(c) David Sailer

„Wir sind keine Boygroup, die aufgrund ihres Styles Zwölfjährige anspricht“ – SOFA SURFERS im mica-Interview

Die SOFA SURFERS werden 20 Jahre alt. Am 6. Oktober 2017 erscheint deshalb das nicht ganz so klassische Jubiläumsalbum „20“, dass eher als ein Zitat als eine Greatest-Hits-Werkschau gehört werden kann. Das letzte mica-Interview liegt nun auch schon zehn Jahre zurück, Ada Karlbauer und Julia Philomena warfen deshalb einen Blick in die Vergangenheit und sprachen mit WOLFGANG FRISCH, MARKUS KIENZL, MANI OBEYA und MICHAEL HOLZGRUBER über die wesentlichen Entwicklungen in der 20-jährigen Bandgeschichte. Im Gespräch ging es um JUSTIN-BIEBER-Imitationen, die visuelle Zusammenarbeit mit BRIGITTE KOWANZ, um Einflüsse, Veränderungen, Reue, Gegenwart und Zukunft.

„Die letzten 20 Jahre haben wir immer versucht, das Spannende für uns aufrechtzuerhalten.“

Sie feiern nun 20 Jahre Bandgeschichte – Zeit, einen Blick zurückzuwerfen: Was sind für Sie die wesentlichen künstlerischen Entwicklungen von Ihrem Debüt „Transit“ im Jahr 1997 bis heute?

Markus Kienzl: Generell muss man, glaube ich, zwischen technischer und künstlerischer bzw. stilistischer Entwicklung trennen. Als wir 1997 begonnen haben, war quasi noch die goldene Ära der Plattenindustrie, wo man die Musik noch kaufen musste, wenn man sie hören wollte. Die weiteren Entwicklungen hatten natürlich auch einen enormen Einfluss auf die Musikwirtschaft.

Michael Holzgruber: Technologisch hat sich natürlich für alle etwas geändert, aber als wir begonnen haben, war auch musikalisch eine andere Zeit. Es war, wie ich persönlich finde, teilweise spannender, denn zu diesem Zeitpunkt ist viel passiert. Techno und Drum ‘n‘ Bass sind zu dieser Zeit aufgekommen, und das hat auch uns sehr beeinflusst. Das ist auch ein Grund, warum es die Sofa Surfers überhaupt gibt. Wir kamen alle aus schnöden Bands und wollten einfach mehr experimentieren. Auch in der Clubkultur ist damals einiges passiert, das wollten wir irgendwie verarbeiten, etwas machen und in ein Bandkonzept bringen. Die letzten 20 Jahre haben wir immer versucht, das Spannende für uns aufrechtzuerhalten. So haben wir auch bei jedem Album etwas anderes probiert. Beispielsweise war das rote Album von 2005 sehr analog und live gespielt, das letzte Album „Scrambles, Anthems & Odysseys“ von 2015 war hingegen komplett elektronisch. Es ist so, wie Markus gesagt hat: Die technischen und stilistischen Entwicklungen beeinflussen sich gegenseitig.

Markus Kienzl: Es geht uns darum, uns nicht zu wiederholen. Wir versuchen, für uns spannend zu sein und spannend zu bleiben. Wir fragen uns erst danach, wie wir das Resultat den Leuten verkaufen können.

Wäre es nicht einfacher gewesen, „Ihren Sound“ zu finden, festzulegen und diesen dann die restliche Karriere erfolgreich zu reproduzieren?

Michael Holzgruber: Ich glaube, dann würden wir jetzt nicht dasitzen. Wenn ich höre, dass eine Band sagt: „Wir haben unseren Sound gefunden“, dann denke ich mir immer: „Das wird mich nicht mehr interessieren, was die in Zukunft machen.“ Was bedeutet das überhaupt, „seinen Sound zu finden“? Den Ansatz, einen Nachfolger eines Albums zu machen, was man auch oft hört, finde ich wahnsinnig uninteressant.

Markus Kienzl: Das ist fast so, als stoppte man seine eigene persönliche Entwicklung mit 25 und würde nicht mehr älter.

Michael Holzgruber: Wir entwickeln uns ja alle, in den letzten 20 Jahren haben wir nicht nur eine musikalische, sondern eben auch eine persönliche Entwicklung durchlaufen. Wir sind nicht mehr 20 Jahre alt und nicht bereit, immer das Gleiche zu machen, nur weil es sich einmal gut verkauft hat oder cooler war – da würden wir uns selbst belügen.

„Wenn es nichts Spannendes mehr gäbe, würden wir auch keine Musik mehr machen.“

Was ist spannend an den zeitgenössischen Musikentwicklungen in Österreich und über die Grenzen hinaus?

Markus Kienzl: Österreich steht musikalisch schon seit einiger Zeit wieder im Zentrum, insbesondere im Ausland. Die deutschsprachige Welle rund um Wanda und Bilderbuch ist natürlich spannend und wir freuen uns auch, dass wieder mehr passiert und es einige Bands gibt, die international größer rauskommen.

Wolfgang Frisch: Ich finde vor allem die Entwicklungen der aktuellen Popmusik sehr spannend, da darf mir ruhig auch mal der Justin Bieber was vorsingen. Es gibt gerade einen bestimmten Sound, der, glaube ich, ein bisschen vom Tropical kommt und mich sehr anspricht. Es gibt genug zeitgenössische Popmusik und elektronische Musik, die wir interessant finden.

Markus Kienzl: Wir brauchen diese Spannung, um weiterzumachen. Dabei spielen auch Produktionstechniken eine wesentliche Rolle. Es ist wichtig, sich anzusehen, wie es andere Künstlerinnen und Künstler aktuell machen, nicht um es zu kopieren, sondern um sich inspirieren zu lassen. Wenn es nichts Spannendes mehr gäbe, würden wir auch keine Musik mehr machen.

Das Jubiläumsalbum mit dem anlassbezogenen Titel „20“ beschreiben Sie als ein „Rework-Album“ und „einen Schritt nach vorne“.

Markus Kienzl: Das bezieht sich einfach darauf, etwas zu machen, was wir bisher noch nicht gemacht haben. Es darf ruhig auch aktueller klingen, neue Tendenzen miteinbeziehen, aber es geht vor allem darum, etwas zu zeigen, was bisher in unserem Schaffen noch nicht vorhanden war.

Michael Holzgruber: Wenn wir schon von Pop reden, die zweite Nummer – „Rising“ –ist schon sehr poppig, da wagen wir uns schon wohin, denn so poppig waren wir selten. Vielleicht gehen wir weiter in diese Richtung oder beim nächsten Album wieder ganz woandershin, das werden wir dann sehen. Generell soll das Album dem Anlass entsprechend rückblickend sein, ohne dabei verstaubt zu wirken. Deswegen haben wir nicht wirklich die alten Original-Tracks auf das Album genommen, sondern eben Reworks gemacht. Es hat sich so ergeben, dass neue Nummern neben alten rezitiert werden. Gleichzeitig wollen wir immer auch ganz etwas Neues machen, das ist uns bei jedem neuen Produkt, das wir veröffentlichen, wichtig.

Gab es Personen oder Inspirationsquellen, die Sie stets begleitet haben?

Michael Holzgruber: Also über die ganzen 20 Jahre hinweg sind wir unsere einzigen Wegbegleiter [lacht]. Man muss schon auch sagen, dass uns unserer Visual Artist Timo Novotny, der gerade an den Visuals für unsere Tour arbeitet, von Beginn an begleitet hat. Er ist auf jeden Fall ein Wegbegleiter. Auch Wolfi Schlögl möchte ich erwähnen, der uns 17 Jahre lang begleitet hat und immer noch ein guter Freund ist. Man kann sagen, dass es in unserem Umfeld einige Leute gibt, die immer wieder in den Credits stehen.

Markus Kienzl: Aber Inspirationen haben sich schon immer wieder geändert. Diese Wegbegleiter waren somit die einzigen Konstanten.

Soll mit dem zuvor erwähnten Pop-Approach eine neue Fanbase angesprochen werden?

Michael Holzgruber: Ich glaube, man will immer ein neues Publikum erschließen, auch wenn man nicht darüber spricht oder nachdenkt, aber natürlich freut man sich, wenn auch andere Leute dazukommen. Unser Publikum ist schon mit uns mitgewachsen, aber natürlich sind auch immer jüngere Leute auf einem Konzert.

Markus Kienzl: Aber das ist eher ein Nebeneffekt. Über diese Fragen machen wir uns beim Produzieren eigentlich keine Gedanken.

Beim nächsten Album kann man sich also möglicherweise auf die Sofa Surfers als Justin-Bieber-Imitation in Sound und Style gefasst machen?

Wolfgang Frisch [lacht]: Schön wäre es schon.

Markus Kienzl [lacht]: Wenn es sich ergibt. Dazu kann sich ja jede und jeder ihre bzw. seine eigenen Überlegungen machen. Wir müssten dann halt noch andere Pressefotos machen.

Michael Holzgruber: Wir sind keine Boygroup, die aufgrund ihres Styles Zwölfjährige anspricht. Es muss schon die Musik überzeugen [lacht].

Die visuelle Komponente ist für die Band in Form von Visuals auch nach zwei Dekaden noch wesentlich, oder?

Markus Kienzl: Ja, die ist sehr präsent. Überhaupt liegt uns Filmmusik beziehungsweise Musik, die Bilder begleiten kann, recht nahe. In unserer Biografie sind ja inzwischen schon einige Filme dabei und das ist auf jeden Fall ein Genre, in dem wir gerne weitermachen würden.

Michael Holzgruber: Ich möchte hier auch betonen, dass das 1997, als wir begonnen haben, alles noch nicht so selbstverständlich war. Ich will gar nicht behaupten, dass wir die Wegbereiter waren, aber Visuals mit Live-Band waren damals eher im Clubbereich gängig. Wir haben das damals aus dem Clubkontext geholt.

Wie würden Sie ein ideales Publikum skizzieren?

Wolfgang Frisch: Im Idealfall wäre es ein Publikum, das genau verstünde, was wir machen. Diesen Idealfall gibt es aber nicht. Es ist auch alle, die sich nur berieseln lassen, herzlich willkommen. Wir geben uns, glaube ich, schon viel Mühe mit den Details und wir freuen uns, wenn das wahrgenommen wird, es jemand erkennt.

Markus Kienzl: Aber man darf das natürlich nicht so autark sehen, sondern vice versa. Das funktioniert nur im Austausch und es ist uns schon bewusst, dass es nur auf diese Weise funktionieren kann.

Michael Holzgruber: Das Schlimmste sind aber Leute, die mit dem Rücken zur Bühne stehen.

(c) Brigitte Kowanz

Für das Artwork ist die Künstlerin Brigitte Kowanz verantwortlich. Es handelt sich um einen Ausschnitt der diesjährigen Biennale-Installation „Infinity and Beyond“. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Michael Holzgruber: Timo Novotny hat für Brigitte Kowanz eine Dokumentation über die Biennale gemacht, denn sie vertritt ja Österreich in Venedig. Er hat mir dann Arbeiten von ihr geschickt und ich wiederum habe ein Werk von ihr im Naturhistorischen Museum Wien gesehen und ihm das geschickt. So sind wir darauf gekommen, dass wir uns beide dafür interessieren. Über einen Kontakt hat Brigitte Kowanz dann einen Ausschnitt ihrer Arbeit als Artwork zur Verfügung gestellt. Wir freuen uns sehr über dieses Crossover.

Markus Kienzl: Das Ganze macht auch zum Jubiläum Sinn, weil wir immer schon an der Universität für angewandte Kunst Wien Leute kannten, mit denen wir in visueller Richtung immer recht zusammenarbeiteten. Das ist bis heute so geblieben.

Noch ein letzter nostalgischer Blick zurück: Gibt es etwas, von dem sie bis heute bereuen, nicht gemacht zu haben?

Michael Holzgruber: Alles [lacht]!

Wolfgang Frisch: Musikalisch würde ich jetzt mal sagen, dass wir nichts bereuen. Dass man im Nachhinein vieles ändern will, ist nichts Spezielles, das haben vermutlich alle auf irgendeine Art und Weise. Ich würde sagen, wir hätten uns mehr um Geschäftliches kümmern können.

Michael Holzgruber: Damit haben wir erst spät begonnen und wir waren etwas blauäugig. Jetzt muss man es machen. Jede Band sollte eine Ahnung davon haben, auch was Social Media angeht. Ich hätte es bereut, wenn wir etwas nur aus finanziellen Gründen gemacht oder eben auch nicht gemacht hätten, aber das ist nie passiert, deshalb kann ich immer noch in den Spiegel schauen.

Markus Kienzl: Da war immer schon der eigene Narzissmus stärker [lacht].

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Ada Karlbauer und Julia Philomena

 

Live:

6. Oktober, FLEX, Wien

12. Oktober, p.p.c., Graz

13. Oktober, Jazzit:Musik:Club, Salzburg

17. November, Spielboden, Dornbirn

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