„Wir machen Popmusik aus Österreich, also Austropop.“ – WIENER BLOND im mica-Interview

Seit zweieinhalb Jahren machen VERENA DOUBLIER und SEBASTIAN RADON als WIENER BLOND miteinander Musik. Demnächst erscheint ihre Debüt-CD „Der letzte Kaiser“ – Grund genug für ein Gespräch über Wienerlied, Austropop und Rap. Das Interview führte Jürgen Plank.

Bitte stellen Sie einander vor.

Verena Doublier: Sebastian ist ein super Sänger und ein sehr guter Performer. Auch wenn man gerade nicht zu ihm schaut, weiß man, dass er alles gut macht. Er schreibt unglaublich lustige, pointierte Texte, mit denen ich mich gut identifizieren kann und zu denen mir immer noch etwas einfällt.

Nach so viel Lob, wie sehen Sie Ihre Kollegin?

Sebastian Radon: Verena ist beim Proben sehr genau, und das finde ich sehr gut, denn ich komme oft mit wirren Vorstellungen zur Probe, die in meinem Kopf Sinn ergeben, und Verena fragt dann genau nach, worum es geht, und so lernt man sich auszudrücken. Außerdem ist sie eine sehr gute Sängerin und ihre Texte sind oft sehr scharf, was sich gut ergänzt, denn meine Texte sind eher die Blödel-Geschichten. Ihre Texte sind oft gesellschaftskritisch. Es kommt jeder mit einer Skizze zur Probe und je nachdem, wie viel schon vorhanden ist, ergänzt die jeweils andere Person das Vorhandene.

Apropos Gesellschaftskritik: Sie haben vor Kurzem am Protestsongcontest teilgenommen. Wie war das?

Verena Doublier: Ziemlich leiwand. Wir haben es schon ein paar Mal probiert und dieses Mal waren wir im Finale dabei. Das Rabenhoftheater war voll, die Leute sind sehr gut mitgegangen und wir haben gute Feedbacks bekommen. Wir haben ja nur um einen Punkt den Pokal verpasst, das ist keine Schande, wir sind also mit unserem Auftritt dort sehr zufrieden.

Erzählen Sie ein bisschen über die Entstehung der ersten Platte, wie war denn dieser Arbeitsprozess?

Sebastian Radon: Es war ein spannender Prozess, weil wir beide davor noch nie ein ganzes Album aufgenommen haben. Wir waren zwar immer wieder im Studio, aber zu erfahren, was es wirklich bedeutet, zwölf Nummern aufzunehmen, das war sehr spannend. Wir haben vorher die Lieder sehr genau arrangiert und bei mir zu Hause die Pre-Production gemacht. Wir sind also mit konkreten Vorstellungen ins Studio gegangen.

Verena Doublier: Wir arbeiten sehr viel mit Overdubbing, wir können uns nicht wie andere Bands ins Studio stellen und die Nummern einspielen. Da ist sehr viel Arrangement- und Produktionsarbeit dabei. Sehr viel Zeit, in der man eigentlich keine Musik macht.

Wie ist denn der Bandname entstanden?

Sebastian Radon: Der Name war Verenas Idee.

Verena Doublier: Ich fand den Namen am Anfang ganz fürchterlich (lacht).

Sebastian Radon: Ich konnte sie aber von ihrer eigenen Idee überzeugen, dass der Name gut ist.

Verena Doublier: Ich habe Bandnamen-Generatoren ausprobiert und hatte eine Liste mit fünf Namen und ihm ist dieser Name sofort aufgefallen. Aber die Nähe zu „Wiener Blut“ und zu „blond“, fand ich etwas zu nahe an Klischees. Es passt aber, weil wir mit unserer Musik die Klischees auch wieder aufbrechen.

„Jetzt lockert sich die Lage wieder, aber jahrzehntelang war einfach alles zu. Da konnte man einfach nicht hinauf in diesen Pop-Olymp.“

Welche Bandnamen waren noch im Pool?

Verena Doublier: Die Kaffeehaus-Spekulanten (lacht). Die Schnitzelfressa (lacht). Duo Dynamit, das war mein heimlicher Favorit.



Sprechen wir über das Lied „In den Ruinen“, das die Zeile „Ich fühle mich gefangen in den Ruinen des Austropop“ enthält. Was meinen Sie damit?

Sebastian Radon: Wir waren im Backstage-Bereich des Orpheums in Wien und da waren Plakate an den Wänden, von Ostbahn-Kurti 1998 und von Rainhard Fendrich 1992 und so weiter, und Verena hatte dann die Idee zu diesem Lied.

Verena Doublier: Es war das Gefühl, dass man es als junge Künstlerin beziehungsweise als junger Künstler in diesem Land nicht einfach hat. Jetzt lockert sich die Lage wieder, aber jahrzehntelang war einfach alles zu. Da konnte man einfach nicht hinauf in diesen Pop-Olymp. Denn da waren ein paar große Tiere, die alles versucht haben, um oben zu bleiben und Geld zu verdienen, und der Markt in Österreich ist ja relativ klein. Als junge Künstlerin beziehungsweise als junger Künstler fragt man sich schon, was man machen kann, um auch Publikum und Anerkennung zu bekommen.

„Bei Falco gibt es für junge Musikerinnen und Musiker deswegen so viel Raum für Identifikation, weil er halt nicht mit diesem Austropop-Strom geschwommen ist, in dem alle im Dialekt gesungen haben.“

Ist das Lied eine Kritik am Austropop?

Sebastian Radon: Ich empfinde das Lied nicht als Kritik am Austropop, weil wir auf unsere Art ja auch Austropop machen. Zweitens hat mich diese Musik sehr beeinflusst und ich habe das immer sehr großartig gefunden.

Verena Doublier: Es ist eine überzeichnete Darstellung einer Situation in der österreichischen Musikszene, die geändert gehört.

Im Lied wird Falco als einziger Musiker lobend erwähnt. Sehen Sie das so, ist Falco herausragend?

Sebastian Radon:
Er war schon ein hell leuchtender Stern. Aber auch die Zeile zu ihm ist überzeichnet.

Verena Doublier: Bei Falco gibt es für junge Musikerinnen und Musiker deswegen so viel Raum für Identifikation, weil er halt nicht mit diesem Austropop-Strom geschwommen ist, in dem alle im Dialekt gesungen haben. Er hat immer sehr speziell sein eigenes Ding gemacht.

Fühlen Sie sich auch mittels Begriffen wie „Dialektpop“ und „Wienerlied“ gut verortet?

Sebastian Radon: Wir schreiben Lieder, die das grobe Thema „Wien“ behandeln, insofern passt „Wienerlied“ auf jeden Fall. Und wir machen Popmusik aus Österreich, also Austropop. Ich schreibe sehr gerne im Dialekt, weil man wie im Englischen die Wörter gut biegen kann. Ich finde, das ist eine schöne Kunstsprache, die ich in meiner Kindheit aufgesogen habe.

Schreiben Sie moderne Wienerlieder?

Verena Doublier: Natürlich, es geht ja gar nicht anders. Es sind Lieder über Wien und die sind relativ aktuell. Unseren humorvollen Zugang zum Musikmachen finde ich dem Wiener Humor sehr nahe. Das schiebt uns automatisch in diese Schiene hinein.

Wie machen Sie denn Ihre Musik?

Verena Doublier: Rhythmus, Harmonie und Melodie kommen bei uns meist von der Stimme. Wir loopen die Rhythmen und Basslinien in eine Loop-Maschine und singen die Texte mehrstimmig dazu. Unsere Musik ist sehr stimmlastig, manchmal aber auch ganz klassisch mit Gitarre und Cajon. Das Set-up ist ziemlich einfach, dadurch können wir auch mal relativ spontan auftreten.

Sie haben den Looper immer dabei.

Sebastian Radon: Ja, eigentlich schon (beide lachen).



Dann gibt es auf der aktuellen CD noch ein Stück namens „Chaotenchaos“.

Sebastian Radon: Ja, das ist die Selbstanalyse eines chaotischen Studentenalltags. Manchmal gibt es Tage, an denen einfach nichts so recht funktioniert. Man verpasst Termine, obwohl man sie in den Kalender eingetragen hat, man purzelt sozusagen durch den Tag.

Verena Doublier: Für mich ist das auch eine Kritik an der Haltung: „Du musst gut organisiert sein, du musst in ein Schema passen und alles, was du jetzt machst, muss in der Zukunft Sinn machen.“ Dagegen wehren wir uns. Sonst könnten wir das, was mir machen, nie vernünftig argumentieren.

Wie nahe fühlen Sie sich dem Rap?

Sebastian Radon: Das ist lustig, denn Sie sind nicht der Erste, der uns das fragt. Ich habe mich noch nie näher mit Rap befasst. Aber plötzlich macht man so etwas Ähnliches wie Rap. Es war für mich eine Herausforderung, möglichst viel Text in kurzer Zeit unterzubringen und trotzdem zu reimen.

Jürgen Plank

CD-Präsentation
Samstag, 7. März  2015 – Aera, Gonzagagasse 11, 1010 Wien, 20:00 Uhr

Fotos: Jürgen Plank, Archiv Band

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