Bild The Weight
The Weight (c) Simon Anhorn

„Wir können uns nicht verbiegen“ – THE WEIGHT im mica-Interview

THE WEIGHT ist eine Band, die so einiges anders macht. Anstatt sich aktuell angesagten Strömungen und Sounds anzunähern, zieht die vierköpfige Truppe seit Anbeginn ihr ganz eigenes, an die 70er- und 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts angelehntes Rockding durch. Mit Erfolg, wie auch das hochgelobte selbstbetitelte 2017er-Debüt und Dutzende Tourneen im In- und Ausland zeigen. Mit „In Control“ erscheint dieser Tage das zweite Album von THE WEIGHT. Im Interview mit Michael Ternai erzählten TOBIAS JUSSEL, PATRICK MOOSBURGER und MICHAEL BÖBEL über die Entscheidung, alles selbst in die Hand zu nehmen, über den notwendigen Eigensinn und den Einfluss des Rock des vergangenen Jahrhunderts auf den Sound der Band.

Euer Debütalbum ist 2017 erschienen und wurde eigentlich durch die Bank mit sehr guten Kritiken bedacht. Auch dürfte es, wie eure erfolgreichen letzten Touren zeigen, auch gut angekommen sein. Wie es so schön heißt, ist das zweite Album oftmals das schwierigere. Habt ihr diesbezüglich irgendeine Art Druck verspürt, jetzt noch einmal etwas draufzulegen?

Tobias Jussel: Nein, gar nicht. Eigentlich haben wir genau das Gegenteil empfunden. Wir haben gesehen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Und das hat uns sehr motiviert. Beim ersten Album haben wir noch sehr viel ausprobiert und sind auch auf viele Dinge draufgekommen. Unter anderem darauf, dass wir eigentlich keinen Produzenten brauchen. Wir haben gesehen, dass die Sachen dann am besten werden, wenn wir die Dinge selbst in die Hand nehmen und sie so machen, wie wir sie wollen. Zudem sind wir mit der Zeit auch selbstsicherer geworden, was letztendlich dann dazu geführt hat, dass „In Control“ zum großen Teil in Eigenregie entstanden ist.

Patrick Moosbrugger: Ich würde sogar sagen, dass wir uns mit dem neuen Album leichtgetan haben, weil wir dieses Mal wirklich das gemacht haben, was uns gefällt. Es freut uns natürlich extrem, wenn die Resonanz positiv ist und den Leuten das, was wir tun, gefällt, aber letztlich geht es uns darum, Musik zu machen, die uns vier taugt und hinter der wir auch stehen.

„Gleichzeitig sind wir, was das Musikalische angeht, auch offener geworden […]“

Was würdet ihr sagen, ist – unabhängig davon, dass ihr dieses Mal selbst produziert habt – der größte Unterschied zwischen dem ersten und dem neuen Album? 

Tobias Jussel: Wir haben uns einfach mehr getraut und haben mehr auf unser Gefühl vertraut. Auf Basis dessen, was vom ersten Album und auch von der EP da gewesen ist, haben wir uns weiter vorgewagt. Wir haben zum Beispiel neue Instrumente in unsere Musik eingebaut und unser Studioequipment verfeinert. Das allein hat schon für viel neuen Input gesorgt. Gleichzeitig sind wir, was das Musikalische angeht, auch offener geworden, wodurch noch mehr neue Einflüsse in unsere Musik eingeflossen sind. 

Patrick Moosbrugger: Wir haben auf „In Control“ zum Beispiel einen alten Synthesizer verwendet. Ein solchen haben wir auf unserem ersten Album ja noch nicht eingesetzt. Und dadurch, dass wir uns mit dem Synthesizer und dessen Möglichkeiten auseinandergesetzt haben, hat sich unser Sound quasi von selbst um neue Facetten erweitert. Was sich vor allem musikalisch extrem ausgewirkt hat, war, dass wir dieses Mal wenige Einflüsse von außen zugelassen haben. Als wir das Studio gebucht haben, haben wir mit dem Tontechniker besprochen, dass aufnahmetechnisch im Grunde genommen alles so laufen soll, wie wir es wollen. Dass wir eben niemanden wollen, der uns Ratschläge gibt oder sagt, wie man etwas so oder so macht. Wir haben ihm gesagt, dass das Aufstellen der Mikrofone schon okay ist, wir sie aber dann im Studio so platzieren, wie wir es für richtig halten. Es war für den Techniker zunächst natürlich schwierig, das zu akzeptieren. Aber wir haben es dennoch gemacht. Und ich denke, es ist uns auch gelungen, einen guten Sound hinzubekommen. Zumindest bekommen wir von Leuten, die das Album schon gehört haben, das Feedback, dass es sich anhört, als würden wir live spielen. 

Macht dieser Eigensinn euch als Band aus? 

Tobias Jussel: Auf jeden Fall. Für manche ist es wahrscheinlich nicht so einfach, mit uns zusammenzuarbeiten. Ganz einfach, weil wir mittlerweile eigentlich ziemlich genau wissen, was wir wollen. Wir sind vier komplett unterschiedliche Charaktere. Jeder von uns funktioniert auf seine eigene Art und Weise. Und allein aus diesem Umstand heraus fließt schon sehr viel unterschiedlicher Input in die ganze Sache hinein. Und in gewisser Weise ist jeder von uns auf seine Art sehr stur. Wir haben also schon genug Eigensinn in unserer Band. Da brauchen wir nicht noch welchen von außen.

Bild The Weight
The Weight (c) Simon Anhorn

„Entweder es passt für uns, oder wir wollen es nicht machen.“

Aber dennoch scheint es euch zu gelingen, euch musikalisch zu treffen. Eure Songs brechen auch schon mal mit den klassischen Popstrukturen, sie haben einen bewusst unmodernen Sound, der sich deutlich vom Mainstream abhebt. Habt ihr aber nicht dennoch auch schon einmal überlegt, es mal moderner und radiotauglicher anzugehen? 

Tobias Jussel: Es hat schon Überlegungen in diese Richtung gegeben. Aber es waren Überlegungen, die extern an uns herangetragen wurden. Wir haben dann aber immer gemerkt, dass wir damit nicht können. Entweder es passt für uns oder wir wollen es nicht machen. Wir können uns nicht verbiegen. Sobald wir das versuchen, beginnt es zu kriseln. Dann werden wir extrem unrund. 

Patrick Moosbrugger: Ich glaube, eine Band, die mit Kalkül wie eine aus den 1960er- bzw. 1970er-Jahren klingen will, tut sich wahrscheinlich leichter, auf Knopfdruck modernere Musik zu machen. Bei uns ist es aber wirklich so, dass wir alle mit dieser Musik aufgewachsen sind, sie quasi mit der Muttermilch aufgesogen haben. Mir gibt die Musik dieser Zeit einfach am meisten. Und zufälligerweise habe ich drei Compadres getroffen, die diese Liebe teilen. Aber wir sagen jetzt nicht, dass etwas schlecht ist, nur weil es neu ist. Wir selber hören natürlich auch moderne Musik. Aber irgendwie steckt bei uns halt dieser Spirit der 1960er- bzw. 1970er-Jahre einfach tief drinnen.

Eine 08/15-Popnummer wird es von euch daher eher nicht zu hören geben.

Michael Böbel: Wenn sie aus dem Nichts heraus entsteht, dann schon. Aber es wird sich bei uns eher nicht spielen, dass wir uns jetzt hinsetzen und sagen: „So, jetzt schreiben wir eine radiotaugliche Popnummer.“ Ganz ausschließen kann man natürlich gar nichts, aber wir sind sehr offene Musikhörer, die vor allem einen sehr vielfältigen und abwechslungsreichen Sound lieben. Und genau für so einen steht eben die Musik 1960er- und 1970er-Jahre. So eine Vielfalt fehlt in der heutigen Musikwelt einfach ein wenig.

Patrick Moosbrugger:  Ich denke, die Musik dieser Zeit ist auch der Grund, warum unsere Songs so vielfältig sind. Wenn du dich durch unser Album hörst, wird dir auffallen, dass jeder Song für sich steht, quasi ein eigenständiges Kunstwerk ist. Das ist etwas, worauf wir sehr viel Wert legen.

 „Es soll sich auch keiner von uns hundertprozentig durchsetzen, weil jeder die Möglichkeit haben soll, sich damit identifizieren zu können.“

Weil ihr vorher erwähnt habt, dass ihr vier sehr sture Typen seid. Wie äußert sich das im Songwriting? Wie findet ihr einen gemeinsamen Nenner? 

Tobias Jussel: Das hat sich über die Jahre entwickelt. Wir haben uns von Anfang an bemüht, dass sich jeder einbringen kann. Mittlerweile kennen wir uns so gut, dass jeder weiß, wie weit er gehen kann. Wenn jemand mit einer Idee kommt und meint, dass es genauso gespielt werden muss, das wird nicht gehen. Wir sind schon stur, aber beim Songwriting geht jeder von uns schon auch große Kompromisse ein. Es soll sich auch keiner von uns hundertprozentig durchsetzen, weil jeder die Möglichkeit haben soll, sich damit identifizieren zu können. 

Patrick Moosbrugger: Bei uns erfolgt die Konsensfindung eigentlich nach festen Regeln, an denen keiner rüttelt. Wir probieren einfach alles aus. Wenn jemand eine Idee hat, dann wird diese ausprobiert. Und danach bilden wir ein Urteil. Das ist eine der Grundvoraussetzungen, warum bei uns das Songwriting funktioniert. Egal wie absurd die Idee auch sein mag, es widerspricht keiner dem anderen.

Tobias Jussel: Es verdreht vielleicht einer die Augen [lacht]. 

Michael Böbel: Oder es atmet einer tief ein und aus [lacht]. Es ist ja auch so, dass beim Songwriting Sachen einfach mal so passieren und gleich funktionieren. Manchmal hat man aber auch einmal eine Idee, die zwar gut ist, im Moment aber nicht passt. Dann lässt man diese eine Weile liegen, bis man sie vielleicht bei einem anderen Song wiederverwenden kann.

Welche sind eigentlich die Themen, die ihr in euren Songs besingt und abhandelt? 

Tobias Jussel: Grundsätzlich ist es so, dass bei uns die Musik im Vordergrund steht. Die Texte zu unseren Songs ergeben sich, würde ich sagen, aus dem Leben. Es sind Dinge, die einen im Moment beschäftigen, die einen stören, die man gerade erlebt, gehört oder gelesen hat. Im Prinzip kann es – wie auch in unserer Musik – alles sein. Die Inspiration kommt auch irgendwie aus der Musik. Jedes Stück Musik hat ja eine bestimmte Stimmung und diese Stimmung überträgt sich dann halt auch auf den Text. Aber da passiert viel unbewusst.

Wo fühlt ihr euch eigentlich wohler? Im Studio oder auf der Bühne? 

Michael Böbel: Wir machen beides gerne. Wir sind gerne auf Tour und spielen gerne live. Aber wir nehmen auch gerne Alben auf, besonders seit wir herausgefunden haben, wie wir am besten kreativ arbeiten können. Durch das haben sich die Arbeiten zum neuen Album jetzt auch so gut angefühlt.
Und es teilt sich im Jahr auch ganz gut auf. Es gibt eine Phase, in der wir auf Tour sind, und eine, in der wir uns auf die Aufnahmen vorbereiten und ins Studio gehen. Das Schöne ist, dass wir uns das wirklich selber einteilen können. Und Gott sei Dank sind unsere Kreativphasen auch miteinander verlinkt, sodass wir nach einer Tournee eigentlich gleich wieder darangehen können, neue Stücke zu schreiben.

Patrick Moosbrugger: Es sind zwei sehr verschiedene Herangehensweisen. Wenn wir im Studio sind und produzieren, dann feilen wir an den Songs und probieren viel Neues aus, was wir mit unserer Besetzung live vielleicht gar nicht umsetzen können. Auf der anderen Seite aber kann es passieren, dass wir, wenn wir live spielen, manche Songs in einem ganz anderen Arrangement performen. Es kann bei uns von ein und demselben Song zwei verschiedene Versionen geben. 

Tobias Jussel: Wir werden jetzt für die Tour mit Sicherheit ein paar alte Songs wieder hernehmen und versuchen, sie etwas anders zu spielen. Auch damit es für uns frisch bleibt.

„Es hat einfach eins zum anderen geführt.“

War für euch eigentlich zu Beginn absehbar, wohin die Reise einmal gehen wird? Dass ihr einmal so erfolgreich unterwegs sein werdet? 

Patrick Moosbrugger: Ich glaube, man wächst da irgendwie rein. Ich kann mich an eines unserer ersten Interviews erinnern, in dem wir stolz erzählt haben, dass wir auch schon ein Konzert in Deutschland geplant haben. Heute blickt man zurück und lacht über diese Aussage. Wir spielen heute wirklich sehr viele Shows und schätzen es auch sehr. Aber am Beginn war das natürlich nicht zu erwarten. Es hat einfach eins zum anderen geführt. 

Tobias Jussel: Wenn man beginnt, hat man natürlich Träume und ist voller Elan. Als wir begonnen haben, sind wir alle von anderen Projekten gekommen bzw. aus diesen heraus wieder zusammengekommen. Und was diese Projekte alle gemein gehabt haben, war, dass sie eigentlich nicht wirklich funktioniert haben. Unsere Grundintention war einfach, eine coole Band auf die Beine zu stellen und coole Musik zu machen. Und mit der Zeit wachsen dann auch die Ambitionen.

Michael Böbel: Es war natürlich ein Traum, aber einer, den wir auch in den unterschiedlichen Bands davor geträumt hatten. Und war es am Anfang einfach wichtig, das zu machen, was uns Spaß macht. Wir haben aus all diesen Sachen davor ja auch einiges gelernt. Vor allem haben wir mitbekommen, was funktioniert und was nicht. Und das war ein wichtiger Lernprozess. Die Hoffnung also, dass es mit The Weight klappen könnte, war immer da. Erwarten konnte man es sich aber natürlich nicht.

Herzlichen Dank für das Gespräch! 

Michael Ternai

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The Weight live
06.03. Szene, Wien
13.03. Rockhouse, Salzburg
14.03. Conrad Sohm, Dornbirn
20.03. Kino Ebensee, Ebensee
21.03. Orpheum, Graz
27.03. Rock Center, Bremerhaven (DE)
28.03. Soziokulturelles zentrum Speicher, Schwerin (DE)
02.04. KuBa, Jena (DE)
03.04. Cadillac, Oldenburg (DE)
04.04. ResonanzWerk, Oberhausen (DE)
16.04. Blues Club Chiemgau, Rimsting (DE)
17.04. Strom, München (DE)
18.04. Die Kiste, Berlin (DE)
23.04. Alte Hackerei, Karlsruhe (DE)
24.04. Roxy, Ulm (DE)
25.04. Zehntscheuer, Ravensburg (DE)
29.04. Z-Bau, Nürnberg (DE)
30.04. Grüner Baum, Dessau-Roßlau (DE)
01.05. Treibsand, Lübeck (DE)
02.05. Zwischenbau, Rostock (DE)
03.06. Lux Club Linden, Hannover (DE)
04.06. Blue Shell, Köln (DE)
05.06. Alte Ziegelei, Twistringen (DE)
13.06. Nova Rock, Nickelsdprf
27.06. Woodstockenweiler, Hergensweiler (DE)

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