Bild Blueblut
Blueblut (c) Louise Rath

„Wenn man mit guten Leuten zusammenarbeitet, herrscht einfach Vertrauen“ – CHRIS JANKA (BLUEBLUT) im mica-Interview

CHRIS JANKA ist seit vielen Jahren ein Fixpunkt der Wiener Indie-Szene: Als Studio-Betreiber hat er unzählige heimische Produktionen aufgenommen bzw. gemastert – von BLENDWERK und MARTIN PHILADELPHY über DIVES bis hin zu NOVI SAD. Als Musiker ist JANKA ebenfalls sehr umtriebig: Rund 15 Alben stehen mit Formationen wie TRAFO, TANKRIS und eben BLUEBLUT auf der Habenseite. Das neue BLUEBLUT-Album „Andenborstengürteltier“ (Plag Dich Nicht) war für Jürgen Plank eine gute Gelegenheit, um mit CHRIS JANKA über selbst gebastelte Instrumente, das Touren durch Japan und ein ungewöhnliches Tier zu sprechen.

Die neue Blueblut-Platte trägt den Titel „Andenborstengürteltier“. Was ist denn das?

Cover Andenborstenguerteltier
Cover “Andenborstengürteltier”

Chris Janka: Bis 2016 war das Andenborstengürteltier eine eigene Spezies. Als wir beschlossen haben, dass das Album so heißen soll, habe ich plötzlich in den Nachrichten gehört, dass es zu einer Art „Unterspezies“ geworden ist. Mark, unser Schlagzeuger, hat auf seinem Handy eine App zum Deutschlernen gehabt. Und das Wort „Andenborstengürteltier“ hatte beim Vorlesen durch die App einen so guten Groove, dass ich es in einen Sampler geladen habe und wir dazu gespielt haben. Das kommt bei der ersten Nummer vor.

Das ist gleichzeitig einer der wenigen Texte auf eurem Album, denn die meisten Stücke sind instrumental. 

Chris Janka: Wir sind ja eine Instrumentalband, aber ich habe mir schon mal überlegt, dass man auch eine Software aus Japan verwenden könnte, die Gesang für Pop-Songs macht. Dafür haben berühmte japanische Popstars eingesungen. Über MIDI singen die dann zu deinem Lied dazu.

Beim Stück „Woodhorser“ ist mir gegen Ende ein ungewöhnlicher Sound aufgefallen. Welche Klänge habt ihr da verwendet?

Chris Janka: Das ist eines der MIDI-Instrumente. Ich habe das sogenannte MIDI-Orchester selbst gebastelt. Bei „Woodhorser“ hört man das Holz-Xylofon, für das ich einen kurzen Walzer programmiert habe. Wir haben beim Aufnehmen viel improvisiert und das stammt von einer Improvisation, die nicht geklappt hat. Aber der Anfang hat mir gut gefallen und deshalb habe ich das in diesen Xylofon-Teil hineingeschnitten.

Du hast den Lehrgang für elektroakustische und experimentelle Musik an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien absolviert. Hast du dort das Bauen von Instrumenten gelernt? 

Chris Janka: Nein. Mich hat es nur irgendwann gejuckt, selbst etwas zu basteln, weil ich Basteleien mag. In allen möglichen Labors basteln Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Spaß etwas aus Schrittmotoren zusammen und so habe ich mir gedacht, dass man die auch zum seriösen Musizieren verwenden kann. MIDI wollte ich nie, weil ein synthetischer, programmierter Klang immer exakt gleich ist. Wenn man aber dem mechanischen Orchester ein MIDI-File schickt, spielt es das jedes Mal ein bisschen anders, und es ist ein akustisches Instrument und klingt super.

Bei Blueblut ist Pamelia Stickney dabei, sie gilt als eine der besten Theremin-Spielerinnen der Welt. Sie hat auch mit Yoko Ono und anderen berühmten Leuten gespielt. Färben solche Erfahrungen auf eure Band ab?

Chris Janka: Das glaube ich nicht. Aber man merkt: Wenn man mit guten Leuten zusammenarbeitet, herrscht einfach Vertrauen. Und es funktioniert und ist super. Pamelia spielt ständig mit allen möglichen guten Leuten zusammen und road stories gibt es immer viele.

„Musik ist für mich das Wichtigste, aber es geht nicht ums Überleben.“

Würdest du jüngeren Musikerinnen und Musikern empfehlen, mit besseren Leuten, als sie selbst es sind, zu spielen, um sich weiterzuentwickeln? 

Bild Blueblut
Blueblut (c) Louise Rath

Chris Janka: Sicher. Mit Blueblut habe ich viel Glück gehabt. Wie das Projekt entstanden ist, ist eine schräge Geschichte: Ich war mit Missing Dog Head in Portugal auf Tour, da ist Martin Philadelphy dabei und der portugiesische Schlagzeuger Gustavo Costa. Gustavo hat mich mal gefragt: „Kennst du Pam, die wohnt ums Eck von dir, in Wien in der Neustiftgasse?“ Ich bin dann einfach hingegangen und habe angeläutet. Einige Monate später haben wir gesagt: „Wir brauchen einen Schlagzeuger.“ Und dann ist Mark Holub nach Wien gezogen. Wir haben ihn kontaktiert und gefragt und es hat sofort gefunkt, wie man so schön sagt. Beide haben viel Humor und nicht so eine Ernsthaftigkeit, die man bei vielen professionellen Musikerinnen und Musikern bemerkt.

Humor habt ihr schon mit eurer ersten Platte gezeigt. Auch der Titel der neuen Platte und das Verwenden einer App beim Musikmachen deuten Verspieltheit an. 

Chris Janka: Ich mag es nicht, wenn man etwas zu wichtig nimmt. Musik ist für mich das Wichtigste, aber es geht nicht ums Überleben. Ob man jetzt eine Note so oder anders spielt. Dadurch machen wir vielleicht auch vieles wild, aber so ist das eben.

Apropos wild: In Rezensionen werdet ihr mit Jimi Hendrix und Captain Beefheart verglichen. Was sagst du dazu? 

Chris Janka: Meine Musik wurde öfter mit jener von Captain Beefheart und King Crimson verglichen. Der Vergleich mit Hendrix kommt daher, dass Pams Theremin oft wie eine wilde Gitarre klingt. Stark verzerrt und mit expressionistischen Melodien. Solche Vergleiche sind schön.

Ihr wart auch in Japan auf Tour, wie war das?

Chris Janka: Wir waren sogar zweimal dort. Es unterschied sich weniger von Europa, als ich erhofft hatte. Japan ist einfach ein westliches Land. Aber es war schön, wir hatten zehn Konzerte, von Tokio in Richtung Süden. Die B-Seite des neuen Albums haben wir dort rudimentär live mit einem Sechsspurgerät mitgeschnitten.

Fällt dir eine Tour-Geschichte ein? Ich habe mal gehört, dass in Japan Bands an einem Abend mehrere Sets vor wechselndem Publikum spielen.

Chris Janka: Das haben wir nicht. Aber ein Extremfall war der Club Pepperland, die Stadt fällt mir jetzt nicht mehr ein. Das war ein Betonbunker in einer Studentenstadt. Der Sound im Club war sehr gut und die Betreiber waren nett, aber die Studentinnen und Studenten sind mit dem Fahrrad vorbeigefahren und nicht in den Club gegangen. Die Betreiber lösen das so, dass sie fünf Bands hintereinander spielen lassen und die Bands, die gerade nicht spielen, sind die Zuschauerinnen und Zuschauer. Das ist unglaublich! Es ist wirklich schade, dass die vielen jungen Menschen nicht in den Club gehen und sich die zum Teil fantastischen Konzerte anschauen.

Die japanische Musikszene ist sehr vielgestaltig, sie reicht von J-Pop bis hin zu Jazz, Elektronik und Metal und ist oft mit einem verspielten Ansatz verknüpft, der euch entgegenkommen könnte. 

Chris Janka: Ja. Es kann schon sein, dass es dort mehr Leute gibt, die die Nische mit freakigen Sachen bedienen. Ein Musiker war bei seinem Konzert als Indianer verkleidet und hat sehr viel Lärm gemacht. Es gibt viele brachiale Noise-Konzerte. 

Improvisation ist ein Faktor in eurem Musikmachen. Wie ist das auf der Bühne? Ist live sehr viel offen?

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Blueblut (c) Louise Rath

Chris Janka: Teils, teils. Es gibt Nummern, die in einem Jazz-Kontext aufgebaut sind, da gibt es ein Thema, das man spielt und dann improvisiert man und dann folgt wieder das Thema. Oder es gibt komplett freie Improvisationen, auf der B-Seite der neuen Platte sind drei oder vier Nummern komplett frei improvisiert. Und die letzte Nummer ist ein Stück von uns, in dem aber auch Improvisationen enthalten sind. „Buttoven“ haben wir über das Thema von „Freude, schöner Götterfunken“ improvisiert. 

Was macht den Reiz der Improvisation aus? Das kann ja auch mal schiefgehen, oder? 

Chris Janka: Ja, aber wenn es funktioniert, dann ist es viel befriedigender, als komponierte Musik nachzuspielen, bei der man weiß, was passiert. Man ist einfach viel freier. Auch bei komponierter Musik ist es schön, wenn man so frei ist, dass man ein paar Sachen anders spielen kann. Wir mögen das Ungewöhnliche. 

Der Elektronik-Musiker Waldeck hat mir vor Kurzem erzählt, dass sich für ihn trotz Corona-Lockdown überraschend wenig verändert hat. Wie war das bei dir?

Chris Janka: Natürlich sind ein paar Jobs ins Wasser gefallen, dadurch habe ich mehr Zeit gehabt. Ich habe die Zeit zum Basteln genützt, um das MIDI-Orchester fertigzustellen. Es ist blöd, dass man zurzeit nichts planen kann. Wir hätten im Oktober eine Tour in England gehabt, die wurde abgesagt. Man kann auch keine weiteren Tourneen planen, das ist schwierig. 

Wie geht es bei euch nun weiter, gibt es bereits neues Material?

Chris Janka: Durch das MIDI-Orchester haben wir bereits neues Material, das wir schon aufnehmen sollten. Wie, weiß ich noch nicht genau, wahrscheinlich zuerst das MIDI-Orchester und dann uns.

Wie sieht es zurzeit mit anderen Projekten von dir aus? 

Chris Janka: Es gibt außerdem eine Impro-Geschichte mit Elisabeth Flunger und Edgar Friedl. Tankris gibt es leider nicht mehr, die habe ich aufgelöst, da muss man wieder etwas Neues machen. Dadurch kann ich mich jetzt auf Blueblut konzentrieren.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Jürgen Plank

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Blueblut live:
2.9.2020
fluc, Praterstern, 1020 Wien, 20:30h
www.fluc.at

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