Waves Vienna Conference 2019: "Women in Live Music Production" (c) Matthias Schuch

WAVES VIENNA CONFERENCE 2019: Who’s bad?

Am zweiten Tag der WAVES VIENNA CONFERENCE wurden die Debatten teils hitzig geführt. IVAN NOVAK von LAIBACH war dafür nur teilweise verantwortlich.

Panel „Banning Content of Dubious Performers – Moral Censorship or Acceptable Regulation?”

Waves Vienna Conference 2019: Banning Content od Dubious Performers (c) Matthias Schuch
Waves Vienna Conference 2019: Banning Content of Dubious Performers (c) Matthias Schuch

„Im Rock ’n’ Roll geht es um Transgression, Michael Jackson hat gesungen, er sei ‚bad‘, sein Leben war tragisch, und Freddie Mercury war gewaltig pädophil”, meinte Ivan Novak, der Laibach Anfang der 1980er miterfunden hatte, gleich in seinem ersten Statement. An diesem Freitagnachmittag kam es zu manchen Wortmeldungen, die juristisch eher nicht wasserdicht waren. In der kontroversen Diskussion, wie man mit der Musik von zweifelhaften Künstlern umgehen soll, gingen die Wogen gelegentlich hoch. Am Ende gab es wenig Konsens, stattdessen viele Meinungen. Unstrittig war nur, dass es Strafen geben soll, wenn strafbar gehandelt wurde. Danach hörte es aber auch schon wieder auf. „Moral ist nicht immer ein guter Ratgeber“, meinte Karl Fluch vom Standard. „Das Böse ist attraktiv, Kunst wäre sonst langweilig wie die Hölle.” Er sei deshalb auch dagegen, Michael Jackson aus dem Radio zu verbannen.

Waves Vienna Conference 2019: "Banning Content of Dubious Performers" Maria Scharl, Ivan Novak (c) Matthias Schuch
Waves Vienna Conference 2019: “Banning Content of Dubious Performers” Maria Scharl, Ivan Novak (c) Matthias Schuch

Gegen die Übermacht der alten, weißen Männer stand die Künstlerin Maria Scharl allein da. Als einmal mehr die Unschuldsvermutung im Fall von sexueller Belästigung vorgebracht wurde, warf sie ein, dass die Zahl jener Männer, die dessen zu Unrecht angeklagt werden, äußerst gering ist. Wer im Verdachtsfall nicht aus den Radios und von den Streaming-Plattformen verbannt werde, verdiene weiterhin Geld und könne weiterhin Verschwiegenheitsvereinbarungen aushandeln. Dabei habe sich schon oft gezeigt, dass sich weitere Frauen zu sexueller Belästigung melden, wenn die Mauer des Schweigens einmal durchbrochen worden sei. Maria Scharl ist prononcierte Künstlerin, sie hat für das Poolbar Festival pinke Flaggen angefertigt, auf denen die Namen zweifelhafter Künstler stehen, selbst wenn sie wie David Bowie und John Lennon nie verurteilt worden sind. Von der Arbeit „Not Your Heroes“ gibt es eine Edition mit gerichtlich verurteilten Künstlern. „Wenn du Geld hast, kannst du Frauen zum Schweigen bringen“, meinte sie.

Karl Fluch argumentierte dagegen für die Trennung von Werk und Autor sowie für die unbedingte künstlerische Freiheit. Denn sonst würde die Hölle auf Erden herrschen, künstlerischer Inzest, ja am Ende alles so langweilig wie christlicher Rock klingen. „Man kann sich nicht immer in einem Safe Space aufhalten“, pflichtete ihm Ivan Novak bei. „Es ist ein Dschungel, es sollte ein Dschungel sein”, sagte er am Ende. Und er würzte sein Statement mit einem Zitat von Mao Zedong, man solle hundert Blumen blühen lassen. Dass in China nach der so eingeleiteten kurzen Phase gesellschaftlicher Öffnung Tausende RegimekritikerInnen in Arbeitslagern verschwanden, verschwieg er. Es blieb der Eindruck zurück, als gäbe es nur entweder grenzwertige oder völlig politisch korrekte Musik. Auf das Spektrum dazwischen wurde irgendwie vergessen.

Panel „Women in Live Music Production“

„Das ist übrigens mein Sohn“, warf Monika Matiasovska vom Festival Pohoda ein, damit der Saal wusste, wessen Baby nebenan laut weinte. Bei der Waves-Konferenz wurde über den Status von Frauen im Live-Business geredet. Im Saal selbst saßen vor allem Frauen, und vielleicht nahm die Diskussion deshalb teils ungewöhnliche Wendungen. Warum hier nur Frauen am Podium säßen und zu Frauen sprächen, wurde aus dem Publikum geraunt, man müsse mit Männern reden, ihnen die Probleme klarmachen, mit denen Frauen konfrontiert sind, auf und hinter der Bühne, nur so ließe sich etwas erreichen. Und eine Frau ergänzte, sie habe Podien satt, auf denen nur Frauen diskutieren. „Bitte ladet uns ein, damit wir etwas an unserer Geisteshaltung ändern können“, erzählte Peggy Szudlarek (dif productions) von einer Unterredung mit einem Mann, der zu einer Veranstaltungsreihe lange fast keine Frauen eingeladen hatte. Sie fügte allerdings an, dass viele Männer vor fünf Jahren einer Einladung zu  einem frauenspezifischen Panel nicht gefolgt wären.

Waves Vienna Conference 2019: "Women in Live Music Production" (c) Matthias Schuch
Waves Vienna Conference 2019: “Women in Live Music Production” (c) Matthias Schuch

Zwischendurch wurde spekuliert, warum Frauen, die schon länger im Geschäft sind, häufig eine so bissige Haltung an den Tag legen. „Das bin ich!”, rief Peggy Szudlarek. Musikkarrieren von Frauen seien eben sehr ungewöhnlich gewesen, als sie zu arbeiten angefangen habe, deshalb habe sie sich doppelt beweisen müssen. Gleichzeitig werde der Markt reifer, die Kultur ändere sich, warf Monika Matiasovska ein. Am Pohoda gebe es hinter den Kulissen von Jahr zu Jahr weniger Geschrei, von Männern wie von Frauen.

„Ich arbeite gerne in gemischten Crews. Auch Männer sagen, es sei gut, Frauen im Team zu haben“, meinte die Tontechnikerin Cornelia Ettinger. „Das Geschlecht ist egal, solange die Leute offen sind.” Ihr sei in Locations, in denen sie erstmals arbeitete, allerdings schon oft der Weg zum Merchandising-Stand gezeigt worden. Sie fand, es sei dann das Beste, einen guten Job zu machen und diesen Leuten das Gegenteil zu beweisen. Am Ende gaben sie und Itta Francesca Ivellio-Vellin (Sofar Sounds) den Anwesenden noch Tipps mit auf den Weg, auf welchen Plattformen sich Frauen online austauschen können. So etwa Sound Girls, Music Women Austria, Female Pressure und Frauendomäne.

Präsentation „CEEMID Music Professional Survey for 2019“

Waves Vienna Conference 2019, CEEMID (c) Matthias Schuch
Waves Vienna Conference 2019, CEEMID (c) Matthias Schuch

Zum Abschluss der Konferenz präsentierte Daniel Antal von CEEMID – kurz für Central European Entertainment and Media Industry Databases – noch die Ergebnisse einer umfassenden Studie zum zentraleuropäischen Musikmarkt, so unter anderem, dass Spotify nie zuvor Zugriff auf so große Datenmengen gewährt hat. Neben Open Data und solchen von Google wurden außerdem über zweitausend Menschen aus der Musikindustrie befragt. Die Ergebnisse sind durchaus überraschend. So schaffen es nur äußerst wenige Songs aus Österreich in die Spotify-Charts anderer Länder. Der Anteil heimischer Musik am Streaming ist hier so gering wie in keinem anderen untersuchten Land. Musikexporte gehen üblicherweise in unmittelbare Nachbarländer.

Der ganze Report mitsamt hübsch animierten Grafiken ist auf der Website von Daniel Antal abrufbar.

Stefan Niederwieser


Die Umfrage von CEEMID (Central European Entertainment and Media Industry Databases) für Fachkräfte in der Musikbranche 2019 hatte zum Ziel, die Konzertmöglichkeiten, Lizenzgebühren und Fördermöglichkeiten von Musikschaffenden in Österreich mit der CEE- Region und Gesamteuropa zu vergleichen. mica – music austria hat sich als Multiplikator an der Umfrage beteiligt. Hier geht es zur Präsentation der Ergebnisse (Sept. 2019).


Links:
Waves Vienna

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