Waves Vienna Konferenz: Gut gemeinte Zensur oder wichtige Kontrolle?

Wie gehen wir damit um, dass Kunst, die uns teilweise zuwider sein mag, aber gegen keine Gesetze verstößt, ein großes Publikum anspricht? Braucht es mehr Einschränkungen? Muss eine demokratische Gesellschaft das nicht einfach aushalten? Fällt jegliche musikalische Äußerung unter die Freiheit der Kunst? Sollen bzw. dürfen sich Politiker einmischen? Wie sollen Fördergeber damit umgehen?

Es diskutierten: Thomas Miessgang (Kurator, Autor, Journalist), Thomas Rammerstorfer (Kulturverein Infoladen Wels), Martin Sobotnik (Musiker, Gitarrist, Produktionsleiter Planet), Muff Sopper (Geschäftsführer Planet Music), Sylvia Margret Steinitz (Chefredakteurin Wienerin) und Klaus Werner-Lobo (Kultursprecher der Grünen Wien). Es moderierte: Stefan Parnreiter-Mathys (Kulturmanager)

Eines vorweg: In Ermangelung jeder öffentlichen Auseinandersetzung mit diesem Thema während der letzten Jahre musste sich der wirklich umfangreiche Fragenkatalog dieses Panels geradezu als nicht zu bewältigende Hypothek erweisen. Und so kam es dann auch: So sehr sich Moderator Parnreiter-Mathys auch bemühte, Antworten auf die Fragen zu erhalten, so sehr erwies sich dieses Ansinnen als aussichtslos. Zu tief waren die Gräben, die zwischen Vertretern der Veranstaltungsbranche und der Stadtpolitik gezogen wurden, zu schwer die Vorwürfe, die man gegenseitig erhoben hatte: Zensur und Verbotspolitik einerseits und Missbrauch öffentlicher Gelder andererseits.

Diskussionsleiter Stefan Parnreiter-Mathys erklärt in seinem Eröffnungs-Statement, dass es für ihn darum gehe, auszuloten, welche Handlungsspielräume und -möglichkeiten es für „schwierige Musik“ gibt, d.h. Musik, die sich in Graubereichen bewegt, nicht gegen Gesetze verstößt, aber gewaltverherrlichend, homophob, frauenfeindlich etc. ist. Es gelte, folgende Fragen zu stellen: Wie bewerten wir diese Inhalte? Und wie kann man überhaupt verstehen, worum es in dieser „Kunst“ geht und wie man damit umgehen soll. Er persönlich dürfe sich nicht den Luxus einer Meinung leisten, eine liberale Gesellschaft sollte aber sehr viel aushalten. Die Grenzen wären freilich dort erreicht, wo Jugendgefährdung und Herabwürdigung von Minderheiten und bedrohten Gruppen passiere. Gesetze würden klare Rahmen vorgeben, diese seien aber weit gesteckt. Die Frage, die man sich stellen müsse, laute daher: Wie viel wollen wir reglementiert haben? Und so appelliere er an die Selbstverantwortung aller Player. Denn wenn diese ihre Selbstverantwortung wahrnähmen, müsste doch die Politik gar nicht mehr einschreiten. Und man müsste klären, ob es überhaupt um Zensur gehe oder nicht eher um einen Verteilungskampf, der mit versteckten Mitteln geführt wird.

Sylvia Steinitz, seit 2010 Chefredakteurin der Wienerin, führt in ihrem einleitenden Statement aus, dass den Medien immer noch eine wichtige Rolle dahingehend zukomme, wie etwas wahrgenommen werde. „Sie bilden immer noch Meinung.“
Eine wichtige Frage sei, was überhaupt als schwierig empfunden wird. Und das sei ohne Zweifel eine Frage der Kultur, die vorherrscht und sich auch ständig ändere. Was heute als schwierig empfunden wird, sei vor zwanzig Jahren vielleicht noch nicht so gewesen. Man müsse sich ganz genau anschauen, warum etwas als schwierig empfunden wird und wieso.

Klaus Werner-Lobo, Buchautor, Journalist und Kultursprecher für die Grünen
greift Parnreiters Einleitungsworte über Zensur und Verteilungskampf auf. Als Mitglied des Kulturausschusses, so Werner-Lobo, habe er nun einmal darüber zu entscheiden, wie immer knapper werdende Mittel verteilt werden, d.h. zu entscheiden, wem man sie gebe und wem nicht. Den Begriff der ‚Zensur‘ finde er wichtig. Den müsse man klären. Gemeinhin bezeichne er die politische Verhinderung der Kritik an der Politik, d.h. der Mächtigen an sich selbst. Es sei deren Aufgabe, so Werner-Lobo, sich schützend vor Schwächere zu stellen, und Diskriminierung, wo immer es möglich ist, zu verhindern. Und das beginne nicht erst dort, wo das Strafrecht greift, sondern schon vorher, wo etwa der Direktor eines Kulturbetriebes öffentliche Gelder in einem großen Ausmaß missbräuchlich verwendet. Selbst wenn solch ein Vorgang strafrechtlich noch nicht relevant sei, sei er sehr wohl relevant für die Kulturpolitik, denn man müsse mit den öffentlichen Geldern sorgsam umgehen.

Thomas Miessgang, Journalist, Kurator und Buchautor, der als solcher gerade an einem Buch mit dem Titel „Die Kultur der Unhöflichkeit“ arbeitet, meint, es sei in der Popkultur traditionell schwer zu beurteilen, was noch und was nicht mehr Provokation bzw. was schon Sympathisantentum sei, da das Überschreiten von Geschmacksgrenzen, das Arbeiten mit totalitärer Ikonografie seit jeher zum Geschäft gehöre. Man solle nur an Gruppen wie Laibach denken. Hakenkreuze seien ja auch schon von den Sex Pistols verwendet worden, um gegen ein gesetztes Bürgertum zu revoltieren. Das aber, der Zweck der Verwendung solcher Symbole, habe sich in den letzten Jahrzehnten doch maßgeblich verändert. Das Kokettieren mit faschistischen Ikonografien erfolge heute zunehmend aus strategischem Interesse. Eine sei eine schwierige Beurteilung, inwiefern der Einsatz solcher Symbole noch Provokation einer saturierten Gesellschaft oder doch schon Sympathisantentum sei. Er gebe allerdings zu bedenken, dass das Kokettieren mit Bildern und Texten solcher Ideologien in einem Land, in dem es eine Partei gibt, die dem rechtsradikalen Rand nahe steht und bei einer Wahl 22% der Wählerstimmen erhält, anders zu bewerten sei, als wenn der rechte Rand auch wirklich rechter Rand bliebe.

Martin Sobotnik, Musiker, Gitarrist, Produktionsleiter Planet, ist hauptsächlich im operativen Bereich tätig. Von dort aus betrachtet, beschleiche ihn oft der Eindruck, viele Diskussionen dieser Art würden mit Informationen aus zweiter Hand operieren. Wenn man sich die Themen vor Ort ansieht, bekomme man meist einen gänzlich anderen Eindruck. Was immer vergessen werde, sei das Publikum. „Wenn man einem Künstler etwas verbiete, stellt sich doch auch die Frage nach dem Publikum“, so Sobotnik. Ob es dafür ein Publikum gebe und ob es mit einem Verbot überhaupt getan sei oder ob man nicht vorerst einmal ohne Zensur auskommen sollte.

Muff Sopper, Musiker und seit 1981 als Veranstalter tätig, Gründer der GFÖM, und Herausgeber des Musikatlas und des Planet-Magazins, darüber hinaus Betreiber der „Szene Wien“ und des „Planet Music“, sieht sich als Zensuropfer von Klaus Werner-Lobo, der ihm die Hinichen „abgeschossen“ habe mit der Drohung, er werde sonst (für den Betrieb der veranstaltenden Szene, Anm.) keine Subvention mehr erhalten. Das Gleiche spiele sich heuer mit Frei.Wild ab. Das sei bloß eine Vermietung, für die auch gar keine Subventionsmittel verwendet würden, weil die Band genug Besucher habe. Frei.Wild sängen bloß Volkslieder mit Heimattexten mit Rockmusik untermalt.
Man könne das durchaus mit den Kastelruther Spatzen vergleichen, für die Frei.Wild-Mastermind Philipp Burger auch texte.

Thomas Rammerstorfer (Kulturverein Infoladen Wels) stellt klar, dass er als Veranstalter noch nie Subventionen erhalten habe, dass es also durchaus auch so gehe. Die Grenze sei für ihn dort erreicht, wo gegen Gruppen von Menschen gehetzt wird, für die ein reales Bedrohungsszenario besteht. Das sei bei den Hinichen der Fall. Es vergehe schließlich kein Tag, an dem nicht eine Frau ins Frauenhaus geprügelt oder sogar ermordet werde. Bei Frei.Wild sei er anderer Meinung. Die würden zwar mit rechtskonservativen Texten operieren, gegen eine Gruppe, für die es ein Bedrohungsszenario gebe, seien sie aber nicht.

Dem Vergleich mit den Kastelruthern könne er nur wenig abgewinnen. In einer Zeile bezeichnen Frei.Wild ihre Kritiker als Leute, die sich Kinder vom Strich holen. Entsprechende Textzeilen seien ihm von den Kastelruther Spatzen nicht bekannt
In Kufstein (im Rahmen eines Frei-Wild-Konzerts, Anm.) sei viel mit Fans gesprochen worden. „Da wurde viel aufgeweicht“, so Rammerstorfer. „Die Fans sahen, dass nicht alle Anti-Faschisten Spießer sind, die ihnen Böses wollen. Umgekehrt sahen alle Anti-Faschisten, dass nicht alle Frei.Wild-Fans Nazis sind. Das war ein wichtiger Schritt.“

Parnreiter-Matyhs fragt in die Runde, wie es mit eindeutig rechtswidrigem Material sei. Könne Einklang darüber erzielt werden, wie damit umgegangen werden müsse?

Schon hier würden sich doch die Auffassungen teilen, ist Sylvia Margret Steinitz überzeugt. „Was gegen das Antidiskriminierungsgesetz verstößt, darüber gibt es unterschiedliche Auffassungen.“ Wie aber solle sich etwas reglementieren lassen, worüber sich die Gesellschaft uneins ist? „Da werden wir auch in dieser Runde keine Lösung finden“, so Steinitz.

Miessgang ist der Auffassung, dass es in dieser Hinsicht nichts zu diskutieren gebe.  „Wenn ein Gesetz verletzt wird, gibt es kein Pardon.“ Natürlich gebe es immer wieder Leute wie einen Kulterer, die nicht sehen, dass sie ein Gesetz verletzt haben. Aber hier gehe es doch nicht um offenkundig rechtswidrige Musik, sondern um eine solche, die bestimmten, links der Mitte angesiedelten Bevölkerungsgruppen widerwärtig ist. „Soll die Gesellschaft das zulassen oder verbieten? Auch widerliche Sachen sollten stattfinden dürfen“, so Miessgang. „Aber sollte so etwas noch subventioniert werden, das ist doch die Frage. Kann ich Institutionen Geschmackssicherheit verordnen? Sollte ich als jemand, der eine geförderte Veranstaltungsstätte betreibt, das möglich machen oder nicht?“

Klaus Werner-Lobo nimmt sodann eine Berichtigung vor. Nachdem ihm Muff Sopper in seinem Eröffnungs-Statement nicht nur Zensur, sondern auch den strafrechtlich relevanten Tatbestand der Erpressung vorgeworfen habe, müsse er sich wehren. Schon der Umstand, wie die „Szene Wien“ von Sopper übernommen wurde, habe mehr mit Freunderlwirtschaft zu tun gehabt, so Werner-Lobo, als mit Kultur. Aber es geht nun einmal um Steuermittel. Ausgerechnet dort, wo ohnehin vielfach kritisiert werde, wie viel für Kultur ausgegeben wird, wo andererseits ein wirklicher Mangel besteht, könne man das Geld einfach nicht an Leute vergeben, die Kommerzprogramm machen und dann auch noch Inhalten wie jenen der Hinichen Platz einräumen. „Wir halten ja auch „McDonald’s“ nicht für subventionswürdig, nur weil er eine kleine Bücherecke betreibt“ so Werner-Lobo. „Und wir halten den „Planet Music“ nicht für subventionswürdig, weil dort solche Bands stattfinden.“ Deshalb auch sei konsensual eine Vereinbarung getroffen worden, dass künftig keine frauenfeindlichen, homophoben etc. Bands mehr auftreten würden, andernfalls gäbe es keine Förderung mehr. Mehrfach sei ihm versichert worden, dass man sich weiter an diese Vereinbarung halten wolle.  Eine Woche später sei er dann aber darüber informiert worden, „dass diese unsägliche Band wieder stattfindet.“

„Was ich dann gemacht habe, dass ich Muff Sopper anrief, war ein Fehler, weil es ihm die Möglichkeit gab, nachher den Zensurvorwurf zu erheben. In meiner Ethik aber ist es so, dass ich den, der mich stört, als erstes darüber informiere.“ Er habe bei diesem Anruf nichts anderes gemacht, als seinen Ärger zu bekunden und an die Vereinbarung zu erinnern. Die Vereinbarung als Grundlage für Subventionen gelte schließlich immer noch. „Und knappe Fördermittel müssen so vergeben werden, dass für den Fördernehmer gewisse Richtlinien gelten.“

Sopper stellt darauf hin klar, dass die „Szene Wien“ vor der Übernahme die von der Stadt Wien erhaltenen Subventionen nicht ausreichend ausgenutzt habe. D.h. es habe zu wenig Programm stattgefunden. Er selbst, auch um das klar zu stellen, erhalte Subventionen ja nur für den Betrieb der Szene. Der Gasometer hingegen müsse wirtschaftlich geführt werden. Dorthin dürften keine Mittel fließen. „Natürlich muss man dann auch kommerzielle Dinge veranstalten. Es gilt 80 Mitarbeiter und deren Familien zu finanzieren.“ Außerdem stimme es nicht, dass man für die Hinichen Subventionsmittel brauche. „Die Leute, die sich das ansehen, saufen so viel, dass sich das rechnet.“
Und Frei.Wild? Die würden bereits zum vierten Mal in Wien spielen, aber erst jetzt entbrenne die Diskussion – befeuert durch ihre Ausladung beim „Echo“. Vielleicht hätte man schon im Zuge des ersten Mals darüber sprechen sollen, gibt Sopper zu bedenken. Er möchte an Jewgeni Nikitin erinnern, der aufgrund seiner Nazi-Tattoos von den Bayreuther Festpielen ausgeladen wurde. Nachdem er im Theater an der Wien gesungen hatte, hätte der Kurier sinngemäß getitelt, dass man zur Normalität zurückgekehrt sei.

Eine Läuterung wolle man niemandem absprechen, wendet Diskussionsleiter Parnreiter-Mathys ein. „Dass das kollektive Gedächtnis relativ kurz ist, ist aber auch Faktum.“

Sopper fährt fort, über die Kastelruther Spatzen zu sprechen. Das Publikum solle nicht lachen. Der Sänger von Frei.Wild schreibe die Texte für die Kastelruther Spatzen. Deshalb müsste man dann eigentlich auch gleich über diese Texte sprechen. „Sind die Kastelruther Spatzen jetzt Nazis?“

Von Nazis spreche niemand, nur von schwieriger Musik, lenkt Parnreiter-Mathys ein. Er möchte jetzt gerne auf einen von Muff Sopper publizierten Text zu sprechen kommen, in dem er von „Kulturpolizei“ und „Kulturverhinderern“ gesprochen habe, und die Frage, ob denn nicht auch Georg Danzer, wenn er in einem Song schreibe, dass ihn alle am Arsch lecken sollen, nicht mehr gespielt werden solle.

Darin gehe es ja nicht gegen eine bestimmte Personengruppe, so Parnreiter-Mathys. Auch Rammerstorfer sieht das ähnlich. Nach den Auswirkungen der Sprache auf die Rezeption gefragt, konstatiert er eine grundsätzliche Verrohung der Sprache. Aber zwischen „Alle Frauen sollen mich am Arsch lecken“ und „Alle Frauen soll man verprügeln, besteht ein Unterschied. Für ihn sei diese Grenze auch erkennbar. „Wenn die für jemanden anderen nicht erkennbar ist, tut mir das leid.“

Sylvia Margret Steinitz meint, dass es sehr schwierig geworden sei, noch zu provozieren. Die Schmerzgrenze liege ziemlich hoch und man müsse sich schon einer sehr rohen Sprache bedienen, um damit überhaupt noch Schmerz auslösen zu können. Blöde Sprüche gegen Frauen seien aber quasi die letzte Bastion des Trotzbürgers. In anderen Bereichen, wenn man etwa auf Facebook gegen „Neger“ hetzt, kriege man die Kündigung. „Für Frauenfeindlichkeit erntet man allenfalls hoch gezogene Augenbrauen.“ Man sollte sich das gesamtgesellschaftlich anschauen, so Steinitz.

Werner-Lobo stellt fest, das es ganz offensichtlich einen Markt für Grauslichkeiten gebe. „Provokation ist interessant. Das von oben nach unten Treten – dafür gibt es offenbar einen Markt.“ Bevor man es etwas verbietet, müsse man den Weg gehen, den Thomas Rammerstorfer am Kufstein-Beispiel in Zusammenhang mit Frei.Wild erklärt habe. „Man muss sich damit auseinandersetzen, den Dialog suchen.“

Und weiter führt er aus: „Heute wurde schon fünf Mal das Wort ‚Verbot‘ in den Mund genommen. Ich kann mich an kein einziges Konzertverbot erinnern, in das ich involviert gewesen wäre. Eine andere Frage ist, was förderungswürdig ist und was man als Gesellschaft aktiv hervorheben will, weil man davon ausgeht, dass es die Gesellschaft bereichert.“ Selbst im förderungswürdigen Bereich müsse Provokation Platz haben. „Kunst soll die Mächtigen kritisieren. Wo aber auf Schwächere hingetreten wird, geht es einfach nicht“, so Werner-Lobo. Das beste Lied der Hinichen sei seiner Auffassung nach das, das ihn als Kommunisten darstellt.

Sopper stellt klar, dass ein Hintreten auf Frauen schon deshalb nie stattgefunden haben könne, weil die Texte der Hinichen von einer Frau stammen, „die selbst im Frauenhaus war.“ Es sei nicht frauenfeindlich gedacht. Außerdem habe die Band auch schon für die Grünen gespielt. Deshalb ja sei es doppelt unverschämt, dass ihm dann von Werner-Lobo beschieden wird: „Wenn du sie veranstaltest, werde ich einer Förderung nicht mehr zustimmen.“

Parnreiter-Mathys weist darauf hin, dass das doch nichts anderes sei als darauf hinzuweisen, sein freies Stimmrecht in einer bestimmte Art und Weise wahrzunehmen und möchte von einem im Publikum anwesenden Vertreter von „WienXtra“ wissen, nach welchen Kriterien dort die Bewertung schwieriger Bands stattfinde. Man sei in einen ethischen Sachverhalt eingebettet, meint Marko Markovic von „WienXtra“. In der Beurteilung gebe es wenig objektivierbare Kriterien. Recherche sei daher das Wichtigste. „Wir haben aber Institutionen, die sich damit beschäftigen wie etwa das Dokumentationsarchiv. Man ist nicht alleine.“

Recherche, so Sopper, stehe auch bei ihnen an erster Stelle. Hausintern werde alles hinterfragt. „Im Black Metal-Bereich sind wir sehr restriktiv, weil da Grenzen überschritten werden, die nicht überschritten werden sollen. Solche Bands haben keinen Platz in der Szene.“

Miessgang meint, es gehe doch darum, dass man in einer Gesellschaft mit Leuten zusammen leben müsse, die einem nicht passen. „Und die haben ihre kulturellen Prägungen. Was die Politik leisten muss, ist, Rahmenbedingungen abzustecken, innerhalb derer Kultur stattfindet.“ Wäre das ein Ansatz, die Politik nicht als böse Macht, die zensuriert, sondern als Shareholder aufzufassen, will Parnreiter-Mathys wissen: „Ist es legitim, dass der Fördergeber über die Inhalte mitentscheidet?“

Nicht über den Inhalt soll er entscheiden, sondern das kulturelle Feld abstecken, antwortet Miessgang. „Das gleiche Problem haben wir doch in der Museumslandschaft. Es gibt keine klaren Strukturen, vielfach Überschneidungen. Worum es geht, ist, klare Rahmenbedingungen zu schaffen, innerhalb derer  kulturelle Akteure unbehindert ihr Programm machen können.“

Martin Sobotnik weist darauf hin, dass aus Sicht der Musiker auch die Hinichen eine Minderheit seien, auf die hingetreten werde. Und in den Medien werde das alles so dargestellt, als veranstalte man nur Fragwürdiges. Dass 200 Veranstaltungen jährlich stattfinden, die alle den Richtlinien enstsprächen, werde nicht erwähnt.

Im Vergleich zur Hochkultur lebe man auch nicht von der Subvention, stellt Sopper klar. Sie werde dazu verwendet, um Konzerte zu veranstalten, die für Randgruppen gedacht seien. „Aber sind solche Konzerte tatsächlich nur so lange  förderungswürdig, so lange die Musik erfolglos ist? Ab wann ist es Kommerz und nicht mehr förderungswürdig?“

Steinitz hätte sich gewünscht, dass die Diskussion viel breiter, etwa über den Song „Blurred Lines“ von Robin Thicke geführt wird, der auf Ö3 rauf und runter gespielt wird. „Und ich würde mir eine große Diskussion über diverse Hip Hop-Bands wünschen. Man müsse sich mit den großen Bands und ihren großen Fanbases anlegen, wenn man die Diskussion ernst meint“, so Steinitz.

Darin sind sich alle Beteiligten einig: Es braucht mehr öffentliche Diskussion zu diesen Themen. Bleibt zu hoffen, dass die gegenständliche Gesprächsunde ein Anstoß zu einem offeneren Umgang war.

Foto © Martin Wirbel

 

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