Bild Wolfgang Moestl
Wolfgang Möstl (c) Beate Ponsold

„Während des Lockdowns habe ich dann allerdings zum Spaß mal wieder eine der Sessions von ‚Ecco‘ aufgemacht […]“ – WOLFGANG MÖSTL (MILE ME DEAF) im mica-Interview

WOLFGANG MÖSTL ist ein klassischer Tausendsassa und hat mittlerweile so viele musikalische Projekte, die die österreichische Subkulturlandschaft prägen, wie kaum ein anderer. MILE ME DEAF ist sein am längsten bestehendes und noch aktives Projekt und mit „Ecco“ (Siluh Records) erschien soeben ein Album, dass nicht mehr „Möstl“ sein könnte – und doch eine schwere Geburt hatte. Im Gespräch mit Sebastian J. Götzendorfer sprach er über neue Lebensabschnitte, „weirde“ Blockflöten-Samples und das Kindische an „teenage angst“.   

Bei „Ecco“ war angeblich zu Beginn nicht klar, ob es tatsächlich zu einer Veröffentlichung kommt oder ob die Musik für immer auf deinem Rechner schlummern wird. Was hat dich dann doch dazu bewogen, das Album zu veröffentlichen?

Wolfgang Möstl: Ich bin nicht so der Musiker, der Sachen zurückhält. Ich glaube, zu dem Zeitpunkt, als ich diese Zweifel hatte, wollte ich in dieses Projekt keine Zeit mehr investieren und es mal auf Eis legen – obwohl dieses Album fertig war. Ich hatte andere Sachen, in die ich mehr Zeit investieren wollte. Die Vorstellung, mit Mile Me Deaf wieder auf Tour zu gehen und diesen ganzen Wahnsinn wieder mitzumachen, Platte pressen etc., war keine prickelnde. Ich mache vom Songwriting über das Mastering bis hin zur Plattengestaltung ja alles selbst, was sehr zeitintensiv ist. Und letztes Jahr, als ich das Album nicht veröffentlichen wollte, hatte ich viel mehr Lust auf andere Projekte, wie etwa meine neue Band Æther Kombo.

Ich bin auch in der glücklichen Lage, dass es nichts macht, wenn von einem Projekt mal nichts kommt. Während des Lockdowns habe ich dann allerdings zum Spaß mal wieder eine der Sessions von „Ecco“ aufgemacht und davon was auf Instagram gepostet. Darauf hat dann Alex Gordon von den „Abbey Road Studios“, der das Album dann letztlich gemastert hat, gemeint, dass er das unbedingt mastern möchte. Das war dann ein Anstoß, einmal etwas nur als digitales Album rauszubringen, wobei es das Album jetzt zusätzlich auch als limitierte Kassette gibt. Auch dadurch, dass es damals so gewirkt hat, als würde es länger nicht möglich sein, Live-Konzerte zu spielen, dachte ich, so ein digitaler Release biete sich an. Ich habe immer wieder bereits digitale Singles rausgebracht, bei denen keine Tour oder eine Umsetzung mit der Band dahintersteckte, und dieses Unverbindliche hat mir schon gut gefallen.

Bei einem Album schuldet man dem Label schon auch immer Konzerte und Platten, die man verkauft. Durch die Geburt meines Kindes und dem vorübergehenden Lebenswechsel aufs Land hat sich auch einiges geändert. Vor dem letzten Sommer haben wir mit Mile Me Deaf noch mal ein paar Konzerte gespielt, das war zwar lustig, hat sich aber dann anders angefühlt. In diesem neuen Modus, viel Zeit und Arbeit zu investieren, wollte ich dann kurzzeitig nicht. Es gibt vier reguläre Mile-Me-Deaf-Alben – beziehungsweise jetzt doch fünf – und das ist eine Zahl, wo sich auch bei vorherigen Bands immer abgezeichnet hat, dass mal eine Pause notwendig ist. Und ich finde das angenehm. Alle paar Jahre einen Punkt zu machen und dann wieder frisch mit etwas Neuem anzufangen. Gerade bei Mile Me Deaf ist das umso mehr so, denn dieses Projekt gibt es schon so lange und es hat sich immer wieder in andere Richtungen entwickelt. Das fand ich immer cool und ich dachte, dass ich das immer so weitermachen möchte und dass sich jedes Album immer anders anhört. Die meisten Leute nehmen das allerdings nicht an. Für viele sind Mile Me Deaf diese Indie-Rock Band mit vier dudes und denen ist es dann wurscht, wenn ein neues Album in eine Synth-Pop-Richtung geht.

Das bringt mich zur nächsten Frage. Man kann, ohne sich weit aus dem Fenster zu lehnen, behaupten, dass sich Mile Me Deaf stilistisch ziemlich verändert hat. Als Musikjournalist kommt man immer in die Not, Schubladisierungen vorzunehmen und Genre-Stempel aufzudrücken. Wenn du selbst ein Musikjournalist wärst, in welchem Genre würdest du Mile Me Deaf aktuell verorten?

Wolfgang Möstl: Im weitesten Sinne ist es schon Pop-Musik. Man kann es aber sicher auch in eine Psychedelic-Ecke stellen – damit habe ich kein Problem. Diese Psych-Pop-Zuschreibung zieht sich jetzt schon seit ein paar Jahren. Es ist echt schwierig, weil das alles immer nur kurz stimmt. Mit dem aktuellen Album würde ich schon Begriffe wie Psychedelic, Funk, Chill-out oder Hip-Hop-Beats in den Raum stellen. Unterm Strich also Synth-Psychedelic-Pop [lacht]. Mich stört das aber auch nicht und ich empfinde es nicht als einschränkend. Ich finde das ja selber auch zur Einordnung anderer Bands cool. Ich habe mit Schubladisierungen also kein Problem. Wenn man sich was anhört, wird man eh entweder bestätigt oder eines Besseren belehrt.

Es ist irgendwo auch einfach ein Teil der Musikliebhaberei, sich über Sub-Sub-Genres Gedanken zu machen, auch wenn es letztlich nicht so wichtig ist.  

Wolfang Möstl: Ja, sicher. Ich denke mir Genres auch gern quasi aus – also Bandkonzepte überlegen, die diese und jene Musikrichtung mit dieser und jener kreuzen. Das ist auch lustig.

Kommen wir zurück zu dem, was mit solchen Begriffen letztlich beschrieben wird. Ist dein primäres Songwriting-Tool eigentlich nach wie vor die Gitarre oder mittlerweile der Synthesizer?  

Bild Wolfgang Möstl
Wolfgang Möstl (c) Beate Ponsold

Wolfgang Möstl: Bei „Ecco“ ist das zu hundert Prozent der Synthesizer. Beim vorherigen Album „Alien Age“ gab es ein paar Songs, wo ich mit Gitarre etwas hinzugebaut habe. Bei dem Album jetzt gibt es nur bei zwei Nummern eine perkussive Gitarre. Das unterscheidet dieses Album auch von den vorigen. Seit „Alien Age“ habe ich begonnen, Klavier zu spielen und solche Online-Lessons bei Leuten, die es halt wirklich können, genommen. Das sind auch tatsächliche Übungen im Songwriting an den Tasten. Mitunter auch dadurch ist für dieses Album alles am Synthesizer beziehungsweise am Klavier entstanden.

Wenn man sich das Album anhört, hört es sich nach einem Menschen an, der im Keller sitzt und allein Musik macht. Stimmt das?  

Wolfgang Möstl: Genau. Ich habe es irgendwie nach „Alien Age“ schwierig gefunden, wieder etwas zu machen, weil es für mich persönlich kreativ irgendwie ein Höhepunkt war. Ich habe dann gemerkt, dass ich mir schwertue, noch etwas Weiteres zu sagen. Der Prozess war dann aber ähnlich, ich bin in einem kleinen Studio in einer Wohnung in Wien gesessen. Mir hat irgendwie auch ein bisschen die freshness gefehlt – es war ziemlich gleich wie beim letzten Album. Aber ja, ich habe alles allein in meinem Kammerl zusammengeflickt.

„Es gibt richtig gute Major-Pop-Songs. Ich kann es dann aber irgendwie doch nicht mit meinem Zugang zur Musik vereinen.“

Ein Alleinstellungsmerkmal des Albums ist für mich der Kontrast aus eingängigen Melodien – insbesondere bei den Vocals – und eigenbrötlerischem Unterbau.  

Wolfgang Möstl: Ja, das ist halt einfach mein Zugang zu Musik und der wird sich vermutlich nie ändern. Tatsächlich habe ich teilweise versucht, so richtig fette Pop-Songs zu schreiben. Irgendwie schaffe ich es dann aber doch nicht, dafür das hundertprozentige Commitment aufrechtzuerhalten. Es gibt richtig gute Major-Pop-Songs. Ich kann es dann aber irgendwie doch nicht mit meinem Zugang zur Musik vereinen. Es wird bei mir doch immer diese weirdness dabei sein.

Empfindest du diesen Kontrast also als eher zufällig oder ist das schon so geplant?  

Wolfgang Möstl: Das ist schon so geplant. Beziehungsweise bis zu einem gewissen Grad kann ich auch nichts anders. Ich brauche diese edginess – vor allem bei meiner eigenen Musik. Wenn ich jemanden produziere, ist das natürlich anders. Bei der eigenen Musik, wenn ich zum zwanzigsten Mal den Durchlauf höre, wird es mir oft zu fad und zu glatt und dann muss ich noch irgendeinen Ringmodulator drübergeben oder irgendetwas, was das Ganze etwas weirder macht.

Eine Analogie, die mir bei „Ecco“ durch den Kopf ging, ist aus der Filmwelt. Es erinnert mich ein wenig an ein A-Movie, das damit kokettiert, ein B-Movie zu sein. Also eine gute Produktion, die mit etwas weniger Wertigem liebäugelt. Kannst du damit etwas anfangen?  

Wolfgang Möstl: Das ist ein sehr guter Vergleich [lacht]. Wie diese Grindhouse-Features. Ich habe die letzten Jahre auf der Produktionsseite sehr viel dazugelernt, auch durch die ganzen Bands, die ich produziere und mit denen ich zusammenarbeite. Ich bin halt durchgehend am Herumschrauben und man wird dann unweigerlich besser in dem, was man macht.

Wenn wir schon beim Thema Produktion sind. Du produzierst mittlerweile sehr viele Bands und hast einen gewissen Ruf. Was sind denn deiner Meinung nach die Trademarks einer „Möstl-Produktion“?  

Albumcover Ecco
Albumcover “Ecco”

Wolfgang Möstl: Zunächst einmal nichts Soundästhetisches. Aber was ich immer zu hören bekomme, ist, dass ich im Studio der Ruhepol bin und darauf schaue, dass alles entspannt abläuft und die Leute sich kreativ entfalten können. Das habe ich sicher durch meine eigenen Erfahrungen mit den Bands in den Studios gelernt. Sobald es irgendwie stressig wird und man sich angeht, geht nämlich kreativ gar nichts mehr. Es gibt doch einige Produzentinnen und Produzenten, die sich da dann völlig raushalten – à la „Das müsst ihr euch ausmachen.“ Ich empfinde es aber schon sinnvoll, da dann diplomatisch zu vermitteln und dabei zu helfen, Entscheidungen zu treffen. Das habe ich von den Bands echt schon oft gehört, dass bei mir eine schöne, angenehme Stimmung herrscht und dadurch die creative juices fließen.
Soundästhetisch leben meine Produktionen, glaube ich, von diesen kleinen Spielereien und diesen „weirden“ Soundsamples, die man irgendwo einbaut, beispielsweise um drei Oktaven runtergepitchte Blockflöten. Dieser „weirde“ Zugang, den ich bei meiner eigenen Musik habe, fließt natürlich auch bei den von mir produzierten Sachen ein, auch wenn er mitunter nur so unterschwellig dahinwabert. Generell bin ich sicher auch jemand, der gern zuerst einer Band zuhört, ohne gleich dagegenzureden, auch wenn das womöglich manchmal der erste Impuls ist. Ich gehe also eher zuerst davon aus, dass ich falsch liege und nicht die Band, da sich die Band mit der Idee oder dem Song sicher länger auseinandergesetzt hat als ich. Die Idee ist also, zuerst mal aufgeschlossen zuzuhören, um etwas zu verstehen oder dann eben herauszufinden, ob es wirklich eine blöde Idee ist.

„Irgendwann ist mir diese Art Songs zu schreiben, wie ich es früher gemacht habe, einfach zu kindisch gewesen.“

Gab es in der Geschichte von Mile Me Deaf selbst irgendwann einen Punkt, an dem sich der Stellenwert von Texten versus Musik für dich verschoben hat?  

Wolfgang Möstl: Na ja, die Lyrics sind schon immer wichtiger geworden. Insbesondere ab dem Zeitpunkt, an dem ich es gut fand, einen Bogen um ein ganzes Album zu spannen. Dann überlegt man sich halt auch: „Das letzte Album hat von diesem und jenem gehandelt, was wäre nun ein logischer Schritt für ein nächstes?“ Meine ersten Texte waren halt einfach teenage angst und post-teenage angst: Man regt sich über irgendetwas auf oder meckert über seine Probleme, die in Wirklichkeit keine sind. Ich glaube, irgendwann wird man auch zu alt für sowas. Das war zumindest bei mir so. Irgendwann ist mir diese Art Songs zu schreiben, wie ich es früher gemacht habe, einfach zu kindisch geworden. Es ist nach wie vor alles sehr kryptisch und verschwurbelt, aber es sind heutzutage mehr logische Stellen und direkte cues drinnen. Das bringt mich darauf: Vielleicht sollte ich echt irgendwo mal die Texte online stellen?

Das bringt mich zu den – laut Pressetext – Themen des aktuellen Albums, nämlich Repetition und Loops. Der deutsche Kulturwissenschaftler Diedrich Diederichsen meinte mal zu Loops: „Man kann jederzeit zusteigen, ohne etwas verpasst zu haben, und aussteigen, ohne etwas verpassen zu werden.“ Entspricht das auch deinen Ideen zu dem Thema?  

Wolfgang Möstl: Na ja, für mich ist es primär darum gegangen, dass ich mich wiederhole und sich Dinge beim Songwriting wiederholen. Ich hatte auch schon immer diese Schleife: Album schreiben, auf Tour gehen, nächstes Album schreiben. Da sich meine Lebensumstände jetzt aber verändert haben, gab es hier erstmals automatisch eine Pause. Genau dadurch ist mir aber bewusst geworden, dass ich bei dem Projekt immer die gleichen Abläufe habe und auch immer wieder die gleichen Fehler begehe – wirklich bei jedem Album. Es geht für mich also mehr darum, dass man im Leben immer die gleichen Fehler macht. Gleichzeitig ist „Ecco“ auch eine Weiterführung der dystopischen Ideen von „Alien Age“. Gerade in der Musik arbeitet man aber auch mit sehr vielen Wiederholungen, eben Loops, Samples etc. Und das war so die grobe Grundstimmung, die ich damit einfangen wollte.

„[…] die Musik, die ich schon immer in meinem Kopf höre.“

Weil das mit deinen neuen Lebensumständen nun schon ein paar Mal gefallen ist: Inwiefern hat die Geburt deines Kindes deinen Zugang zum Musikmachen verändert?  

Wolfgang Möstl: Zum Musikmachen gar nicht so spezifisch. Es ändert eher generell die Sicht auf die Welt. Im Hinblick auf das Musikmachen hat es sich eher in praktischer Hinsicht ausgewirkt, man muss plötzlich fokussierter arbeiten, anstatt tagelang so dahinzuwerkeln. Jetzt habe ich viel eher bestimmte Tage, die dafür zur Verfügung stehen, und dafür bereite ich mich dann vor und versuche, sie gut zu nutzen. Der Kleine ist ja auch gerade mal achteinhalb Monate alt. Es ist alles noch sehr frisch, aber es hat sicher ganz prinzipiell meine Kreativität „geboostet“. Ich habe seitdem schon zwei Alben geschrieben. Da merke ich also schon etwas. Es ist schon sehr inspirierend, wie ein kleines Butzerl, das anfangs gar nichts kann, dann Sachen lernt und begreift. In ein paar Jahren kann ich aber sicher mehr dazu sagen [lacht].

Du bist ein subkultureller Tausendsassa mit Projekten wie Sex Jams, Killed by 9V Batteries, Melt Downer, Voyage Futur und eben Mile Me Deaf. Kannst du sagen, in welchem dieser Projekte am ehesten deine künstlerische Essenz steckt?  

Wolfgang Möstl: Ich glaube, es ist tatsächlich Voyage Futur. Ich konnte beim Musikmachen noch nie so loslassen, wie bei diesen Ambient- und New-Age-Songs. Bei Mile Me Deaf gibt es doch immer diesen Hintergedanken, dass es irgendjemandem gefallen soll. Man muss Leute „pleasen“. Die Alben sollen auch miteinander irgendwie Sinn ergeben. Bei Voyage Futur ist das Musikmachen echt sehr befreit. Das ist sozusagen die Musik, die ich schon immer in meinem Kopf höre. Ich würde das also schon als meine Essenz bezeichnen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Sebastian Götzendorfer

Links:
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Siluh Records