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Verena Zeiner (c) Ina Aydogan

„Weibliche Vorbilder helfen einem einfach sehr dabei, einen Weg zu gehen“ – VERENA ZEINER im mica-Interview

Die Niederösterreicherin VERENA ZEINER präsentiert im Februar im Wiener RADIOKULTURHAUS ihr neues Soloalbum „No Love Without Justice“ (arooo.records). Für die Pianistin, Komponistin und Rhythmikerin steht Improvisation oft im Mittelpunkt ihres künstlerischen Schaffens, wobei sie die Auseinandersetzung mit Bewegung und Körperarbeit eng mit der Entstehung ihrer Musik verbindet. VERENA ZEINER ist auch Gründerin der Plattform FRAUFELD, die sich dem Sichtbarmachen von Frauen in der improvisierten Musik widmet. Michael Franz Woels traf die Künstlerin im CAFÉ SCHOPENHAUER, wo diese über ihr neues Soloalbum reflektierte und über die aktuelle Situation von Musikerinnen aus ihrem Umfeld nachdachte.

„No Love Without Justice“ ist dein zweites Soloalbum. Was waren für dich die Unterschiede im Prozess oder auch im Ergebnis im Vergleich zu deinem ersten Soloalbum „In Between Now And Then“, das im Herbst 2017 erschien?

Verena Zeiner: Der Erarbeitungsprozess war ein anderer: Die Aufnahmen des ersten Albums sind über einen längeren Zeitraum, über zwei Jahre hinweg, entstanden. Mit der Frage, was sich entwickelt, wenn die Zeit vergeht. Dieses Album habe ich im April 2019 innerhalb von zwei Tagen aufgenommen. Es ist ein Auszug daraus, was wir an Aufnahmen gewonnen haben. Dieses Mal hatte ich zum ersten Mal eine Produzentin dabei – die in Wien lebende kanadische Komponistin und Produzentin Caitlin Smith – und es war ein ganz anderes Arbeiten, als ich es bisher erlebt hatte.

Inwiefern? Magst du darauf etwas näher eingehen?

Verena Zeiner: Bei Soloaufnahmen bin ich als Künstlerin, die ihre Dinge kreiert, allein. Wenn ich dann gleichzeitig immer wieder eine Außenperspektive einnehmen, die Musik „zurückhören“ muss, ist das eine große Herausforderung. Diesen ständigen Perspektivenwechsel zwischen Erschaffen und Beurteilen habe ich mir diesmal erspart. Caitlin Smith hat diese Funktion übernommen. Sie wusste, auf was wir hinauswollen, konnte den Überblick behalten, hat mir sehr gutes Feedback gegeben. Ich hätte mir im Vorhinein nicht gedacht, dass mir das so helfen kann, um konzentriert zwei Tage daran zu arbeiten.
Für mich war es eine Entwicklung, da hinzukommen, wo ich jetzt bin: Ich weiß mittlerweile viel besser, worauf ich achtgeben muss, wenn ich Projekte plane. Abgesehen von der Musik gibt es viele Faktoren, die wichtig sind: Wo und mit wem ich arbeite, spielt für den gesamten Entstehungsprozess eine große Rolle. Ich entwickle mich ständig weiter und daher braucht es auch immer wieder andere Mitspielerinnen und Mitspieler. Vor knapp einem Jahr habe ich mit Caitlin Smith die Idee geboren, wieder ein Soloalbum zu machen. Und von Anfang an habe ich jeden Schritt, jede Überlegung mit ihr besprochen und reflektiert. Das war sehr angenehm, aber vor allem auch sehr bestärkend. Sie versteht meinen Zugang zu Musik, sie ist sehr empathisch, kann verschiedene Perspektiven einnehmen, Feedback so geben, dass es motiviert. Sie stellt das Kunstwerk in den Mittelpunkt, ohne ihre eigenen Befindlichkeiten einfließen zu lassen. Und das ist keine Selbstverständlichkeit!

Caitlin Smith ist ja auch auf dem ersten Fraufeld-Sampler von 2017 vertreten.

Verena Zeiner: Ja, genau. Im Zuge dessen haben wir uns kennengelernt. Auf diesem Sampler ist sie als Komponistin vertreten. Die gemeinsame Arbeit oder gemeinsame Wege haben sich in den letzten drei Jahren intensiviert und deshalb war es für mich eine logische Entscheidung – sie hat auch in Kanada schon Alben produziert und als Produzentin gearbeitet –, sie als Produzentin auszuwählen.

Wer hat dich noch bei den Aufnahmen unterstützt?

Verena Zeiner: Der sehr erfahrene Wiener Tonmeister Markus Wallner hat die Aufnahmen gemacht. Es war sehr angenehm, ihn mit seiner Ruhe und Gelassenheit dabeizuhaben. Er war zum ersten Mal – und bestimmt nicht zum letzten Mal – dabei. Zum Mischen und Mastern habe ich den israelischen Schlagzeuger Ziv Ravitz, der lange schon in New York ansässig ist, zurate gezogen. Ich kenne ihn schon einige Jahre. „No Love Without Justice“ war jetzt das erste gemeinsame Projekt.

„Der Wiener Lorely-Saal war eine ganz bewusstE, glückliche Wahl, vor allem aber auch wegen des Klaviers.“

Der Raum scheint auch eine große Rolle zu spielen. Ich finde, man hört sehr gut, wie sich darin dein Klavierspiel entfalten kann.

Verena Zeiner: Der Wiener LORELY-Saal war eine ganz bewusste, glückliche Wahl, vor allem aber auch wegen des Klaviers – eines Flügels von „Steingräber & Söhne“. Ich habe in diesem Saal einmal mit dem Quartett Klio gespielt und gemerkt, wie mir dieses Klavier liegt und entgegenkommt. Deshalb habe ich mich dafür entschieden, dort meine Aufnahmen zu machen. Markus Wallner hat eigentlich den ganzen Raum mikrofoniert. Beim Mischen gab es dadurch die Möglichkeit, auszuwählen, wo man die Hörerin, den Hörer im Raum platzieren will. Das wurde auch nicht für das gesamte Album einheitlich gelöst. Manche Hörpositionen sind näher, andere weiter weg. Um diese Feinheiten hat sich Ziv Ravitz beim Mischen gekümmert, der vom Aufnahmeprozess eigentlich nichts mitbekommen hat. Er kam sozusagen mit frischen Ohren dazu und hat auch eigene Ideen eingebracht.

Es scheint, dass du nun beim zweiten Album deine Klavier-Sounds noch puristischer zur Geltung bringen wolltest. Nur beim dritten Stück „What We Don‘t Say“ habe ich Hintergrundgeräusche entdecken können.

Verena Zeiner: Das hat sich so ergeben. Der Gedanke war am Anfang eigentlich, wieder oder sogar verstärkt auch mit anderen Sounds zu arbeiten. Das letzte Soloalbum war elektroakustisch angelegt und live habe ich dann begonnen, mit Piezomikrofonen an verschiedenen Stellen im Klavier zu spielen, also mit Mikrofonen, die nicht Luftschall, sondern mechanische Schwingungen in elektrische Signale umwandeln. Es entstehen dadurch beim Live-Spielen ganz spezielle Soundkulissen, die mit dem Naturklang des Klaviers interagieren. Diese Herangehensweise habe ich dann mitgenommen zum zweiten Album. Beim Stück „All Our Rage“ habe ich sie eingesetzt. Aber da der Naturklang des Klaviers so viel hergegeben hat, wollte ich ihn genau so, wie er war, zur Geltung bringen. Die Effekte bei „What We Don‘t Say“ kamen von Ziv Ravitz. Woher er die gewonnen hat, möchte ich nicht verraten. Ich glaube, man kann es auch erkennen, wenn man genau hinhört.

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Verena Zeiner (c) Paul Zeiner

Die meisten Stücktitel sind auf Englisch, das vorletzte Stück „Unverfügbarkeit“ tanzt da aus der Reihe. Warum wurde dieser Titel auf Deutsch belassen? Was hat es mit der Unverfügbarkeit auf sich?

Verena Zeiner: Ich habe ein Buch von Hartmut Rosa gelesen, das diesen Titel trägt. Er hat die Problematik dieses starken Bedürfnisses beschrieben, dass uns heutzutage ständig alles verfügbar sein muss. Wir möchten ständig so viel wie möglich kontrollieren und wissen. Wie viel Möglichkeit liegt aber darin, wenn Dinge und Menschen nicht komplett verfügbar sind, weil dadurch erst ein lebendiger Dialog entstehen kann! Dieses Buch ist ein Plädoyer für Unverfügbarkeit. Ich finde, das ist auch in der Musik so: Man muss nicht alles kontrollieren, manches darf sich quasi von selber entwickeln. Das birgt Möglichkeiten! Ich mache mir seither auch viele Gedanken über den Dialog, den ich beim Musizieren mit den Zuhörenden führe: Wie kann ich ihnen einen Zugang ermöglichen und trotzdem ein Stück Unverfügbarkeit darin belassen, damit sie ihr Eigenes dazugeben können? Mir gefällt dieses Wort „Unverfügbarkeit“ einfach und ich wollte es nicht ins Englische übersetzen.

„Es ist eine Auseinandersetzung mit der FraGe, wie wir liebevolle Beziehungen kreieren können.“

In deiner Albumwidmung erwähnst du die afroamerikanische Literatin bell hooks, die ich zuvor nicht kannte. Wie und wo hast du sie entdeckt?

Verena Zeiner: bell hooks ist mir bei meinem letzten Aufenthalt in New York in die Hände gefallen. Das Buch „All About Love“ lag dann ein paar Monate bei mir, bevor ich es aufgeschlagen habe. Es ist eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie wir liebevolle Beziehungen kreieren können. Was steckt da alles dahinter, nach welchen Mustern funktionieren wir? Warum hat es Liebe manchmal so schwer, sich zu entwickeln? Welche Dinge müssen wir aufbrechen, um Liebe entstehen lassen zu können? Es war für mich zu diesem Zeitpunkt auch ein wichtiges Lebensthema. Und ich habe viele wertvolle Impulse gefunden. In der Folge habe ich dann mehrere Bücher von ihr gelesen. Trotz aller Intellektualität hat alles einen starken Praxisbezug. Vieles lässt sich sofort anwenden.

Darüber hinaus erwähnst du auch die amerikanische Dichterin Emily Dickinson.

Verena Zeiner: Caitlin Smith hat für mich für die Aufnahmetage Impulse vorbereitet – Objekte, Texte und Bilder –, die sie mir zwischendurch spontan gegeben hat und zu denen ich dann Stücke improvisierte und Echtzeit-Kompositionen entwickelte. Ein Text war das Gedicht „It’s All I Have To Bring Today“ von Emily Dickinson. Auf dem Album sind nun vier Stücke, die auf diese Art und Weise entstanden sind.

Dein Soloalbum ist auf dem Fraufeld-Label „arooo.records“ erschienen. Warum heißt das Label nicht „Fraufeld Records“, was steckt hinter dem lautmalerischen Labelnamen?

Verena Zeiner: Die Initiative Fraufeld, die ich gemeinsam mit den Musikerinnen Sara Zlanabitnig, Milly Groz und Anna Anderluh leite, hat vor drei Jahren damit angefangen, Tonträger zu veröffentlichen, auf denen viele verschiedene Musikerinnen präsentiert werden, um Vielfalt sichtbar zu machen. Mit dem Labelnamen wollten wir für uns Entwicklungsmöglichkeiten offenlassen und auch wieder zum Ausdruck bringen, dass wir einen inklusiven Ansatz haben. Sprich, man muss keine reine Frauenband und auch keine Musikerin sein, um bei uns zu veröffentlichen. Es geht uns um eine gewisse Haltung, mit der an die Sache herangegangen wird. Das Akronym „arooo“ bezieht sich auf das Buch „A Room of One‘s Own“ von Virginia Woolf. Alle, die diesen eigenen Raum brauchen und wollen, können ihn sich nehmen.

Gibt es nach dieser Solophase aktuell neue kollektive Projekte?

Verena Zeiner: Wie viele Pianistinnen und Pianisten hätte ich auch gerne einmal ein Trio. Dieses Projekt steckt noch in den Startlöchern, ich möchte dazu noch gar nicht zu viel verraten. Aber ich bin schon im Gespräch mit Musikerinnen und Musikern.

Was ist der spezielle Reiz an einem Klavier-Trio?

Verena Zeiner: Um ehrlich zu sein, ich weiß es selber noch nicht so genau. Es ist ein schönes Format, ich möchte es einfach einmal erforscht haben.

„Nehmen wir uns doch aktiv in der Praxis, was uns am Papier gegeben ist und unterstützen wir uns dabei gegenseitig.“

Wie sieht es denn mit weiblichen Vorbildern aus?

Verena Zeiner: In meiner Entwicklung als Musikerin, z. B. als Studentin, hat mich eigentlich nie jemand auf Frauen am Klavier aufmerksam gemacht. Leider waren weibliche Vorbilder für mich nicht sehr präsent. Auch ein Grund, um eine Initiative wie Fraufeld zu starten: um Vorbilder sichtbarer zu machen! Wem ich mich aber als Nächstes widmen möchte, ist die amerikanische Pianistin Geri Allen, die 2017 leider gestorben ist. Deren Werk interessiert mich nun genauer.

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Verena Zeiner (c) Paul Zeiner

Als Musikerin versuchst du aktiv, das Umfeld für Frauen zu verändern und zu verbessern. Was hat sich mittlerweile alles verändert?

Verena Zeiner: Vieles ist im letzten Jahrzehnt anders geworden. Ich hatte während meines Studiums nur sehr wenige Kolleginnen. Mittlerweile gibt es an den Abteilungen der österreichischen Musikuniversitäten für Jazz, improvisierte Musik oder Popularmusik viel mehr Studentinnen, leider noch wenige Dozentinnen. Da muss sich einfach noch mehr tun, aber ich glaube, das ist eine Frage der Zeit. Weibliche Vorbilder helfen einem einfach sehr dabei, einen Weg zu gehen. Auch was das Selbstverständnis von Frauen betrifft, mit dem sie an gewisse Sachen herangehen, gibt es für Musikerinnen noch was zu tun, im Sinne von: Nehmen wir uns doch aktiv in der Praxis, was uns am Papier gegeben ist, und unterstützen wir uns dabei gegenseitig. Das heißt aber auch, dass Männer ihre Perspektive ändern müssen. Es ist kein einseitiger Prozess, es ist ein gemeinsamer, kommunikativer Prozess, der zu einer stärkeren Durchmischung und einem neuen Perspektivenreichtum führen kann. Wir profitieren alle davon!

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Franz Woels

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Verena Zeiner solo live

14.02. RadioKulturhaus, Wien – No Love Without Justice / Solo Release
29.06. Jazzfest, Wien

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