„Wir erlauben uns einfach, auf erwachsene Art Kinder zu sein.“ – MONA MATBOU RIAHI und ALEXANDER YANNILOS (/KRY) im mica-Interview

Man kennt MONA MATBOU RIAHI (Klarinette), ALEXANDER YANNILOS (Schlagzeug) und PHILIPP KIENBERGER (Bass) als viel beschäftige und sehr umtriebige musikalische Kreativköpfe, die in unterschiedlichsten Projekten ihre außergewöhnlichen spielerischen Fähigkeiten und ihr breites musikalisches Verständnis schon vielfach eindrucksvoll unter Beweis gestellt haben. In ihrem gemeinsamen Trio /KRY treiben sie das Spiel mit der stilistischen Ungebundenheit an die Spitze und präsentieren einen fesselnden Sound, der sich zwischen Einfachheit und Komplexität, stimmungsvoller Ruhe und lärmender Hochenergie in ausgesprochen vielfältiger Art einpendelt. Am 17. April präsentiert das Trio sein auf Freifeld Tonträger erscheinendes selbstbetiteltes Debütalbum im Wiener PORGY & BESS. Im Interview mit Michael Ternai erzählten MONA MATBOU RIAHI und ALEXANDER YANNILOS über die musikalische Grundidee von /KRY, die Offenheit ihres Sounds und die Bedeutung der Band für die einzelnen Mitglieder.

Ihr drei seid alle in vielen verschiedenen Projekten tätig. Wie ist es zu eurer Zusammenarbeit gekommen? Welche Idee steckt hinter /kry?

Alexander Yannilos: Mein Bruder studierte 2019 Tontechnik und musste zum Abschluss ein Ensemble aufnehmen. Er fragte mich nach einer Band und ich beschloss, für diesen Anlass eine neue Besetzung zusammenstellen. Meine Vorstellung war, dass diese Zusammensetzung auf jeden Fall eine sein sollte, die auch funktioniert. Mit Mona hatte ich davor schon einige Mal zusammengespielt und Philipp kenne ich schon seit einer Ewigkeit. Ich dachte mir, dass wir drei eine gute Konstellation ergeben würden. Ich hatte für die Band auch schon eine gewisse musikalische Ästhetik im Kopf, sie sollte eine sein, mit der im musikalischen Sinn alles denkbar ist. Und diese Erwartung hat sich auf jeden Fall erfüllt. Es hat schon vom ersten Moment an wahnsinnig gut funktioniert, sodass wir uns eigentlich sofort einig waren, dass wir weitermachen müssen. Gerade auch wegen des sehr speziellen Setups. Mona hatte sich gerade erst neue Effektgeräte zugelegt, die ihren Sound richtig schön trashy klingen haben lassen und durch das Übersprechen im Raum gleichzeitig auch den Sound meines Schlagzeugs veränderten. Dazu Philipps verzerrter Akustikbass, der wiederum einen ganz eigenen Klangaspekt beisteuert. Irgendwie hat sich in dieser einen Session gleich der erste große musikalische Grundstock herausgebildet. Die Instrumentierung, die Effekte und zum Teil auch die musikalische Ausrichtung, die sich irgendwo zwischen fragil und superhart eingependelt hat. Ich glaube, wir haben uns alle gefreut, dass wir in dieser Band theoretisch alles machen kö nnen. Es gibt eigentlich nichts, das uns in irgendeiner Form einschränkt. Wir können einen eher klassischen Zugang wählen und klangmalerisch arbeiten, wir können, wenn wir wollen, auch alles zerstören, wir können improvisieren, wir können sehr komplizierte Musik komponieren und die gemeinsam einstudieren. Ich glaube, diese Breite an Möglichkeiten macht für uns alle den Reiz dieses Trios aus.

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Das heißt, ihr hattet schnell eine Idee, wohin es musikalisch gehen soll.

Mona Matbou Riahi: Das Schöne war, dass sich schon während der ersten Jams ein Sound herauskristallisiert hat. Normalerweise muss man sich in anderen Projekten mit den Leuten erst finden. Hier war das nicht der Fall. Ich habe davor noch nie mit Philipp gespielt und dennoch hat es sofort klick gemacht. Es fühlte sich so selbstverständlich an. Außerdem hatten wir von Anfang an einen riesigen Spaß. Diese Dinge sind es, die mich an diesem Projekt vielleicht am meisten reizen. Und natürlich auch der musikalische Zugang, der auf der einen Seite individuelle Verspieltheit zulässt, diese aber in einem Kollektiv funktionieren lässt. Wir stehen bei /kry gleichberechtigt nebeneinander und haben keinen Frontmenschen. Wir sind alle gleichermaßen /kry.

Unser Antrieb war eigentlich einzig das Bedürfnis, Musik zu machen, die uns entspricht […]“

Das hört sich so an, als ob ihr an die Sache herangegangen wärt, ohne euch viel abzusprechen.

Alexander Yannilos: Genau. Es war eigentlich das Gegenteil von Absprache.Das mag vielleicht auch an den äußeren Umständen gelegen haben. Wir hatten eigentlich überhaupt keinen Druck und konnten wirklich einfach loslegen, ohne uns groß Gedanken zu machen. Dass es so gut geklappt hat, ist natürlich super, aber auch wenn es nichts geworden wäre, wäre es kein Beinbruch gewesen. Unser Antrieb war eigentlich einzig das Bedürfnis, Musik zu machen, die uns entspricht und die einfach aus uns herauskommt. So ist etwas, wie ich finde, sehr authentisch Klingendes entstanden. Diesem Zugang wollen wir auf jeden Fall treu bleiben.

Wie sieht der Weg der Entstehung eines Stückes bei euch aus?

Mona Matbou Riahi: Es ist viel aus dem Improvisieren heraus entstanden. Philipp hat zum Beispiel einige Sachen, die wir bei den Jams aufgenommen haben, mit nach Hause genommen und dort gleich niedergeschrieben, arrangiert oder auch einzelne Parts dazukomponiert. Damit stand das Fundament für eine Nummer eigentlich schon. Das war alles sehr unkompliziert.

Alexander Yannilos: Es ist auch vorgekommen, dass wir eigentlich schon am Ende der Probe angelangt sind und jemand zum Schluss aus Spaß noch einmal etwas angespielt hat und aus dem dann wieder eine neue Session herausgebrochen ist. „Fly“, eine unserer wildesten Nummern und zugleich auch eine unserer Lieblingsnummern, ist auf diesem Weg entstanden.

Das Schöne an eurem Album ist dessen musikalisch sehr vielfältiger Charakter. Es geht zum Teil richtig wild zu, auf der anderen Seite finden sich aber auch sehr stimmungsvolle, ruhige Momente.

Mona Matbou Riahi: Mir war es wichtig, dass wir auch eine andere Seite von /kry zeigen, nicht nur das Wilde oder die energiereichen Improvisationen, sondern auch die fragile Seite. Bei den ersten Malen waren es ja hauptsächlich Stücke von Philipp, die wir gespielt und ausgearbeitet haben. Denen wollte ich musikalisch etwas entgegensetzen und bin mit eigenen Ideen an die beiden herangetreten. Und ich fand es einfach super, wie die beiden sofort mit den Sachen gespielt und einen anderen Sound gefunden haben. Es war nicht so, dass ich gekommen bin und gesagt habe, wie wir etwas genau spielen sollen, sondern so, dass alle gleichermaßen daran beteiligt waren, eine Nummer mit ihren Ideen auszuschmücken.
Und um ehrlich zu sein, finde ich es auch für die Ohren ein wenig anstrengend, wenn es eine Stunde lang nur laut und heftig zugeht. Das ist ja auch anstrengend. Nach drei, vier heftigeren Nummern merke ich, wie sehr mein Herz schlägt und ich außer Puste bin.

Bild kry
/kry (c) Amin Ebrahimi

Kann man sagen, dass ihr bei /kry das tun könnt, was ihr in anderen Projekten nicht könnt? Inwieweit ist /kry auch eine Spielwiese für euch?

Mona Matbou Riahi: Das ist witzig, denn ich sehe eigentlich die ganze Musik als einen Spielplatz. Egal in welchem Kontext ich gerade musiziere. Aber das, was /kry von allen anderen Sachen doch unterscheidet, ist dieser kindliche Zugang. Es ist so, als würden wir zu dritt auf einen Spielplatz gehen, um dort Neues zu entdecken. Wir versuchen, gemeinsam einen Weg zu finden, uns auszudrücken. Wir schaffen neue Sachen, machen diese manchmal auch gleich wieder kaputt oder verwerfen sie, um wieder einen neuen Ansatz zu entwickeln. Dieses Kindliche und Suchende, diese Offenheit wie auch dieses chaotische Element in unserer Arbeit, das alles macht einen riesigen Spaß.

Wir spielen damit, wie weit wir uns aus dem Fenster hinauslehnen können […]“

Alexander Yannilos: Ich kann mich erinnern, dass ich mich als Kind vom Drei-Meter-Brett immer rückwärts runtergehaut habe und sich dabei gerade so ein Rückwärtssalto ausgegangen ist, ohne dass ich über die Konsequenzen nachgedacht habe. Es ging sich halt aus, weil ich klein genug war. So ähnlich ist das auch jetzt bei uns. Wenn zum Beispiel ein komplexes rhythmisches Konzept da ist, welches eigentlich erfordert, sehr genau mitzuzählen, versuchen wir, eigentlich das genaue Gegenteil zu tun. Wir spielen damit, wie weit wir uns aus dem Fenster hinauslehnen können, und verzichten darauf, den anderen zu zeigen, wo man gerade ist, um zu schauen, ob man trotzdem gemeinsam auf dem nächsten Takt landet. Und es ist dann einfach ein jedes Mal ein Wahnsinn, wenn sich das tatsächlich ausgeht, weil wir merken, dass wir gerade alle Regeln gebrochen haben und das Ganze dennoch funktioniert.

Und es fließt auch von uns allen gleichermaßen etwas ein. Philipp und ich hatten zum Beispiel früher sehr viel Bezug zu heavy Musik, zu hartem Rock. Und davon fließt mit Sicherheit etwas ein, ebenso wie auch Elemente aus dem Jazz und sogar der Klassik. Und ich denke auch, dass unsere Musik von der Attitüde und der Art her, wie wir spielen, auch sehr viel vom Punk ins sich trägt. Man kann sagen, dass jede und jeder von uns eigentlich in allen Genres daheim ist. Wir erlauben uns einfach, auf erwachsene Art Kinder zu sein.

Dies musikalische Offenheit zeigt sich auch bei der Nummer „kry für freedom II“. Ein wunderbar schräger Tanztrack.

Mona Matbou Riahi: Ich liebe, und das ist in den Kreisen, in denen ich mich bewege, eher selten, Techno und ein richtig gutes Elektro-Set. Da bekomme ich manchmal schon auch gesagt: „Wie kannst du dir das überhaupt anhören?“ Für mich ist es super interessant zu sehen, wie ein richtig guter DJ so ein Set aufbaut, wie er die Übergänge gestaltet und Atmosphäre schafft. Ich habe von diesem Genre wirklich viel gelernt, vor allem, dass hinter jedem Set auch eine Erzählung steckt, auch wenn diese manchmal sehr abstrakt ist. Etwas Ähnliches haben wir drei auch versucht. Wie schaffen wir einen Aufbau, wie gestalten wir einen Sound, der einer gewissen Dramaturgie folgt?

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Was bedeutet /kry für euch? Ist es ein Projekt von vielen oder ist es doch zentral geworden?

Alexander Yannilos: Man kann sagen, dass die Band uns allen sehr wichtig ist und in der Bedeutung ganz weit vorne steht. Wir investieren alle sehr viel in dieses Projekt. In gewisser Weise hat uns Corona diesbezüglich auch ein wenig geholfen. Die zwei Jahre haben es uns ermöglicht, ein wenig auszusortieren und Prioritäten zu bestimmen. Ich habe mir schon oft die Frage gestellt, ob ich etwas wirklich will und es mich wirklich erfüllt. Will ich viel Zeit in ein Projekt stecken, bei dem ich, wenn ich auf der Bühne stehe, das Gefühl habe, dass ich austauschbar bin oder es mich nicht so berührt? Diesen Prozess haben alle von uns durchgemacht und am Ende hat sich eben herauskristallisiert, dass /kry etwas ist, was wir alle wollen und sehr ernst nehmen.

Mona Matbou Riahi: Die Projekte sind alle sehr verschieden und verlangen alle etwas anderes. Bei /kry merke ich aber, dass ich mich auf der Bühne einfach anders fühle. Wobei ich jetzt nicht sagen will, besser oder schlechter. Die Energie ist einfach eine andere.

Ihr wolltet das Album schon früher veröffentlichen und präsentieren. Ich nehme einmal an, dass Corona schuld war, dass das nicht passiert ist. Jetzt im April ist es aber so weit.

Alexander Yannilos: Genau, wir haben am 17. April im Porgy & Bess das große Release-Konzert. Ursprünglich hatten wir vor, das Album anlässlich unseres Auftritts beim Kick Jazz Festival im Dezember letzten Jahres zu veröffentlichen. Wir haben auch sehr intensiv daran gearbeitet, es hinzubekommen, das Album bis dahin auch mit allem Drum und Dran hinzubekommen, um es dann den anwesenden internationalen Veranstalterinnen und Veranstaltern quasi als Visitenkarte in die Hand drücken zu können. Aber dann war eben wieder Lockdownzeit und wir wussten, dass außer und den Leuten vom Porgy niemand bei dem Konzert live anwesend sein wird. So haben wir uns entschieden, noch etwas abzuwarten und es in dem für uns passenden Rahmen zu präsentieren.

Herzlichen Dank für das Interview!

Michael Ternai

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