„Was die Band so einzigartig macht, ist, dass alle, die dabei sind, selber Bandleader*innen sind […]“ – THOMAS GANSCH und HERBERT PIXNER im mica-Interview

HERBERT PIXNER und THOMAS GANSCH lassen in ihrem gemeinsamen Projekt „ALPEN & GLÜHEN“ im musikalischen Sinne Welten aufeinanderprallen. Gemeinsam mit einer handverlesenen Band bestehend aus LUKAS KRANZELBINDER, MANU DELAGO und BERNIE MALLINGER, IGMAR JENNER, CYNTHIA LIAO uns SOPHIE ABRAHAM vom RADIO.STRING.QUARTET verpassen die beiden der alpenländischen Volksmusik eine Frischzellenkur, sie kreuzen diese mit der Improvisation und führen sie so auf ausgesprochen vielfältige und verspielte Weise hin zu einem modernen Klang, dem Gediegenheit, Eleganz und Schönheit innewohnen. Im Interview mit Michael Ternai erzählen die beiden über ihren langjährigen Wunsch nach einem gemeinsamen Projekt, die Kriterien für die Auswahl der Musiker*innen für ihre Band und ihren offenen musikalischen Zugang. 

Zunächst einmal, wie kommen zwei Kapazunder wie ihr auf die Idee, gemeinsame Sache zu machen?

Thomas Gansch: Herbert und ich kennen uns schon sehr lange. Unsere Wege kreuzten sich vor vielen Jahren, als ich mit Mnozil Brass in Kitzbühel auf der Straße gespielt habe und er uns dort gesehen hat. Herbert hat sich daraufhin die Idee in den Kopf gesetzt, Mnozil Brass nach Südtirol zu bringen und war damit auch der erste, der uns damals dort veranstaltet hat. Das war 1998. Wir sind in den darauffolgenden Jahren weiterhin eng verbunden geblieben. Und wir haben uns auch immer aus dem den Augenwinkeln beobachtet und mitverfolgt, was der jeweils andere tut. Der Wunsch, einmal etwas gemeinsam zu machen, ist daher schon alt.

Herbert Pixner: Man hat ja so seine Helden. Und für mich waren Thomas Gansch und Mnozil Brass genau solche. Ich habe die Musiker vor allem für ihre Kaltschnäuzigkeit und ihren Mut bewundert, sich einfach mit ihren Instrumenten und sonst nichts auf die Bühne zu stellen und einfach so drauf loszuspielen. Das bedeutete damals in den 1990er Jahren einen echten Bruch, weil zu dieser Zeit jede noch so kleine Band mit gleich zwei Sattelschleppern zu den Konzerten angereist ist. Und dann kamen Mnozil Brass daher, die es schafften, alleine mit ihren Instrumenten und ihrem Charisma die größten Säle zu bespielen und bei den Konzerten alleine die Musik in den Vordergrund zu stellen. Ich dachte mir damals, sollte ich einmal eine eigene Band haben, dann will ich das genau so wie Mnozil Brass machen. So gesehen, war es immer schon ein großer Wunsch von mir, mit Thomas etwas gemeinsam zu machen. Warum es letztlich vergangenes Jahr tatsächlich geklappt hat, hatte natürlich auch mit der Pandemie zu tun. Die Tatsache, viele Monate ohne Konzerte auszuharren, waren quasi die Initialzündung, dafür, wirklich einmal Nägel mit Köpfen zu machen.

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Thomas Gansch: Wir hätten mit dem Projekt ja letztes Jahr einen Konzerttermin gehabt, wäre die Pandemie nicht in der Form wieder zurückgekommen und im Winter wieder alles geschlossen gewesen. Wir dachten uns: „Da wir jetzt eh Zeit haben, lass uns doch treffen.“ Und das haben wir getan. Wir sind nach Innsbruck und haben uns dort drei Tage im Treibhaus verschanzt, um am Programm zu arbeiten. Dort ist das alles entstanden. Ohne die Pandemie wäre das aus Zeitgründen nicht möglich gewesen. Und ohne dieses Mehr an Zeit wäre das Album letztlich auch sicher nicht so super geworden.

Auf jeden Fall habt ihr für das Projekt von den Namen her wirklich eine Topbesetzung zusammengestellt? Manu Delago, Kranzelbinder und Bernie Mallinger, Igmar Jenner, Cynthia Liao und Sophie Abraham vom radio.string.quartet. Warum ist die Wahl gerade auf diese Musiker*innen gefallen?

Thomas Gansch: Herbert und ich haben uns einfach Leute überlegt, mit denen wir gerne spielen würden. Teilweise haben wir sie auch noch gar nicht persönlich gekannt. Den Lukas Kranzelbinder habe ich selber immer schon von Weitem beobachtet. Irgendwann sind wir uns in Wien über den Weg gelaufen und ich habe ihm gesagt, dass wir einmal etwas zusammen machen müssen und ich mich bei ihm melden werde. Was ich dann auch getan habe. Den Manu Delago habe ich – wenn überhaupt – nur vom Hörensagen gekannt. Ich wusste nur, dass er super ist. Ihn hat Herbert mit ins Boot geholt. Beim radio.string.quartet war es so, dass mich mit Bernie Mallinger eine lange Freundschaft verbindet. Mit ihm hatte ich ja die letzte Männer-WG meines Lebens. Außerdem habe ich mit dem Quartett auch schon Einiges gespielt. So gesehen hat sich das eigentlich logisch ergeben.

Am meisten an der Zusammenarbeit erstaunt hat mich, dass es mit den Leuten überhaupt keine Wickel gegeben hat, dass sich unter uns keine Diva befindet und wir uns wirklich sehr respektvoll und zugleich offen begegnen. Jede und jeder kann sagen, wenn ihr oder ihm etwas nicht passt.

Alpen & Glühen Debüt-Konzert Dornbirn
Alpen & Glühen Debüt-Konzert Dornbirn (c) Helena Lea Manhartsberger

Das heißt die persönliche Komponente war bei der Auswahl sehr wichtig.

Herbert Pixner: Wir hätten uns natürlich auch große namhafte Stars einladen können. Aber das war nie Thema. In der Szene kennt man sich und man weiß ganz genau, mit wem es musikalisch funktioniert und mit wem man auch privat zusammenkommen mag und nach dem Konzert auch ein Bier trinken will. Wir wollten auf keinen Fall Leute, die auf der Bühne auf Show machen müssen und im schlimmsten Fall dann gleich beleidigt sind, wenn sie ein Solo weniger spielen dürfen als ein anderer.
Ich denke, Thomas und ich ticken da recht ähnlich. Es gibt Musiker*innen, die wirklich brillante Techniker*innen sind. Wir dagegen waren auf der Suche nach Musiker*innen, die in gewisser Weise zwei Gesichter haben, die zum einen den Geist für etwas Schönes haben und zum anderen auf der Bühne die Sau rauslassen können. Das war jedenfalls für mich persönlich sehr wichtig.

„[…] es ist wirklich erstaunlich, was da in der kurzen Zeit für eine Qualität herausgekommen ist.“

Das Programm ist im Treibhaus entstanden. Die Platte dann bei Herbert Pixner im gnadenlosSTUDIO. Seid ihr da schon mit Material hingekommen oder habt ihr mit dem Schreiben bei null begonnen?

Thomas Gansch: Wir haben den Befehl ausgegeben, dass alle etwas mitbringen müssen. So konnte sich jeder auch ein wenig auf den anderen verlassen. Ich habe zum Beispiel eigentlich nur zwei Stücke – ein größeres und ein kleineres – für die Besetzung komponiert. Bei dem einen war ich mir fast sicher, dass es mit dieser Besetzung funktioniert. Zumindest erhoffte ich mir das. Als wir das Stück dann zum ersten Mal gespielt haben, hat es sich zur Erleichterung aller tatsächlich bestätigt, dass es mit Herbert, mir und der Band echt funktioniert.
Was die Band so einzigartig macht, ist, dass alle, die dabei sind, selber Bandleader*innen sind, und sie immer mit der Einstellung an die Sache herangehen, das Beste aus dem Ganzen herauszuholen. Es ist niemand dabei, dem du eine Stimme hinlegst und er spielt nur diese. Jede und jeder sucht jederzeit nach dem bestmöglichen Ergebnis. Es ist ein unglaublich respektvoller Umgang miteinander. Und es ist wirklich erstaunlich, was da in der kurzen Zeit für eine Qualität herausgekommen ist. Ich bin immer noch baff, wie organisch sich alles bei den Proben angefühlt hat. Es hat sich eigentlich alles von selber gespielt.

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Alle Beteiligten sind mit Stücken auf der Platte vertreten. Wie war es sich mit den Kompositionen der anderen auseinanderzusetzen?

Thomas Gasch: Das Stück von Manu war das schwierigste, an dem wir gearbeitet haben. Bei diesem Stück musst du exakt spielen.

Herbert Pixner: Das Stück hat Manu bewusst sehr metronomisch geschrieben. Es braucht im Gegensatz zu den anderen Stücken, die sehr fließend und atmosphärisch sind, diese sehr knackige Time.

Thomas Gasch: Bei dem müssen die Zahnräder wirklich ineinandergreifen, sonst funktioniert es nicht. Bei den anderen dagegen musste erst einmal der Groove stehen und dann hauten wir uns alle drüber.

Wie finden acht Individualist*innen eigentlich so problemlos zusammen?

Herbert Pixner: Da ist es natürlich von Vorteil, dass jede/r reichlich Erfahrung mitbringt. Alle wissen, wie es auf der Bühne läuft, es sind ausschließlich Bandleader*innen dabei. Jede/r hat schon alles erlebt. Da geht es nur mehr drum, einfach zusammen Musik zu machen. Das ist eine Ausgangssituation, die man nicht alle Tage hat. Wenn du in jungen Jahren ein Band gründest, musst du ja erst einmal wissen, welchen Sound du kreieren und in welche Stilrichtung du dich bewegen willst. Das spielt bei uns keine Rolle, weil wir keine Stilrichtung suchen. Was rauskommt, kommt raus. Es soll einfach nur grooven oder schiach klingen. [lacht] 

Thomas Gasch: Oder im Idealfall gleichzeitig grooven und schiach klingen. [lacht] 

Herbert Pixner: Ich denke, dass wir noch nicht einmal annähernd das Potential dieser Gruppe ausnutzen. Da ist noch viel, viel mehr möglich. Und das beruhigt mich für die Zukunft. Wir haben noch nicht alles ausgecheckt. Das gibt uns keinen Grund, uns zufrieden zurückzulehnen. Es sind alle sehr heiß darauf, weiter etwas Neues auszuprobieren, neue Klangfarben und Grooves zu suchen und zu finden …

Alpen & Glühen Debüt-Konzert Dornbirn
Alpen & Glühen Debüt-Konzert Dornbirn (c) Helena Lea Manhartsberger

Es geht darum, sich immer weiter zu entwickeln. 

Thomas Gansch: Was mich vor allem interessiert, ist, wohin es jetzt weitergeht. Auf der Platte befindet sich eigentlich nur ein Stück, dass wirklich für diese Band komponiert worden ist. Alle anderen hat es schon gegeben. Das Stück von Lukas hat er mit Shake Stew schon gespielt, Herberts Stück hat es auch schon gegeben, Igmar hat sein Stück eigentlich für ein anderes Projekt geschrieben und es dann hier verwendet, weil es gut dazu passt. Spannend ist, was kommt jetzt noch alles mit der Erfahrung von der ganzen Tour, die wir jetzt spielen, dazu. Was bringen die Musiker*innen jetzt an neuen Stücken ein. Oder was kommt jetzt schon auf dieser Tournee dazu, weil wir wissen, dass wir mit der Platte kein ganzes Konzert spielen können. Es werden auch neue Sachen zu hören sein.

Herbert Pixner: Das war ja jetzt in Dornbirn, wo wir letztens gespielt haben, auch so. Ich hatte da eine Nummer und schlug am Nachmittag vor dem Konzert vor, das Stück während dem Soundcheck ohne Leadsheet oder Noten auszuprobieren und dann am Abend auf der Bühne zu improvisieren. Hat wunderbar funktioniert. Aber das kann man nur machen, wenn du eine Band hast, auf die du dich zu hundert Prozent verlassen kannst.

Was ich jetzt da heraushöre, ist, dass dieses Projekt kein einmaliges Ereignis ist, sondern durchaus als langlebiges angelegt ist.

Herbert Pixner: Wir hoffen, dass es ein langlebiges ist. Es ist schon für nächstes Jahr ein zeitlicher Block geplant, den wir uns alle freihalten, um uns für circa 2 Wochen im Jahr diesem Projekt zu widmen. Terminlich nicht so einfach. Jede und jeder hat mindestens zwei bis drei andere Projekte am Laufen. Aber dadurch, dass wir uns diese gemeinsame Zeit reservieren und nur in der aktiv sind, gewinnt dieses Projekt auch eine gewisse Exklusivität. Es wird dann zum Beispiel eben nur im Mai gespielt und dann erst wieder im darauffolgenden Jahr.

Thomas Gansch: Es ist ein sehr exklusives Projekt. Und das sollte es auch bleiben zu einem gewissen Grad. Ich sage jetzt einmal voraus, dass es eine Premieren-Tour geben wird und auch eine Abschieds-Tour. Und ob die Abschieds-Tour die nächste ist oder die in zwanzig Jahren, weiß man nicht. Aber ich glaube, es wir für dieses Projekt immer einen Platz geben. Das muss sich jetzt einfach nur ein wenig eingrooven. Und wir haben Zeit, wir brauchen uns keinen Stress machen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Ternai

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Alpen & Glühen live
23.05.22 Kirche Dornbirn-St. Martin, Dornbirn (AT)
24.05.22 Kultur+Kongress Zentrum Rosenheim, Rosenheim (DE)
25.05.22 Gustav Mahler Saal Toblach, Toblach (IT)
26.05.22 Treibhaus, Innsbruck (AT)
27.05.22 ZOA Festival, Ardagger (AT)
28.05.22 Keine Sorgen Saal, Ried im Innkreis (AT)
29.05.22 Congress Graz, Graz (AT)
30.05.22 Grenzlandheim, Bleiburg
31.05.22 Wiener Konzerthaus, Wien (AT)

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