The Fictionplay (c) Maximilian Salzer

„Wir haben uns wieder auf die Urform des Powerriffs besonnen“ – DOMINIK ESSLETZBICHLER und DANIEL NEUHAUSER (THE FICTIONPLAY) im mica-Interview

Fünf Jahre ist es her, seitdem THE FICTIONPLAY ihr letztes Album „As shapes perform“ veröffentlicht haben. Zahlreiche Live-Shows u. a. mit COLD WAR KIDS und DENNIS LYXZÉN (REFUSED) und einige Tourkilometer später meldet sich der niederösterreichische Vierer diesen September mit seiner Neuerscheinung „TOHU BOHU“ zurück. Dabei geht die Band ihren Weg der Vermengung harten, progressiven Rocks mit Popelementen unbehelligt weiter. DAVID FURRER, seines Zeichens u. a. Produzent für MOTHER’S CAKE und GOSPEL DATING SERVICE, begleitete sie dabei beim gesamten Entstehungsprozess. THE FICTIONPLAY arbeitet hier auch zum ersten Mal mit dem Wiener Independent-Label „Panta R&E“ zusammen. Die zwei Singles „SHAKE SHAKE“ und „CITIZEN FAINT“ inkl. der dazugehörigen Videos wurden bereits vorab als erste Kostprobe unters Volk gebracht. Maximilian Weissensteiner sprach mit der Band über ihr neuestes Werk, die Rolle von DAVID FURRER als Produzenten und ihre Tourambitionen.

In welche Richtung wollten Sie mit dem Album stilistisch voranschreiten?

Dominik Essletzbichler: Wir haben uns wieder auf die Urform des Powerriffs besonnen. Bei den Vorgängern haben wir dazu tendiert, die Dinge zu verkomplizieren. Jetzt sind wir etwas puristischer an die Sache herangegangen. Die Reduktion auf die Essenz war definitiv ein Thema. Eventuell hängt es auch damit zusammen, dass wir das Progressive bei anderen Projekten ausleben. Ich finde das sehr angenehm. So können wir alles abdecken, aber eben in unterschiedlichen Bands. Das war aber keine rationale Entscheidung, sondern das hat sich so ergeben. Um nochmal auf deine Frage einzugehen: Ich denke, wir schreiten voran, indem wir uns auf unsere Wurzeln zurückbesinnen, ganz nach dem Motto „Weniger ist mehr“. In unserem Fall konkret: mehr Powerriffs [lacht].

„Aus dem heraus hat sich für mich der Wunsch entwickelt, in dieser Band auch gewisse Dinge loszulassen.“

Sie haben es ja recht geschickt gemacht: Ihr erster Teaser für „SHAKE SHAKE“ hat etwas ganz anderes vermuten lassen.

Dominik Essletzbichler: Cool, dass Sie das so sehen [lacht]. Der eigene Fokus verändert sich permanent, damit verbunden auch viele eigene Lebenserfahrungen und Lebensphasen. Das alles hängt mit dem musikalischen Ausdruck zusammen. Bei mir war der Fokus zu dieser Zeit, Dinge loszulassen. Ich sehe darin auch einen psychischen Reinigungsprozess. Aus dem heraus hat sich für mich der Wunsch entwickelt, in dieser Band auch gewisse Dinge loszulassen. Dadurch entsteht ein neues Bild von dem, wo man hinmöchte.

Daniel Neuhauser: Ich finde es schön, dass wir Pop und Rock verbinden. Wir können ganz ruhig, aber auch ganz wild sein. Ich finde es geil, wenn man sich auf diese Weise ausdrücken kann und sich selbst nicht labelt. Diese Freiheit wollen wir uns erhalten.

Dominik Essletzbichler: Diesen Spagat als Band zu nehmen, ist uns relativ eigen im Moment. Wir wollen geil riffen, aber auch gleichzeitig eingängig und dancy sein.

Ihre erste Singleauskopplung „SHAKE SHAKE“ dient dafür als gutes Beispiel.

Dominik Essletzbichler: Ich kann mich noch an die ersten Gedanken für diese Nummer erinnern. Beim Refrain inklusive Lyrics habe ich mir gedacht, dass ich durch Wiederholung und Einfachheit etwas Hymnenhaftes erreichen will. Das war eine intuitive Absicht und ist nicht ganz zufällig passiert. Vielleicht war das auch der Anfang und wir sind dann in diese Richtung weitergegangen. Ist jedenfalls spannend!

Die Vorbereitungen für „TOHU BOHU“ befinden sich schon in den finalen Zügen. Wie waren für Sie die letzten Monate bzw. wie fühlt sich alles so kurz vor der Veröffentlichung an?

Daniel Neuhauser: Der musikalische Prozess für dieses Album hat vor genau zwei Jahren begonnen, als wir David Furrer zum ersten Mal im Proberaum dabei hatten. Wir haben ca. ein Dreivierteljahr geprobt, wo schon viele der Songs dabei waren. Bei manchen davon waren es eben nur Konstrukte, die wir dann gemeinsam erarbeitet haben. Letztes Jahr im Juli waren wir schließlich gemeinsam im Studio.

Wo genau haben Sie da gearbeitet?  

Alle: Wir waren bei David in den Aurora Studios in Wien.

Daniel Neuhauser: Die Mixe der ersten zwei Singles waren im Herbst vor einem Jahr fertig. Bis die restlichen Recordings im Kasten waren, hat es noch bis ins Frühjahr gedauert. Das Album ist somit schon seit einem halben Jahr komplett fertig. Worauf wir uns zuletzt konzentriert haben, war unser „Marketingplan“ inklusive Videos und Fotoshootings. Wir haben das letzte halbe Jahr den Proberaum wieder mehr verlassen, weil das Album ja schon fertig war. Wir sind dann erst im letzten Monat wieder dorthin zurück, um uns auf die kommende Tour vorzubereiten.

Dominik Essletzbichler: Letztes Jahr war der Fokus sehr stark auf die Aufnahmen gerichtet. Wir haben das ganze Jahr über immer aufgenommen und produziert, nebenbei auch noch in anderen Bands. Dieses Jahr sind wir dabei, das mit allem, was dazu gehört, nach außen zu bringen.

Daniel Neuhauser: Ich glaube, so eine kurze Proberaum-Pause hat uns gutgetan. Man geht nicht direkt nach dem Studio auf die Bühne, sondern lässt alles einmal setzen. Wir wollen uns Zeit nehmen, „TOHU BOHU“ so professionell es geht zu vermarkten. Dazu gehören auch die richtigen Leute, wie z. B. Joni [Gabler; Anm.] von Panta R&E.

Dominik Essletzbichler: Da wir bei unserem letzten Album nicht das mediale Echo erhalten haben, das wir uns vorgestellt hatten, war die Intention diesmal, ein professionelles Umfeld zu suchen. Noch bevor wir David [Furrer; Anm.] überhaupt getroffen hatten. Wir dachten uns: „Schauen wir doch, dass wir mit einem Produzenten zusammenarbeiten, und suchen wir uns ein Label.“ Wir wollten nicht einfach ins Studio gehen und alles selbst machen. Dafür gibt es Leute, die man hinzuholt, und dadurch wächst das ganze Ding. Das wiederum braucht alles seine Zeit.

Für „TOHU BOHU“ hat Sie zum ersten Mal ein Produzent beim gesamten Entstehungsprozess begleitet. Wie kam der Kontakt mit David Furrer überhaupt zustande und wie genau verlief die Kooperation mit ihm?

Daniel Neuhauser: Wir hatten mal einen Fictionplay-Gig, bei dem er auch mit seiner Band MILK+ gespielt hat. Wir sind dann backstage beisammen gesessen und ins Gespräch gekommen. Er meinte, er habe eigentlich gerade gut Zeit. So ist das alles dann ganz schnell gegangen. Cool, dass wir da so gut zusammenpassen und er unsere Musik versteht. Auch auf menschlicher Ebene war die Zusammenarbeit richtig bereichernd. Wir sind dabei Freunde geworden. Er hat sich Zeit genommen, unser Potenzial gesehen und wollte einfach das Beste aus uns rausholen.

Dominik Essletzbichler: Die Proben waren sehr effektiv und sein Input kam auch immer gleich darauf. Das war eine gute, produktive Zeit, bis wir dann ins Studio gegangen sind. Der erste Fokus lag zunächst darauf, zwei Singles aufzunehmen. Danach den Rest. Wir waren sehr fokussiert, aber es hat keine Deadlines in dem Sinn gegeben. Es war ein beständiger Arbeitsstrang.

Er hat mit uns dann im Studio einen Sound erarbeitet, den wir vorher bei uns noch nie gehabt oder gehört haben.“

Bild (c) The Fictionplay

Spannend, dass er genau dann zu Ihnen gestoßen ist, als Sie wieder etwas reduzierter werden wollten. Wollte er das gerade auch so?

Dominik Essletzbichler: Auch ihm gefiel die Idee, Dinge auf ihre Essenz herunterzubrechen. Ich glaube aber, er kann sich in jedes musikalische Setting einfügen. Das macht ihn meine Meinung nach auch zu so einem guten Produzenten.

Daniel Neuhauser: Er ist ein megaguter Musiker, Songwriter und ein super Studiotechniker. Er hat das im eigenen Studio aufgenommen und dazu auch noch gemischt. Diese Dinge musst du einmal als eine Person vereinen.

Dominik Essletzbichler: Was für mich so eine große Leistung war, war, dass er als Produzent nicht nur an den Songs gefeilt hat. Eine seiner herausragenden Leistungen war einfach der Sound. Er hat mit uns im Studio einen Sound erarbeitet, den wir vorher bei uns noch nie gehabt oder gehört haben. Das hat uns im Nachhinein bestätigt, dass er total verstanden hat, was wir wollen und wer wir sind.

Fünf Jahre sind seit Ihrem letzten Release mittlerweile vergangen. Was hat Sie inspiriert, nach so langer Studioabstinenz gemeinsam wieder an einem neuen Album zu arbeiten?

Daniel Neuhauser: Zwischenzeitlich gab es ein Projekt mit dem Namen The Fictionplay Collective. Wir haben uns dabei selbst gecovert, sozusagen als eine erweiterte Band. Wir haben unsere Songs in einen Akustikmantel mit Geige, Percussion und Akkordeon gepackt. Das war eine unglaubliche Erfahrung. Wir wollten unsere Songs dadurch in ein neues Licht bringen. Das war etwa zur selben Zeit, als das letzte Album erschien. Dann haben wir in der Zwischenzeit auch noch andere Projekte gegründet und vorangetrieben. Alle Bandmitglieder waren einfach recht umtriebig und anderweitig orientiert. Somit war das letzte Fictionplay-Album nicht das letzte, das wir gemacht haben, bevor wir mit David in den Proberaum gegangen sind. Da ist bei jedem viel passiert.

Dominik Essletzbichler: Bei mir persönlich braucht es auch immer eine gewisse Zeit, bis ich mich auf etwas Neues konzentrieren kann. Zwischen „Forever Utopia“ und „As shapes perform“ liegen auch circa vier Jahre. Es dauert eine Zeit, bis sich neue Sachen formen, der Stil sich ändert, man sich von manchen Dingen lösen kann und so schließlich neue Songs entstehen.

Daniel Neuhauser: Wobei wir durch die Arbeit mit David gelernt haben, dass man auch schneller auf den Punkt kommen kann, wenn man den nötigen Fokus hat.

Dominik Essletzbichler: Stimmt! Es ist gut, eine Außenwahrnehmung zu haben und jemanden, der dir sagt: „Das ist geil, scheiß dich nicht an!“

Daniel Neuhauser: So wie bei „CITIZEN FAINT“. Wir sind gemeinsam die verschiedenen Ideen für die Songs durchgegangen. Irgendwann haben wir gemerkt, dass es ja noch diese eine Nummer gibt. Wir haben David eine alte Aufnahme vorgespielt und er meinte darauf: „Warum spielt ihr mir die nicht gleich vor? Die stimmt so, wie sie ist.“ Wir haben geglaubt, dass sie schon alt ist und nicht so gut aufs Album passt. Wir waren im Proberaum total nach innen gekehrt und haben gar nicht mehr gewusst, was gut oder schlecht ist. Das war definitiv ein Augenöffner, das war geil.

Dominik Essletzbichler: Das war die erste Nummer nach „As shapes perform“, die wir richtig fertig gehabt haben.

„Wir sind vielleicht sogar schon die etwas poppigere Band auf ‚Panta R&E‘.“


 

Wie ist es für Sie, jetzt ein Teil des Netzwerkes von „Panta R&E“ zu sein?

Dominik Essletzbichler: Ich habe so das Gefühl, dass Joni und wir ganz gut auf einem Level sind. Wir wollten irgendwie, dass uns wer vertritt. Er hat sich in letzter Zeit wirklich ein gutes Netzwerk aufgebaut.

Daniel Neuhauser: Wir sind vielleicht sogar die poppigere Band auf „Panta R&E“. Es war auch unser Anspruch, elektronische, „poppige“ Parts und heavy Riffs möglichst gut zu verbinden. Wir sind noch relativ neu in dem Netzwerk und kennen bis jetzt erst ein paar Bands. Ich freue mich mal auf so einen gemeinsamen Label-Abend.

Dominik Essletzbichler: Da wir jetzt noch nicht so lange dabei sind und wir uns eher rar gehalten haben, speziell in Wien, haben sich jetzt noch nicht so viele Kollaborationen ergeben. Ich kann mir jedoch gut vorstellen, dass das passieren wird, wenn die Live-Phase ab Oktober wieder losgeht. Wir kennen einige ganz gut und jeder schätzt, was die anderen machen. Das ist schon schön.

The Fictionplay (c) Maximilian Salzer

Daniel Neuhauser: Da wir David Furrer und auch „Panta R&E“ kennengelernt haben, hat sich ein ganzes Netzwerk aufgetan. Ich bin gespannt, wie das mit dem Label weitergeht und was noch alles passiert.

Dieses Jahr stehen für Sie noch einige Konzerte u. a. mit nationalen Größen wie Mother’s Cake auf dem Programm. Welchen Stellenwert messen Sie Ihrer derzeitigen Livepräsenz bei und wohin könnte sich das Ihrer Meinung nach noch entwickeln?

Daniel Neuhauser: Da unser letztes Album schon länger her ist, sehe ich uns gerade wieder bei einem Neuanfang. Das Album fühlt sich wie ein neues Statement an. In der Form hat es Fictionplay noch nicht gegeben. Für die jetzige Tour schauen wir, was wir kriegen. Es gibt eine interessierte Booking-Agentur aus Berlin, mit der wir in Deutschland vielleicht ein bisschen mehr Präsenz kriegen.

Dominik Essletzbichler: Was auch sicher der Plan ist, weil wir in Deutschland bisher nicht so richtig präsent waren.

Daniel Neuhauser: Ich würde wieder gerne ins Baltikum fahren, weil da auch schon ein Kontakt besteht.

Dominik Essletzbichler: Der Markt ist riesengroß und wir schauen mal, was passiert. Wir wollen auch noch mehr mediales Echo übers Radio kriegen. Unsere Musik ist etwas edgy. Ich würde mich freuen, wenn wir etwas mehr rotieren würden. Vielleicht geschieht das in anderen Ländern. Wir wollen gute PR machen. Wir selbst, das Label und dessen Connections sind da jetzt gefordert. Das und eben viel live spielen.

Daniel Neuhauser: Man macht coole Projekte und alle sind irgendwie zu wenig Mainstream, als dass sie ein Radio annehmen würde. Deswegen ist es jetzt auch unser Anspruch, soweit es geht von Österreich wegzudenken. Uns nicht auf das hier zu sehr versteifen. Wir wissen, was man dafür tun sollte, und sind gerade motiviert dafür. Die Arbeit fängt somit gerade erst an [lacht].

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Maximilian Weissensteiner

 

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Termine:
2. November 2018: Mammut Bar, Klagenfurt
15. November 2018: B72, Wien (Album-Release)
30. November 2018: Die Remise, Amstetten
7. Dezember 2018: Roter Gugl, Leitersdorf
21. Dezember 2018: Bergwerk, Neusiedl am See
2. Februar 2019: Freiraum, St. Pölten
23. März 2019: Roadhouse, Ybbs