Ulrike Sych (c) Inge Prader
Ulrike Sych (c) Inge Prader

„Wir schaffen heute Innovationen, die in 200 Jahren vielleicht Traditionen sind“ – ULRIKE SYCH im mica-Interview

Als ULRIKE SYCH 2015 zur Rektorin der UNIVERSITÄT FÜR MUSIK UND DARSTELLENDE KUNST WIEN (mdw) berufen wurde, kannte sie das Haus bereits aus diversen Positionen. Was sie in ihrem Amt dennoch überrascht hat und was man in vier Semestern alles schaffen kann, darüber sprach sie mit Doris Weberberger.

 Sie haben die mdw vor Ihrem Antritt ja bereits sehr gut gekannt, können Sie uns einen kurzen Überblick über Ihre Erfahrungen im Haus geben?

Ulrike Sych: Ich bin mittlerweile schon fast 30 Jahre im Haus, einerseits aus der Lehre heraus, andererseits aber auch, weil ich mehr als 20 Jahre im Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen gearbeitet und ihn dann auch geleitet habe. Dadurch war ich auch in vielen Berufungskommissionen. Ich war also die Ansprechpartnerin für die Universität im Fall einer Diskriminierung, einer Ungleichbehandlung, einer sexuellen Belästigung. Dass man das Haus dadurch von einer ganz tiefen, fast intimen Seite kennenlernt, kommt mir als Rektorin zugute, weil ich spüren kann, wie das Haus seelisch tickt.

Aber auch die Ressorts, mit denen ich vor dem Rektorat beauftragt war, helfen mir dabei. Ich war zuerst für Lehre, Forschung und Frauenförderung zuständig, dann wurde ich Vizerektorin für zentrale Ressourcen, wo ich für das Personalmanagement und für die Bauten zuständig war. Plötzlich habe ich eine Bibliothek gebaut – das ist eine ganz andere Welt, eine sehr große Herausforderung, aber es hat Spaß gemacht! Jetzt bauen wir gerade ein Medienzentrum.

„Ich bin immer wieder erstaunt, was man in vier Semestern alles schaffen kann.“

Sie sind seit zwei Jahren Rektorin und damit in der Mitte Ihrer Amtszeit angelangt. Wie sieht Ihr Zwischenresümee aus und was hat Sie trotz Ihrer guten Kenntnis des Hauses vielleicht trotzdem überrascht?

Ulrike Sych: Wenn ich zurückblicke, bin ich erfreut darüber, was wir in den letzten zwei Jahren alles umgesetzt haben. Wir haben die Organisation der Universität geändert, wir haben Abteilungen und Institute gegründet, zum Beispiel für Musiktherapie, und ein Studiendekanat für wissenschaftliche Studien ins Leben gerufen. Wir haben das Wissenschaftszentrum exil.arte gegründet, das Nachlässe von verfemten Komponistinnen und Komponisten, Musikerinnen und Musikern, die von den Nazis vertrieben und ermordet wurden, aufnimmt. Die Informations- und Aktionsplattform grüne mdw hat expandiert, das Zentrum für Weiterbildung ist größer geworden, wir haben ein „Career Center“ installiert, die Wissenschaft und Forschung ist sehr professionell aufgestellt, wir haben eine Abteilung für Forschungsförderung gegründet, in der wissenschaftliche und künstlerisch-wissenschaftliche Projekte unterstützt und professionell begleitet werden. Ich habe mich österreichweit sehr stark bei diversen Themen engagiert: Wie geht es mit der Ausbildung der Musiklehrerinnen und -lehrer weiter, wie ist die Qualitätssicherung für die Ausbildung von Künstlerinnen und Künstlern? Wie soll die Ausbildung der Volksschullehrerinnen und -lehrer in Bezug auf Kunst und Kultur aussehen, was ist die gesellschaftliche Relevanz für Österreich, wenn Kunst und Kultur aus der Allgemeinbildung brechen? Ich bin gerade dabei, flächendeckend für ganz Österreich daran mitzuwirken, dass die hervorragenden Landeskonservatorien Tirol, Vorarlberg, Kärnten und Burgenland ins Hochschulsystem integriert werden. Es sind riesige Felder, auf denen ich ackere.

Mein Resümee lautet: Ich bin immer wieder erstaunt, was man in vier Semestern alles schaffen kann. Ich habe ein Traumteam um mich, die Vizerektorinnen und Vizerektoren arbeiten auf Hochtouren, ich habe wundervolle Kolleginnen und Kollegen. Es ist ein tolles Haus, das sehr zusammenhilft, das sehr aktiv in die Zukunft geht und ich fühle mich zu 100 Prozent von den Universitätsangehörigen unterstützt. Auch die Kommunikation mit den Studierenden läuft hervorragend, es gibt bei mir als Rektorin kaum eine richtungsweisende Sitzung, an der nicht die Studierenden als faire Player auf Augenhöhe teilnehmen. So gestalten unsere Studierenden die Universität aktiv mit.

Sie haben bereits die Ausbildung der Volkschullehrerinnen und -lehrer angesprochen. Ich möchte gerne auf die Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer der Mittelschule zu sprechen kommen. Wie sehen Sie die „PädagogInnenbildung Neu“?

Ulrike Sych: Sehr kritisch! In einer viel zu schnell herbeigeführten Aktion wurde versucht, mit den Universitäten und den pädagogischen Hochschulen zwei parallele, inkompatible Systeme zusammenzuführen. Die drei Kunstuniversitäten – die mdw, die Akademie der bildenden Künste und die Angewandte – haben sich aus Gründen der Qualitätssicherung erfolgreich gegen diese Zwangskooperation gewehrt. Wir haben stattdessen sehr schöne Kooperationen mit den pädagogischen Hochschulen entwickelt – in den Feldern, in denen es Sinn macht. Das funktioniert ausgezeichnet.

Wir haben eine sehr gute Gesprächsbasis mit der Pädagogischen Hochschule Wien und der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich sowie mit der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems. Ich finde es sehr bedauerlich, dass man sich bei der Reform der „PädagogInnenbildung Neu“ ausschließlich auf die Sekundarstufe konzentriert hat. Meines Erachtens wäre es viel besser gewesen, wenn man das System dahingehend reformiert hätte, dass man die gesamte Ausbildung vom Kindergarten bis hin zur Weiterbildung im Sinne des lebenslangen Lernens bedacht hätte.

Ein anderer Punkt betrifft die Schule und die Kunstausbildung im Allgemeinen: Es muss wieder ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, welche Bedeutung Kunst und Kultur für die österreichische Gesellschaft haben und was passiert, wenn Kunst und Kultur wegbrechen. Das umfasst viele Parameter: Ich bin der Meinung, Kunst und Kultur müssen wieder stärker in die Allgemeinbildung und damit in die Curricula der Elementar-, Primar- und Sekundarschulen aufgenommen werden, weil erwiesen ist, dass Kinder, die Musikunterricht haben und ein Instrument lernen, bessere sprachliche und soziale Kompetenzen entwickeln, die für ihr weiteres Leben relevant sind. In Schulklassen, die Musikunterricht haben, wird viel weniger gemobbt, weil die Kinder durch ihr geschultes Gehör viel schneller sensibel auf ihr Gegenüber reagieren können. Und natürlich braucht eine Gesellschaft kreative Menschen – auch in der Wirtschaft, in der Industrie, in der Forschung. Deshalb müssen wir sie als Kinder kreativ bilden.

Zum anderen sollten Kunst und Kultur auch aus Sicht des österreichischen Publikums in der Allgemeinbildung verankert sein. Da spielt auch die soziale Dimension eine große Rolle: Haben Eltern überhaupt die Möglichkeit, den Kindern Kunst und Kultur näherzubringen? Wenn diese Aufgabe nicht von den Schulen übernommen wird, bricht uns auf Dauer das österreichische Publikum weg, weil die Schülerinnen und Schüler von heute das Publikum von morgen sind.

„Auch meine Universität lebt Transkulturalität […]“

Eine Zwischenfrage: Wie weit fassen Sie dabei den Kunst- und Kulturbegriff?

Ulrike Sych: Sehr weit. Menschen mit Migrationshintergrund bringen sehr viel Kunst und Kultur in unser Land, was ich als große Chance und als Bereicherung betrachte. Auch meine Universität lebt Transkulturalität in Forschung, Lehre und Veranstaltungen.

Warum ich es außerdem so wichtig finde, dass Kunst und Kultur in den Schulen gelehrt werden, ist das Faktum, dass Österreich auf seinen künstlerischen Nachwuchs achten muss. Dazu gibt es mehrere Ansätze. Um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können, müssen Talente schon in sehr jungen Jahren entdeckt werden. Das hat zur Folge, dass die Schulen Lehrende brauchen, die die Talente nicht nur erkennen, sondern auch wissen, wie beziehungsweise wo sie gefördert werden. Auch aus diesem Grund ist es daher zwingend notwendig, Kunst und Kultur in das Curriculum der Ausbildung der Volksschullehrenden und der Kindergärtnerinnen und Kindergärtner einzubinden. Österreich ist DAS Kunst- und Kulturland weltweit. Wenn wir Kunst und Kultur aus der Bildung kappen, werden wir diesen Status vielleicht verlieren.

Auch was die Gesamtschule anbelangt: Es gibt viele Parameter, die für eine Gesamtschule sprechen, aber wir müssen genau darauf achten, welchen Stellenwert Kunst und Kultur dabei einnehmen. Kinder, die Künstlerinnen und Künstler sind, also Profikinder sind, müssen genug Zeitressourcen für das Üben bekommen, es genügt nicht, wenn das Kind jeden Tag ein Zeitfenster von zwei bis vier Uhr hat, die Kinder müssen ihre Zeit auch individuell gestalten können. Es sollte auch dafür gesorgt werden, dass diese Kinder zu sehr guten Lehrenden kommen. Ich setze mich als Rektorin ganz stark dafür ein, dass die Musikschulen Österreichs in Kooperation mit den Ganztagsschulen treten, damit gesichert ist, dass die Schülerinnen und Schüler von professionellen Expertinnen und Experten ausgebildet werden.

In Bezug auf die Allgemeinbildung in Zusammenhang mit Kunst und Kultur spielt auch die Musikvermittlung eine große Rolle. Inwiefern ist sie auch für Künstlerinnen und Künstler von Bedeutung?

Ulrike Sych: Kunstvermittlung ist mittlerweile ein wesentliches Thema in der Ausbildung von Künstlerinnen und Künstlern, denn die Arbeitsbedingungen und die Arbeitskriterien haben sich weltweit stark verändert. Künstlerinnen und Künstlern wird viel mehr abverlangt als nur das reine Talent, die technische Fertigkeit und die Interpretations- und Musikgestaltung. Sie müssen sich im Bereich digitaler Medien und im (Selbst-)Management gut auskennen, darüber hinaus benötigen sie Performance Tools. Auch neues Publikum zu gewinnen, also neue Projekte zu designen, ist ein wesentlicher Aspekt: Aufführungsorte finden und kreativ erfinden, Konzertformate gestalten. Spiele ich vielleicht ein Konzert in der Straßenbahn oder gehe ich in einem Hotel von Zimmer zu Zimmer und spiele den Gästen etwas vor? Hilde Zadek, die unser Ehrenmitglied ist, sagt: „Künstlerin oder Künstler zu sein bedeutet, umfassend gebildet zu sein.“ Gerade im Bereich der Kunstvermittlung ist das sehr wichtig, daher müssen Künstlerinnen und Künstler auch wissenschaftlich sehr gut ausgebildet sein.

Sie haben kürzlich den Lehrgang Kompositionspädagogik implementiert. Können Sie den Zugang kurz umreißen?

Ulrike Sych: Ich halte es für die österreichische Gesellschaft für existenziell, die Kreativität von Kindern zu fördern. Das bedeutet auch, nicht nur Aufsätze und Geschichten zu schreiben, sondern Musik mit Tönen zu malen, mit Klangfarben zu arbeiten. Außerdem müssen wir in die Komposition investieren, um hervorragende Komponistinnen und Komponisten zu bekommen, das ist essenziell für die Nachwuchsförderung. Natürlich braucht es dafür auch eine pädagogische Ausbildung von Komponistinnen und Komponisten.

 „[…] Studentinnen so zu stärken, dass sie selbstsicher in die Arbeitswelt starten.“

Wenn man die Konzertprogramme durchsieht, scheinen nur relativ wenige Werke von Frauen auf, bei Preisvergaben ist das Bild noch wesentlich drastischer. Inwiefern versuchen Sie, dem entgegenzuwirken?

Ulrike Sych: Das eine ist die Welt außerhalb der Universität, das andere ist die Welt in der Universität. Für unsere Universität kann ich sagen, dass sich in den letzten Jahrgängen die Komponistinnen und Komponisten in Bezug auf die Studierendenanzahl ungefähr die Waage gehalten haben. Da ist innerhalb der Universität sehr viel geschehen. Die mdw bringt in den nächsten Jahren in einem ziemlich ausgewogenen Ausmaß auch Komponistinnen zum Studienabschluss. In Bezug auf die Berufung muss man ein bisschen Geduld haben, denn neue Berufungen können erst erfolgen, wenn Stellen frei werden. Derzeit ist unsere einzige Professorin in der Komposition Iris ter Schiphorst. Ich bin sehr zuversichtlich, dass sich in den nächsten Jahren an der mdw in Richtung Berufung von Komponistinnen etwas tun wird.

Die zweite Sache ist aber der Arbeitsmarkt, auf den die Universität natürlich nur indirekt Einfluss nehmen kann. Ich bemühe mich als Rektorin bei diversen Playern ein Bewusstsein dafür zu schaffen, aber ich kann andere Institutionen nicht zwingen, Frauen aufzunehmen. Das muss von der Regierung und von der Politik aus gesteuert werden. Was ich aber natürlich tun kann, ist, atmosphärisch mitzuwirken und vor allem unsere Studentinnen so zu stärken, dass sie selbstsicher in die Arbeitswelt starten.

Diese Selbstsicherheit und das Arbeitsumfeld haben auch mit dem nächsten Punkt zu tun: In den letzten Wochen ist die Diskussion um sexuelle Belästigung in der Filmbranche aufgekommen. In der Musik, hört man, ist das auch oft der Fall.

Ulrike Sych: Sexuelle Belästigung ist ein Vergehen und kriminelles Handeln, das quer durch alle Gesellschaftsschichten zu beobachten ist. Was bedeutet das für die mdw? Unsere Universität hat eine ganz starke Präventionspolitik. Jeder Fall von sexueller Belästigung wird aufgearbeitet und hat dienstrechtliche Konsequenzen.

Wir haben schon viel von Veränderungen gesprochen. Dennoch: Die mdw feiert heuer ihr 200-jähriges Bestehen. Inwiefern möchten Sie die Tradition des Hauses fortsetzen, wo gibt es Brüche und wo soll es hingehen?

Ulrike Sych: Die Tradition soll auf alle Fälle fortgesetzt werden. Viele Studierende kommen zu uns, um den speziellen Wiener Klangstil zu studieren, zum Beispiel ein spezifisches Instrument wie die Wiener Pauke oder die Wiener Oboe. Aber selbstverständlich sind wir eine moderne Universität und entwickeln uns auch im Bereich der „Artistic Research“. Dies impliziert auch die Entwicklung eines künstlerischen Doktorats und die Installierung von Experimentalräumen. Die Tradition, aus der wir kommen, war damals, als sie geboren wurde, die Innovation. Wir schaffen heute Innovationen, die in 200 Jahren vielleicht Traditionen sind.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Doris Weberberger

Link:
Universität für Musik und darstellende Kunst