„Wenn ich Rap schreibe, leitet mich die Musik“ – YASMO im mica-Interview

Man möchte sie als Tausendsassa bezeichnen, die Frau mit den vielen Talenten, der aufmüpfigen Stimme in der Männerdomäne. Neben Spoken Word Performances, Poetry Slam Auftritten und Literaturaktivismus hat YASMO sich auch der Rapmusik verschrieben. Letztere präsentiert sie ab sofort mit Liveband. Lucia Laggner sprach mit Yasmin Hafedh alias YASMO.

„Kein Platz mehr für Zweifel“ ist sowohl Titel ihres Albums als auch der Singleauskopplung. Wie darf man das verstehen?

Yasmo: Damit wollte ich mir selbst einen Arschtritt geben. Und ich dachte mir, möglicherweise brauchen das andere Menschen auch, damit sie aufhören zu zweifeln und einfach tun. Zweifel ist doch offensichtlich etwas, das einen aufhält oder davon abhält, Dinge umzusetzen. Natürlich ist es wichtig, kritisch mit sich umzugehen und auch etwas in Frage zu stellen, aber das bedeutet nicht, dass Selbstzweifel entstehen müssen.

Hip-Hop oder wie viele Autos stehen vor deiner Türe?

Ein Statement auf ihrer Bandcamp Seite besagt, sie wollen Hip Hop wieder zu dem machen, was er einmal war. Was war und ist Hip-Hop für Sie?

Yasmo: Im deutschsprachigen Raum hat alles mit Freestyle Sessions und Block Partys angefangen. Man hat sich getroffen und mit Sprache rhythmisch gespielt. Irgendwann sind Investoren gekommen, die mit dieser Bewegung Geld machen wollten. Dadurch hat sie an Authentizität verloren. Man sieht an der Geschichte des Hip-Hop, wann das passiert ist. Ende der 90er Jahre sind etwa im Gangsta-Rap Muster entstanden, die gerade an Sexismus kaum zu überbieten waren. Für mich war und ist Hip-Hop der Spaß daran, mit Sprache zu spielen und das Ziel zu verfolgen, darin möglichst gut zu sein. Und das unabhängig davon, wie viel Geld sich damit verdienen lässt. Es reicht vollkommen aus, ein Auto vor der Türe stehen zu haben.

Was ist ihr biografischer Zugang zum Hip-Hop?

Yasmo: Mit 14 oder 15 Jahren habe ich begonnen, Deutschrap zu hören. Zunächst waren es Fettes Brot, die mich sehr fasziniert haben. Ihre Tracks haben mich dazu angeregt, auch nach den Features zu suchen und Vergangenheitsforschung zu betreiben. Irgendwann habe ich bei einer Freestyle Session im Einbaumöbel mitgemacht, begonnen Rap zu schreiben, und mich für Poetryslam zu interessieren.

„Jeder Club kann ein gleichberechtigtes Programm zusammenstellen“

Weiterhin sind Frauen in der Musikszene, in der Filmszene, auf Festivals, in Programmen diverser Clubs usw. unterrepräsentiert. Ich habe einmal in einem Interview einen Clubbetreiber gefragt, warum das so ist und er meinte: „Wenn ich von guten weiblichen Acts erfahren würde, dann würde ich sie ja auch buchen…“ Wie macht man sich laut? Halten Sie es für notwendig, dass sich Frauen in der Szene gegenseitig unterstützen?

Yasmo: Ich finde es wichtig, sich gegenseitig zu pushen, erachte es allerdings als geschlechterunabhängig. Wenn man etwas gut findet, dann sollte man es unterstützen, egal, ob es von einer Frau oder einem Mann ausgeht. Mieze Medusa hat mir am Anfang viel geholfen und daran konnte ich merken, wie gut es ist, wenn dich als junge Frau eine erwachsene Frau pusht. Das habe ich mitgenommen und mache es selbst auch, wenn ich Workshops gebe. Viele Mädchen wollen, aber trauen sich nicht. Mit dem „laut machen“ ist es so eine Sache. Man muss sich bemerkbar machen und das tut man sicher nicht, wenn man die eigenen Gedichte in die Schublade steckt. Das wichtigste ist, keine Angst zu haben, wenn man sich als Frau in einer Männerdomäne befindet.

Als ich angefangen habe, Hip-Hop zu hören, bin ich zwei Mal zu österreichischen Hip-Hop Konzerten gegangen. Beim ersten Abend ging alles gut, und ich bin als kleines Mädchen neben den großen Jungs mit breiten Schultern und Kappen gestanden. Beim zweiten Mal war ich auf einem Hip-Hop Battle und bin nach fünf Minuten gegangen, weil ich es mit der Angst zu tun bekommen habe. Als ich im Einbaumöbel Dj Bacchus und die Jungs kennen gelernt habe, hatte ich das Glück, dass die auf Feminismus sensibilisiert waren, und mich behandelt haben wie alle anderen auch. Nicht mit extra Motivation, nur weil ich eine Frau bin, sondern einfach ganz normal.
Jedenfalls bin ich davon überzeugt, dass man für jedes Genre und jeden Club ein gleichberechtigtes Programm zusammenstellen kann. Die Verantwortlichen sollten eben einfach mal Google aufmachen und nicht nur ihre Freunde fragen.

Sprache spielt offensichtlich eine große Rolle in ihrem Leben. Wo sehen Sie die Vorteile in der Verbindung mit Musik und wo ist Sprache am besten auf sich allein gestellt?

Yasmo: Wenn ich Rap schreibe, leitet mich die Musik. Sie gibt eine gewisse Stimmung vor der ich die Reime bastle. Es kommt mir so vor, als wäre ich in der Musik immer etwas naiver, als wenn ich etwa Prosa schreibe. In der Musik gehe ich Impulsen nach und lasse mich von ihr leiten. Kurzgeschichten und Gedichte erarbeite schon wesentlich länger. Da läuft die Arbeit strukturierter und zielorientierter ab.

Wie wechseln sich Ihre Tätigkeiten ab?

Yasmo: Ich habe bisher im Zweijahresrhythmus zwei Alben veröffentlicht. In beiden Fällen war das Jahr vor der Veröffentlichung dicht gefüllt mit Musik und Aufnahmen. Die Monate danach konnte ich kaum etwas schreiben. Dann hatte ich wieder irrsinnige Lust, Prosa und Lyrik zu verfassen. Diese intensiven Phasen wechseln sich also ab. Eigentlich arbeite ich sehr impulsiv, aber ich setze mir Deadlines, die mich dazu zwingen, Dinge auch wirklich abzuschließen.

„Menschen, die gerne an Büchern riechen“

Sowohl die Musik wie auch das geschrieben Wort können als Medium erworben werden. Beide Künste kämpfen mit der Digitalisierung. Was für Musik I-Tunes ist für die Literatur Amazon. Wohin führt dieser Weg? Wie gehen Sie als Künstlerin damit um?

Yasmo: Ich glaube, dass es Bücher für immer geben wird und als 90er Jahre-Kind werde ich immer CDs veröffentlichen wollen. Auch wenn es schon längst keine CD-Player und Laufwerke mehr geben wird. Der illegale Download verursacht bei denen Schaden, die sich an Musik bereichern, beeinflusst aber den Musiker meist nicht. Mir ist der direkte Austausch mit dem Publikum am wichtigsten. Es wäre für mich kein Problem, wenn ich nur ein Drittel meiner CDs verkaufe, solange die Produktionskosten gedeckt sind, und ich von den Konzerten leben kann. Das eine ist ein Produkt, dass man in der Hand oder am I-Phone hat, das andere entspricht dem Kontakt zwischen Menschen. Mit dem geschriebenen Wort verhält es sich bei mir recht ähnlich, da ich auch damit auf der Bühne stehe. Es gibt sowohl Texte, die ich für die Bühne, wie auch solche, die ich für den Druck schreibe. Ich glaube sehr fest an das Buch. Ich kenne zu viele Menschen, die gerne an Büchern riechen.

mica – music austria hat sich in diesem Jahr mit der Message „Musik braucht Raum“ auseinandergesetzt. Wie stehen Sie zu diesem Thema?

Yasmo: Ich habe vor kurzer Zeit begonnen mit einer Liveband zu arbeiten, die natürlich einen Proberaum benötigt. Da hatte ich das Gefühl, dass man in Wien auf ein gutes Netzwerk zurückgreifen kann, um an Räumlichkeiten zu kommen. Bezüglich Konzerträumen finde ich, dass sie in Wien zu stark getrennt sind. Es gibt Jugendräume, die etwa am Gürtel zu finden sind, Räume für Menschen zwischen 20 und 40 Jahren und dann etwa das Konzerthaus. Das sind schon sehr strikte Trennungen, die kaum Vermischungen zulassen. Es wäre aber gut, wenn verschiedenste Menschen an einem Ort zusammenkommen würden, da so meistens wirkliche gute Abende und neue Kontakte entstehen.

Wohin führt Sie ihr Weg? Haben Sie Pläne, Träume oder denken Sie von Tag zu Tag?

Yasmo: Gerade ist ein großer Traum Wahrheit geworden, da ich beschlossen habe, nur mehr mit Liveband zu spielen. Am 14. Jänner werden wir das erste Konzert in Wien im Radiokulturhaus geben. Ich freue mich wahnsinnig darauf, das zu etablieren. Ich mache deutschsprachigen Rap und der beschränkt sich auf einen Sprachraum, aber es wäre schön, wenn die beiden anderen deutschsprachigen Länder auch noch in meinen Aktionsradius gelangen würden.

Danke für das Interview.

Lucia Laggner

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