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Vorschau auf Wien Modern 2016

Bald geht es wieder los: Wien Modern bespielt ab dem 30.10.2016 mit 55 Ur- und Erstaufführungen 21 Orte in ganz Wien. Heinz Rögl gibt eine Übersicht über das weitläufige Programm.

Bereits am Donnerstag vergangener Woche luden Wien Modern und sein künstlerischer Leiter Bernhard Günther zum Pressegespräch in die Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien am Schillerplatz, um gemeinsam mit Gästen, die heuer prominente Mitwirkende des Festivals sein werden, weitere Einzelheiten des Programms zu präsentieren.

Ab nächstem Sonntag lädt Wien Modern zuallererst zu einer szenischen Produktion für junges Publikum (Georg Friedrich Haas: „das kleine ICH  BIN ICH“)  in den Dschungel Wien. Das eigentliche Eröffnungskonzert ist dann im Konzerthaus mit dem RSO Wien am 3. November mit Werken von Krzysztof Penderecki, dem neuen Posaunenkonzert von Georg Friedrich Haas und der Vierten Symphonie von Jorge E. López.

Hier sollte eine Bild von Georg Friedrich Haas stehen, (c) Substantia Jones
Georg Friedrich Haas (c) Substantia Jones

Dann steht Wien einen ganzen Monat lang im Zeichen der Neuen Musik. Mit 55 Ur- und Erstaufführungen in 21 Spielstätten will Wien Modern als eines der weltweit größten Festivals seiner Art den heutigen Stand der zeitgenössischen Musik und im Besonderen auch  ihre (Wiener) Vorgeschichte präsentieren. Es wäre nicht Bernhard Günther, der als erster mica – musicaustria Fachreferent für Neue Musik und einstiger Autor und Herausgeber des mica-Lexikons zeitgenössischer „Musik aus Österreich“ (das den Grundstock der mica-Musikdatenbank bildete), würde er nicht auch bei der nunmehr zweiten Programm-Präsentation des Festivals dem bereits erschienen handlichen Katalog zwei weitere voluminöse Bände von Essays (dem eigentlichen Almanach) und einem „Von A – Z“-Band der bei Wien Modern vertretenen Kunstschaffenden, InterpretInnen und KomponistInnen vorgestellt haben.

Bild Bernhard Günther
Bernhard Günther (c) Nafez Rerhuf

Mit Veranstaltungen im Stephansdom und im Zentralfriedhof, mit Musik von zahlreichen Wiener und Wahlwiener Komponistinnen und Komponisten von Mahler und Schönberg bis zu Jorge. E. López, Pierluigi Billone und vielen anderen gibt sich das Programm heuer betont generationenübergreifend wienerisch. Die Programmdetails können übersichtlich und  chronologisch gruppiert auf der Website von Wien Modern (www.wienmodern.at) abgerufen werden.

Die aufs Podium geladenen Gäste machten den Programm-Überblick bei der Pressekonferenz kurzweilig und spannend. Da erzählte Burgschauspieler Peter Simonischek, der mit den Wiener Philharmonikern unter Peter Eötvös als einer der handelnden Personen von dessen weltlichen „Halleluja“-Oratorium“ nach einem Text des kürzlich verstorbenen Péter Esterházy auftreten wird, wie er die Rolle des schwatzhafter Erz

ählers anlegen will, während ein stotternder Tenor-Prophet, dessen Vorhersagungen oft schon eintreten, bevor er sie zu Ende gesprochen hat oder Iris Vermillion als weltlicher Himmelsbote neben ihm agieren,   und dazu der Chor überblendete Halleluja-Zitaten quer durch die Musikgeschichte singen wird.

Franziska Adensamer, die Trägerin der Hauptrolle in das kleine ICH  BIN ICH erzählte von der Inszenierungsarbeit mit Nora und Michael Scheidl bei der Haas-Vertonung von Mira Lobes berühmten Bilderbuch, bei dem das Klangforum Wien mitwirken wird, Martina Fleischer über die Präsentation von Hieronymus Boschs Weltgerichtstriptychon im Projekt „Excuse my dust“ in der Gemäldegalerie, Anna Clare Hauf über die Auslotung der Möglichkeiten der Stimme in Pierluigi Billones „FACE“, das im Semperdepot zur Uraufführung gelangen wird, Posaunist und Dirigent Daniel Riegler vom Studio Dan über das zweite Theaterprojekt im Dschungel Wien „Planet Globokar“ des Komponisten Vinko Globokar. Und nicht zuletzt kam auch Eva Reiter als Preisträgerin des Erste Bank Kompositionspreises über ihr neues Werk „Noch sind wir ein Wort…“ zu Wort, das sie als Solistin und Performerin an der Paetzold-Subbassflöte gemeinsam mit Uli Fussenegger am Kontrabass und dem Klangforum Wien uraufführen wird.

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Eva Reiter (c) Nafez Rerhuf

Starke Solos und Schwerpunkt Streichquartett

Als Solistin ist Reiter auch in einem „Late Night“ am 18.11. im Elektro Gönner zu erleben. Als weiteres Solo ist Georg Nussbaumers Klavierinstallation „Eine Winterreise“  im Foyer des Konzerthauses ein dort aufgestelltes, von Eis bedecktes Klavier, das sich selbst performen wird.  Auf dem Klavier, eingefroren im vulkanischen Winter des „Jahres ohne Sommer“ 1816, wird eine „Winterreise“ gespielt, bis die Saiten im Lauf einiger Tage schließlich freigeschmolzen sind. Der Starpianist Nicolas Hodges wird die 20 musikalischen Kontemplationen zur Geburt Jesu (Vingt regards sur l’enfant Jésus) aus dem Jahr 1944 in ihrer Gesamtheit aufführen (27.11.), am selben Tag wird zuvor auch Klaus Langs Orgelmatinee in der Kirche am Zentralfriedhof mit Eigenkompositionen und unter anderem mit Erik Saties „Messe der Armen“ eindrückliche Momente vermitteln. Giorgio Nettis „Ciclo di ritorno“, ein  Zyklus für Viola solo und im Raum verteilte Lautsprecher wird die Bratschistin Anna Spina zu später Nacht im Stephansdom zur Aufführung bringen (6.11.) und auch Billones „Sgorgo“-Soloprojekt für E-Gitarre wird mit dem Interpreten Yaron Deutsch für Furore sorgen (5.11., Semperdepot).

Anna Spina (c) Palma Fiacco
Anna Spina (c) Palma Fiacco

Sämtliche Streichquartette von Arnold Schönberg, Sir Harrison Birtwistle und Dmitri Schostakowitsch stehen auf dem Programm von Wien Modern – letztere in einer 80-minütigen Simultanaufführung mit 15 verschiedenen Streichquartett-Ensembles im ausgeräumten Großen Saal des Wiener Konzerthauses (11.11.). Die „Partitur“ dafür erstellte Bernhard Günther, in der Mitte des Saals werden das Arditti Quartet und das JACK Quartet die Nummern 15 und 14 spielen. Das New Yorker JACK-Quartet wird am 12.11. auch das 9. Streichquartett von Georg Friedrich Haas im völlig verdunkelten Saal im Konzerthaus spielen, am selben Abend wird auch Haas’ „Hyena“ mit dem Klangforum Wien und mit  Mollena Lee Williams-Haas als „Storytellerin“ aufgeführt.

Das Pariser Quatuor Diotima führt – wie einst nach dem Wunsch des Komponisten in Los Angeles das Kolisch-Quartett– die vier Streichquartette von Arnold Schönberg, gefolgt von Beethovens späten Quartetten, von 16.-19.11. im Mozart-Saal des Konzerthauses sowie im Brahms- und Gläsernen Saal des Musikvereins auf. Das Londoner Arditti Quartet spielt erstmals, auch in Anwesenheit des 81-jährigen Komponisten,  alle drei Streichquartette von Harrison Birtwistle; eines davon, nämlich „Pulse Shadows. Nine Settings of Celan interleaved with nine Movements for String Quartet“ wird gemeinsam mit dem Klangforum Wien und der Sopranistin Claron McFadden aufgeführt.

Sir Harrison Birtwistle (c) Hanya Chlala
Sir Harrison Birtwistle
(c) Hanya Chlala

Zahlreiche Kooperationen

Das IGNM-Projekt „Comprovise wird sich vom 19. bis 21.11. im Brick-5 nach einem von Tiziana Bertoncini, Thomas Lehn, Nina Polaschegg und  Bruno Strobl erstellten und organisierten Programm – einem internationalen „Festival im Festival“ – um komponierte und improvisierte zeitgenössische Musik  drehen: Es geht um Wechselwirkungen geplanter und spontaner Musikerzeugung. „Während die erste Ausgabe 2009 in Köln im solistisch besetzten Kleinformat stattgefunden hat, präsentiert sich die diesjährige zweite Ausgabe in einem umfangreicheren Programm, das auch langjährig erfahrene Ensembles unterschiedlicher Besetzungsstärken mit einbezieht. Über drei Konzertabende erstrecken sich acht Konzertteile auf diesen Fokus. In fünf ergänzenden Programmteilen werden in Vortrag, Podiumsdiskussion, sowie Interludien mit Künstler(innen)-Gesprächen und Werkeinführungen die Thematik vertiefend reflektiert“, schreibt Nina Polaschegg.

Das ensemble]h[iatus und das Bläsertrio The Contest of Pleasures gestalten den ersten Abend unter anderem mit Kompositionen von Peter Jakober und Jennifer Walshe, am zweiten Tag dieses Festivals agieren die Ensembles Les Femmes Savantes (Sabine Ercklentz, Andrea Neumann, Ana Maria Rodriguez, Ute Wassermann),  PHACE (Aufführungen von Jorge Sánchez-Chiong, Gerhard E. Winkler) und stock 11 (Mark Lorenz Kysela,  Christoph Ogiermann,  Michael Maierhof), sowie spätnachts Tim Hodgkinson an Klarinette, Lap-Steel-Gitarre und Elektronik mit Alfred Zimmerlin am  Violoncello. Tag 3 gehören Kompositionen und Improvisationen von Katharina Klement sowie weiteren Aufführungen mit dem Asasello Quartett.

Katharina Klement (c) Rania Moslam
Katharina Klement (c) Rania Moslam

Weitere Kooperationen gelten der dreiteiligen Reihe „Excuse my Dust“ des Vereins .akut in der Alten Schmiede am 13.11., im Odeon am 14.11. und in der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste am 25.11., einem Porträt von Gerhard Rühm (Alte Schmiede 13.11.), weiters die experimentelle Musiktheater-Trilogie Ökonomien des Handelns im brut (24., 26., 28.11). Statt eines mehr oder minder abgeschotteten Symposions gestaltet die Musikuniversität (mdw) diesmal unter neuer Patronanz an verschiedenen Orten etliche Gespräche und Begleitveranstaltungen als „mdw Rahmenhandlung“.

mica-focus bei WIEN MODERN am 14.11.

Auch mica – musicaustria kooperiert mit Wien Modern heuer wieder mit einem mica-focus unter dem Titel „I just can’t read that map!Über Anleitungen zum Hören Neuer Musik und den Wert musikalischer Naivität“. Erklärungen von Musik bedienen sich unausweichlich des Metaphorischen – mapping the unmappable. Aber ist neue Musik überhaupt kartographierbar? Unter der Moderation von Philip Röggla werden darüber Karlheinz Essl, Margit Painsi und Mia Zabelka am Montag, den 14. 11. ab 17.00 Uhr ein Gespräch führen.

Bild Mia Zabelka
Mia Zabelka (c) Sasa Felsbach

Das Programm dazu formulieren die mica-Veranstalter so: „Was muss man eigentlich wissen um Neue Musik zu hören? Oder doch besser gar nichts?

Jenen, die Neuer Musik mit einer gewissen Skepsis gegenüberstehen, wird oft geraten, sie sollten sich zuerst einmal einhören. Hier ist ein Vorgang gemeint, der neben der Gewöhnung insbesondere auch ein Kennen- und Verstehen-Lernen beinhaltet. In der ernsten Musik sind Verständnishilfen weit verbreitet – so z.B. Programmhefte, Einführungsvorträge oder Werkkonzepte, die von den KünstlerInnen gleichsam als Navigationshilfen den eigentlichen Veranstaltungen nebenangestellt werden.

Gleichzeitig wird dem Erwart- und damit Navigierbaren ein Strich durch die Rechnung gemacht. In Kompositionen werden zufällige Prozesse genützt, in Improvisationen wird danach getrachtet, dem Formellen zu entkommen und nicht zu Letzt gleicht keine Interpretation der anderen. Es lässt sich aber auch ganz generell fragen: Bereichert so ein Reiseführer das Entdecken unbekannter Neuer Musiken? Kann die Naivität einer Offenohrigkeit vielleicht ermöglichen Musik so zu hören, wie noch niemand davor? Oder ermöglicht gerade erst informiertes Hören selbst durch die Vielfalt zu navigieren?

Für mica – musicaustria und Wien Modern diskutieren darüber ein performender Kompositionsprofessor (Karlheinz Essl), eine komponierende Performerin (Mia Zabelka) und die Musikpsychologin Margit Painsi“.

Heinz Rögl

 

Die Wien Modern Webseite: http://wienmodern.at/