Bild Siamese Elephants
Siamese Elephants (c) Jonathan Panhofer

„Vielleicht machen wir ja doch Post-Indie-Rock“ – SIAMESE ELEPHANTS im mica-Interview

Mit „Few Problems“ (Seayou Records) springt die Wiener Band SIAMESE ELEPHANTS aus ihren Chelsea Boots und landet in weißen Sneakers. Indie-Klischees bedienen ALEX KRIZ, AREG BARSEGHIAN, MARKUS SCHWARZ und OMAR ABDALLA 2020 keine mehr, dafür schicken sie Gitarrenrock auf eine Reise – zurück in die Zukunft, um die Riffs von morgen mit den Problemen von heute durch einen Verstärker zu jagen. Bevor in diesem Jahr das Debütalbum erscheint, sprechen SIAMESE ELEPHANTS über den ironischen Blick auf eine Generation, die Instagram-Hektik in ihrer neuen Single und über die Frage, was Indie-Rock mit Authentizität zu tun hat.

Wisst ihr, dass euch eine Elektrokette im November 2019 zum Newcomer der Woche gewählt hat?

Markus Schwarz: Ja, das haben wir mitbekommen, allerdings relativ spät – da war die Woche schon längst wieder vorbei.

Für eine Band, die es seit 2014 gibt, ist das auch krasses Understatement, oder?

Alex Kriz: Dazu gibt es eine passende Konversation in den YouTube-Kommentaren unter einem unserer Musikvideos. Dort hat uns auch jemand als Newcomer bezeichnet. Ein anderer User hat darauf geantwortet: „Are you kidding me? They’ve existed so long, they’re close to retirement“.

Markus Schwarz: Wir fühlen uns eher als Newcomer als der Bandpension nahe. Es gibt uns seit einigen Jahre aber wir haben diese Zeit gebraucht, um musikalisch zusammen zu wachsen und bei vielen kleinen Gigs Live-Erfahrung zu sammeln. Außerdem gab es in unserer Bandgeschichte einen Schnitt, als Nicolai [Kozlov, Anm.], unser ursprünglicher Bassist die Band verließ, um nach Deutschland zu ziehen. Das war, nachdem unsere Debüt-EP „About Astronauts“ fertig produziert war. Nach einer kurzen Phase der Ungewissheit fanden wir mit Omar einen neuen Bassisten, der frischen Wind und neue Einflüsse mitbrachte. In der neuen Besetzung haben wir sofort begonnen, am Debütalbum zu arbeiten und waren unglaublich produktiv. Es hat sich für uns wie ein Neustart angefühlt.

Letztes Jahr habt ihr eine EP bei Seayou Records veröffentlicht. In diesem Jahr folgt das Album. Gerade ist mit „Few Problems“ die erste Single erschienen. Wo steht ihr als Band?

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Siamese Elephants (c) Jonathan Panhofer

Areg Barseghian: Leider grad nicht auf der Bühne.

Omar Abdalla: Ja, dafür aber auf jeden Fall im Studio, wo wir viel an unserem Debüt-Album arbeiten, das für Herbst 2020 geplant ist, wenn die Umstände das zulassen.

Alex Kriz: Es ist grad ein bisschen so wie bei den Beatles in ihrer Endphase – wir nehmen alle getrennt im Studio auf und hören erst am Ende, was dabei herauskommt. Produzent Mario Fartacek überwacht das Ganze. Im Vergleich zu den Beatles ist es bei uns aber eher der Start und nicht das Ende.

Omar Abdalla: Leider verbringen wir vorsichtshalber die Studiozeit nicht alle gemeinsam, weil wir mit unseren Produzenten und Mischern Mario und Alex [Lausch; Anm] sechs Personen auf engem Raum wären. Aber die Songs sind schon fertig geschrieben und ausgecheckt, das funktioniert also auch so. Über WhatsApp und Zoom tauschen wir uns dann über Details aus.

Areg Barseghian: Und das Proben konnten wir inzwischen – mit Abstand – auch wieder angehen.

„Rock ist die Komponente, die uns alle verbindet.“

Ihr seid laut eigenen Aussagen mit dem Indie-Rock-Revival der 2000er aufgewachsen. Wie spiegelt sich das in eurer Musik wider?

Alex Kriz: Ich habe als Teenager Stunden damit verbracht, Konzertmitschnitte von Bands wie den Arctic Monkeys auf YouTube anzusehen. Dabei fand ich die Energie, die solche Bands auf die Bühne bringen, immer faszinierend – vor allem die Connection mit dem Publikum, das ganze Strophen und Gitarrenriffs mitsingt. Sowas wollte ich unbedingt auch mit meiner Band kreieren. Vielleicht sieht man da einen Einfluss im Songwriting.

Omar Abdalla: Ich bin mit vielen Genres aufgewachsen: von Metal zu Psychedelic Rock bis hin zu Oriental-Jazz und Neo-Soul. Ich glaube, dass Musik ein großes Spektrum ist, mit dem man sich in unterschiedlichen Zeiten immer woanders befindet. Wenn man musiziert, nimmt man von allem ein bisschen was raus.

Areg Barseghian: Ich wurde durch die großen Einflüsse von meinem Vater wie z.B. Al Di Meola oder Jimi Hendrix geprägt. Mein Vater, der selber klassischer Gitarrist ist, hat mir früh die Gitarre in die Hand gedrückt und mich unterrichtet. Ich verdanke ihm meinen musikalischen Werdegang.

Markus Schwarz: Bei uns kommen viele unterschiedliche Einflüsse zusammen, die schon lange nicht mehr auf Rockmusik beschränkt sind. Rock ist einfach die Komponente, die uns alle verbindet und immer da war, sozusagen unsere gemeinsame musikalische Muttersprache.

Indie-Rock ist – sofern man davon ausgeht, dass er jemals weg war – spätestens mit der Auferstehung der Strokes wieder da. Die alten Chelsea Boots sind allerdings weißen Sneakers gewichen. In „Few Problems“ heißt es bei euch nicht umsonst: „Hate me, judge me / I’m an individual / We’re e all wearing white shoes”. Wiederholt sich alles, nur anders?

Markus Schwarz: Omar trägt immer noch Chelsea Boots!

Omar Abdalla: Ich bin mit 26 Jahren aber auch der Älteste in der Band.

Alex Kriz: Es stimmt schon, dass in der Musik vieles wiedergekäut wird. Zum Beispiel Synth-Sounds aus den 80ern, die sich vor zehn oder 15 Jahren niemand zu verwenden getraut hätte – und jetzt hört man die wieder. Bei Wiederverwendung schwingt trotzdem immer etwas Neuartiges mit. Dasselbe gilt auch für Mode.

Areg Barseghian: Musik entwickelt sich permanent weiter. Mit den neuen Möglichkeiten, Sounds zu produzieren, glauben wir, dass man mit einem „Old-School“-Band-Lineup aus Vocals, Gitarre, Bass und Drums immer noch spannende Musik machen kann. Wirklich cool wird es dann, wenn man mehrere Komponenten miteinander mischt, ohne den Grundgeschmack zu verlieren.

„Natürlich sind wir Teil der Millennials-Generation.“

Der Grundgeschmack kommt bei euch oft über die Wahl der Themen. Ihr sprecht Probleme der Millennials an: Individualisierung, Konsumzwang, Optimierungsdruck. Inwieweit seht ihr euch als Teil dieser oft proklamierten Generation?

Siamese Elephants (c) Jonathan Panhofer
Siamese Elephants (c) Jonathan Panhofer

Alex Kriz: Natürlich sind wir Teil der Millennials-Generation. Diese Themen beschäftigen uns in unserem Alltag immer wieder. Wären wir nicht davon betroffen, hätten wir keinen Song darüber geschrieben – mit der Ausnahme von Konsumzwang, der ist bei uns kein großes Thema. Bei „Few Problems“ wollten wir viele Phänomene unserer Generation aufzählen, mit einer gewissen Hektik, fast schon, als würde man als Hörer*in einen Instagram-Feed durchscrollen und immer wieder neuen Input bekommen.

Markus Schwarz: Wir meinen das nicht so ironisch, wie man vielleicht denken könnte, wenn wir sagen, unsere Generation habe ein paar Probleme. Da sind teilweise schon große Probleme wie die Klimakrise, wirtschaftliche sowie existenziellen Fragen, der Leistungsdruck in unserer Gesellschaft usw. Manche nehmen das mehr, andere weniger wahr.

Alex Kriz: Und dann sind’s aber auch oft die kleinen, eigentlich unbedeutenden Probleme, also sowas wie „First World Problems“, die wir hier ansprechen wollen und manchmal intensiver analysieren, als es vielleicht nötig wäre.

Apropos Ironie – das Thema der kommenden Platte soll einen „ironischen Blick auf die eigene Generation“ abbilden. Wie sieht dieser ironische Blick aus?

Alex Kriz: Die Hauptthemen des Albums sind aktuelle soziale Phänomene, und sozusagen Verhaltensmuster, die uns bei uns selbst und unserer Generation auffallen. Es soll im Grunde ein Konzeptalbum werden, das Geschichten rund um den „Social Club“ erzählt, einen fiktiven Ort, an dem jeder sein will und eigentlich nicht genau weiß, warum. Natürlich ist das eine Anspielung auf Social Media und schon ein Stück ironisch gemeint, wenn wir davon als utopischen Ort singen.

Omar Abdalla: Es ist zwar ein ironischer Blickwinkel, aber vor allem ein selbstironischer.

„Würden wir in Zeiten leben, in der Postironie die Ironie abgelöst hätte, wäre Trump nicht Präsident der USA.“

Was leistet ein ironischer Blick in Zeiten, in denen die Ironie oft nur postironisch behandelt wird?

Markus Schwarz: Es ist manchmal anstrengend, sich selbst und sein Umfeld durchgehend ernst zu nehmen. Ein ironischer Blick schafft ein bisschen Distanz zu sich selbst und zu den Problemen, die man hat. Ich habe angefangen, Dinge cool zu finden, die ich früher ausschließlich ironisch betrachtet hab. Zum Beispiel traue ich mich jetzt, ohne Ironie zu sagen, dass ich „Toxic“ von Britney Spears für einen richtig guten Pop Song halte.

Alex Kriz: Der ist halt auch echt gut!

Omar Abdalla: Würden wir in Zeiten leben, in der Postironie die Ironie abgelöst hätte, dann wäre Trump nicht Präsident der USA.

Wenn es um Genres geht, verweist ihr auf euren „Queen-Approach” – alles kann, nichts muss. Warum muss man heute überhaupt noch über Genres sprechen? Sind wir nicht schon längst post-alles?

Alex Kriz: Ich habe vor Kurzem wieder ein paar Musikmagazine gekauft – in einem Artikel wurden junge, laut Redakteur spannende Indie-Rock-Bands gefeatured. Es ging zu Beginn genau um diese Genre-Frage. Er konnte sie nicht genau beantworten, hat es aber doch auf den Punkt gebracht – indem er anmerkt, dass Indie kein Genre sei, trotzdem aber jeder, der sich damit beschäftigt eine Idee davon hat, wie eine Indie-Rockband klingt.

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Siamese Elephants (c) Jonathan Panhofer

Omar Abdalla: Wer weiß, vielleicht machen wir ja doch Post-Indie-Rock.

Areg Barseghian: Man ist nicht komplett post-alles. Genres existieren nicht umsonst. Man sollte sie nur nicht als unüberwindbare Grenzen ansehen. Bei den Subgenres sind die Grenzen aber zunehmend verschwommen.

Omar Abdalla: Letztlich ist es Popmusik. Das ist wahrscheinlich die konservative Sicht auf die Dinge, wenn man die Musik in Pop, Jazz und Klassik unterteilt.

Würde man es post-ironisch formulieren wollen, wohnt Indie-Rock mittlerweile eine Art H&M-Ästhetik inne. Welche Ästhetik muss eine Rockband heute anstreben, um authentisch zu wirken?

Areg Barseghian: Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Wir denken nicht darüber nach, wie wir authentisch wirken sollen. Wir sind einfach so und verstellen uns nicht, genau wie unsere Musik. Authentischer geht’s eh nicht.

Markus Schwarz: Was sind The 1975 oder Bilderbuch? Auch Rockbands auf eine gewisse Art. Das merkt man sofort, wenn man sie live erlebt – oder wenn sie, wie The 1975, auf einmal einen Song wie „People“ raushauen. Da gibt’s vermutlich keine allgemeingültige Antwort, weil für jede Band etwas anderes authentisch wirkt. Man sollte auf jeden Fall keine Angst davor haben, typischen Rock’n’Roll-Klischees zu widersprechen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Benjamin Stolz, Christoph Benkeser

 

Links:
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Siamese Elephants / Seayou Records (bandcamp)