen kann.

Deshalb passierte danach erneut … nichts? 

Martin Stepanek: Die Trust-Platte war eigentlich Anfang 2016 fertig produziert. Allerdings dauerte es bis zum Frühjahr 2017 als für Georg der richtige Zeitpunkt gekommen war, um sie zu veröffentlichen. Parallel dazu musste ich mich 2016 beruflich umorientieren und hab einen Fulltime-Job angenommen. Für das Musikproduzieren war da erstmal keine Energie da. Mit der Zeit entstanden ein paar Skizzen, aber ich brachte kaum etwas fertig. Viele davon kramte ich erst 2020 wieder hervor. Daraus entwickelte sich der neueste Release auf Sounding Functions.

Wie war das bei dir, Catarina? 

Catarina Pratter: Letztes Jahr veröffentlichte ich als DJ Reeshniada ein Album auf Sounding Functions – das Verrückteste, was ich seit langem gemacht habe! Aber es ist einfach passiert. Ich hatte wieder das Bedürfnis mit Stimme zu arbeiten. Gleichzeitig wollte ich die neuen Ideen von der Musik abheben, die ich bisher als Ca.tter veröffentlicht habe. Interessant ist, dass meine Veröffentlichungen oft ein Grundtempo haben. Das kommt von der Art, wie ich auflegen will. Es muss roh und trashig sein.

Also genau der gegenteilige Ansatz, den Martin verfolgt. 

Catarina Pratter: Als arbeitende Mutter bin ich meistens ziemlich erledigt, daher habe ich die Geräte schon länger nicht mehr verwendet. Ich sitz mit dem Laptop im Bett und spiele mit Samples rum, bis sich aus den Loops mehr entwickelt. Meistens passiert das ziemlich schnell. Außerdem arbeite ich oft an mehreren Stücken gleichzeitig, deshalb entwickeln sich aus meinen Ideen meist ein ganzes Album. Martin tut mir dann immer leid, weil er sich so viele Tracks auf einmal anhören muss.

Oje. 

Catarina Pratter: Letztes Jahr, während des ersten Lockdowns, entstand ein Album namens „Transformation“. Da hatte ich noch Hoffnung, dass …

Sich alles verändert?

Catarina Pratter: Ja! Man glaubte, Delfine schwimmen in Venedig und die großen Konzerne gehen ein.

Was ja leider nicht eintraf. 

Catarina Pratter: Deshalb musste ich die Elektronik wegpacken. Mittlerweile sitze ich nur noch am Klavier.

Am Klavier? 

Catarina Pratter: Ich träumte, dass ich Klavier spielen kann. Ein Traum, den ich schon oft hatte. Deshalb beschloss ich, dass ich es wirklich kann.

Und? 

Catarina Pratter: Was passiert, ist spannend. Mal schauen, wohin sich das entwickelt. Aber ich bin ein Melodien-Mensch. Darauf kann ich mich bei meinen Stücken jetzt konzentrieren.

Vielen Dank für das Gespräch! 

Christoph Benkeser

++++

Links:
MSTEP (Facebook)
Ca.tter (Soundcloud)
Catarina Pratter (mica-Datenbank)