Wien Modern 2010 – Pressekonferenz im project space der Kunsthalle Wien

Countdown läuft: Am 29. Oktober – eigentlich schon am 27./28. mit einem Workshop für Jugendliche, um die Vermittlung in diesem Bereich voranzutreiben – wird das Festival Wien Modern seine Pforten öffnen. Als Hauptkomponisten fungieren heuer Morton Feldman, Mark Andre, Roman Haubenstock-Ramati, sowie Johannes Maria Staud und Thomas Wally. Man konnte bei der Pressekonferenz am Karlsplatz (heuer auch Wien Modern.Lounge) sehen, dass der neue künstlerische Leiter Matthias Lošek sich sehr gut in seine Aufgabe eingelebt hat, das Festival für Musik der Gegenwart in Wien zu managen.

In dem Workshop „Morton Feldman – Facetten eines Komponisten“ können Jugendliche der 11. und 12. Schulstufe den Inspirationsquellen dieses Komponisten nachgehen. Matthias Lošeks Ausführungen und Assoziationen, die Schilderung seiner auch neu geschlossenen und etablierten Kontakte vor allem mit den beteiligten Künstlern und dem Vorstand des Festivals gerieten ausführlich. Die Details zum Programm und die vielfältigen Spielorte brauchen in diesem Bericht der mica-Musiknachrichten nicht in dieser geballten Kompaktheit, die der künstlerische Leiter vermeiden wollte aber nicht konnte,  wiederholt zu werden (siehe Verwandte Artikel).

Bernhard Kerres (Konzerthaus) als Präsident von Wien Modern eröffnete die Pressekonferenz und erteilte am Podium als erstem dem  Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny das Wort, der sich vorweg beeilte zu betonen, dass die Verhandlungen um finanzielle Sicherung und bessere Subventionierung von Wien Modern auf einem guten Weg seien, allerdings wisse er ja selber nicht, ob er nach den Wiener Wahlen wieder in seinem Amt bestätigt werden wird. Alles in allem also nicht mehr als eine gut gemeinte und im Fall Mailaths sicher ehrliche Absichtserklärung der Kulturpolitik, die er nach Ende der gesamten Präsentation in der kurzen Diskussion auf Nachfragen eines Zuspätgekommenen noch einmal wiederholte.

Matthias Lošek umriss das Profil des Festivals, verwies auf die kurze Vorbereitungszeit, die ihm für die heurige Ausgabe zur Verfügung gestanden ist und bat um Verständnis, dass er zu Wien Modern 2011 noch keine Details bekannt geben könne – allerdings konnte er die geplante Aufführung der „Spiegel“ von Cerha bereits verraten. Er betonte außerdem, dass auch bei aktueller Musik die erforderliche Vorlaufzeit für Aufträge und Engagements langfristiger geworden sei. Als nicht ausschließliches „Uraufführungsfestival“ für aktuelle Neue Musik (obwohl es auch diese in jedem Jahr zuhauf gibt und geben wird – etwa von Johannes Maria Staud und Thomas Wally) seien Wien Modern und er persönlich bestrebt, die Zusammenarbeit mit den jeweiligen Schwerpunkt-Künstlern auch nach Ende eines Festivals aufrechtzuerhalten, diese Künstler nicht nur einmalig zu präsentieren, sondern Wiederbegegnungen in den folgenden Ausgaben zu ermöglichen. Die Philosophie des Festivals generell: „Sich Zeit nehmen in schnelllebiger Zeit“.

Das Arditti-Quartett und das RSO Wien bestreiten am 5.11. im Musikverein gemeinsam eine Staud-Uraufführung, worüber  Wien Modern-Präsident Thomas Angyan besonders stolz und erfreut ist. Angyan betonte auch, dass heuer im Musikverein zwar nicht sehr viele Konzerte stattfinden würden, für 2011 jedoch bereits eine beträchtliche Erweiterung der Veranstaltungen in diesem Haus geplant sei. Es sei auch gelungen, das ernsthaft in seinem Bestand gefährdete Wien-Modern-Symposion der Wiener Musikuniversität zu „retten“. Er werde sich weiter für den Gründungsgedanken des Festivals von Claudio Abbado einsetzen, der ihn auch heuer in Luzern gefragt habe, wie es damit weitergeht. Obwohl er ja selbst leider kaum mehr nach Wien kommt.

Lošek weiter: Erstmals gibt es heuer die Eröffnung des Festivals durch Bundespräsident Heinz Fischer und eine Eröffnungsrede, die von der designierten Operndirektorin der Staatsoper Stuttgart, Eva Kleinitz, gehalten werden wird. Im Bereich „Vermittlung“ gibt es an den Sonntagvormittagen die Serie „Im Dialog“ im project space Karlsplatz, geleitet von Lothar Knessl. Dessen Anregung verdankt sich auch die Rückkehr zum kleineren „alten“ Format des Katalogs, in dem in bewährter Weise Analysen und Werkkommentare – oft der Komponisten selbst – zu lesen sein werden.

In den Bereich der Vermittlung und Kommunikation zeitgenössischer Musik fällt auch die Ausstellung „Notation“, die die Universitätsdozentin Susana Zapke als Kuratorin betreut. Es geht – nicht dogmatisch, enzyklopädisch und streng wissenschaftlich – um Einblicke in das Verhältnis von Kompositionen und musikalischen Gedanken und ihrer Verschriftlichung in der als eine Art Aquarium gestalteten Ausstellung mit Schwerpunkten auf Haubenstock, Cage, Feldman, György Ligeti, Xenakis, Lachenmann, aber auch Satie, Varèse, Strawinsky und Ives. Zu sehen sein wird Film- und Videomaterial von (Ur)aufführungen, Interviews, auch Hörbeispiele. Nur bei Wien Modern, so die Dozentin, sei es möglich als Kuratorin die Mittel für die Ausstellungsgestaltung in Form einer „carte blanche“ erhalten zu haben.

Eine „carte blanche“ habe auch er erhalten, betonte Patrick Pulsinger, der als Kurator der Feld(man)-Forschung internationale Künstler (und das Publikum) an drei Tagen ins Casino Baumgarten geladen hat. Das berühmte Studio (Preiser Records) war „schon ziemlich heruntergekommen“, konnte aber nun erhalten werden, das Casino im 14. Bezirk als ganzes renoviert. Pulsinger war erfreut und erstaunt, dass allen von ihm geladenen Künstlern etwas zu Feldman eingefallen ist, das weit über bloße „Remixes“ hinausging. Das Projekt wird in einer Laborsituation durchgeführt werden – das Publikum sitzt rundherum um die Akteure. Die Geladenen: Wolfgang Mitterer und Johannes Maria Staud werden als DJs fungieren (Mitterer sagte zu Lošek angeblich „Lass den Johannes nur was zuerst machen, ich werd’s dann verlässlich zertrümmern ….“); Moritz von Oswald und Martin Rev (ehemals in den 70-ern bei „Suicide“) solo gastieren. Besonders freut Pulsinger aber auch, dass „Polwechsel“ aus Wien und sogar ein Mitstreiter Morton Feldmans, der britische Pianist John Tilbury, mit „Palais de mari“ mit von der Partie sein wird. Und natürlich Pulsinger selbst –von ihm erklang eine neue einminütige Komposition als „Uraufführung“ über die brut-space-Lautsprecher, die man sich ab sofort auch von der Wien Modern-Seite im Netz downloaden kann. Àpropos Feldman: Marino Formenti wird in „vienna nowhere“ Feldman bis in die Morgenstunden spielen, das wird viele freuen, die seinen Grazer Marathon beim Musikprotokoll versäumt haben. Den klangvollen Abschluss der Feldman-Hommage bildet das Konzert am 19. November, Das ORF-Orchester spielt unter der Leitung von Beat Furrer „Coptic Light“

Lošek abschließend: Ihn freue besonders die heurige Teilnahme von Staud, Wally und auch Joanna Wozny und Thomas Desi – Menschen die er seit geraumer Zeit und auch durch seine Arbeit in  Bregenz kenne. Staud, erzählte er, war einer der ersten, die er telefonisch sofort kontaktiert habe, sobald er zum Wien Modern-Generalsekretär bestellt worden ist (hr).

Matthias Lošek © Julia Stix
Johannes Maria Staud © Astrid Karger
ORF Radio-Symphonieorchester © ORF/Johannes Cizek
Patrick Pulsinger © Pulsinger

http://www.wienmodern.at