“WIR HABEN UNS WIE WASSER FLIESSEN LASSEN” – VERENA ZEINER UND I-WOLF IM MICA-INTERVIEW

Mit „Magic Wall“ ist das erste Album von VERENA ZEINER und I-WOLF bei Seayou Records erschienen. Die Pianistin und der Elektroniker mögen unterschiedlichen musikalischen Welten entstammen. Ihre Sprache ist dieselbe – eine Annäherung der weißen Tasten und Schaltkreise verfließt in Bildern, die das Spiel von ZEINER und I-WOLF in der Entstehung zeigt. ZEINER, Mitbegründerin der Musiker*innen-Plattform Fraufeld und Kulturpreisträgerin 2020, hat mit dem ehemaligen Sofa Surfer und nunmehrigen Theaterkomponisten WOLFGANG SCHLÖGL aka I-WOLF eine Platte produziert, bei der man zwischen White Cube und Musikverein im Performance-Kurs für Fortgeschrittene landet. Einem Gespräch vor Ort grätschte zuerst eine Absage und später der Lockdown hinein. Via E-Mail hat sich Christoph Benkeser mit ZEINER und SCHLÖGL trotzdem ausgetauscht – und erfahren, was Bruce Lee und Fox News mit dem Album zu tun haben.

Für „Magic Wall“ habt ihr das erste Mal zusammengearbeitet. Wie habt ihr euch kennengelernt?

Verena Zeiner: Wir wussten schon länger voneinander, persönlich kennengelernt haben wir uns aber im Herbst 2020. Ich hatte Klavier-Solo-Aufnahmen von einem anderen Projekt, mit denen ich noch etwas machen wollte. Da kam mir die Idee Wolfgang zu fragen, ob es ihn interessiere, in einen musikalischen Dialog damit zu treten.

Wolfgang Schlögl: Ja, ich kannte Verena durch einen gemeinsamen Freund. Mir war ihr letztes Album ein Begriff und so war ihr Anruf kurz vor dem zweiten Lockdown eine positive Überraschung. Nach einem langen Telefonat war meine musikalische Neugierde geweckt und wir legten sofort los.

Welche Idee stand vor dem Album?

Verena Zeiner: Gar nicht so viel konkrete Ideen – außer große Lust darauf, das akustische Instrument – den Flügel – mit elektronischen Elementen zu kombinieren. Meine Klangwelt zu erweitern und aus bereits bestehenden Stücken neue Stücke zu machen, indem ganz andere Elemente dazukommen, das hat mich interessiert.

Wolfgang Schlögl: Ich bastle gern schiefe Analogien. Zum Beispiel verwende ich gern Begriffe der Kulinarik oder der Friseurkunst. In unserem Fall dachte ich an ein musikalisches „mise en place“. Das heißt, ein guter Koch bereitet seinen Arbeitsplatz und alle Lebensmittel, die verkocht werden sollen, vor. Deshalb habe ich die Haptik in meinem Studio für zwei Klangköche adaptiert – den Plattenspieler näher an den Computer gestellt, Schallplatten zum Sampeln vorsortiert, eine erste Klangfarbpalette von Trommelklängen und Gitarrensounds zusammengestellt und meinen Moog-Synthesizer für Verena entstaubt. Meine Idee von unserer Musik war ein abstrakter Gedanke von der Synergie ihrer und meiner Klänge.

Wie hat sich dieser Gedanke im Laufe der Zusammenarbeit verändert?

Verena Zeiner: Die bereits vorhandenen Klavier-Aufnahmen waren in Echtzeit komponierte Stücke, die im Zuge der Aufnahmen meiner letzten Solo-Platte entstanden sind. Einige haben wir tatsächlich unverändert und in ihrem Gesamtbogen so genommen, wie ich sie damals gespielt hatte. Von einigen haben wir Ausschnitte verwendet oder sie neu miteinander in Beziehung gebracht.

Wolfgang Schlögl: Je tiefer ich in Verenas Echtzeit Kompositionen und Spielweisen vordrang, desto intuitiver arbeitete mein Arrangier-Instinkt. Dabei denke ich nicht wie ein Instrumentalist, sondern hab sofort einen Gesamtklang im Ohr und versuche, diese musikalischen Assoziationen sofort mit Mitteln der gesamten Studioumgebung umzusetzen. Ich habe Verenas instrumentale Improvisationen quasi mit meinen technologischen Improvisationen ergänzt.

Verena Zeiner: Da wir immer gemeinsam gearbeitet haben, hat sich aus dem Tun heraus vieles ergeben. Ich habe für einige Stücke auch Synthesizer eingespielt, weil es uns in diese Richtung gezogen hat. Es gibt aber auch Stücke, zu denen Wolfgang die Vorlage gemacht hat, und auf die ich dann wiederum etwas daraufgesetzt habe.

Verena Zeiner & I-Wolf (c) Maria Frodl

Ich habe mich beim Hören des Albums gefühlt, als würde ich in einen Kaninchenbau plumpsen, um in einem Wunderland aufzuwachen. Farben verändern, Gestalten tummeln sich. Man dreht sich im Kreis und öffnet die nächste Tür. Und landet vor drei weiteren, hinter denen manchmal Leere, manchmal Überfluss warten. Anders gesagt: Es ist sehr bildliche Musik. Ihr beide habt damit Erfahrungen. Welche Bilder tun sich während des Spielens für euch auf?

Verena Zeiner: Das Arbeiten am Album hatte eine Wirkung von einer „Magic Wall“, die uns ein bisschen davon abgeschirmt hat, was draußen im Gange war. Pandemie, Lockdown, Herbst, Winter, Chaos …

Wolfgang Schlögl: Ja, neben dem Hören, dem Zuhören, dem Musizieren, dem Kochen, fand gleichzeitig die US-Präsidentenwahl und deren langwierige Nachberichterstattung statt. Wir fanden uns in einer unwirklichen Situation mitten in einem Lockdown am Ende der Ära Trump wieder und haben über Gott und die Welt diskutiert. Trotzdem fühlte es sich an, als ob wir von all dem durch eine Membran abgeschottet gewesen wären.

Verena Zeiner: Das Kreieren der Musik hat andere Emotionen geweckt, eine alternative Realität angeboten. Für mich war es sehr bestärkend. Wenn ich kreativ arbeite, stärkt mich das auch im Umgang mit der Pandemie.

Die „Magic Wall“ als kreative Abschottung von der Welt.

Wolfgang Schlögl: Wie gesagt: Es war Wahlnacht in den USA. Auf Fox News zeigte man eine riesige LED-Videowand, um die Auszählung in den US-Bundesstaaten grafisch darzustellen. Die Moderator*innen nannten sie „Magic Wall“. Mit unserer Musik im Ohr löste das Wort „Magic Wall“ aber etwas anderes in mir aus. Es war ziemlich schnell das perfekte Bild für unsere leicht verwunschenen Stücke. Ein Soundtrack zu einem fiktiven Mystery Suspense Movie!

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Ein Soundtrack, in dem die Pianistin Zeiner auf den Elektroniker Schlögl prallt. Wo kam es zu Reibung?

Wolfgang Schlögl: Aufprall und Reibung sind keine Begriffe, die ich mit diesem Album verbinde. Ich war allerdings jahrelang in anderen Formationen tätig und kenne das. In der Mitte dieser Produktion wussten wir, dass das Album „Magic Wall“ heißen würde. Das hat unsere Arbeit noch klarer fokussiert, der Weg für uns war einfach ohne Reibung klar.

Verena Zeiner: Ja, als Aufprall und Reibung habe ich unsere gemeinsamen Sessions auch nie empfunden.

Wolfgang Schlögl: Weil ich unsere gemeinsame Zeit nie ein als Aufeinanderprallen wahrgenommen habe, haben wir uns nicht durch Reibung energetisiert. Im Entstehungsprozess des Albums haben wir uns eher – frei nach Bruce Lee – wie Wasser fließen lassen. Das passiert tatsächlich selten. Ich zapple dann in meinem Studio auch nicht herum, sondern bewege mich nach der beschriebenen Haptik – floatend und intuitiv.

Die spannenden Momente des Albums sind die unscheinbarsten: wenn man nicht mehr merkt, dass Pianistin auf Elektroniker treffen, weil es symbiotisch in sich verwächst.

Verena Zeiner: Für eine musikalische Symbiose braucht es die Bereitschaft der Beteiligten, dass die Einzelteile – also die Menschen, die hinter den Einzelteilen stehen – sich als Einzelteile auflösen dürfen, um etwas Gemeinsames zu entwickeln. Dass Wolfgang das kann, schätze ich an ihm. Es geht ihm um die Sache. Er ist offen, neugierig und ehrlich interessiert an dem, was ich mitbringe. Dadurch konnte eine Arbeitsatmosphäre entstehen, die total frei von Urteilen war. Das bringt viele Möglichkeiten mit sich.

Wolfgang Schlögl: Empathie ist der Schlüssel zu einer synergetischen Zusammenarbeit und Verena ist ein sehr empathischer Mensch. Gleichzeitig weiß sie sehr genau, was sie als Pianistin will und kann das auch formulieren. Sie macht es mir dadurch leicht, richtig auf ihre Formulierungen zu antworten.

„EINHEIT UND ZWEISAMKEIT SCHLIESSEN SICH NICHT AUS.“

Mit dem Abschluss „Oneness In Twoness“ tritt man aus der Dunkelheit. Das Stück öffnet sich. Man wird ausgespuckt, wacht auf. Welche Zweisamkeit lässt sich in der Einheit erleben?

Wolfgang Schlögl: Der Titel kam von Verena.

Verena Zeiner: „Oneness in Twoness“ bedeutet für mich: Es gibt etwas Gemeinsames, eine Einheit, Überschneidungen und so weiter. Trotzdem bleiben zwei Menschen auch als Einzelne bestehen und wirksam.

Wolfgang Schlögl: Die Einheit und die Zweisamkeit schließen sich nicht aus – ich finde diesen Gedanken schön!

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Was konntet ihr von der anderen Person lernen?

Verena Zeiner: Bisher habe ich selten eine Zusammenarbeit erlebt, die so beflügelnd war. Einfach weil es auf menschlicher Ebene so gut läuft und weil wir beide feiern können, was der/die andere an Erfahrung, Fertigkeiten oder Ideen hat. Das ist keine Selbstverständlichkeit.

Wolfgang Schlögl: Ich bin von Verenas Musikalität, Virtuosität und auch Improvisationsgabe von Anfang an begeistert gewesen. Jede Session mit ihr war ein freudvolles Forschen. Sie besitzt auch eine Durchsetzungsgabe, die ich bewundere. Durch diese wunderbare Erfahrung mit ihr bin ich glücklicherweise wieder in die Lage gekommen, mir weitere musikalische Ziele zu setzen. Dafür dank ich ihr.

Verena Zeiner: Ja, ich konnte handwerklich einiges lernen. Die Zusammenarbeit hat mir neue Türen geöffnet.

Eine Frage zum Schluss: Was mögt ihr an der anderen Person?

Verena Zeiner: Wolfgang kocht gern und gut!

Wolfgang Schlögl: Und Verena isst gern gut und bringt immer wunderbares Frühstück mit.

Vielen Dank für eure Zeit!

Christoph Benkeser

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