Šimon Voseček (c) nafezrerhuf.com

„Wiederverwertung ist bei mir mittlerweile die Regel.“ – ŠIMON VOSEČEK im mica-Interview

Vor rund einem Jahrzehnt erhielt ŠIMON VOSEČEK für „Biedermann und die Brandstifter“ den Outstanding Artist Award – schon damals ein Hinweis auf die Bedeutung seines Schaffens für die heimische Opernproduktion. Mittlerweile arbeitet er an seinem bereits fünften Werk für das Musiktheater. Mit dem Neo-Österreicher sprach Christian Heindl.

Man mag staunen oder schmunzeln: Ausgerechnet von Ex-Innenminister Herbert Kickl bekam der gebürtige Prager Šimon Voseček im Jänner 2019 ein Schreiben, in dem dieser ihn davon in Kenntnis setzte, „dass die Verleihung der Staatsbürgerschaft wegen der von Ihnen bereits erbrachten und von Ihnen noch zu erwartenden außerordentlichen Leistungen im besonderen Interesse der Republik liegt.“ – Die seltene Anwandlung einer exponiert zuwanderungskritischen Bundesregierung, einen „Ausländer“ im Land verankern zu wollen? –  Mitnichten. Vielmehr das Ergebnis eines längeren bürokratischen Prozesses, bei dem relevante und kompetente Persönlichkeiten des österreichischen Kulturlebens sich nachdrücklich dafür starkmachten, den mit mittlerweile 41 Jahren immer noch relativ jungen Komponisten als Stütze unseres aktuellen und künftigen Musikgeschehens auch hier verankert zu sehen. Und weil der Beschluss letztlich in so außerordentlicher Form geschah, genießt Voseček nunmehr das seltene (ansonsten beispielsweise Universitätsprofessorinnen und -professoren zustehende) Privileg der Doppelstaatsbürgerschaft. Für den überzeugten Europäer und Demokraten, der nunmehr in der Tschechischen Republik und in Österreich wahlberechtigt ist, vor allem eine Bestätigung, dass er gehört wird; dass sein Schaffen nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern über einen kleinen Kreis von Fans Neuer Musik hinaus anerkannt wird. Man mag nicht unterschätzen, dass eine solche Geste einem schöpferischen Geist auch Rückhalt gibt, wenn er sich seiner kompositorischen Arbeit widmet und weiß, dass es ohnedies heutzutage für jede und jeden seines Fachs schwer genug ist, Veranstalterinnen und Veranstalter, Ausführende und ein Publikum zu finden.

Rund zweieinhalb Dutzend gültige Bühnen-, Vokal- und Instrumentalstücke umfasst Vosečeks Werkverzeichnis bis dato. Er ist kein „Vielschreiber“ im herkömmlichen Sinn, aber einer der beharrlich und konsequent und ständig kreiert. Oper war da schon früh ein Thema: Die 1999 entstandenen drei Opernsketches „Soudničky“ (deutscher Titel: „Heiteres Bezirksgericht“) brachten es in einer Produktion des Prager Konservatoriums nicht nur 2000 auf die Bühne des Prager Theaters Žižkovské divadlo, sondern im Folgejahr auch zum Festival Opera 2001 in der tschechischen Hauptstadt. Eine Neuproduktion erfolgte 2008.

„[…] es hat schon alles, was eine gute komische Oper haben sollte.“

Soudničky“ lief mit beträchtlichem Erfolg wiederholt in Umsetzungen durch das Opernstudio des Prager Konservatoriums. Die deutschsprachige Erstaufführung ist noch ausständig. Das Werk entstand vor genau 20 Jahren, seither hat sich doch einiges in deinem Œuvre entwickelt. Wie stehst du heute zu diesem Erstling?

Šimon Voseček: Das ist mein ältestes Stück, das Gültigkeit hat. Manchmal staune ich selbst darüber: Es ist einfach gemacht, es ist lustig und es hat schon alles, was eine gute komische Oper haben sollte. Schade, dass das nicht irgendwo professionell aufgeführt wird.

Woran könnte es liegen, das dieses in Prag nachhaltig erfolgreiche kleine Operntriptychon nicht über die Grenzen hinaus reüssierte und welche Möglichkeiten könntest du dir da beispielsweise hierzulande vorstellen?

Šimon Voseček: In Tschechien entstehen aus gelungenen Dingen selten Konsequenzen. Dass es bis jetzt zu keiner Aufführung in Wien gekommen ist, daran bin ich ein bisschen mitschuldig, weil ich einmal auf eine Anfrage nicht richtig reagiert habe. Geeignete Rahmen hier wären z. B. die Produktionen der Wiener Volksoper im Kasino am Schwarzenbergplatz und das Theater an der Wien in der Kammeroper. Diese Sketches wären ideal für dessen Junges Ensemble.

Den Durchbruch brachte für dich letztlich die Uraufführung der Max-Frisch-Vertonung „Biedermann und die Brandstifter“. Diese abendfüllende Oper wurde 2008 aus rund 100 Einreichungen für den Österreichischen Förderungspreis für Musik ausgewählt. Trotzdem dauerte es dann noch bis 2013, ehe sich die Neue Oper Wien unter der Leitung von Walter Kobéra für eine Realisierung entschloss. Für ein musikalisches Bühnenwerk heutzutage ist es absolut die Ausnahme und nicht die Regel, dass mittlerweile schon zwei weitere nationale Erstaufführungen jeweils in Neuinszenierungen erfolgten: 2015 durch die Independent Opera at Sadler’s Wells in London sowie 2017 durch das Stadttheater Bremerhaven. Wie gewichtest du die Aufführungen und wo rangiert dieses Werk heute für dich?

Šimon Voseček: Ich finde, jede Produktion hatte ihre großen Stärken. Das ist an verschiedenen Produktionen eben so spannend. In London wurde die Oper ins Englische übersetzt und hat sich bewährt. Bremerhaven war eine richtige Repertoire-Aufführung an einem Stadttheater, das sehe ich als einen Riesenerfolg. Die meisten und größten Konsequenzen zog aber die Uraufführung in Wien nach sich. Ich kann durchaus sagen, dass damit fast alles zusammenhängt, was seither gekommen ist. Sowohl die weiteren Inszenierungen als auch spätere und aktuelle Projekte entstanden als Folge daraus.

Die direkte Folge in Wien war deine nächste Oper „Hybris“ auf ein Libretto von Kristine Tornquist. Diese Produktion des sirene Operntheaters hatte vor mittlerweile auch schon wieder zweieinhalb Jahren an der Wiener Kammeroper Premiere. Wie stehst du zu diesem Werk, nicht zuletzt hinsichtlich dessen Positionierung gegenüber „Biedermann“?

Šimon Voseček: „Hybris“ war eine Fortsetzung des „Biedermann“-Weges und eine Bestätigung für mich. Meines Erachtens ist das meine bislang beste Partitur, allerdings steht eine weitere Aufführung in den Sternen oder eher einfach nicht zur Diskussion.

Wobei du aber offenbar aus der Not eine Tugend gemacht hast und das Material für dein Orchesterwerk „Hypnos“ übernommen hast, das im Mai mit der Prager Kammerphilharmonie unter der Leitung von Ben Glassberg beim diesjährigen Festival Prager Frühling im altehrwürdigen Rudolfinum erstmals erklang.

Šimon Voseček: Ja, darin habe ich die Ideen aus „Hybris“ verwendet. Bei „Hybris“ habe ich gesehen, dass für diese Musik eigentlich ein größeres Orchester besser wäre. Das konnte ich nun für dieses neue Werk ausprobieren. An sich wurde alles umgeschrieben. Das ursprüngliche Material ist erkennbar, aber es wurde auseinandergenommen und zu einem neuen Stück zusammengesetzt. Wiederverwertung ist bei mir mittlerweile die Regel. So oft werde ich auch wieder nicht gespielt, und auf diese Weise kann ich die Musik eines Stückes öfter hören.

Was bedeutet das für den Umgang mit den Singstimmen aus der ursprünglichen Oper?

Šimon Voseček: Ich habe vor allem die Zwischenspiele aus der Oper verwendet. Manchmal wurden aber auch Teile aus Vokalstimmen Instrumenten zugewiesen.

„Mit der Partitur bin ich sehr zufrieden und ich vertraue darauf, dass es eine tolle Produktion wird.“

Die nächste große Premiere steht diesen Sommer bevor. Am 14. August kommt in Gent „Be My Superstar“ zur Uraufführung. Am 21. und 22. August wird es in Montenegro gespielt, und im Winter 2019/20 gibt es eine Europa-Tournee mit Stationen in Aix, Luxemburg, Helsinki, Aldeburgh, Gent und Antwerpen. Die Grundlage bildet das Bühnenstück „H. S. tragédies ordinaires“ von Yann Verburgh.

Šimon Voseček: Yann Verburgh hat dankenswerterweise seinen Text zur Verfügung gestellt, daraus hat die Regisseurin Alexandra Lacroix ein eigenes Konzept erstellt und eine Adaptierung als Musiktheater vorgenommen. Dieses Konzept habe ich dann sozusagen mit Musik bespielt. Es war eine neue Erfahrung für mich, eine richtige Oper zu schreiben, also sehr viel Arbeit zu investieren und dennoch nicht mein eigener Herr zu sein, da bei diesem Projekt das Primat des Regiekonzepts gilt. Da es touren wird, ist die Besetzung sehr klein gehalten: eine Sängerin, ein Sänger, vier Musiker und Elektronik, wobei die Musiker auswendig spielen und auf der Bühne agieren. Mit der Partitur bin ich sehr zufrieden und ich vertraue darauf, dass es eine tolle Produktion wird.

Welche Thematik wird darin behandelt?

Šimon Voseček: Es geht um Schulmobbing, also ist es auch besonders für junges Publikum ab 14 Jahren gedacht. Der Ablauf soll interaktiv sein, das heißt unter Einbeziehung der Zuseherinnen und Zuseher. Vor den Vorstellungen wird es jeweils einen Workshop geben, bei dem die Jugendlichen „trainiert“ werden, dass sie die Sängerin verbal attackieren dürfen.

Nur die Sängerin und nicht den Sänger?

Šimon Voseček: Der attackiert auch die Sängerin.

Du wärst nicht du, gäbe es nicht während des Wartens auf eine Premiere schon längst wieder neue Ideen bzw. ein konkretes Projekt.

Šimon Voseček: Du meinst „Ogres“ – „Menschenfresser“. Das ist ebenfalls ein Bühnenstück von Yann Verburgh, der auch das Libretto geschrieben hat. Die Oper geht wie „Be My Superstar“ auf meine Begegnung mit Yann im Mai 2017 im Rahmen der Akademie TOTEM(s) des Kulturzentrums La Chartreuse in Villeneuve lez Avignon zurück. Beide Projekte haben sich parallel entwickelt. Dieses Stück wurde für die Akademie eingereicht und für eine Produktion des Opernhauses in Avignon ausgewählt. Leider scheiterte das Vorhaben vorerst, weil das Opernhaus letztlich nicht bereit war, konkrete Schritte zu setzen. Dafür zeigte der Direktor aber Interesse an „Be My Superstar“. Mal schauen, ob daraus etwas wird.

Wie groß ist „Ogres“ besetzt und worum dreht es sich?

Šimon Voseček: Da hat Yann Verburgh so einen stehenden Satz: „Homophobie, heute und rund um die Welt.“ – Ich finde das ganz treffend. Ein toller Text, der immer mehr zu einem Erfolgsstück in Frankreich wird. Die Minimalbesetzung, mit der eine Tour geplant war, besteht aus fünf Vokalisten und sieben Instrumentalisten. Ich finde sie ein bisschen knapp, es ist aber noch gut machbar. Natürlich wäre eine größere Version besser. Ich werde in der nächsten Saison die Oper schreiben, ohne dass eine Produktion zugesichert ist, was freilich ein enormes Risiko ist. Gleichzeitig werde ich, wie Yann sicher auch, nach Produzenten suchen. Im September werde ich das Projekt am „Professionals‘ Day“ bei den Musiktheatertagen Wien präsentieren und ich bin gespannt, ob jemand daran interessiert ist.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Christian Heindl

Links:
Šimon Voseček
Porträt Šimon Voseček (mica – music austria)
Interview Šimon Voseček (mica – music austria)
Šimon Voseček (music austria Datenbank)
Operosa Montenegro Opera Festival 2019
Šimon Voseček: „Be My Superstar“