airborne extended (c) Luigi Opatija, Glazbena tribina 2018
airborne extended (c) Luigi Opatija, Glazbena tribina 2018

„Wir nehmen von überall die besten Stücke mit ins Repertoire“ – AIRBORNE EXTENDED im mica-Interview

Mit Cembalo, Harfe, Flöte und Blockflöte bietet das Ensemble AIRBORNE EXTENDED zeitgenössischen Komponistinnen und Komponisten ein klanglich unbekanntes Terrain. Rund um das „Doppel-Duo“ entstanden neue Werke, etwa von HANNES KERSCHBAUMER, ONUR DÜLGER, ELISABETH SCHIMANA und BRUNO STROBL. Damit hat AIRBORNE EXTENDED, das darauf achtet, in jedem Konzertprogramm das Werk einer Frau zu spielen, das Repertoire für diesen außergewöhnlichen Klangkörper ordentlich erweitert. Auch international ist AIRBORNE EXTENDED gefragt und in der glücklichen Lage, Stücke mehr als einmal aufzuführen. Was also macht den Reiz des Ensembles – bestehend aus SONJA LEIPOLD, CAROLINE MAYRHOFER, DORIS NICOLETTI und TINA ZERDIN – aus? Zeit für eine Bestandsaufnahme. Caroline Mayrhofer und Sonja Leipold sprachen mit Ruth Ranacher über die Neugier auf neues Repertoire und das Interesse, auch international Komponistinnen und Komponisten auszuforschen.

airborne extended wurde von Ihnen gegründet, um ein bestehendes Repertoire für die Besetzung Harfe, Cembalo, Flöte und Blockflöte zu spielen. Den Grundstein für dieses Repertoire legte 1992 das italienische Ensemble Alter Ego. Was faszinierte Sie an diesem Klangkörper?

Caroline Mayrhofer: Die Faszination ging anfänglich vom Repertoire aus, das von Alter Ego angeregt wurde. Das sind sehr gute Stücke und es ist herausfordernd, sie aufzuführen. Zudem kommt der spezielle Zusammenklang der Besetzung. Zwei Duos mit Flöten- und Saiteninstrumenten schaffen viele interessante Klangmöglichkeiten.

Sie wirkten bereits als junges Ensemble als eine sehr gut eingespielte Formation, die hier eine für sich sehr stimmige Form gefunden hat. Könnte das daran liegen, dass Sie jeweils auch in den verschiedensten Formationen und als Solistinnen erfolgreich unterwegs sind, aber mit airborne extended gemeinsam eine ganz bestimmte Qualität verfolgen können?

Caroline Mayrhofer: Ja, wir sind alle im Bereich Neue Musik mit verschiedenen Formationen unterwegs und interessieren uns für Neues. Und wir mögen und wollen gute Kammermusik machen.

Sonja Leipold: Affinität zur kammermusikalischen Arbeit haben wir sicher alle. Für mich ist es immer schön zu erleben, wie wir als Ensemble in den letzten Jahren zusammengewachsen sind und noch immer zusammenwachsen. Viele „unserer“ Kompositionen führen wir ja häufiger auf und nicht nur ein- oder zweimal, wie das leider oft in der zeitgenössischen Musik üblich ist. Es ist interessant für uns, wie sich diese Repertoirewerke durch die lange gemeinsame Arbeit mit jedem Mal weiterentwickeln und wie frei, sicher und musikalisch spontan man dadurch musizieren kann.

„Bei vielen Kolleginnen und Kollegen […] bemerke ich ein Umdenken, sobald sie das mittlerweile doch recht umfangreiche Repertoire unseres Ensembles sehen und hören.“

Sie erweitern seit mittlerweile sechs Jahren beständig das Repertoire für diese besondere Besetzung, indem Sie Kompositionsaufträge vergeben. Würden Sie sagen, dass Sie in den letzten fünf, sechs Jahren etwas bewegt haben?

airborne extended (c) Nevena Tsvetkova
airborne extended (c) Nevena Tsvetkova

Caroline Mayrhofer: Ursprünglich ging es uns gar nicht darum, aber es hat sich tatsächlich etwas bewegt. Rundherum sind Komponistinnen und Komponisten auf uns aufmerksam geworden, sie interessieren sich für unseren Klangkörper. Dadurch sind viele sehr gute Stücke entstanden und auch ein neues Repertoire. Durch unsere Teilnahme am Programm NASOM [„New Austrian Sound of Music“; Anm.] konnten wir uns auch international in vielen Ländern vorstellen. Wir nehmen von überall die besten Stücke mit ins Repertoire. Sehr geholfen hat uns die IGNM [Internationale Gesellschaft für Neue Musik; Anm.] über ein Projekt, das uns dabei unterstützt hat, Repertoire von Komponistinnen und Komponisten der IGNM aufzuführen.

Sonja Leipold: Nicht zuletzt halten wir dank des IGNM-Projekts auch an vielen internationalen Universitäten und Konservatorien Meisterklassen für Studierende der Kompositionsklassen. Da spüren wir oft großes Interesse für unsere Instrumente und für die Besetzung. Es gibt erfreulicherweise viel Resonanz, und zwar bei Studierenden wie auch bei Lehrenden. Als Cembalistin habe ich schon den Eindruck, dass sich durch die Erweiterung des Repertoires einiges bewegt hat. Bei vielen Kolleginnen und Kollegen, seien es Komponistinnen und Komponisten oder Cembalistinnen und Cembalisten, die anfänglich skeptisch gegenüber dem zeitgenössischen Cembalo waren, bemerke ich ein Umdenken, sobald sie das mittlerweile doch recht umfangreiche Repertoire unseres Ensembles sehen und hören.

„Für Komponistinnen und Komponisten sind unsere Instrumente, also Cembalo, Harfe und Blockflöte, teilweise eher unbekanntes Terrain.“

Ein Vorteil in der Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Komponistinnen und Komponisten ist sicherlich, Rücksprache halten zu können. Würden Sie diesen Prozess selbst als Dialog bezeichnen?

Caroline Mayrhofer: Ja, für Komponistinnen und Komponisten sind unsere Instrumente, also Cembalo, Harfe und Blockflöte, teilweise eher unbekanntes Terrain. Sehr viele Komponistinnen und Komponisten kommen vor dem Schreiben zu uns und lassen sich vor allem von Sonja am Cembalo Klänge zeigen.

Sonja Leipold: Bei den ersten Treffen geht es tatsächlich zunächst oft darum, die ganz „normalen“, ursprünglichen klanglichen und technischen Möglichkeiten des Cembalos zu zeigen; viele Komponistinnen und Komponisten haben sonst kaum Gelegenheit, ein wirklich gutes und klanglich flexibles Cembalo auszuprobieren. In den letzten Jahren hat sich natürlich auch schon ein großes Repertoire an erweiterten Spieltechniken entwickelt, das ich gerne weitergebe. Umgekehrt habe ich aber selbst sehr viel von verschiedensten Komponistinnen und Komponisten gelernt und erst durch sie entdeckt.

Haben Sie derzeit einen Kompositionsauftrag vergeben? Gibt es derzeit ein Auftragswerk, das Sie erarbeiten?

airborne extended, Konzert Eskisehir (c) Christoph Renart
airborne extended, Konzert Eskisehir (c) Christoph Renart

Caroline Mayrhofer: Viele! Wir haben unsere Fühler nach Deutschland und in die Ukraine ausgestreckt. Wir haben Aufträge an Marcus Schmickler, Mikolaj Laskowski, Maxim Kolomieets, Anna Arkushyna, und – in Österreich – Elisabeth Harnik vergeben. Als Ensemble haben wir selbst kein Budget für Aufträge zur Verfügung, aber wir sind dankbar für Unterstützung des SKE [Soziale & Kulturelle Einrichtungen; Anm.] beziehungsweise des Bundeskanzleramtes und der Siemens Stiftung.

Verglichen mit anderen Ensembles fällt auf, dass nahezu gleich viele Aufträge an Komponistinnen wie an Komponisten ergangen sind. Spielen Geschlechterverhältnisse und Gender eine Rolle?

Caroline Mayrhofer: Ja, wir achten darauf, in jedem Konzertprogramm auch eine Komponistin zu haben. Durch unsere Besetzung mit vier Frauen werden wir auch manchmal zu frauenspezifischen Themen eingeladen, wie beispielsweise zu einer Matinee im Mumok über die feministische Avantgarde …

Sonja Leipold: Das Festival Intrada in Timisoara, Rumänien lud uns anlässlich seines Jubiläumsthemas „Frauenrechte – Menschenrechte“ ein. Unsere Besetzung mit vier Frauen hat sich durch Zufall ergeben.

„Es gibt immer wieder Stücke, bei denen einzelne Parts an der Grenze des Machbaren sind.“

Was war bisher für Sie das technisch anspruchsvollste Stück? Bitte um ein paar Einblicke in den Probenprozess.

Caroline Mayrhofer: „Conduites d’Approche“ von Gabriele Manca ist eine sehr schwierig zu lesende Partitur mit sehr vielen Noten, dazu kommt ein komplexer Rhythmus. Es ist eine Herausforderung, das zusammen hinzukriegen.

Sonja Leipold: Auch das Quartett [London in the Rain, Monadologie XXIX; Anm.] von Bernhard Lang ist sehr heikel und durchsichtig, man hört jede winzige Abweichung. Aber es ist auch sehr lohnend, daran zu arbeiten. Es gibt immer wieder Stücke, bei denen einzelne Parts an der Grenze des Machbaren sind. Wir proben oft auch nur sehr winzige Abschnitte, diese Genauigkeit überträgt sich dann auch auf das restliche Stück. Dass wir schon lange zusammenspielen, erleichtert und beschleunigt die Probenphasen jedenfalls merklich.

Tourneen stehen bei airborne extended auf dem Plan. Im Frühjahr spielen Sie in der Griechischen Nationaloper in Athen, dann auf Festivals in Großbritannien, der Ukraine, Kanada und Italien. Gibt es hier ein Festival, das besonders wichtig für Sie ist oder wichtig war?

Caroline Mayrhofer: Es ist für uns interessant, die coolsten Komponistinnen und Komponisten eines Landes auszuforschen beziehungsweise auch herauszufinden, ob es dort schon Repertoire für uns gibt.

Sonja Leipold: Es ist sehr bereichernd, Künstlerinnen und Künstler in den verschiedensten Ländern kennenzulernen, Kontakte zu knüpfen, Einblick zu gewinnen in ihre Arbeitswelt und die verschiedensten musikalischen Ästhetiken. Oft sind es auch die kleinen Festivals, die sehr interessante Arbeit leisten, mit sehr viel Engagement und geringem Budget.

„Wenn ich den Inhalt gefunden habe, ist die Interpretation klar […]“

2017 spielten Sie, Caroline Mayrhofer, ein Stück bei Wien Modern, das die zirkuläre Atmung erfordert. Haben Sie diese eigens für Julien Feltrins „high piercing“ erlernt? Wie viel Freiraum lassen zeitgenössische Stücke den Interpretinnen und Interpreten? Wie viel Freiraum für Interpretation lassen Stücke für Alte Musik?

Caroline Mayrhofer: Tatsächlich konnte ich die Zirkularatmung schon seit vielen Jahren. Ich habe sie einst für „Austro“ von Giorgio Tedde gelernt – und eben für „high piercing“, das ich schon länger in meinem Repertoire habe. Bei Alter Musik liegt die Herausforderung eher darin herauszufinden, was in dem Stück steckt; im Nachforschen einer für uns schon nicht mehr vertrauten Sprache. Wenn ich den Inhalt gefunden habe, ist die Interpretation klar und braucht kein Extra.

Das Cembalo findet seit den letzten zehn Jahren immer wieder Eingang in die zeitgenössische Musik. Gab es hier bestimmte Wegbereiterinnen und Wegbereiter?

airborne extended (c) Emmanuelle Beaufils
airborne extended (c) Emmanuelle Beaufils

Sonja Leipold: Eigentlich begann das Revival des Cembalos schon in den 1920er-Jahren, als Wanda Landowska begann, mit damals zeitgenössischen Komponistinnen und Komponisten wie Poulenc, de Falla und anderen zusammenzuarbeiten. Elżbieta Chojnacka und Antoinette Vischer waren weitere wichtige europäische Wegbereiterinnen, in deren Umkreis Werke von Xenakis, Berio, Haubenstock-Ramati, Brown, Carter, Glass, Sciarrino, Ligeti, Saariaho, Gubaidulina etc. entstanden sind. Eine sehr einflussreiche zeitgenössische Cembalistin ist seit circa 15 Jahren sicher Goska Isphording in Amsterdam. In Österreich ist es Maja Mijatovic. Es werden erfreulicherweise immer mehr Komponistinnen und Komponisten, die das Cembalo als Solo- oder Ensembleinstrument in ihren Werken einsetzen. Mittlerweile findet das zeitgenössische Cembalorepertoire auch in das Konzertfachstudium Eingang. Es braucht hier aber sicher noch einiges an Initiative, um Komponierende und Cembalistinnen und Cembalisten zusammenzubringen.

Gibt es bestimmte Spieltechniken, die nur beim Cembalo anzuwenden sind?

Sonja Leipold: Bis jetzt sind mir keine gänzlich exklusiven Spieltechniken bekannt. Vieles, was auf der Harfe und am Klavier funktioniert, geht in leicht adaptierter Form auch am Cembalo – und umgekehrt. Das klangliche Ergebnis ist mehr oder weniger unterschiedlich.

„Seid froh, dass zeitgenössische Komponistinnen und Komponisten lebendig sind […]“

Sie unterrichten, wie vorhin schon erwähnt, immer wieder Meisterklassen. Was geben Sie Ihren Studierenden in Hinblick auf die Interpretation von barocker Musik mit, was in Hinblick auf Zeitgenössisches?

Sonja Leipold: Egal ob in zeitgenössischem oder barocken Repertoire, ich versuche, die Studierenden immer dort abzuholen, wo sie gerade sind, ihr Interesse zu wecken, sich auf vielen Ebenen mit einem Werk und einer Komponistin bzw. einem Komponisten auseinanderzusetzen. Ganz wichtig ist es mir, dass sie selbst dabei ein Stück wachsen und ihre persönliche musikalische Ausdrucksweise weiterentwickeln können. Im Hinblick auf zeitgenössische Musik ermutige ich meine Studierenden besonders zum direkten Kontakt mit den Komponistinnen und Komponisten. Ich sage ihnen: „Seid froh, dass zeitgenössische Komponistinnen und Komponisten lebendig sind und ihr sie direkt fragen, mit ihnen diskutieren, gemeinsam an ihren Werken arbeiten könnt, um eure ganz persönliche Interpretation zu finden.“

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Ruth Ranacher

Links:
airborne extended
airborne extended (music austria Datenbank)