Bild Wiener Blond
Wiener Blond (c) Konstantin Reyer

„Wir sind sehr zufrieden, aber man strebt natürlich nach vorne“ – WIENER BLOND im mica-Interview

Im letzten Jahr waren SEBASTIAN RADON und VERENA DOUBLIER aka WIENER BLOND fleißig live unterwegs und haben rund 60 Konzerte gespielt. Zwischendurch haben aber auch die Aufnahmen zum demnächst erscheinenden zweiten Album „Zwa“ (Crowd & Ryben) begonnen. Im Gespräch mit Jürgen Plank erzählen WIENER BLOND über die Arbeit am neuen Album, das Wienerlied und ihre Verbindung zu Rainhard Fendrich.

Wie finden Sie die Themen für Ihre Lieder?

Sebastian Radon: Die Themen kommen meist ganz von selbst auf einen zu. Wenn man glaubt, man ist gerade von Uninspiriertheit betroffen, kommt irgendein Wahnsinn daher, und darüber schreibt man dann. Zum Beispiel fällt mir die Nummer „Ich muss immer etwas anziehen“ ein – es regt mich in der Früh furchtbar auf, ständig vor die Entscheidung geworfen zu werden, was ich anziehe.

Haben Sie so einen riesigen, gut gefüllten Kleiderkasten?

Sebastian Radon: Ja, in den letzten zehn Jahren hat sich da schon viel angesammelt. Das Lied entwickelt sich aber in weiterer Folge in eine ganz andere Richtung, es geht dann viel mehr um den Wahnsinn der Textilindustrie.

Mir ist aufgefallen, dass es oft ums Essen und Trinken geht, etwa im Lied „Spritzwein“. Ist das ein thematisches Zentrum?

Verena Doublier: Dieses Lied hat sich ergeben, weil ich das Wort so lustig fand. Ich mag manchmal einfach ein paar Wörter und spiele damit. Auch „Risibisi“ finde ich einfach nur lustig. Ich finde, man kann mit Essen auf harmlose Weise gesellschaftskritische Dinge abbilden. Weil es etwas alltägliches Normales ist. Man ist nicht zu offensiv, aber man kann damit spielen. In „Spritzwein“ gibt es auch die Stelle: „Hebt’s eure Glasln für die G’spritzn dieser Welt.“ Und bei „Risibisi“ geht es sozusagen ums Erbsenzählen beim Essen. Ich benutze diese Dinge, um auf unterhaltsame Weise Sachen zu sagen, die mich stören. Und übers Essen und Trinken kann man viel diskutieren und jeder hat eine Meinung.

Sebastian Radon: Und es ist eines der wenigen Dinge, die man machen muss, und insofern ist es sehr präsent.

Verena Doublier: Essen, trinken und raunzen.

Sebastian Radon: Und sterben.

Inwiefern ist das traditionelle Wienerlied eine Inspirationsquelle, mit der Sie sich beschäftigen?

Sebastian Radon: Für mich ist es so, dass ich das Wienerlied erst so richtig kennengelernt habe, als wir auf Wienerlied-Festivals eingeladen worden sind, auf denen ich Wienerlieder von anderen Künstlerinnen und Künstlern gehört habe. Aber zu Hause höre ich nicht aktiv alte Wienerlieder.

Damit ganz konkret zum neuen Album „Zwa“. Worin besteht der Unterschied zum ersten Album, sind da elektronische Beats dabei, die Sie nicht alle selbst erzeugt haben?

Verena Doublier: Wir sind gut geworden, man hört es nicht mehr!

Sebastian Radon: Die Liedstrukturen sind sehr ähnlich wie beim ersten Album. Es gibt einerseits die Beatbox-Loop-Nummern und andererseits die akustischeren Nummern mit Gitarre und Cajón. Wir haben immer noch alles mit dem Mund aufgenommen. Es gibt keine neuen elektronischen Techniken, außer vielleicht mal einen Verzerrer. Aber es war uns dieses Mal sehr wichtig, möglichst exakt im Studio zu arbeiten, und dafür haben wir uns auch viel Zeit genommen. Wir waren ein Jahr hindurch immer wieder im Studio.

Auch bei „Suesser“, dem ersten Track des Albums, läuft kein Drumcomputer, das ist Beatboxing?

Sebastian Radon: Das sind alles wir.

Verena Doublier: Beim ersten Album ging es um etwas anderes, darum, einfach mal die Lieder aufzunehmen, weil man halt ein Album braucht.

Für die Aufnahmen des neuen Albums haben Sie Wien verlassen. Wie war das?

Sebastian Radon: Das klingt paradox für eine Wiener Band, aber wir haben Wien verlassen, um aufzunehmen. Vielleicht auch, um Wien ein bisschen von außen zu betrachten. Es war sehr angenehm, wir haben im Mostviertel aufgenommen, in Steinakirchen am Forst. Da konnten wir uns wirklich voll und ganz auf die Studioarbeit konzentrieren. Wir waren meistens zwei Tage am Stück dort. Es war schon ganz angenehm, aus Wien hinauszukommen und sich nicht ablenken zu lassen.

Wie viele Studiotage haben Sie gehabt? Und gab es auch Gastmusikerinnen und Gastmusiker?

Verena Doublier: Insgesamt haben wir circa 15 Studiotage gehabt. Wir haben einmal das ganze Salonensemble nach Steinakirchen chauffiert, oder es hat sich selbst chauffiert, aber wir haben sie eingeladen. Wir haben das Lied „Vollbad“ mit anderen Musikerinnen und Musikern aufgenommen, was eine Premiere war.

Was ist das Salonensemble?

Verena Doublier: Das Original Wiener Salonensemble spielt ganz viel Wienerlied, das kommt eigentlich aus der Klassik. Die Cellistin Anna Starzinger hat ein Arrangement zu mehreren Stücken von uns geschrieben. Das Ensemble wird bei der CD-Präsentation im Musikverein mit uns auftreten.

Wie war diese Öffnung der Band, andere Musikerinnen und Musiker hinzuzuholen?

Cover "Zwa"
Cover “Zwa”

Verena Doublier: Ich fand das total super. Ich erinnere mich an die erste Probe mit dem Ensemble. Du kennst halt diese Lieder in- und auswendig, weil du sie jahrelang spielst, und plötzlich kommen andere Musikerinnen und Musiker und machen damit etwas. Das ist immer eine große Freude zu sehen, dass sich Dinge einfach weiterentwickeln und verändern können. Das sind sehr gute Musikerinnen und Musiker – und es macht immer Spaß, mit guten Musikerinnen und Musikern zu spielen.

Haben Sie in das Arrangement eingegriffen oder hat das Ensemble freie Hand gehabt?

Sebastian Radon: Die Anna Starzinger hat ein Arrangement für die Nummer „Vollbad“ geschrieben, das heißt, sie hat die Noten aufgeschrieben und wir haben uns die Noten angeschaut. Sie hat genau das getroffen, was wir bewirken wollten. Es war nicht zu viel und nicht zu wenig, sie hat unseren Schmäh genau gepackt. Im Studio gab es einige Takes, das ging eigentlich ziemlich leicht.

„Humor ist eine Verbindung zum Publikum […]“

Humor ist bei Wiener Blond eine wichtige Ebene, scheint mir. Wie wichtig ist Humor?

Verena Doublier: Wir haben das nicht geplant, wir haben zu Beginn sehr selbstironische Lieder geschrieben und das hat sich irgendwie durchgezogen. Es sind nicht alle Lieder lustig, aber es ist schön, die Leute beim Humor abzuholen, und die Leute, denen der Humor taugt, die kommen wieder. Humor ist eine Verbindung zum Publikum, aber wir sind keine Kabarett-Gruppe.

Sebastian Radon: Man kann über die Humor-Schiene sehr bissig den Leuten einen Spiegel vorhalten, ohne dass sie es sofort merken. Vielleicht erst beim zweiten Hinhören. Man kann viel charmanter und ohne erhobenen Zeigefinger Dinge aufzeigen.

Beim unserem Interview zum ersten Album haben Sie gesagt, dass Ihnen sinngemäß eine Verbindung in Richtung Austro-Pop nicht stört. Beim zweiten Album sehe ich nun eine Verbindung zu Rainhard Fendrich.

Verena Doublier: Das muss der Kollege erklären [lacht].

„Es wird mir sehr oft nachgesagt, dass meine Stimme der von Fendrich sehr ähnlich ist.“

Da habe ich offenbar ins Schwarze getroffen.

Sebastian Radon: Wir hören das nicht zum ersten Mal: Es wird mir sehr oft nachgesagt, dass meine Stimme der von Fendrich sehr ähnlich ist. Mich stört das aber auch gar nicht, ich finde, der Rainhard singt sehr schön.

Verena Doublier: Ich habe mir letztens „Strade del Sole“ angehört und mir gedacht, dass das in den Humor von Wiener Blond hineinpasst. Nur musikalisch machen wir halt etwas anderes. Sebi singt manchmal in der Karaoke-Bar ein Fendrich-Lied für mich.

Welches denn?

Verena Doublier: Ich glaube, ich habe mir mal „Weus’d a Herz host wia a Bergwerk“ gewünscht. Eher die Balladen.

Sebastian Radon: Es ist so, dass Fendrich schon gute Hadern geschrieben hat, die man sich schon anhören kann. Natürlich wurde das eine oder andere Lied furchtbar ausgeschlachtet, aber als Songs sind das ja teilweise richtige Gassenhauer.

Verena Doublier: Wir haben in den letzten eineinhalb Jahren als Intro zu unseren Auftritten ein Fendrich-Lied laufen lassen, nämlich „Blond“.

Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer eigenen Entwicklung in den letzten eineinhalb Jahren?

Sebastian Radon: Wir sind sehr zufrieden, aber man strebt natürlich nach vorne. Und möchte immer neue Stufen erreichen, aber wenn man zurückblickt, kann man kurz mal sagen: „Ja, leiwand.“ Jetzt kommen wir erstmals ein bisschen aus Wien hinaus, wir haben in Tirol gespielt und sind bald in Graz, schön langsam öffnen sich die Türen. Es ist natürlich unser Ziel, dass wir noch mehr hinauskommen.

Jürgen Plank

Wiener Blond live
24.11.: CD-Präsentation, Musikverein Wien, 20:00 (ausverkauft)
Zusatztermin: 26.11., Musikverein Wien, 20:00

Links:
Wiener Blond
Wiener Blond (Facebook)