Waves Conference 2018 (c) Anna Breit

Waves Vienna Conference 2018, Tag 1: BUCHPRÄSENTATION „MUSIC BUSINESS RESEARCH”

Im September 2018 fand bereits zum achten Mal die von WAVES VIENNA und AUSTRIAN MUSIC EXPORT organisierte WAVES VIENNA CONFERENCE statt. Die Auftaktveranstaltung fand im Café Weimar in ungezwungener Atmosphäre statt.  Die Gäste waren SABINE REITER (MICA – MUSIC AUSTRIA), BEATE FLATH (PADERBORN UNIVERSITY), CORNELIUS BALLIN (UNIVERSAL MUSIC AUSTRIA), HANNES TSCHÜRTZ (INK MUSIC) und MARTIN LÜCKE (MACROMEDIA UNIVERSITY BERLIN).

Buchpräsentation „Music Business Research. The Foundations of a New Scientific Discipline“

Waves Conference 2018 (c) Anna Breit

Anlässlich des erst kürzlich erschienenen Buches „Musikwirtschaftsforschung. Grundlagen einer neuen Disziplin“ von Peter Tschmuck, Beate Flath und Martin Lücke wurde gleich zu Beginn eines klargestellt: Die gesamte Musikgeschichte trägt wirtschaftliche Aspekte in sich, ein Fakt, der von einigen Disziplinen oder Blickwinkeln gerne übersehen wird. Der Ausgangspunkt des Panels waren aus diesem Grund die jüngsten Entwicklungen der Musikwirtschaftsforschung, einer Disziplin, die gerne mit den Worten „jung und aufstrebend“ beschrieben wird. Im Zentrum der Diskussion standen Fragen nach der Institutionalisierung der neuen Disziplin „Musikwirtschaft“, die in den vergangenen Jahren „aufging wie ein Germteig“. Unterschiedlichste Institutionen beginnen sich sukzessive zu entwickeln, die Disziplinen beginnen zu tragen, etablieren sich sukzessive rund um den Globus, auch in Form von Forschungsgruppen. Der Beitrag „Musikwirtschaftsforschung. Grundlagen einer neuen Disziplin“ ist laut Selbstbeschreibung „ein monumentales Werk für die Methodik der Musikwirtschaft“.

„Lieber Mittelalter statt Excel-Tabellen, that‘s not reality.“

Waves Conference 2018 (c) Anna Breit

Beate Flath konstatierte gleich zu Beginn wesentliche Gedanken zur sogenannten Transdisziplinarität der Musikwissenschaft: Alle würden in anderen Worten über dieselben Dinge sprechen. Das Gefälle zwischen Theorie und Praxis gestalte sich als ein Dialog der verschiedenen Sparten, ein dialogischer Prozess der voneinander abweichenden Sprachen oder Nuancen. Gerade deshalb gehe es darum, auf Augenhöhe zu kommunizieren, das Kommunikationspotenzial auch zum Nichtakademischen zu öffnen und dabei die Schwerpunkte und Ansätze auszuloten. „Musikwirtschaftsforschung. Grundlagen einer neuen Disziplin“ zeige in diesem Zusammenhang einen wesentlichen Versuch, diese von Kontrasten gefärbten

Waves Conference 2018 (c) Anna Breit

Sprachen zu einen und sichtbar zu machen, dabei voneinander zu lernen. Es folgte ein Plädoyer zur Integration von musikwirtschaftlichen Fragestellungen in der Musikwissenschaft, denn ein grundliegendes Problem sei die Art der Vermittlung. Gerade im universitären Rahmen werde noch überwiegend klassisch und mit Vergangenheitsblick gelehrt: „Lieber Mittelalter statt Excel-Tabellen, that‘s not reality.“

Ein wenig später wurde das eigentliche Gespräch unter dem Motto „Was braucht die Forschung von der Praxis und umgekehrt?“ am Kaffeehaustisch eingeleitet. Immer wieder öffnete sich hier die Frage nach einer konkreten, funktionierenden Durchdringung von Theorie und Praxis. Dabei stellte sich an vielen Stellen heraus, dass es sich dabei um eine Utopie handelt, denn institutioneller Austausch passiert kaum. Sabine Reiter erläuterte in diesem Zusammenhang die grundlegenden Funktionen von mica – music austria als führende Vermittlungsplattform im Diskurs rund um Musikwirtschaftsfragen. Als ein Realbeispiel nannte Reiter das zunehmende Aufgreifen von wissenschaftliche Daten innerhalb der Politik. Diese Nutzung der Daten könne sich sehr fruchtbringend gestalten, die Durchmischung der voneinander abgewandten Bereiche passiere hier konkret.

Herz gegen Zahlen – Daten als das neue Zauberwort

Im weiteren Verlauf wurden das neue Jobprofil „Data Scientist” und die zunehmende Automatisierung der Musikwelt diskutiert. Gerade Trends, Hypes und andere ästhetische Tendenzen könnten dadurch bis zu einem gewissen Grad vorweggenommen und damit automatisiert werden. Bei diesem sogenannten Trendsetting handle es sich um einen gesamtwirtschaftlichen Trend, um sich selbst aufzuwerten. Die Streamingplattform Spotify fungiere hier inzwischen als

Waves Conference 2018 (c) Anna Breit

wissenschaftliches Objekt: Die Musik werde zum Subjekt der puren Mathematik auf der Suche nach der perfekten Hit-Schablone. Spotify als der heilige Gral der Musikwirtschaft. Der Konsens lautete hier, dass es für jeden andere Gründe gibt, Zahlen und Datensätze zu untersuchen. Auch hier herrsche nach wie vor das klassische Theorie-Praxis-Gefälle vor. Es gehe weniger um das Umlernen, sondern vielmehr ums Voneinander-Lernen. Wenn alle nach denselben Zahlen und Daten jagen würden, wären ja alle gleich, lautete hier ein weiterer (romantischer) Gedanke. Welchen Einfluss nehmen Daten, Zahlen und die wissenschaftliche Forschung auf die Artists selbst? Gerade über Netzwerke und Interessenverbände könnten die Musikschaffenden sukzessive an die Daten kommen, die ihre Welt bestimmen und verfärben.

Waves Conference 2018 (c) Anna Breit

Cornelius Ballin von Universal Music Austria erläuterte einen weiteren Realfall der Durchmischung von Zahlen und Realität, denn Bands und Genres würden sukzessive auf Basis von Spotify-Playlisten entwickelt und beeinflusst. Die Zahlen und Kalkulationen würden damit zur Physiognomie, würden zunehmend das Produkt konstruieren. Daten würden schon lange als das neue Zauberwort gelten. Hannes Tschürtz von Ink Musik positionierte sich innerhalb dieses Diskurses mit einem eher romantischen Ansatz. Er erläuterte hierbei vor allem den Zwiespalt zwischen Bauchgefühl und Datenanalyse sowie die Konstruktion von fiktiven Künstlerpersonen auf Basis eines algorithmisch ausgewerteten Wunschbildes. Hier entstehe ein weiteres Gefälle: algorithmische Suchmaschinen vs. the real feeling. Am Ende sei vor allem eines klar: Alle würden andere Sprachen sprechen, würden sich in anderen Referenzsystemen bewegen. Formen und Formate müssten erst entwickelt werden, damit die beiden Bereiche zusammenfinden können und wollen. Erst wenn die Fragen „Wo treffen wir uns?“ und „Wo liegen die Anliegen und Ziele?“ restlos geklärt worden seien, werde es funktionieren.

Ada Karlbauer

Links:
Waves Vienna Festival (Website)
Peter Tschmuck (Hrsg. u.a.): Musikwirtschaftsforschung Die Grundlagen einer neuen Disziplin. (Springer Verlag)