Chateau Rouge (c) smallforms

„WICHTIG SIND AUSTAUSCH, HYBRIDITÄT, WIEDERERKENNBARKEIT UND SOZIALE INTERAKTION.“– ALISA BECK UND GUSTAVO PETEK (SMALLFORMS) IM MICA-INTERVIEW

Seit 3 Jahren existiert nun schon die Plattform SMALLFORMS des ursprünglich aus Argentinien stammenden Musikers und Tontechnikers GUSTAVO PETEK. Er kuratiert die monatliche Musikserie SMALLFORMS gemeinsam mit der Kunsthistorikerin und Kulturproduzentin ALISA BECK, eine Wahlwienerin aus Deutschland, in Kollaboration mit dem Kunstraum Chateau Rouge. Auf dem gleichnamigen Label SMALLFORMS sind bereits unzählige, teils sehr unterschiedliche Dokumente der vielschichtigen Wiener Experimental- und Improszene entstanden.

Die Veröffentlichungen beweisen, dass die experimentelle Wiener Musikszene wie eine komplexe Tapisserie aus unendlich vielen Details besteht, die man entdecken kann, je länger man hinsieht (oder eben hinhört). Elisabeth Kelvin und Michael Franz Woels begaben sich auf eine Erkundungstour in den 16. Bezirk und haben GUSTAVO PETEK, gemeinsam mit ALISA BECK, in seinem Homestudio besucht.

Der aktuelle smallforms Release von Canned Fit & Petek Gmbh trägt den Titel Kehrtwende. Was hat sich für Dich als Musiker verändert, Du verbringst ja viel Zeit als Produzent in Deinem Homestudio oder als Sound-Künstler im Rahmen von Theater- oder Performance-Projekten in diversen Probe- und Aufführungsräumen?

Gustavo Petek: Jedes Mal, wenn ich nach längerer Zeit wieder Musik mache und zur Gitarre greife, hat sich meine Art zu musizieren verändert. Aber ohne zu proben. Durch dieses Naheverhältnis zu den Musiker*innen, die bei smallforms aufgenommen und gespielt haben, verändern sich auch meine Zugänge und mein Verständnis vom Musikmachen. Ich verbringe mit ihnen gerne viel Zeit bei gemeinsamen Listening-Sessions. Diese Verbindungen sind mir wichtig und sie sorgen bei mir auch für ein neues musikalisches Verständnis.

David Schweighart, Markus Steinkellner, Eric Arn (c) smallforms

Kommen wir kurz zu Euren künstlerischen und professionellen Backgrounds. Alisa Beck, wie kam es dazu, dass Du nun mit Gustavo Petek smallforms ko-kuratierst?

Alisa Beck: Ich arbeite als Kunsthistorikerin, Produzentin und Programmschaffende seit einigen Jahren in Wien. Viel Erfahrung konnte ich als Teil des Leitungsteams des Kunst- und Kulturraums mo.ë sammeln – einen Raum, den es seit 2017 leider nicht mehr gibt. Jetzt arbeite ich in Projekten mit Fokus auf Stadtforschung und experimentelle Formate in Performance und Musik, verstärkt als Duo mit Marie-Christin Rissinger – wir nennen uns Olympionik*innen Productions. Gemeinsam mit Frida Robles bilden wir außerdem die Künstler*innengruppe Blind Date Collaboration und sind Teil der Kitchen am Bacherplatz – ein gemeinsam mit anderen Künstler*innen und Aktivist*innen organisierter „space of joined struggles“. Im Moment bin ich als Produzentin intensiv mit den Vorbereitungen des diesjähren urbanize! Festival für urbane Erkundungen (9.-13.Oktober 2019) beschäftigt.

„WIR WOLLTEN HYBRIDE WEGE DER PROGRAMMIERUNG EINES ABENDS FÜR DIE WIENER EXPERIMENTALSZENE FINDEN.“

Gustavo und ich kennen uns aus der Zeit im mo.ë. Er hat schon seit 2016 smallforms im nadalokal organisiert und war dann auf der Suche nach einer neuen Location. Zu dieser Zeit hat die Künstlerin und Performerin Elisabeth Bakambamba Tambwe gerade die Souterrain-Räumlichkeiten des Chateau Rouge eröffnet. Wir wollten hybride Wege der Programmierung eines Abends für die Wiener Experimentalszene finden und haben nach progressiven Konstellationen gesucht.

Donna Maya (c)smallforms

Diese zweigeteilte Struktur ist schon speziell: Das Arbeiten und Produzieren am Nachmittag wie im Rahmen einer Mini-Residency in einem Raum, in dem dann später live gespielt wird. Die konzentrierte Arbeitsumgebung verwandelt sich im Laufe des Abends in eine konzertante, öffentliche Veranstaltung. Die zwei unterschiedlichen Acts pro Abend, die Gustavo und ich aus unseren je eigenen künstlerischen Hintergründen zusammenbringen, strecken ihre Fühler in verschiedene Richtungen aus – sie können raumspezifisch und installativ sein, Bild- und Klangwelten zusammenbringen und voller popkultureller Referenzen sein. Ich denke da an die performative Hängung der Zeichnungen von ennoson, oder an den Abend mit einem Rap Chor, aber auch an die tragbaren Antenne von Magnetoceptia, die neben Billy Roisz bei unserer Saisoneröffnung zu Gast sein werden. Diese Kombinationen können dann auch zu der ein oder anderen Irritation führen. Wir dachten, es wäre schön, wenn sich unterschiedliche Szenen vermischen. Diese Spannungen und Verschiebungen finde ich spannend: jeder Act des Abends verlangt auf je eigene Weise große Aufmerksamkeit – eine „attitude of listening“ -, das schließt einen ausgelassenen Verlauf des Abends aber keineswegs aus.

Gustavo, Du bist vor rund zehn Jahren nach Wien gekommen. Was hat Dich nach Wien geführt? (Anm. Näheres zu den familiären Bezügen zu Österreich auch in diesem skug-Artikel)

Gustavo Petek: Ich habe davor in Barcelona gelebt und war wirklich positiv überrascht über die Musikszene in dieser Stadt. Ich habe insofern einen kulturellen österreichischen Background noch zu erfüllen …  sozusagen. Was ich nun hier in Österreich mache, könnte man auch als eine sehr spezielle, musikalische Recherche verstehen. Die Art, wie ich mich mit der Kultur hier auseinandersetze und mich in die Szene integriere, verstehe ich als einen aktiven Zugang. Als Musikproduzent interagiere ich mit der Kultur und mit diesem Land. Ich muss Fragen stellen und zuhören, um mehr über diese kulturellen Szenen und Bewegungen zu erfahren. Durch dieses aktive Zuhören lerne ich die Stadt kennen, in der die Szenen sehr definiert sind und gleichzeitig erstaunlich offen für Neues. Die Zusammenarbeit mit Alisa Beck und Elisabeth Tambwe spielt da eine wichtige Rolle.

„ICH LERNE DIESE STADT KENNEN, IN DER DIE SZENEN SEHR DEFINIERT UND GLEICHZEITIG ERSTAUNLICH OFFEN FÜR NEUES SIND.“

Bei den smallforms Releases fällt auf, dass sehr viele Erstbegegnungen von Musiker*innen dabei sind. Versuchst Du das im speziellen zu ermöglichen oder hat sich das eher zufällig so ergeben?

Gustavo Petek: Ich lade gerne eine Musiker*in ein und lasse dann die Freiheit, eine weitere Musiker*innen zum gemeinsamen Arbeiten einzuladen. Manche Musiker*innen wählen auch diesen Rahmen der smallforms sessions, um etwas Neues auszuprobieren.

Alisa Beck: Was mich fasziniert, ist dieses Archiv an Live-Aufnahmen, das nun über einen bestimmten Zeitraum in Wien entsteht und ein Szeneporträt entstehen lässt. Wenn wir sagen, es geht um zeitgenössische und experimentelle Formen von Musik, stellen wir uns natürlich die Frage: Was versteht man darunter? Das beschäftigt uns bei der Auswahl der Musiker*innen.

Alisa, möchtest Du etwas zu Deinen bisherigen Erfahrungen zum Arbeiten mit Off-Spaces sagen?

Alisa Beck: Diese Raumfragen und –probleme, die im mo.ë exemplarisch waren, sind sehr profund. Marie-Christin Rissinger und ich haben dazu gerade die Publikation „Die Akte mo.ë – Protokolle einer abgesagten Zukunft“ (edition mono) herausgegeben. Ich verwende allerdings den Begriff Off-Space nicht gerne. Statt „Off“ beschreibt es der Begriff Freie Szene vielleicht besser, auch wenn der in Musik und Performance unterschiedlich verwendet wird. Als der Veranstaltungsraum des mo.ë als Fixpunkt für mich weggefallen ist, war das eine große Umstellung. Die Sachen, die ich nun veranstalte, sind über verschiedene Orte verteilt. Wichtig ist mir aber schon eine gewisse Planungssicherheit für alle Beteiligten. Aufgrund unserer finanziellen Mittel sind wir da leider teilweise sehr eingeschränkt. Wir sind durchaus auf Fördergelder angewiesen.

„DIE STIMMUNG, DER KONTEXT UND DIE INFRASTRUKTUR EINES RAUMES SIND SOZUSAGEN EINE MUSIKER*IN MEHR IN DER BESETZUNG.“

Gustavo Petek: Bald eröffnet ein neues Lokal für elektronische Musik in der Brunnengasse, es hat noch keinen fixen Namen – dort wollen wir ab nächstem Jahr ein passendes Programm veranstalten, abwechselnd mit Chateau Rouge. Wir werden sehen. Wir haben ja auch schon einmal im Künstlerhaus 1050 veranstaltet. Die Räumlichkeiten beeinflussen natürlich die Musik, wie sie gespielt und wie sie wahrgenommen wird. Die Stimmung, der Kontext und die Infrastruktur des Raums selbst spielen mit, der Raum ist eine Musiker*in mehr in der Besetzung.

Kole Galbraith, Maja Osojnik (c) smallforms

Am Anfang gab es auch oft Visuals von den Videokünstlerinnen Conny Zenk und Anna Bertsch … 

Gustavo Petek: Visuals interessieren mich immer noch. Conny Zenk hat ihre sogenannten visual bodies und Anna Bertsch ihre visuellen Reaktionen im Rahmen der smallforms Abende realisiert. Sehr gerne würde ich weiter mit Visual Artists arbeiten, es ist nur eine Organisationsfrage.

Viele der Aufnahmen der smallforms Musiker*innen sind noch zu  veröffentlichen. Die Post-Produktion scheint da eine Art Bottleneck zu sein? Verwendest Du eigentlich auch Ausschnitte von den Live-Performences am Abend oder ausschließlich die Aufnahmen der Recording-Sessions am Nachmittag?

Gustavo Petek: Manchmal verwende ich nur Aufnahmen ohne Publikum, dann auch Takes von den Live-Aufnahmen. Das ist verschieden, aber ich dokumentiere jedenfalls beides. Wie auch die Acts, die Alisa kuratiert.

Zu der Situation der Post-Produktion: Ich kann und möchte das nicht ohne die Musiker*innen  entscheiden. Es kommt schon die rechte Zeit, um die Aufnahmen zu einem Endresultat zu bringen. Auch arbeite ich mit den Umgebungsgeräuschen des Souterrain-Raumes des Chateau Rouge, was viel Zeit in Anspruch nimmt. Es ist ja kein herkömmliche Studio-Situation. Im Post-Produktionsprozess versuche ich dann herauszufiltern, ob diese zufälligen Geräusche passen und ich sie einbauen kann.

„DIE IDENTITÄT VON SMALLFORMS VERSCHWINDET JA NICHT, WENN MAN SIE ÖFFNET.“

Manche Musiker*innen sind auch sehr interessiert daran, beim Mixing und Mastering teilzunehmen. Ich mag es einfach, zu kollaborieren und Freiheiten zu lassen. Es ist ein Lernprozess für mich, zu erkennen, dass ich nicht alles alleine machen muss und will. Die Identität des Labels verschwindet ja nicht, wenn man sie öffnet.

Hui Ye (c) smallforms

Woher kommt der Name smallforms eigentlich. Eine mögliche Deutung: mit smallforms kommt man auch noch in die kleinen Ritzen des Unbekannten …

Gustavo Petek: Die Anfangsidee von smallforms war, dass ich mit einem Minimum an Elementen arbeiten wollte. Ein minimalistischer Zugang, der nicht von einem großen Publikum abhängig ist. Wichtig waren mir Austausch, Hybridität, Wiedererkennbarkeit und soziale Interaktion. Schönberg sprach von small forms und large forms, im Bezug auf Komposition. Ich habe das auf meine Produktionsweise bezogen, kleine handgemachte One-offs.

Abschließend: Mit welchen Risiken muss sich smallforms auseinandersetzen?

Gustavo Petek: Das Risiko ist aufzuhören!

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Elisabeth Kelvin und Michael Franz Woels

 

Termine:
21.9. 20h
smallforms Saisoneröffnung
Billy Roiz & Patrizia Ruthensteiner + Dewi de Vree
Chateau Rouge, Schönbrunner Schloßstrasse 17, 1130 Wien

Nächster smallforms Release:
Jakob Schauer – Gaia’s Birth (Vinyl Edition)

Links:
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