Cari Cari (c) Andreas Jakwerth

„Wir müssen bei niemandem um Erlaubnis fragen“ – CARI CARI im mica-Interview

Das DIY-Duo STEPHANIE WIDMER (Gesang, Schlagzeug und Didgeridoo) und ALEXANDER KÖCK (Gesang und Gitarre) aka CARI CARI war seit der Bandgründung 2014 bereits am Soundtrack für die US-amerikanischen Serien „Shameless“ und „The Magicians“ beteiligt, auf Australien-Tour, 2017 als Support-Act von GARISH unterwegs und heuer auf diversen Festivals wie beispielsweise auf dem THE GREAT ESCAPE (UK),  dem EUROSONIC NOORDERSLAG (NL), dem PRIMAVERA SOUND (ESP) und dem NOVA ROCK (AT) vertreten. Im November 2018 haben CARI CARI nun ihr Debütalbum veröffentlicht: „ANAANA“ (Ink Music). Das Wort für „Glut“ in der Maori-Sprache. Mit Julia Philomena sprach die Band von ihrem Road-Trip zum Mars, ihren cineastischen Ambitionen und den Vorteilen einer Fanbase im eigenen Land.

Was hat sich seit den Anfangstagen der Band getan? Gab es essenzielle Veränderungen? In einem Interview meinten Sie, das Kindliche nicht verlieren zu wollen. Ist das gelungen? 

Alexander Köck: Wir haben mit Cari Cari ganz ungezwungen und ziellos begonnen. Stephanie hat sich beispielsweise zwei Wochen vor der Aufnahmesession zu unserer Debüt-EP zum ersten Mal vor ein Schlagzeug gesetzt. Für uns war der ungezwungene Zugang immer das Wichtigste, zumal wir beide keinen professionellen universitären Background haben. Ich habe mit zwölf Jahren begonnen, Gitarre zu spielen, damit habe ich jede freie Sekunde verbracht. Ich habe in Schulzeiten ein eigenes Label gegründet, in meinem Studio elektronische Beats gebastelt, verschiedene Bands gehabt – alles immer DIY.

Stephanie Widmer: Verglichen dazu habe ich eigentlich einen noch unberührteren Background in der Musikwelt. Ich war zwar auf einer Musikschule und habe sehr früh Geige gelernt, wollte sie aber relativ schnell wieder weglegen. Die Geige ist ein undankbares erstes Musikinstrument. Da braucht es harte Arbeit, bis man zumindest „Alle meine Entchen“ spielen kannst. Außerdem habe ich die Musikschule generell nicht gemocht. Ich habe die Noten nicht verstanden, die Lehrerinnen und Lehrer waren alle wahnsinnig streng, ich durfte während des Unterrichts nie aufs Klo gehen – lauter schlechte Erfahrungen, die ich mit Musik per se verbunden habe. Erst mit 14 oder 15 habe ich mich wieder einem Instrument angenähert, die Gitarre in die Hand genommen und mir das Spielen selbst beigebracht.

„Für uns war der ungezwungene Zugang immer das Wichtigste”

Cari Cari (c) Andreas Jakwerth

Alexander Köck: Dass sich irgendwann Hollywood für unsere Musik interessiert, damit hätten wir nicht gerechnet. Auf unserem Blog haben wir zwar unsere Musik quer durch die Welt geschickt, aber sehr ambitionslos und entspannt. Unsere erste EP wurde ja auch unkompliziert aufgenommen. Als uns plötzlich Indie Shuffle, ein ziemlich großer und wichtiger amerikanischer Musikblog, zum „Song of the day“ gekürt hat, war von allen Seiten Aufmerksamkeit da. Von einem Tag auf den anderen wurden wir in der amerikanischen Fernsehserie „Shameless“ gespielt,  sind auf Australien-Tour gegangen, haben an unserer zweiten EP gearbeitet. Nur haben sich auf einmal total viele Leute eingemischt und waren der Meinung, dass die Zeit für ein professionelles Studio reif sei. Wir sind vor einem Typen gestanden, der allein das Schlagzeug mit 20 Mikrofonen aufnehmen wollte. Das war alles tot, charakterlos und viel zu ernst. Wir haben dann doch lange hin und her überlegt, bis wir uns dazu entschlossen haben, diese ganze Aufnahmeaktion komplett zu kübeln. Das Professionelle ist ja nicht schlecht, aber es berührt uns nicht. Danach sind wir aufgebrochen und herumgezogen, haben in Hamburg und London gewohnt, eigentlich von vorne begonnen. Oder anders gesagt: Wir haben versucht, wieder zurückzufinden. Zu dem einzig wichtigen Kriterium, nämlich dass uns selbst gefallen muss, was wir machen. Wir müssen bei niemandem um Erlaubnis fragen. Richtig und falsch gibt’s nicht. Das haben wir auf unseren Streifzügen realisiert und als Motto für das Debütalbum gebraucht.

Ihnen ist das DIY-Label sehr wichtig. Warum stammt das Musikvideo zu „Summer Sun“ erstmals nicht aus eigener Produktion?

Alexander Köck: Wir haben eigentlich immer alle Videos komplett selbst gemacht, nur bei „Mapache“ und „Summer Sun“ haben wir uns jemanden hinzugeholt. Die Drehbücher haben wir geschrieben, für die Regie haben wir aber etablierte Leute ins Boot geholt – und das bereuen wir sehr [lacht].

Stephanie Widmer: Wir haben auf jeden Fall gelernt, dass es vollkommen egal ist, mit welchem Budget man arbeitet. Die Qualität hängt nicht davon ab.

Alexander Köck: Wir wollen halt keinen Stempel von außen. Wenn uns jemand helfen möchte, ist das großartig! Wir freuen uns über Input. Aber wir wissen genau, wie Cari Cari klingen und aussehen soll. Die Handschrift muss immer erkennbar sein!

„Die Handschrift muss immer erkennbar sein!”

Cari Cari (c) Andreas Jakwerth

Ihr Debütalbum kann man als musikalisches Cari-Cari-Sammelsurium verstehen. Was sind denn Ihre wesentlichen Leitthemen? Was zeichnet Ihre Handschrift aus?

Alexander Köck: Wir haben generell einen Hang zu Kostümen und fremden Welten. Wahrscheinlich spiegelt das unsere Liebe für das Kindsein wider. Bei „Mapache“ zum Beispiel ist ein großer Traum wahr geworden, weil wir endlich in die Spaghetti-Western-Welt eingetaucht sind. Als große Fans von Sergio Leone haben wir diesen Dreh sehr genossen!

Dass Ihnen der Film generell nahesteht, bestätigen ja auch die internationalen Soundtrack-Anfragen. Noch vergangenes Jahr meinten Sie, im Ausland erfolgreicher zu sein als in Österreich. Hat sich das verändert? Laut Spotify wird Cari Cari vor allem in Wien, Berlin und Hamburg gehört.

Alexander Köck: Ja, es hängt sehr von den Plattformen ab. Auf YouTube und verschiedenen Internetblogs haben wir immer noch vor allem amerikanische und australische Hörerinnen und Hörer. Seitdem wir auf FM4 präsent sind, nimmt uns auch Österreich wahr – und das freut uns natürlich, weil es doch recht kompliziert oder mühsam ist, von Wien aus eine Amerika-Tour zu organisieren.

Sie waren in den letzten Jahren viel unterwegs, mittlerweile wohnen Sie wieder in Wien. Was hat sich durch das Reisen verändert und gibt es einen konstanten Zufluchtsort?

Alexander Köck: Wir sind durch das viele Reisen, durch das viele Spielen an den unterschiedlichsten Orten eine wirklich gute Live-Band geworden. Das Absurde ist, dass gerade deshalb Wien ein Zufluchtsort geworden ist, weil wir eh nie zu Hause sind. London ist uns schon sehr ans Herz gewachsen, vor allem unsere Freundinnen und Freunde dort. Es gibt zum Beispiel eine lustige Anekdote aus London zu „Mapache“. Nachdem wir einen Abend lang im Pub gesessen waren, haben wir alle bei einem Freund übernachtet, der drei spanische Mitbewohner hat. Einer von ihnen ist mit seiner Freundin stoned im Wohnzimmer gesessen und hat gemeint, jeder bekomme jetzt einen Tiernamen, er sei „el lobo“, der Wolf. Dann hat er willkürlich Namen verteilt, bis ich ihn gefragt habe, welchen denn seine Freundin bekomme. „Mapache“, hat er geantwortet. Das war das letzte Puzzleteil, das dem Song damals gefehlt hat. Danke, London, für deine Menschen und Inspiration!

Also London für die Inspiration und Wien zum Leben?

Alexander Köck: Ja, in Wien ist die Welt einfach noch in Ordnung. Unsere Freundinnen und Freunde in London kämpfen ums Überleben und haben keine Perspektive. Wenn du kein Borderliner bist, ist das schrecklich. In Österreich besteht die Möglichkeit, von der Kunst zu leben, mit der Musik Geld zu verdienen und ein eigenes Studio zu haben. Wir haben unseres beispielsweise im Burgenland am Neusiedler See. Die schönste Oase.

Nach London sind Sie damals unmittelbar nach dem Brexit-Votum gezogen.

Alexander Köck: Ja, in der Stadt, die gegen den Brexit gestimmt hat, war Weltuntergangsstimmung, besonders in der Künstlerszene. Der Brexit ist keine für sich stehende Katastrophe, sondern ein Sinnbild für unsere Zeit. Das tut sehr weh. Anderseits haben wir in dieser aufgebrachten Stimmung tolle Menschen kennengelernt und musikalisch viel dazugelernt.

Gibt es einen Kontext, ein Setting, in dem Sie am liebsten performen?

Alexander Köck: Da muss ich sofort an den Space 44, eine Galerie in Sidney, Australien, denken.

Stephanie Widmer: Dieser Abend war einfach genau so, wie man sich home parties in Amerika vorstellt. Komplett wahnsinnig. Wir haben als Vorband von Drunk Mums gespielt, und zwar in einem winzigen Raum.

„Und genau dieses Gesamtpaket sind wird: bizarr, absurd, fantasievoll.”

Alexander Köck: Ab dem ersten Ton sind die Leute ausgezuckt, haben getanzt, gelacht. Das war super cool. Vor allem war alles so angenehm unprofessionell. Die Technik, alles hingefetzt. Beste Stimmung!

Welcher Stimmung hat Ihr Debütalbum?

Alexander Köck: Schwierig! Das Spektrum reicht von „Mapache“ und „After The Goldrush“, zwei eher konstruierten Nummern, für die wir mit Samples und Elektronik gearbeitet haben, bis hin zu „Do Not Go Gentle Into That Good Night“. Die Nummer wurde komplett live aufgenommen. Zur hören ist genau ein Take mit meiner Gitarre und Stephanies Stimme. Und genau dieses Gesamtpaket sind wird: bizarr, absurd, fantasievoll.

Kann man in absehbarer Zukunft neue Soundtracks oder einen Spielfilm von Cari Cari erwarten  beziehungsweise werden Sie Ihre Dokumentation über die No-Budget-Tour in Australien veröffentlichen?

Alexander Köck: Die Doku müssen wir endlich schneiden! Aber ja, absolut! Die Musik steht zwar an erster Stelle, aber gleich danach kommt das Visuelle. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir in fünf Jahren auch ein Regie-Duo sind.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Julia Philomena

Links:
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Termin:
10. November 2018 – Flex, Wien
22. November – Salzburg, Musikladen
23. November – Mödling, Freie Bühne Mayer
29. November – St Pölten, Cinema Paradiso
06. Dezember – Graz, ppc – project popculture