„Wenn du nichts zu sagen hast, dann Finger weg vom Griffbrett.“ – HEIDI FIAL (KONTRAPUNK) im mica-Interview

Die Wiener Band KONTRAPUNK legte mit„A Motion Picture“ (Konkord Records) dieses Jahr ein Album vor, auf dem die etwas andere Annäherung an das Thema Musik praktiziert wird. Die Nummern, die HEIDI FIAL und ihre beiden Kollegen CHRIS PRUCKNER und TOBIAS PÖCKSTEINER zu Gehör bringen, sind solche, die in vielerlei Hinsicht mit dem Gewöhnlichen brechen. Der stilistisch undefinierbare und extrem minimalistisch gehaltene Sound, der einzig von zwei Kontrabässen, einem Schlagzeug und einer E-Gitarre erzeugt wird, die analoge Produktionsweise sowie der spontane und improvisatorische Zugang, den das Trio praktiziert, lassen Stücke entstehen, die ungemein viel Atmosphäre entwickeln und dem individuellen Kopfkino auf schönste Weise jede Tür öffnen. Im Interview mit Michael Ternai erzählt HEIDI FIAL unter anderem über die Idee, die hinter ihrer Musik steckt, woraus diese herauswächst und welchem Konzept sie folgt.

Wo hat Kontrapunk eigentlich seinen Anfang genommen?

Heidi Fial: Ich habe Tobi 2019 kennengelernt. Wir bildeten damals ein Kontrabassduo für eine Stummfilmvertonung bei der Viennale. Die Zusammenarbeit war sehr stimmig und danach haben wir uns gesagt, dass wir unbedingt weitermachen und eine Band gründen sollten. Was wir dann auch unmittelbar taten, mit Chris am Schlagzeug. Zwei Monate später hatten wir schon unser erstes Livekonzert als Trio Kontrapunk.

Interessant an deinem neuen Bandprojekt ist der musikalische Ansatz. Die Stücke sind aus Soundskizzen entstanden, die du bei deinen Stummfilmvertonungen verwendet hast.

Heidi Fial: Genau, als Ausgangsmaterial für das Projekt dienten vor allem musikalische Themen, die in den letzten Jahren bei unzähligen Stummfilmvertonungen entstanden sind. Jeder Film braucht etwas anderes, jede Szene spricht etwas Eigenes an. Dadurch entsteht eine schöne Diversität an Klangmöglichkeiten. Aber es sind nicht ausschließlich Soundskizzen, aus denen Stücke entstanden sind. Es ist auch Auskomponiertes und Improvisiertes zu hören.

Kontrapunk live (c) Georg Cizek-Graf

Ist das Album A Motion Picture also der Versuch, klanglich die Brücke vom Film zur Musik zu schlagen.

Heidi Fial: Für mich ist das Album ein Soundtrack zu einem imaginären Film, den sich jeder selber erdenken kann. Und auch wenn das Thema Film auf dem Album sehr präsent ist, ist Film nicht die ausschließliche Inspirationsquelle gewesen. Ich hatte ja auch schon vor meiner großen Leidenschaft für Film ein musikalisches Leben. Für mich ist alles interessant, alles kann eine Quelle für meine Musik sein. Eine Partitur genauso, wie eine Filmszene, ein Spannungsbogen innerhalb eines Films ebenso wie die Zeit, in der ein Film gemacht worden ist. Aber auch alles andere, was mich unmittelbar umgibt, von Gegenständen die herumstehen, über Begegnungen mit Menschen bis zu sinnlosen Geistesblitzen. Ich möchte dem Zufall eine Chance geben, der Situation, die gerade um mich herum passiert. Und wenn aus dieser Situation dann zwei Töne entstehen, die eigentlich nicht zusammenpassen und keine Harmonie ergeben, dann kann aus diesen trotzdem ein Thema oder ein Rhythmus für eine Komposition werden. Und so entsteht eigentlich meine Musik.

„Wenn ein Kontrapunkt da ist, dann kann auch ein Gleichgewicht entstehen.“

Die Musik von Kontrapunk ist sehr minimalistisch und folgt einer Note, die einen ganz eigenen, undefinierbaren Charakter entwickelt.

Heidi Fial: Ich orientiere mich in meiner Musik stark am Konzept des Kontrapunkts. Ich finde, das ist ein großes philosophisches Geheimnis. Dass etwas eine Relevanz, einen Sinn bekommt, wenn auf der anderen Seite etwas anderes steht oder wenn ein Raum dazwischen ist. Wenn ein Kontrapunkt da ist, dann kann auch ein Gleichgewicht entstehen. In der Musik kann das der Gegensatz zwischen gemeinsam Spielen und Auseinanderspielen sein. So etwas höre ich gerne und finde ich schön. Ich habe für das Album zwei kontrapunktische Suiten geschrieben. In der einen geht es um Kommunikation. In dem Stück spielen die Kontrabässe in einem ständigen Hin und Her jeweils immer einen Ton, mit dem Effekt, dass sie wie ein Instrument klingen. Das andere Stück ist aufgebaut auf Intervallen, in denen immer nur zwei Noten gleichzeitig gespielt werden und es keinen dritten, vierten oder fünften Ton braucht, um eine Harmonie herzustellen. Dieser Abstand zwischen zwei Noten und die Frequenz die sie gemeinsam erzeugen machen eine andere Welt auf.

Wie bist du eigentlich auf die Idee gekommen, ein Projekt mit zwei Kontrabässen ins Leben zu rufen?

Heidi Fial: Ich liebe den Kontrabass. Er ist eigentlich mein Hauptinstrument und ein unendlich schöner Lebensbegleiter. Ich hatte schon lange die Idee im Kopf, mal mit zwei Kontrabässen zu spielen. Als ich Tobi traf war eigentlich klar, dass ich diese Idee mit ihm umsetzen werde. Darüber hinaus eröffnete mir allerdings später diese Konstellation auch die Möglichkeit, einmal nicht Kontrabass zu spielen, sondern die Gitarre ein bissl aufzudrehen. Ich schreibe viele meiner Stücke auf der Gitarre, aber die unbändige Kraft der E-Gitarre habe ich erst relativ spät entdeckt und lieben gelernt. Es ist so anders mit Strom, mit der Röhre, mit Elektrizität zu spielen. Es ist sehr soundorientiert. Und eben auch so ein schöner Kontrapunkt zum Kontrabass. Mittlerweile spiele ich bei Kontrapunk sogar mehr E-Gitarre als Kontrabass, die Balance soll sich aber halten.

In der Musik von Kontrapunk sind es weniger Melodien, Akkorde oder Harmonien, die das Geschehen bestimmen, sondern dieser sehr reduzierte Ansatz, der die Geschichte erzählt und die Stimmung macht. War dieser Ansatz von dir bzw. euch bewusst gewählt?

Heidi Fial: Ja, der war ganz bewusst gewählt. Es war mir von Beginn an klar, dass die Musik dieses Projektes eine ist, die viel Raum und Platz entfaltet. Ich habe meinen Jungs gesagt, dass es mir wichtig ist, dass wir das Augenmerk nicht auf Virtuosität legen und keinen instrumentalen Wettstreit austragen. Vielmehr sollte es so sein, dass jeder Ton, der gespielt wird, eine Aussage hat. Wenn du nichts zu sagen hast, dann Finger weg vom Griffbrett. Es ist besser nichts zu sagen, als irgendwelche Verlegenheitsnoten zu spielen. Das war auch ein Gruppenlernprozess, dass wir da den Fokus draufgelegt haben.

Heidi Fial (c) Karin Hackl

„Mein Wunsch war, dass wir alles gemeinsam einspielen und dass alles erlaubt ist.“

Ihr habt das Album ja im Studio analog aufgenommen.

Heidi Fial: Ja, das Studio und die Art, wie wir in diesem die Stücke eingespielt haben, hatten einen großen Einfluss darauf, wie das Album jetzt klingt. Man hört einfach den Geist und die Atmosphäre, die im Studio vorherrschten. Wir hatten wenige Takes und nur diese zwei 16-Track-Bänder zur Verfügung. Wir wussten, dass die Platte etwa vierzig Minuten dauern wird und wir die Stücke nicht hundertmal einspielen können bzw. wenn wir das täten, wir den vorhergehenden Take immer überspielen müssten. Mein Wunsch war, dass wir alles gemeinsam einspielen und dass alles erlaubt ist. Und es hat hervorragend funktioniert. Wir haben wirklich allem, das in diesem Moment um uns herumgeisterte, Raum gegeben. Und das hat es auch unnötig gemacht, im Nachhinein etwas weiter zu bearbeiten oder auszubessern. Ich finde, dass die Stimmung, die das Album transportiert, wirklich etwas ganz Besonderes ist.

Was die Stimmung ebenfalls ausmacht, ist, dass eben nicht alles perfekt klingt, sondern dass es auch richtig schön knarzt.

Heidi Fial: Da hatte ich mit meinem Label danach auch ein bißchen Zores. Ich habe immer wieder sagen müssen, dass es okay ist, dass man diese Geräusche hört. Auf dem Album finden sich ja zwei Nummern, die ich für das Clavichord geschrieben habe. Und die sind beide in zwei Versionen drauf. In einer von Paul Gulda am Clavichord eingespielten und in einer von der Band eingespielten. Und die beiden im Kontrabass-Duett und solo Gitarre eingespielten Versionen wurden auf einer 8-Spur Bandmaschine bei mir im Studio aufgenommen. Also nicht bei Chris Janka, bei dem das restliche Album entstanden ist. Wir verwendeten ein Bändchen-Mikro, das irgendwie einen leichten Schaden hatte und für eine Art natürlichen Tremoloeffekt sorgte. Objektiv gesehen würde man dies heutzutage eher als ungelungen bezeichnen. Aber gerade so etwas liebe ich. Das lässt sich nie wieder genauso reproduzieren. Und genau das, glaube ich, macht diese Platte auch aus.

Bei so einem interessanten musikalischen Zugang, den du für das Album gewählt hast, stellt sich natürlich die Frage, wie dein musikalischer Weg ausgesehen hast. Wie wird man zu so einem musikalisch so eigenwilligen Kreativgeist?

Heidi Fial: Ich habe schon früh mit dem Musizieren begonnen. Meine Mutter hat das sehr gefördert. Und natürlich habe ich auch immer schon gerne Musik gehört. In meiner Jugend habe ich einen überdimensional großen Freiheitsdrang verspürt. Ich habe frühzeitig mit der Schule aufgehört, bin abgehaut und durch die Welt gereist. Ich war viel in Lateinamerika und Asien unterwegs und habe dort vorwiegend von Straßenkunst gelebt. Während dieser Jahre erlebte ich einen wirklich schönen, freien Zugang zur Musik, einen, ohne jeglichen Gedanken an Professionalität oder Profit. Ich dachte auch keinen Moment daran, Musik zu meinem Beruf zu machen. Wenn ich auf der Straße etwas verdient habe, habe ich dann wieder einen Tag davon gelebt, und fertig.

Später bin ich Mutter geworden und zurück nach Wien gezogen. Irgendwann hatte ich dann meine erste „richtige“ Band, in der ich E-Bass gespielt habe. Diese Band war auch ziemlich „cool“, was eigentlich meinem Wesen nicht wirklich entsprach. Aber es war trotzdem sehr fein. Was ich damals auf keinen Fall wollte, war studieren. Ich dachte, ich würde so meine Musikalität aufs Spiel setzen. Und ich sah im Studieren lange eine Gefahr. Mit 29 habe ich mich dann nach vielen anderen Musikprojekten, mit dem Kontrabass doch zum Studium am Konservatorium entschlossen. Der Grund war neben dem Wunsch, den Kontrabass technisch auskosten zu lernen, vor allem, dass mir ein gewisses musikalisches Grund-Vokabular fehlte, um anderen Musiker*innen meine Ideen und Kompositionen zu vermitteln, oder ihre zu verstehen bzw zu lesen. Dafür braucht es oft ein gewisses theoretisches Allgemeinwissen und bestimmte Fähigkeiten, die man nunmal schneller in einem schulischen Kontext lernt. Das war aber kein leichter Schritt für mich. Ich habe sicher ein Jahr gebraucht, um das Schulsystem zu verkraften. Letztendlich hat es mir sehr viel gebracht, ich habe viel mitgenommen und bin meinen Meistern und Gefährt*innen wirklich dankbar.

Ich kenne dich von der Band The Ghost and the Machine. Mit Kontrapunk hast du jetzt ein neues Projekt zum Leben erweckt, eines, dass musikalisch doch etwas anders ausgerichtet ist. Wieso diese musikalische Neuorientierung?

Heidi Fial: Wir haben uns bei The Ghost and the Machine genauso gegenseitig inspiriert, wie wir uns auch gebremst haben. Was an und für sich ja etwas Schönes ist, weil gerade aus dieser Spannung und Reibung nicht selten etwas sehr Interessantes entstehen kann. Aber so richtig in die jeweils eigene Richtung konnten wir erst gehen, nachdem ich ausgestiegen bin. Ich konnte mich nach der Trennung richtig in das vertiefen, was mich wirklich interessiert. Und das war eigentlich immer mehr die Instrumentalmusik. Das ist auch ein Grund, warum ich schon seit Jahren Stummfilmmusik mache. Ich bewundere die Poeten, Sänger*innen und Songwriter sehr dafür, wie sie es schaffen, sich über ihre Stimme und Sprache auszudrücken. Aber dort fühle ich mich musikalisch einfach nicht zu Hause. Ich verzichte in meinen Instrumentalstücken darauf, eine Message vorwegzunehmen. Ich will niemanden etwas aufdrücken. In meinem Artwork ist dafür visuell umso mehr Information und ich verfasse gerne ausgedehnte Texte, in denen ich meine Gedanken zum Konzept erläutere. Sie sind zum Teil auch sehr persönlich gehalten und geben einiges von mir Preis. Meine Musik aber kann und muss man am Ende selber interpretieren.

Herzlichen Dank für das Interview!

Michael Ternai

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