„Wir gehen bewusst den etwas komplizierteren Weg“ – CHRONIC CITY im mica-Interview

CHRONIC CITY ist keine Band im herkömmlichen Sinne. Vielmehr verstehen sich die beiden Multi-Instrumentalisten Emanuel Rudas und Florian Marko als ein Produzenten- und Songwriterduo, das ständig versucht, musikalisches Neuland zu ergründen. Kein Song entsteht mit der gleichen Belegschaft, jedes Lied ist ein Unikum mit einem eigenen Gastsänger/einer eigenen Gastsängerin. Wie wunderbar diese Formel funktionieren kann, haben CHRONIC CITY spätestens mit dem Release ihrer ersten LP „Nom De Guerre“, die von Publikum und Kritikern gleichsam begeistert aufgenommen wurde, bewiesen. Clemens Engert traf sich mit den beiden besagten Masterminds, um unter anderem über den Begriff „Dream Pop“, die Professionalität von Austropop-Legenden und seltsame Journalistenfragen zu sprechen.

Chronic City gibt es erst seit Herbst 2012 – es ist euch danach ziemlich schnell gelungen, mediale Aufmerksamkeit zu erregen. Könnt ihr kurz den Entstehungsprozess des Projektes skizzieren?
Emanuel Rudas: Florian und ich haben uns als Session-Musiker des Bandprojektes Alien Hand Syndrome kennengelernt und uns vor etwa zwei Jahren zusammengetan, um gemeinsam Musik zu machen. Wir haben halt relativ bald danach unsere erste Single „Key Biscayne“ veröffentlicht.
Florian Marko: Ja, und was uns da enorm geholfen hat, war, dass der Song und das dazugehörige Video von verschiedenen Blogs sehr gut aufgenommen wurde. Speziell in Kanada und den USA hat sich da sehr viel getan und das hat uns dann auch wiederum bald Aufmerksamkeit in Österreich beschert.
Emanuel Rudas: Es war von Beginn an unser Konzept, mit verschiedenen Gastsängern und Gastmusikern zusammenzuarbeiten, aber wir hatten halt am Anfang als erstes diesen einen Song fertig gestellt und haben dann schnell ein Video dazu gemacht und geschaut, wie das Ganze aufgenommen wird. In einem der ersten Blogbeiträge wurde unsere Musik dann als „Dream Pop“ bezeichnet, was auf „Key Biscayne“ ja durchaus zutrifft. Diese Kategorisierung haben dann quasi alle Medien danach direkt übernommen.

Könnt ihr mit dieser Definition leben?
Florian Marko: Ich kann mich mit der Definition schon anfreunden. Womit ich jedoch gar nicht leben kann, ist, dass unsere Musik zuletzt auch einmal als eine Mischung aus Ska und Funk bezeichnet wurde (lacht).
Emanuel Rudas: Der Begriff „Dream Pop“ steht für mich für verträumte Klangwelten, verhallte Flächen und eine etwas Moll-lastige Atmosphäre. Das passt zu ein paar Songs von uns sicher ganz gut, aber auch nicht unbedingt zu allen.
Florian Marko: „Vertigo“ ist vielleicht jener Song, der am wenigsten mit diesem Begriff in Einklang zu bringen ist.

„Bilgeri ist unfassbar nett und ein virtuoser Sänger“

Stichwort „Vertigo“. Für diesen Song hat euch ja die Austro-Pop-Legende Reinhold Bilgeri seine Stimme geliehen. Könnt ihr kurz erklären, wie diese Kollaboration zu Stande gekommen ist und welche Erfahrungen ihr aus dieser Zusammenarbeit mitgenommen habt?
Florian Marko: Wir sind zu seiner Mail-Adresse gekommen und haben ihn einfach kontaktiert. Er hat sofort Interesse gezeigt und unglaublich sympathisch geantwortet. Dann haben wir ihm Demos geschickt und er war von „Vertigo“ sofort begeistert. Wir sind schließlich mit dem Zug nach Vorarlberg gefahren und haben die Gesangsspur mit ihm aufgenommen. Dann war die Nummer im Kasten.
Emanuel Rudas: Das war insgesamt echt ein toller Tag. Reinhold Bilgeri ist ein unfassbar netter Mensch und ein virtuoser Sänger, dessen Pilotspur schon besser war, als das, was ich von vielen Leuten nach sechs Stunden Studio-Arbeit gehört habe. Es ist einfach irre, wie professionell er ist und es war großartig, mit ihm zu arbeiten.
Florian Marko: Er ist auch von Anfang an auf unsere Verbesserungsvorschläge eingegangen und hat diese sofort umgesetzt.

Ihr habt auf „Nom De Guerre“ ja fast schon so etwas wie ein „Who is Who“ der heimischen Musikszene versammelt – wie wollt ihr das in Zukunft toppen?

Florian Marko: Unser Ziel ist es einfach, immer bessere Songs zu schreiben, mit immer größeren Acts zusammenzuarbeiten und immer größere Konzerte zu spielen. Ich glaube, dass das ganz natürliche Ziele für einen Musiker sind. Ich kenne zumindest keine Band, die sagt, dass sie in Zukunft schlechtere Songs schreiben und weniger Erfolg haben will.
Emanuel Rudas: Nachdem wir ja auf „Nom De Guerre“ hauptsächlich mit heimischen Künstlern kooperiert haben, ist der Plan tatsächlich so, dass wir in Zukunft auch vermehrt mit Künstlern aus dem Ausland arbeiten wollen. Wunschpartner dafür gibt es noch keine, aber wir sind durchaus gewillt, auch über die österreichischen Grenzen hinweg tätig zu werden. Deswegen freut es uns auch sehr, dass unsere Songs mittlerweile auf Radiostationen auf der ganzen Welt – zum Beispiel in Russland oder Neuseeland – laufen.

Wieviel kreatives Mitspracherecht haben die jeweiligen Gastsänger bzw. –musiker bei den Songs?

Florian Marko: Grundsätzlich steht es jedem offen, sich soweit am Songwriting zu beteiligen, wie er oder sie es möchte. Es ist einfach wichtig, dass am Ende alle mit dem Resultat zufrieden sind.
Emanuel Rudas: Da gibt es aber natürlich immer einen gewissen Spielraum. Das geht von rein instrumentaler Beteiligung – zum Beispiel sind auf „Nom De Guerre“ der Saxophonist Martin Haiden und der Organist Peter Frisée zu hören – bis zu noch intensiveren Formen der Zusammenarbeit. Sir Tralala hat etwa sowohl Keyboards eingespielt, als auch am Text mitgearbeitet und gesungen. Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Natürlich ist dieses Konzept weitaus aufwändiger, als einfach mit einer fixen Bandbesetzung in ein Studio zu gehen und eine Platte aufzunehmen. Aber wir wollten das von vornherein so durchziehen. Wir gehen bewusst den etwas komplizierteren Weg.

„Wir wollen keinen Chronic City-Karaoke-Abend“

Wie setzt ihr die Songs live um? Es ist wohl logistisch einfach nicht möglich, dass die jeweiligen Gastsänger auch auf der Bühne die Lieder performen.
Florian Marko: Das sind einfach zwei verschieden Bereiche. Natürlich freuen wir uns, wenn es ab und an mal klappt, dass der jeweilige Gastsänger auch Zeit hat, mit uns live zu performen, aber wir haben unseren fixen Live-Sänger Tarek Farwati und Michael Klapper am Schlagzeug und in dieser Besetzung klappt die Umsetzung ausgezeichnet.
Emanuel Rudas: Man kann einfach nicht mit 40 Leuten durch Österreich und die Welt fahren. Damit müsste man eine Infrastruktur wie der „Circus Roncalli“ aufbauen, und das geht sich beim besten Willen mit den Ressourcen nicht aus. Der Tarek kann eigentlich alles singen, was die Gastsänger im Studio aufgenommen haben. Dass er dabei nicht exakt so klingt, wie zum Beispiel ein Reinhold Bilgeri, ist vollkommen okay. Wir interpretieren die Nummern halt dann live etwas anders. Was wir aber auf jeden Fall vermeiden wollen, ist, dass das Ganze halt dann als eine Art Chronic City-Karaoke-Abend rüberkommt.

Zu eurem Bandnamen gibt es ja eine interessante Hintergrundgeschichte – könnt ihr diese kurz erörtern?

Florian Marko: Ja, Emanuel hatte mir damals ein Buch des amerikanischen Autors Jonathan Lethem empfohlen und dabei erwähnt, dass er den Titel „Chronic City“ als Bandnamen gut finden würde. Ich wollte das Buch aber zuerst einmal lesen. Unser musikalisches Konzept inklusive der Kollaborationen mit verschiedensten Künstlern und der Inhalt des Buches haben irgendwie gut zusammengepasst und deswegen haben wir uns für diesen Namen entschieden. Leider ist es nicht wirklich einfach, kurz zu erklären, worum es in dem Buch geht.
Emanuel Rudas: Wir verwenden in diesem Zusammenhang zur Erläuterung gerne die Schlagworte „New York“ und „Tiger“. Außerdem geht es um einen wunderbaren schrulligen Protagonisten namens Perkus Tooth, Liebe mit einer Frau im Weltall und einen dreibeinigen Hund. Was bei der Wahl des Bandnamens allerdings nicht abzusehen war, ist, dass viele Leute Probleme mit dem Namen zu haben scheinen. Wir wurden schon „Comical City“, „Chronical City“ und Ähnliches genannt.
Florian Marko: Zuletzt wurden wir in einem Radiointerview sogar ernsthaft gefragt, warum wir uns nicht „Chronical City“ genannt haben. Da waren wir dann doch etwas sprachlos.

Text: Clemens Engert
Fotocredits: ANWORA

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