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Wien Modern 2018: Eine Bilanz

In dieser Abschlussbilanz sei zuallererst auf den bereits am 23.11.veröffentlichten Überblick in den Musiknachrichten über die finale Woche des Festivals verwiesen, in der WIEN MODERN noch einmal besonders den Beweis erbrachte, wie vielfältig es heuer die Bandbreite und das abgedeckte Spektrum dessen sah, was heute als Neue Musik bezeichnet wird. Mit dem Untertitel „und aller angrenzenden Gebiete“ versah auch Georg Nußbaumer sein Projekt „Atlas über die gesamte Musik“ mit über 300 Studierenden und Lehrenden der Musikunversität, das an der mdw am Samstagnachmittag des 17. November stattgefunden hat:  

Auch die Abschlusskonzerte waren von dieser grenzgängerischen Mission durchdrungen: Gemeinsam mit heimischen Angehörigen der Improvisationsszene gastierte am Donnerstag, den 29.11. im brick-5 einen Abend lang „The Sicilian Connection“, die das im Südosten Siziliens abgehaltene Rara Festival repräsentiert. Das von Barry Guy vor mehr als 45 Jahren begründete London Jazz Composers Orchestra setzte am Freitag den Live-Schlusspunkt im Porgy & Bess.

WEITERE MUSIKTHEATERPROJEKTE

Am Tag nach Olga Neuwirths Musikinstallation zu Herman Melville hatte am 15.11. die von neben dem Koehne Quartet und vier Tänzerinnen und Tänzern auch von sechs Kindern aufgeführte Neuproduktion des Dschungel Wien für Wien Modern Premiere. „Über uns nur der Himmel“ schildert in eindrücklichen Szenen Menschen auf der Flucht, ihre Ängste, ihre Träume, ihr Zusammenhalten, ihr Ausbrechen-Wollen und ihren Alltag völlig ohne moralisch erhobenen Finger und falsches Pathos. Das, was erzählt wird, erschließt sich – unterstützt durch Musikstücke von Christine Burke oder Angélica Castelló über Max Nagl, Thomas Pernes, Werner Pirchner bis zu György Ligeti und Peter Sculthorpe – einzig durch die Bewegungschoreographie und Mimik der jungen Darsteller, die ohne Gebrauch von Worten stolz vorführen konnten, was sie sich angeeignet hatten. Auch das also: Vielfalt des Ausdrucks in einem geglückten Projekt.

Ein weiteres Dschungel-Wien-Projekt – für junge Menschen ab 14 Jahren – war dann ab 26.11. auch Elisabeth Schimanas Musiktheater „gestochen und weg“, das den Grimm’schen Märchenklassiker „Dornröschen“ zum Ausgangspunkt nahm, um einen hundertjährigen Schlaf der virtuellen Art zu simulieren, der in unwirkliche visuelle und klangliche Landschaften und Welten führt, wie sie auch in unseren Träumen vorkommen können. Die Musikerinnen von Airborne Extended und der Schauspieler Rüdiger Leiner als Erzähler waren die Wegbegleiter und Schimana überzeugte mit ihrer Musik viel mehr noch als mit dem Ensemblewerk „Virus #3.3“ von ihr, das das Klangforum Wien im Semperdepot aufgeführt hatte.

Elisabeth Schimana: „gestochen und weg“ im Dschungel Wien
Elisabeth Schimana: „gestochen und weg“ im Dschungel Wien

Ein großer weiterer Höhepunkt war die konzertante Aufführung von Gottfried von Einems Kafka-Oper „Der Prozess“ mit dem ORF Radio-Symphonieorchester und guten Sängern (als Josef K: Michael Laurenz, in weiteren Rollen Ilse Eerens, Martin Winkler, Markus Butter, Wolfgang Bankl, Szabolcs Brickner) unter der Leitung von HK Gruber im Konzerthaus (22.11.)

Das sirene Operntheater setzte in Vorstellungen ab dem 24.11. im Reaktor die Kammeroper „Das Totenschiff“ nach B. Traven in der Form einer „Song-Oper“ von Oskar Aichinger (Libretto: Kristine Tornquist) mit den Sängern Romana Amerling, Johann Leutgeb, Bernhard Landauer, Clemens Kölbl und anderen um. Darin geht es um einen Matrosen, der seine Papiere verloren hat und ohne Ausweis und Aufenthaltsgenehmigung auf sogenannten „Totenschiffen“ anheuern muss, die illegal Waffen transportieren oder als Versicherungsfall in den Untergang geführt werden. Aichingers durchaus beachtlicher Versuch einer eingängigen Musik – etwa nach Kurt Weills Beispiel – reichte für eineinhalb Stunden nicht ganz aus, ein Songzyklus von einer halben Stunde Dauer wäre vielleicht besser gelungen.

Im Konzert zum Erste Bank Kompositionspreis am 21.11. mit dem Klangforum Wien war die Preisträgerin zugleich darstellende Sopransolistin. Auf dem Programm stand auch „Kurzzeit“ von Friedrich Cerha und „fünf ostinati“, ein neues Werk von Wolfram Schurig: „In den fünf Stücken dieses Werkzyklus begebe ich mich auf die Suche nach meiner musikalischen Heimat. Der Begriff ‚Ostinato‘ dient mir dabei als Metapher für alles scheinbar Vertraute, das Beharren auf jenem Inventar, worin ich mich im Laufe der Zeit häuslich eingerichtet habe, aber auch mein Fremd-Sein an diesem Ort, weil die Gegenstände darin das Recht auf ihre eigene Geschichte einfordern. ‚Ostinato‘ meint aber auch explizit jene obsessiv wiederholten musikalischen Figuren, aus denen die Musik in diesen Liedern entsteht.“

Agata Zubel als Komponistin und Interpretin beim Konzert zum Erste Bank Kompositionspreis
Agata Zubel als Komponistin und Interpretin beim Konzert zum Erste Bank Kompositionspreis

Agata Zubel präsentierte sich als die mythenumwobene Kleopatra in ihrem Werk „Cleopatra’s Song“. Frei nach Shakespeare stellte sie mit ihrem Monodram eine starke Frauenpersönlichkeit in den Mittelpunkt. Sie schrieb dazu, wodurch sie von ihr inspiriert worden sei: „… eine Königin und Göttin – klug, gebieterisch, charismatisch, mutig, extravagant, scharfsinnig, zäh, eloquent; voll Energie, berühmt für ihre Tapferkeit, Weisheit, ihren Ehrgeiz und ihre Entschlossenheit; stolz und unbeugsam, reich, eigensinnig und verwöhnt – einfach unvergleichlich. Jedoch: ihr wahres Bild – wie auch ihr Klang – sind unwiederbringlich verloren. Es gibt ganz vieles an ihr, was wir nicht verstehen. Dennoch – diese Lücken verstärken noch ihre mythische Anziehungskraft“.

Wie eine einzelne Sängerin Musiktheater machen kann, zeigte auch die unvergleichliche Stimmkünstlerin Salome Kammer in ihrem Solo-Rezital im Hörsaal D des Campus der Universität in der Spitalgasse beim Alten AKH am 25.11.: Von assoziationsreichen Dada-Lautmalereien bei Hugo Balls Laut- und Klanggedichten bis zur umwerfend echten Babystimme in Carola Bauckholts Stück „Emil“ führte sie ein Defilee unterschiedlichster Charaktere in großartigen Gesangskompositionen auf, beginnend mit der einst für Cathy Berberian komponierten „Sequenza“ für Frauenstimme von Luciano Berio, der Aria von John Cage, über einige wunderbare Sätze György Kurtágs aus den „Sudelbüchern“ Georg Christoph Lichtenbergs und Giacinto Scelsis „Canti del Capricorno“ bis zum „Turmbau zu Babel“ von Mauricio Kagel und „Changeant“ von Iris ter Schiphorst.

NOCH EINE SOLO CHALLENGE

Im selben, akustisch sensationellen alten Pathologie-Hörsaal der Universität im Alten AKH gab es am Abend dieses 25. November dann The Solo Challenge: Violin, bei der durch die Erkrankung von Nurit Stark nunmehr „nur“ drei Sologeigerinnen nicht nur das Terrain großer Werke der Neuen Musik für Violine solo erkundeten, sondern auch Ausflüge in barocke und mittelamerikanische Klangwelten unternahmen. Alle drei widmeten sich auch wieder verschiedenen Versionen des Uraufführungswerks „Schütten“ von Katharina Klement, sowie grafischen Partituren von Anestis Logothetis.

Elisabeth Harnik (c) Bernhard Günterh
Elisabeth Harnik (c) Bernhard Günterh

 

Tiziana Bertoncini (auch am 18.11. mit dem ensemble]h[iatus zu hören) stürzte sich in Improvisation, Barbara Lüneburg spielte zum Abschluss ein Stück des kubanischen Komponisten Louis Aguirre. Sensationell war aber vor allem der mittlere Auftritt von Annelie Gahl, die jedem der von ihr gespielten Stücke eine diesen vollkommen entsprechende Ausdrucksschönheit zukommen ließ, wie man sie nicht oft hören kann. Sie – als langjährige Weggefährtin von Nikolaus Harnoncourt – startete mit einem Stück des Barockkomponisten und zu Beginn des 18. Jahrhunderts bedeutendsten deutschen Violinspielers Johann Georg Pisendel und kehrte mit der „Melancholy Galliard“ von John Dowland in einem eigenen Arrangement von ihr noch einmal zur Alten Musik zurück. Sie brachte eine Reihe von kurzen „Chorals“ von John Cage, spielte ein gutes Stück von Elisabeth Harnik („circle of understanding“), auch sehr schön eine „Gradation“ der Komposition von Katharina Klement, und widmete sich einem bislang nicht aufgeführten „Fragment einer Studie“ von Beat Furrer. Dazu kamen Solostücke von Anestis Logothetis („Oskulationen“), Giacinto Scelsi („Xynobis“), Morton Feldman („For Aaron Copland“) und George Aperghis („I.X.“ war ein Auftragswerk von Wien Modern 2001 und mit den Initialen auf den in diesem Jahr verstorbenen Iannis Xenakis bezogen).

RISIKO UND HARAKIRI

Wie es sich mit der Risikobereitschaft von Veranstaltern verhält und wie Musik- und Kulturmanager, Konzerthäuser und Festivals mit den Polen Risiko und Sicherheit umgehen, befasste sich am 16.11. im Depot der mica focus: concert promotion and risk-taking. Jede Live-Aufführung ist prinzipiell mit Risiko verbunden – aber wie sieht es darüber hinaus aktuell aus mit dem Rückzug auf leicht vermarktbares Repertoire, der Komfortzone des Bekannten und dem Sicherheitsdenken infolge ökonomischer Zwänge? Das prominent besetzte internationale Panel (u.a. mit Christos Carras, Ruth Goubran, Moritz Lobeck, Jochem Valkenburg und Eleanor Ward unter der Moderation des Intendanten Bernhard Günther) warf in der Podiumsdiskussion Blicke auf ein Thema, das den aktuellen Musikbetrieb steuert (Produktion mica in Kooperation mit Wien Modern). Teilnehmerin der Diskussion war auch die Geigerin Patricia Kopatchinskaja, die sich am Abend dann im Konzerthaus dem Risiko unterzog, mit dem Originalklang-Ensemble Il Giardino Armonico Vivaldi und Zeitgenössisches ohne Übergänge zu spielen.

Auch in Programmen der letzen Woche von Wien Modern widmete man sich dem „Risiko“, vor allem in dem glänzend zusammengestellten und mit der notwenigen Ernsthaftigkeit gespielten Konzert Harakiri mit dem Webern Ensemble Wien der mdw im Odeon (27.11.). Es spielte weitgehend in Vergessenheit geratene radikale ästhetische Ansätze der Musik der 1960er und 1970er Jahre: „Harakiri“ schrieb Nicolaus A. Huber vor rund 50 Jahren, der damals 35-jährige Harrison Birtwistle zerschnitt seine „Verses“ kurzerhand mit der Schere und klebte sie in Zufallsnachbarschaften zusammen – ein tolles Stück inklusive abwechselnder Bläsersoli auf zwei erhöhten Podien. Der linke Komponist Cornelius Cardew und besonders eindrücklich Dieter Schnebel (die Blätter von „MO-NO. Musik zum Lesen“ konnte man auch auf dem Boden aufgelegt bewundern) schrieben rätselhafte Zauberbücher voller Zeichen und Zeichnungen anstelle von Partituren. Bruno Maderna ließ in „Giardino Religioso“ die Musikerinnen und Musiker wie beim Umhergehen in einem Garten ihren eigenen Weg durch die auf den Notenblättern verteilten Elemente frei wählen und verließ als Dirigent sein Pult, um sich als Mitspieler zu beteiligen (auch der Dirigent Jean-Bernard Matter machte das).

Risiken anderer Art gingen auch das Arditti Quartet und das Ensemble Modern im Konzerthaus ein, als sie am 23.11. ein Opus magnum von Brian Ferneyhough („Umbrations. The Tye Cycle“) in oft fragmentierten kleineren Formationen aufführten, danach noch das sehr witzige „you are required to split your attention between multiple sources of information“ von James Saunders, bei dem die Musiker gesprochenen Anweisungen (zum Beispiel „Singen“, „Pfeifen“ usw. , ausgewählt nach dem Zufallsprinzip) folgen müssen. Und natürlich musste man in der Late night 5: Arditti Solo Irvine Arditti zuhören, wie er James Clarke und vor allem Salvatore Sciarrinos: „Sechs Capricci für Violine solo“ großartig spielte (eigentlich noch eine Solo Challenge).

Andere – durchwegs tolle Konzerte – sollen hier im einzelnen nicht mehr besprochen werden, dazu gehörten jedenfalls die Geburtstagskonzerte am 24.11. für Peter Ruzicka mit der Camerata Salzburg und dem Minguet Quartett, das u.a. „possible à chaque instant“ von Ruzicka spielte, oder „Wachstum und Massenmord für Titel, Streichquartett und Programmnote“ von Peter Ablinger, ein Stück über die Unmöglichkeit, perfekt Streichquartett zu spielen. Eine letzte theatralische Produktion sei noch genannt: Vom 27. bis 29. 11. Spielte das Ictus Ensemble im Studio brut in der Zieglergasse „SAFE. A concert transforming itself into a performance and a live radio play“ (2018) von Oxana Omelchuk, Julie Pfleiderer & Caroline Daish.

Heinz Rögl

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Wien Modern
Wien Modern: Eine Zwischenbilanz von Heinz Rögl