„WENN ICH SINGEN KÖNNTE, HÄTTE ICH NICHT ANGEFANGEN ZU RAPPEN“ – SPILIF IM MICA-INTERVIEW

Die rückwärts geschriebene Version des Nachnamens einfach zum Künstlernamen umfunktionieren – das kann nicht jeder. Bettina Filips kann das. Und so auch die Art von Musik, die sie macht: Gemeinsam mit dem Produzenten Rudi Montaire legt sie als SPILIF Tracks vor, die mit dem populären deutschsprachigen Rap, den es im Radio auf und ab spielt, nicht viel gemeinsam haben. Dass das Genre weitaus mehr als oberflächliche Lines und einseitige Themen zu bieten hat, und oftmals nur die richtigen Leute und Inspirationsquellen braucht, bespricht die Innsbruckerin im Interview mit Katharina Reiffenstuhl.

Welchem Genre würdest du dich eigentlich selbst zuordnen? Eher dem Rap oder dem HipHop?

Spilif: Hmm… Boom Bap. So Richtung Oldschool-Rap oder jazzigen Boom Bap. 

War das klassische Singen für dich jemals ein Thema oder bist du direkt mit Rap in die Musikszene eingestiegen?

Spilif: Nein, ich kann nicht singen. [lacht] Ich glaube, wenn ich singen könnte, hätte ich nicht angefangen zu rappen. Angefangen hat das durch den Freundeskreis. Wir haben viele Skater und Snowboarder im Freundeskreis gehabt, die alle Rap gehört haben, die Anfänge mit BLUMENTOPF, SAMY DELUXE, EINSZWO. Dann waren wir immer wieder auf solchen Events, wo viel aufgelegt worden ist. Wir haben dann gestartet mit Cyphers in der Stadt, wo sich Freestyle-Kreise gebildet haben. Es hat einfach viele kleine Rap-Events und Konzerte gegeben, wo wir dann hingegangen sind. Ich bin auch ein großer Fan von Sprache, daher fand ich das direkt super cool. Aber ich war halt ziemlich schlecht logischerweise. [lacht] Das hat dann schon ein bisschen gedauert, bis das was geworden ist. Aber mein Umfeld war da immer sehr supportive, die haben mich immer rappen lassen und mir immer Platz gegeben.

Hast du dir das dann einfach selber angelernt mit der Zeit?

Spilif: Ich glaube, es funktioniert immer sehr viel über Hören. Ohne Musik zu hören, wird es ganz schwierig. Auch gar nicht im Sinne von vor anderen Leuten probieren, sondern einfach die Inspirationen, was es für Flows, Patterns oder Reimstrukturen gibt. Und wenn man dann einfach viele Freunde in der Cypher hat, die auch rappen, da lernt man schon voneinander. Aber hauptsächlich muss man sich natürlich selbst damit beschäftigen, wenn man übt. Wie bei einem Instrument auch.

Dieses Video ansehen auf YouTube.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.

Du arbeitest ja zusammen mit Rudi Montaire und mary.m.high.

Spilif: Ja, jetzt eigentlich nicht mehr. Also bei der ersten EP, da hat die Miri alles gesungen und war auch immer bei den Konzerten mit dabei. Aber sie ist jetzt während der Pandemie nach Hamburg gezogen und das ist dann ein bisschen schwierig, sie live mitzunehmen. Da ist ihre Anreise einfach viel zu aufwendig. Deswegen ist sie bei den neuen Sachen jetzt gar nicht dabei. Aber wir sind noch immer voll in love.

Okay, verstehe. Worauf ich eigentlich hinauswollte, war, dass du ja schon einmal ein Teil von einem Duo warst, Tiefsinntaucher. Wie ist der Wechsel zustande gekommen?

Spilif: Das war eigentlich gar kein richtiger Wechsel. Das ist einfach ein bisschen im Sand verlaufen, weil wir da noch relativ jung waren und die Prioritäten hinsichtlich Ausbildung und so waren da so streng, dass sich das einfach nicht mehr ausgegangen ist. Den Rudi habe ich bei einem Freestyle-Jam getroffen, bei dem er aufgelegt hat und ich gerappt habe. Er hatte ganz viele Beats, die er mir dann geschickt hat, so sind wir da in Kontakt gekommen. Über den Rudi habe ich dann auch die Miri kennengelernt, die kennen sich nämlich aus dem Studium. Bei Tiefsinntaucher war es auch so, dass die Bine ihre Parts selbst geschrieben hat. Da war dann ein Part sie, ein Part ich. Jetzt schreibe ich alles allein.

„IN GANZ VIELEN MOMENTEN IST DIE MESSAGE PASSEND ZUM VIBE, DEN DER BEAT HERGIBT“

Brauchst du da immer jemanden um dich, der mit dir gemeinsam Musik macht? Wie zum Beispiel jetzt Rudi.

Spilif: Ja, der Rudi ist schon eine riesige Inspirationsquelle. Erstens einmal ist er ein super guter Freund, da funktioniert das natürlich noch einmal ein bisschen besser. Dadurch, dass wir jetzt schon so lang miteinander Sounds machen, weiß er ganz genau, was anspringt und wozu ich gut rappen kann und wozu nicht. Das erleichtert das sehr. Im Schreibprozess spielt es eigentlich keine Rolle, das mache ich mit mir alleine. Aber generell, viele Menschen und ein großes Team, die inspirieren und künstlerisch aktiv sind, immer gern. 

 Was bei deinen Tracks auffällt, ist, dass sie doch immer eine tiefgründigere Message zu bieten haben. Bilden die den Ausgangspunkt bei der Entstehung deiner Songs oder ergibt sich das erst im Schreibprozess?

Spilif: Das ist unterschiedlich, also wir arbeiten jetzt gerade zum Beispiel an einem Konzeptalbum. Da weiß ich, was ich sagen will, bevor ich es schreibe. Aber in ganz vielen Momenten ist die Message passend zum Vibe, den der Beat hergibt. Wenn mir der Rudi etwas schickt, das mich ans Reisen erinnert, dann wird es wahrscheinlich ein Song übers Reisen. Dann probiere ich halt, in die Lines so ein bisschen einzustreuen, was mir wichtig ist. Irgendwas, was man sich selbst dazu überlegen kann. 

Wie war das bei “Nazaré”, deinem neuen Song, der im Februar rausgekommen ist?

Spilif: Der ist von der Entstehung her eigentlich schon älter. Den habe ich ungefähr im selben Zeitraum wie die “lost tracks”-EP produziert, also der ist schon zwei Jahre alt. Ich wollte eigentlich nach Portugal, nach Nazaré fahren – und dann war aber die Pandemie. Dann haben wir das jetzt so lange immer wieder verschoben, weil wir uns gedacht haben “Das Video dazu wäre dort schon cool”. Der Grundgedanke bei dem Lied war aber der, dass wenn die Liebe wie die raue See ist, ist es cool, wenn man jemanden hat, der die Welle surfen kann. Metaphorisch gesprochen. Weil eben in Nazaré die größten Wellen sind, ist das die Metapher geworden. 

Aber das Video ist ja dann im Endeffekt trotzdem in Innsbruck gedreht worden, oder?

Spilif: Ja, also wie gesagt, der Urlaub in Portugal war geplant, aber durch die Pandemie sind wir dann nicht hingefahren. Ich wollte aber unbedingt, dass der Song ein Video hat. Dann haben wir das einfach am Bahnhof in Innsbruck gedreht. Das Ding ist einfach das, es hat nicht zwingend etwas mit Portugal zu tun. Es geht nicht darum, dass ich die portugiesische Küste oder Surfer draufhaben will. Deswegen haben wir uns gedacht, es ist eigentlich egal, wenn wir das bei uns daheim drehen.

Dieses Video ansehen auf YouTube.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.

Deine Musik hat auch sehr viel aus dem Jazz. Wolltest du das bewusst kombinieren? Jazz in Verbindung mit Rap kommt einem in der österreichischen Musikszene nicht so oft unter, würde ich mal behaupten.

Spilif: Ja das stimmt, aber prinzipiell ist es eigentlich total gängig, würde ich jetzt mal sagen. Zumindest in meiner Bubble an Leuten, von denen ich Rap höre. Die haben ähnliche Jazz-Elemente wie ich. Aber das war mir an sich sehr wichtig. Jetzt beim neuen Album wird der Sound ein bisschen anders. 

In welche Richtung geht es denn?

Spilif: Ich kann es nicht einmal genau sagen, aber wir werden das mit Band spielen. Das wird schon auch jazzig, aber ein bisschen breiter aufgestellt, etwas mehr in die Gospel-Richtung und funkiger. Aber ein bisschen Jazz wird immer bleiben. 

„DIE LIVESHOWS SIND IM GRUNDE DAS SCHÖNSTE AM MUSIKMACHEN“

Werdet ihr dann live auch auftreten?

Spilif: Wir haben natürlich die letzten zwei Jahre enorm viele Konzerte absagen müssen. Ein paar sind jetzt schon geplant, aber da bin ich mir auch noch nicht ganz sicher, inwieweit das dann umsetzbar ist. Deswegen haben wir jetzt auch nicht aktiv an einer Tour oder so gearbeitet. Wir haben auch keine Booking-Agentur, die das für uns machen würde. Aber die Liveshows sind im Grunde das Schönste am Musikmachen. 

Gibt es eine bestimmte Show, die dir da als positives Beispiel direkt einfällt?

Spilif: Das Woodlight-Festival letztes Jahr, irgendwo im Tiroler Unterland. Das war nach den ganzen Lockdowns das erste Festival, auf dem wir wieder gespielt haben. Da waren die Leute halt richtig übermotiviert und das war dann ein enormer Energiebooster. Da haben wir wieder gemerkt, wie Bock das macht. Danach haben wir auch in Wien eine Clubshow gespielt, im Fluc. Das war auch super nice, weil das wieder mal richtige Club-Energie gewesen ist. Es hat viele gute Gigs gegeben, aber gerade diese beiden nach der Pandemie waren sehr energiestiftend.

Bild Woodlight 21
Woodlight 21 (C) Mia Maria Knoll

Was sind für dich die größten Unterschiede, wenn du Club-Gigs mit normalen Liveshows vergleichst?

Spilif: Das Publikum von Festivals und von Club-Gigs ist nicht immer dasselbe. Gerade beim Woodlight-Festival waren viele Familien, es war eher sehr mainstream. Im Fluc waren einfach die eingefleischten HipHop-Heads. Wenn die ganzen Leute dann im Club aneinander gedrängt abdancen, dann ist das schon ein anderer Vibe. Mag ich aber beides total gern.

„DAS IST ALLES GENAU DAS, WAS ICH MACHEN WILL“

Eine kleine Abschlussfrage noch: Angelehnt an den Namen deines ersten Albums: „Das Leben tarnt sich nur als Schnitzeljagd“, in welchem Teil der Schnitzeljagd befindest du dich denn jetzt gerade?

Spilif: Ich habe aufgehört, die Schnitzeljagd zu spielen. [lacht]

Achso. Wieso das?

Spilif: Es geht bei der Aussage eigentlich darum, dass es sinnlos ist, einzelne Steps abzuarbeiten, um ans Ziel zu kommen. Oder was heißt sinnlos, es ist einfach nicht der einzige Weg. Es muss nicht unbedingt das Ziel immer das sein, was man tatsächlich auch erreichen möchte. Da könnten wir jetzt eine Stunde lang darüber philosophieren. [lacht]

Aber was ist denn für dich das Ziel, musikalisch?

Spilif: Das soll jetzt nicht überheblich klingen, aber im Grunde reicht mir das so, wie es ist. Ein paar mehr Gigs wären natürlich lässig, aber der Prozess, das Schreiben, die Leute, mit denen ich zusammenarbeite, das Studio, die Liveshows – das ist alles genau das, was ich machen will. Das Ziel ist also, dass es nicht aufhört und so bleibt. Ein Traum wäre vielleicht, einmal in einem Konzerthaus – mit Orchester oder so – zu spielen. Wenn wir von so einem Big Goal reden. Dass man vielleicht einmal zeigen kann, wie breit gefächert Rap auch sein kann. Dass das eben nicht nur in irgendwelchen Untergrund-Clubs stattfindet, sondern für viele Menschen in unterschiedlichen Locations mit unterschiedlichen Sounds zugänglich sein kann.

Vielen Dank für das Gespräch!

Katharina Reiffenstuhl

++++

Links:
Spilif & Rudi Montaire (Facebook)
Spilif & Rudi Montaire (Instagram)