Bild Viech
VIECH (c) Lucas Gerstgrasser

VIECH – „Heute Nacht nach Budapest“

PAUL PLUT ist ein Musiker, der zumindest in drei Sprachen spricht und singt: im Dialekt düstere Singer-Songwriter-Eigenheiten („Lieder vom Tanzen und Sterben“), auf Englisch hochenergetischen Blues-Punkrock mit seiner Formation MARTA und im verschrobenen Indiepop-Deutsch mit seiner Combo VIECH. Das dritte Studioalbum von letztgenannter Band VIECH mit dem Eskapismustitel „Heute Nacht nach Budapest“ (Phonotron), das am 6. April veröffentlicht wird, wurde im flotten Dreier eingespielt (Paul Plut: Gitarre, Gesang; Christoph Lederhilger: Schlagzeug, Gesang; Martina Stranger: Bass, Gesang)

„DIE KARTEN SIND JETZT NEU GEMISCHT“

Das VIECH steht nun abgeklärt und doch aufgekratzt sechsbeinig am Kanal in Simmering und schaut gedankenschwer aus einem aufgelassenen Bürogebäude mit dünnen Wänden in den dunklen Pophimmel, wo sich die Sterne der Vergangenheit drehen. In diesem kargen Stall wurde an neuem Soundmaterial getüfftelt, das eben diese Reduziertheit zu reproduzieren scheint. Kurzer retrospektiver Einschub:

Vierbeinig, wortgewaltig und meldodiengeschmückt ist das Ur-VIECH 2011 losgelaufen, um dem österreichischen Indie-Pop mit der von Paul Plut und Andreas Klinger gebastelten „PapiersackerlEP“ wohldosiert und wohltemperiert die nötige Portion an Euphorie, Melancholie und Piraterie zu schenken. Es folgte das popmusikpädagogisch wertvolle, selbstbetitelte Albumdebut, mitproduziert unter anderem von Bernhard Fleischmann. Zeitgleich zeigte 2013 Paul Plut gemeinsam mit Günther Paulitsch mit dem Marta betitelten Blues-Punk-Rock Duo, dass er auch die englische Sprache mit seiner bruchrauhen Stimme und Fremdtexten von Julia Hager zu beseelen vermag.

„JEDER TUT HALT WAS ER KANN“

2016 am Höhepunkt der Euphorie rannte das VIECH sogar zehnbeinig und fünfköpfig (Paul Plut, Andreas Klinger-Krenn, Christoph Lederhilger, David Reiterer, Stephan Paulitsch) „YEAH“-schreiend durch die Lande, nun scheint sich eine posteuphorische Stimmung breit zu machen. Mit dem dritten Studioalbum „Heute Nacht nach Budapest“ wird die Suche nach der verlorenen (Un)Schuld zelebriert und im Gedächtnis der HörerInnen werden Sätze wie die folgenden einzementiert: „Schlaf ein mit deiner Idee von mir. Morgen ist sie weg so wie wir.“ oder „Ich wär gerne eine Straßenbahn. Da wärs ok im Kreis zu fahren.“ oder „Ich fühl mich wie ein Möbelstück. In deiner Scheiß-Idee von Glück.“ oder „Legt euch zu mir auf den Boden. Dann sind wir Luft für Demagogen.“ oder „Unser Schiff das hat ein Leck. Du stopfst es zu mit Gehsteigdreck.“ oder „Unsere letzten Jahre wie Schnecken unter Sandalen.“ oder „Schimpfst du sie naiv, rollt deine Büste auf der Kegelbahn.“ oder „Sänger sing was Schönes, sing von dir und deinen leeren Koffern.“ oder …

„EINEN STEIN VOM MOND DURCHS FENSTER“

Albumcover Heute Nacht nach Budapest
Albumcover “Heute Nacht nach Budapest”

Eindringlich-verzerrt und schaurig-schön wird 2018 im gemächlichen Tempo traurig Bilanz gezogen. Zehn schroffe Indierock-Song-Skulpturen wurden von dem steirisch-oberösterreichischen Trio, bestehend nun aus Paul Plut, Christoph Lederhilger und Martina Stranger, aus alkoholgetränkten und beziehungstechnischen Anekdoten herausgemeisselt. Dieses von Ohrwürmern zerfressene Getier hört immer noch auf den Namen VIECH, und eben dieses VIECH wird aufgrund der kriminellen Energie, die guter Pop- und Rock‘n‘Rollmusik innewohnt, vorübergehend vom Autor dieser Zeilen in die Element of Crime-Referenzen-Untersuchungshaft-Hörzelle gesteckt.

Übrigens: Der Mond ist eine Scheibe – und zwar die neue Compact Disc Scheibe von VIECH. Oder um mit den Worten vom VIECH (laut Duden: roher, brutaler Mensch) zu schließen: „Wie glaubst du ist der Sound, wenn ich einen Stein vom Mond durchs Fenster deiner Bude schmeiße.“

Michael Franz Woels

VIECH Live
05.04. PMK, Innsbruck
06.04. Remise, Bludenz
07.04. Klangfilmtheater, Schladming
13.04. Sargfabrik, Wien
19.04. Unter Deck, München
20.04. Orpheum, Graz
21.04. Kulturhofkeller, Villach

Links:
VIECH
VIECH (Facebook)
Phonotron