„Wien ist sehr schnell identitätsstiftend“ – GAZAL im mica-Interview

Im Pride-Monat Juni 2021 veröffentlichte die Rapperin GAZAL ihre zweite Single mit dem Titel „Regenbogenlove“, auf der sie unter anderem Queerness feiert. Ein perfekter Anschluss an die erste Single, „Irgendwann“, die am 8. März 2021 erschien und ein Plädoyer für die Selbstbestimmung von Frauen darstellt. Mit Itta Francesca Ivellio-Vellin sprach GAZAL über Feminismus, ihre Erfahrungen mit Rassismus, und ihr News-Format „Rap im Bild“.

Hast du generell den Anspruch, dass deine Musik politisch sein muss oder kommt das automatisch, weil du ein politischer Mensch bist?

Gazal: Ja, das ist tatsächlich so, dass manche Texte einfach so passieren. Ich habe mir jetzt auch nicht gedacht: „So, ich setze mich jetzt hin und schreibe eine Ode an den Feminismus und die kommt dann am 8. März heraus“. Das ganze Kalkül war da nicht dahinter. Ich habe den Beat gehört, und habe da einfach losgeschrieben. Dann kam zuerst die Hook, und die fand ich einfach schön, und darauf aufbauend kam der Text. Der kommt einfach aus mir raus, weil das ich bin. Jeder Song auf dem Album steht für eine andere Facette von meiner Persönlichkeit – das ist aber auch einfach zufällig passiert.

Bekommst du Hate-Messages?

Gazal: Nein. Ich bekomme eigentlich nur positive Resonanz. Vielleicht deshalb, weil es die Leute, denen es nicht gefällt, was ich mache, zu wenig emotionalisiert, als dass sie mir etwas Böses schreiben würden.

Auf YouTube gibt es ein paar unfreundliche Kommentare, aber die sind vergleichsweise harmlos.

Gazal: Ja, es sind keine Hassbotschaften. Das ist noch eine Linie, die vertretbar ist. Muss ja nicht jede und jeder toll finden.

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Auch wenn du den Song „Irgendwann“ nicht absichtlich am 8. März veröffentlicht hast – was bedeutet der feministische Kampftag generell für dich?

Gazal: Es ist halt ein Tag, der symbolisch für jeden einzelnen Tag für viele Frauen auf der Welt steht, die täglich dafür kämpfen müssen, einfach existieren zu dürfen. Ich mache immer mehr die Erfahrung, dass der 8. März leider sehr kommerzialisiert wird – da gibt’s dann Rabattcodes für Putzmittel und den Frauen werden Blumen geschenkt. Dass Frauen immer noch um die Gleichberechtigung kämpfen – auch in Österreich! -, das verstehen einige noch nicht so ganz. Es gibt aber sehr viele junge Frauen, die auf den verschiedenen Plattformen Aktionen zeigen, auf TikTok zum Beispiel. Aber auch im Real Life. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass das Thema Eingang in die Popkultur gefunden hat. Es gibt sehr viele starke Vorbilder, Beyoncé oder Lady GaGa, die niederschwellig Feminismus betreiben. Da kann man jetzt natürlich darüber streiten, ob das Pink-Washing ist, oder welche Zwecke sie damit verfolgen. Aber jeder Beitrag, der dazu führt, dass es einen Diskurs zu dem Thema gibt, halte ich für positiv. Am liebsten wäre es mir natürlich, wenn es den 8. März irgendwann nicht mehr brauchen würde.

Ich bin ganz deiner Meinung – es ist wichtig, dass darüber gesprochen wird. Der populäre Feminismus ist allerdings ein schwieriges Thema, denn wenn Feminismus nur zu Marketing-Zwecken verwendet wird, wird er auch entpolitisiert.

Gazal: Das stimmt natürlich. In unserer kapitalistischen Welt ist das nun mal leider so. Der Kapitalismus frisst alles auf, womit er Profit machen kann, das ist ja nicht nur beim Feminismus so, sondern auch beim Körper der Frau oder LGBTQ+-Themen – you name it! Natürlich kann man dann auch i-Tüpfelreiterei betreiben, und nicht jede und jeder versteht unter Feminismus das gleiche. Eine Beyoncé Knowles, die Millionen an Geld hat und deshalb gewissen Erfahrungen nicht mehr macht, wie sie zum Beispiel die Billa-Verkäuferin, die da ja gerne als Gegenbeispiel genommen wird, macht, praktiziert zum Beispiel eine bestimmte Art von Feminismus. Es gibt halt auch nicht den einen Feminismus, denn so wie es viele Interessen bei Frauen gibt, gibt es unterschiedliche Blickwinkel. Solange Feminismus etwas Positives schafft, nämlich Diskurssichtbarkeit, ist das gut.

Hattest du in deiner Kindheit Vorbilder?

Gazal: Kommt darauf an für welche Zwecke! In meiner Jugend gab es sehr wenig Sichtbarkeit von LGBTQ-Personen, vor allem lesbische Frauen gab es de facto nicht. Ende der 90er gab es Ellen DeGeneres, die sich in ihrer Sitcom geoutet hat, aber sonst gab’s höchstens noch Elton John, aber der war halt ein alter Mann und nicht unbedingt ein Vorbild für mich [lacht]. Und es gab halt auch kein Internet, in dem man sich mit seiner Community austauschen konnte. Das kam erst in meiner späteren Jugend und in meinen 20ern dazu. Somit gab es kein großes Role Model für mich, bei dem ich mir gedacht habe, ich würde es gerne so machen, wie diese Person. Finde ich aber nicht nur negativ. Natürlich ist es gut, Sichtbarkeit zu haben und Menschen zu haben, die die eigenen Erfahrungen widerspiegeln, aber ich halte nichts davon, irgendetwas nachzuahmen oder die Fußstapfen von irgendjemandem zu treten. Da geht man nämlich eben keine eigenen Wege. Also Vorbild ist mir im Grunde nicht abgegangen. Vor allem dann eben durch das Internet dann, wodurch die Welt ja viel kleiner geworden ist, und ich auch realisiert habe: „I’m not the only gay in town[lacht].

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Dein Album heißt ja „Irgendwann“, so wie die erste Single-Auskopplung. Was macht diese Single so repräsentativ für das Album?

Gazal: „Irgendwann“ gefällt mir einfach so gut, weil es eine Zeitangabe ist, die nicht sehr präzise ist, aber gleichzeitig eine Frage in sich birgt, nämlich eben das „wann“. Das war auch so spannend für mich im Song „Irgendwann“, denn irgendwann werden es die Frauen dann mal schaffen, irgendwann, irgendwann. Da stellt sich natürlich die Frage, wann ist denn dieses irgendwann? Und genau das gilt auch für das Album. Ich mache nämlich schon sehr lange Musik, aber eher nur privat, für mich. Und mit diesem Album bringe ich eben meine Musik an die Öffentlichkeit, so wie ich es halt irgendwann mal machen wollte – aber eben nicht irgendwann, sondern jetzt. Das ist also quasi meine Antwort auf die Frage nach dem „wann“, dieses Album.

Und die Gleichberechtigung von Frauen dann … bald?

Gazal: [lacht] Tja, wenn es nach mir ginge, vorvorgestern! Ich habe da aber leider nicht so viel zu sagen. Wenn da allerdings jede Person, die etwas dazu zu sagen hat, das tut und die Stimme erhebt, gehen Dinge sicher schneller.

Ich habe gelesen, dass du ursprünglich vom Poetry Slam kommst.

Gazal: Naja, ich weiß nicht, ob man das so sagen kann. Mit Poetry Slam stand ich zwar zum ersten Mal so richtig auf Bühnen, aber eigentlich bin ich ein Kind des Hip Hops. Ich höre Hip Hop seit ich 10 bin, damals sogar noch auf CDs. Meine ersten Bühnen-Erfahrungen habe ich aber mit Poetry Slam gemacht, das stimmt. Das kam aber auch eher unerwartet, ich habe an der JKU in Linz studiert und eine Freundin von mir wollte bei einem Slam mitmachen, hat sicher aber nicht getraut, alleine hinzugehen. Sie hat mich dann überredet, mitzumachen, also habe ich zwei Texte geschrieben und habe das Ding am Schluss sogar gewonnen [lacht]. Das war zwar nicht beabsichtigt, aber okay! Ich würde aber jetzt nicht sagen, dass ich, wie zum Beispiel Yasmo, jemand bin, der in dieser Szene groß geworden ist. Ich war immer nur bruchstückartig Zuseherin dieser Szene und manchmal auf deren Bühne.

Also bist du definitiv eher Rapperin als Poetry Slammerin.

Gazal: Auf jeden Fall. Ich würde auch sagen, dass ich das Handwerk des Hip Hop mehr intus habe, als die lyrischen Ergüsse des Poetry Slam.

Eine deiner Singles heißt ja „Wien Oida“ und ist ein Song über, beziehungsweise eine Ode an Wien. Du bist jetzt aber aus Oberösterreich, aus Linz, oder?

Gazal: Ja, in Linz bin ich aufgewachsen, seit der zweiten Klasse Volksschule bin ich Linzerin. Oder war ich Linzerin. Jetzt lebe ich in Wien.

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Bist du jetzt Wienerin?

Gazal: Ja. Ich finde, das ist etwas, was Wien einem leicht macht – zumindest habe ich diese Erfahrung gemacht. Wien ist sehr schnell identitätsstiftend. Es gibt hier so viele Menschen, die einen ausländischen Background haben, es gibt auch so viel Migration – auch innerhalb Österreichs. Ich sage immer, man ist nur echte Wienerin und echter Wiener, wenn man aus Oberösterreich kommt [lacht]. Ich kenne fast mehr Oberösterreicherinnen und Oberösterreicher in Wien als in Oberösterreich! Es gibt hier in Wien einfach so ein Potpourri an unterschiedlichen Menschen und Einflüssen, was man ja auch daran sieht, dass Wien europaweit schon immer eine Stadt war, die kulturell sehr viel zu bieten hat. Im Gegensatz zu anderen Städten ist Wien auch leistbar. Das alles hat es mir recht schnell sehr einfach gemacht, zu sagen, dass ich Wienerin bin. Da sagt keiner: „Nein, bist du nicht“ – so wie es in Linz öfter vorkam. Hier kommt dann eher die Frage, „Und wo wohnst du?“, weil man sich dann über Bezirke und Grätzel identifiziert. Das finde ich eigentlich super spannend.

Als Wienerin kann ich das nur bestätigen. Bezirks- und Grätzelstolz ist essentiell.

Gazal: Ja! Und ich habe das Gefühl, dass es in Österreich mit nicht-Österreichischem Background schwieriger ist, zu sagen: „Ich bin Österreicherin und ich heiße Gazal“, als zu sagen: „Ich bin Donaustädterin und heiße Gazal“. Das ist einfach der Bezirk, in dem ich lebe und das kann mir keiner nehmen. Das ist für die Leute irgendwie leichter zu verstehen. Da fragt keiner: „Aha, und aus welchem Viertel bist du wirklich? Und deine Eltern?“ Das ist irgendwie der Unterschied zwischen Grätzelstolz und Nationalstolz.

Bild Gazal
Bild (c) Gazal

Würdest du sagen, dass du mehr rassistische Erfahrungen in Linz gemacht hast, als in Wien?

Gazal: Ich würde sagen, ich habe mehr rassistische Erfahrungen in Oberösterreich gemacht, als in Wien. Meine ersten rassistischen Erfahrungen habe ich gemacht, da war ich 3 Jahre alt und habe im Sandkistel gespielt. Da habe ich bei Wels gelebt. Da habe ich zum ersten Mal begriffen, was der Begriff „Ausländer“ bedeutet, und, dass „Ausländer sein“ etwas Negatives ist. Ich habe eben im Sandkistel gespielt und da war der Nachbarsjunge da, und auf einer Bank saß seine Oma. Der Junge hat irgendwann ganz aufgeregt nach seinem Bagger gesucht, hat seine Oma um Hilfe gefragt, die dann einfach gesagt hat: „Den hat sicher die Ausländerin“. Da habe ich gewusst, okay, ich bin die Ausländerin, und das ist etwas Schlechtes. Das sind so Erfahrungen, die wie Narben auf der Haut sind – die kriegst du nicht weg. Und das ist nur eine Geschichte von vielen. Und ich war da 3 Jahre alt. In Wien habe ich aber tatsächlich bisher noch keine Erfahrung dieser Art gemacht. Natürlich ist Wien nicht frei von Rassismus – schön wär’s – aber das ist meine Erfahrung bisher.

Das hast du in einer Episode deines Formats „Rap im Bild“ ebenfalls thematisiert.

Gazal: Ja genau, am Tag gegen Rassismus. Da kam eine Strophe darüber vor: „Das Spielzeug ham’s versteckt, weil sie dachten, ich würd’s klau’n“.

„Rap im Bild“ stellt ja auch eine Form da, in der du deinen politischen Aktivismus ausdrückst, neben der Musik. Wie bist du zu diesem Format gekommen?

Gazal: Ich konsumiere sehr viele Nachrichten – sei es auf Twitter, oder über die ORF-Website, oder über Instagram. Und ich dachte mir, wenn ich das schon alles mitkriege, vor allem während der Corona-Zeit, in der eine Verordnung nach der anderen erlassen wird, und sich keiner mehr auskennt, dann kann ich das auch ein bisschen sortieren, nicht nur für mich, sondern auch für andere. Am naheliegendsten war da als Ausdrucksform das Rappen. Ich setze mich dann einfach hin und mache das nicht wirklich professionell – ich bastle mir da nicht jedes Mal selber einen Beat zusammen, sondern hole die mir gratis runter, mach einen One-Take und das war’s. Die Resonanz ist tatsächlich sehr positiv. Natürlich sind das nicht nur Nachrichten, da ist auch immer eine Interpretation von mir dabei.

Vielen Dank für das schöne Gespräch!

Itta Francesca Ivellio-Vellin

 

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Gazal am 7. August 2021 beim Kultursommer Wien

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