Iveta Alpkana (c) Juris Zigelis

Wien Modern 2020 – Nach den Live-Eröffnungskonzerten im Lockdown, aber nicht zu Ende   

Nach einem fulminanten Eröffnungswochenende schien das Festival Wien Modern 2020 mit dem Konzert des Arditti Quartet am Sonntag, den  1.11. schon wieder zu Ende zu gehen. Durch den folgenden allgemeinen Lockdown sämtlicher Kulturveranstaltungen wegen der Corona-Pandemie  wurde die „Stimmung“ (so das heurige Festivalmotto) drastisch heruntergefahren – keine Konzerte mit Publikum mehr. Aber: Durch sofort organisierte Rettungsaktionen finden dennoch 18 Produktionen (41% der geplanten) statt und werden über Rundfunk und/oder kostenlosen Stream im Festivalzeitraum zugänglich gemacht.     

Rückblicke auf die ersten Live-Konzerte im Stephansdom und im Konzerthaus

Unser zwangsläufig verfrüht erscheinender „Zwischenbericht“ verdankt sich dem traurigen Umstand, dass das gemeinsame Musikerleben in echten Konzertsituationen für den Rest des heurigen Festivals in der Tat auf die fünf live erlebbaren Konzerte zwischen 29.10. und 1.11. beschränkt bleiben wird. In zwei Terminen konnte man am Vorabend des Eröffnungskonzerts das Klangforum Wien unter der Leitung von Sylvain Cambreling im Stephansdom erleben, dessen räumliche Aura in den gebotenen Werken von Klaus Lang, Gérard Grisey, Heinz Holliger, Francesco Filidei und Olivier Messiaen das Festivalthema „Stimmung“ eindrucksvoll zur Wirkung brachte, auch in der Konfrontation und dem Zusammenwirken zweier ungeheurer Klangvolumina – dem der Orgel (gespielt von Iveta Apkalna) und den bei Messiaen und Filidei geradezu orchestralen bzw. live-elektronisch verstärkten des Ensembles.

Tags darauf spielte das RSO Wien (Leitung: Leo Hussain) im Großen Saal des Wiener Konzerthaus nach „The Tuning Meditation“ von Pauline Oliveros drei wirklich fulminante Werke von Enno Poppe („Filz“ für Viola solo mit der Solistin Tabea Zimmermann, vier Klarinetten und Streichorchester), Germán Toro Pérez („Trazos II“  für großes Orchester mit zwei Klavieren und zwei Harfen im Vierteltonabstand) und Hugues Dufourt („Les deux saules d’après Monet“ für großes Orchester).

Hier sollte ein Bild vom Ensemble Schallfeld (© Wolf Silveri) stehen
Ensemble Schallfeld © Wolf Silveri

Am Samstag, 31.10. konnte man in der Alten Schmiede am Nachmittag kammermusikalische Mikrowelten für Violine, Violoncello und Klavier mit dem Grazer Schallfeld Ensemble hören, abends ab 18 Uhr machte die Parterre-Bestuhlung im Großen Saal des Wiener Konzerthauses insgesamt elf unterschiedlich gestimmten Klavieren Platz, an denen die Solistin und die Solisten Tomas Bächli, Stefan Wirth und Simone Keller „Grosse Stimmung I – X“ (Zehn Kompositionen für zehn Klaviere in zehn Stimmungen) von Edu Haubensak zur Aufführung brachten, allein die Gesamtaufführung dieses Zyklus dauert annähernd vier Stunden. Immer wieder in neuen Skordaturen gestimmt, mit Titeln wie „Veränderte Luft“, „Gefärbte Variationen“, Campi colorati“, „Pur“ birgt jedes der Stücke neue „reine“ oder „mischstimmige“, nichtäquidistante und nichtoktavrepitierende Stimmungen, Klangdimensionen und Intervallbezüge, deren Klängen man staunend nachhören konnte – die Faszination davon hing auch stark von den Spielweisen des/der jeweiligen Solist*in ab. Nach weiteren früheren Stücken Haubensaks (teils auch für Klavier in temperierter Stimmung) bildete „Hands“ für Ensemble von zehn Klavieren in zehn Skordaturen in Uraufführung das späte letzte Highlight des Abends.

Am Sonntag, 1.11. begab sich das Arditti Quartet im Mozart-Saal „In the realms oft he unreal“ (so der Titel des, wie man bereits wusste, am vorläufig letzten Abend von Wien Modern mit Publikum präsentierten 3. Streichquartetts von Olga Neuwirth). Jeweils grandios interpretiert, lauschte das Publikum Werken von Julián Carillo („Zwei Skizzen“ wurden 1926 in Mexico unter Verwendung von Viertel- und Achteltönen komponiert), Karlheinz Essl (dessen „upward, behind the onstreaming it mooned“, inspiriert von einer Kunstsprache des argentinischen Dichters Jorge Luis Borges, auf bewusst gewählten Einschränkungen des verwendeten musikalischen Materials beruht und dessen Elemente wie in einer Hexenküche kunstvoll miteinander vernetzt werden) oder Pauline Oliveros. Neben den überquellenden, stark kontrastierenden Texturen in der Musik Olga Neuwirths – einem der stärksten Stücke dieses Abends – stellten die Ardittis auch Neues von hierzulande weniger geläufigen Komponistinnen vor: Die 1926 in den USA geborene, seit 1946 in Frankreich lebende Betsy Jolas (Quartett Nr. 8 „Topeng“, 2019) war unter anderem ab den sechziger Jahren eine wichtige künstlerische Begleiterin ihres Mentors Pierre Boulez bei dessen programmatischer Konzertreihe „Domaine Musical“). Von der 1982 geborenen Komponistin Ashley Fure, die derzeit am Dartmouth College in den USA als ao. Professorin unterrichtet, konnte man zuletzt „Anima“ für erweitertes Streichquartett (Klangregie: Jérémie Bourgogne, Ircam)  verfolgen, bei dem – neu und originell, oder auch nicht – die Musiker mittels Transducern die Oberflächen ihrer Instrumente wie mit Stethoskopen untersuchen und zum Klingen bringen mussten  (auch das ist also „Wien Modern“).

Rettungsaktionen

Das RSO Wien spielte am 6.11. unter Oksana Lyniv ein Porträtkonzert Sofia Gubaidulina im ansonsten fast leeren Musikverein bei Wien Modern (c) Markus Sepperer

Zu den Produktionen, die trotz des Lockdowns zugänglich gemacht werden, gehören, wie Bernhard Günther und sein Team ankündigen konnten, die Uraufführung von Sofia Gubaidulinas „Der Zorn Gottes“ mit dem RSO Wien am 06.11. im Musikverein (der bereits online ist), das Konzert zur Verleihung des Erste Bank Kompositionspreises 2020 an Matthias Kranebitter mit dem Klangforum Wien im Wiener Konzerthaus am 18.11. mit Uraufführungen von Johannes Kalitze, Matthias Kranebitter und Friedrich Cerha sowie die Uraufführung „tönendes licht. von Klaus Lang mit den Wiener Symphonikern aus dem Stephansdom am 19.11.

Und / aber: „Das, was Musik schaffen kann“, schrieb Klaus Lang anlässlich des heurigen Festivals, „ist ein unwiederholbarer gegenwärtiger Augenblick durch das unersetzbare Erlebnis des real im Raum sich erzeugenden Klanges und durch die Präsenz von Menschen, die ihn hervorzaubern.“ Und so erklärt sich zum Beispiel auch die Absage des geplanten Festivals im Festival „Comprovise #3“ durch die Veranstaltungsverantwortlichen der IGNM (Tiziana Bertoncini, Thomas Lehn, Nina Polaschegg, Bruno Strobl). Das  dreitägige Festival sollte vom  14. bis 16. November im Brick-5 und im Italienischen Kulturinstitut Wien stattfinden. Über drei Konzertabende erstrecken sich elf Konzertteile mit Fokus auf Komposition und Improvisation wie auf deren Mischformen. Die Begründung der Absage: „Grund für eine Verschiebung und keine Verlagerung ins Internet per Streaming sind neben technisch und geographisch unlösbaren Problemen v.a. unser Wunsch, das Konzept des Festivals mit steter Verflechtung von Komposition und Improvisation sowie über Vortrag, Podium und Kurzinterviews nach bzw. vor den einzelnen Konzerten beibehalten zu wollen. Und das ist in dieser Form nur live mit Anwesenheit und Diskursmöglichkeit auch des Publikums möglich“.

Es lohnt sich also, die Ankündigungen der Website von Wien Modern (www.wienmodern.at/update)  und des ORF-Senders Ö1 zu verfolgen, da man viele der angekündigten Veranstaltungen und Konzerte so zumindest in analoger und digitaler Wiedergabe hören wird können und  bereits kann und (wie etwa die   Aufführung der „Sonic Meditations“ von Pauline Oliveros aus dem Café Korb), siehe dazu auch die bereits erschienenen Beiträge auf www.musicaustria.at/tag/wien-modern.

Ein großer Tipp: Lektüre des Bandes „Essays“ im Festivalkatalog

Den vielen treuen und jeden November regelmäßig und fast täglich die Wien-Modern-Konzerte Besuchenden, die darüber traurig sein müssen, dass das heuer verunmöglicht wird – überflüssig auch hier noch einmal zu betonen, dass aufgrund der strengen Beachtung der Corona-Sicherheitsregeln durch Konzerthäuser, Musiktheater oder Museen Ansteckungen

dort eher unwahrscheinlich sind – möchte der Autor dieses Beitrages von ganzem Herzen eine alternative und großen Gewinn bringende Beschäftigung vorschlagen: Die im Festivalkatalog spannend versammelten und handverlesen ausgewählten Artikel des mit „Essays“ betitelten Bandes (samt Kalender und Band A-Z im Personal Pass inbegriffen bzw. um wohlfeile 15 Euro erhältlich) bieten mehr als Lesenswertes zum Generalmotto „Stimmung“ [Vorsicht (!): Ihr Autor hat sich – soziologisch interessiert – aufgrund der Literaturhinweise bereits zur Lektüre weiterer Werke im Rahmen eines kleinen Privatissimums entschlossen, in diesem Fall Bücher von Georg Simmel über Ästhetik, Hartmut Rosa über „Resonanz“. Heinz Bude „Über die Macht von Stimmungen“ – Liste kann fortgesetzt werden…].

Der Essayband vereint sehr interdisziplinär Abhandlungen zu „Stimmung als Schlüsselbegriff“, „Räume“. „Menschen“, „Musik“, sowie  „Portraits & Projekte“. Originalbeiträge in dem Band stammen von Marlene Streeruwitz („Stimmungsbild über Stimmungen“), Anna-Katharina Gisbertz („Das Spiel mit der Stimmung“), Lisa Spalt („Die Besucherin“), Heinz Bude („Die Stimmungen der Gesellschaft“), Elisabeth Blum („Strategien des radikalen In-Stimmung-Versetzens: Die Abramović-Methode“), Klaus Lang („faules fleisch und essig. Über Stimmungen in der Musik“, „gotisches licht oder Gotik und Ghandi“),  Bazon Brock („Das Unding an sich: die endliche Unendlichkeit. ‚Hofstetterkurt‘ als Magier der irrationalen, also theoretischen Kunst“), Shilla Strelka („Ich suche keinen Zufluchtsort, sondern die Zumutung. Interview mit Matthias Kranebitter“; auch als mica-Interview), Mia Zabelka („Eine sehr persönliche Widmung an Pauline Oliveros“), Pia Palme („Komponieren im Anthropozän. Ein persönlicher Text zu ‚Wechselwirkung`“).

Heinz Rögl

Link:
Wien Modern