Culk (c) Michal Würmer

„[…] unsichtbar, aber spürbar […]“ – CULK im mica-Interview

Psychedelisch, ekstatisch und manchmal meditativ: Am 1. Februar 2019 veröffentlicht das Wiener Quartett CULK beim Label „Siluh Records“ sein Debütalbum „S/T“. CULK, das sind SOPHIE LÖW (Stimme, Texte, Synthesizer und Artwork), JOHANNES BLINDHOFER (Texte, Gitarre), BENJAMIN STEIGER (Bass, Gitarre) und CHRISTOPH KUHN (Schlagzeug). Die im Herbst 2018 erschienene Single „Begierde/Scham“ gab bereits den Duktus vor. Dabei geht es um patriarchale Hierarchie, versteinerte Systeme, Ängste, Bedürfnisse, die Begierde und Scham einer Frau. Eine erste Single, ein erster sanfter Schauer. Ein erstes Versprechen, das sieben Nummern lang nicht gebrochen wird. SOPHIE LÖW, JOHANNES BLINDHOFER und CHRISTOPH KUHN sprachen mit JULIA PHILOMENA über das musikalisch wachgeküsste Wien, den Reiz der kleinen Box und die Schwierigkeit eines Bühnenbilds.

Aus welchem Kontext heraus ist Culk entstanden?

Johannes Blindhofer: Befreundet waren wir schon lange. Benni und Sophie haben schon vor Culk zusammen Musik gemacht, Lieder geschrieben und Konzerte gespielt. Und ich war in einer Schulband, bei der Christoph später auch dabei war. Das Musikmachen war also unverbindlich, aber regelmäßig, es war ein Teil von uns. Ein Song von Sophie, „Chains of Sea“, war dann eigentlich der Grund dafür, dass wir begonnen haben, zu viert Musik zu machen. Wirklich als Band definiert haben wir uns dann Anfang 2017.

Musste über den musikalischen Zugang gesprochen werden?

Sophie Löw: Eigentlich nie. „Chains of Sea“ war unser allererstes Lied, „Faust“ ist das neueste. Die sind schon verschieden, aber ich finde, das Album ist trotzdem stimmig.

Johannes Blindhofer: Während des Entstehungsprozesses haben wir uns überhaupt keine Gedanken gemacht, wie und ob die einzelnen Nummern harmonieren. Aber im Endeffekt tun sie das eigentlich sogar sehr gut, finde ich.

Wie kann man sich Ihren Arbeitsprozess vorstellen?

Sophie Löw: Meistens habe ich ein Thema im Kopf, das immer klarer wird, sobald wir jammen. Das geht dann eigentlich sehr schnell. Die Nummern entstehen sehr schnell oder gar nicht.

Johannes Blindhofer: Wir proben einmal die Woche, und zwar konzentriert. Unser System funktioniert nämlich nicht, wenn wir uns fallen lassen. Es müssen alle in Bestform sein, sonst schleift’s.

„inhaltlich sind wohl Machtverhältnisse und Machtsysteme der gemeinsame Nenner.“

Sophie und Johannes, Sie schreiben beide an den Lyrics für Culk. Welche Themen sprechen Sie an und welchen Stellenwert haben Text und Musik?

Sophie Löw: Für mich sind Text und Musik gleichgestellt. Das eine ergänzt das andere. Und inhaltlich sind wohl Machtverhältnisse und Machtsysteme der gemeinsame Nenner.

Johannes Blindhofer: Oder zwischenmenschliche Beziehungen, Konflikte, Konstellationen, Krisen. Und Gewalt, die unsichtbar, aber spürbar ist.

Geht es dabei um generelle oder auch um spezifisch österreichische Machtverhältnisse, die angesprochen bzw. kritisiert werden?

Sophie Löw: Wenn wir Machtverhältnisse ansprechen, geht es eigentlich um Gesellschaftsstrukturen, weniger um Tagespolitik.

Johannes Blindhofer: Die Gesellschaft, die wir kennen, von der wir sprechen, gibt es überall. Die gab es schon vor der jetzigen Regierung und die wird es sicher danach auch noch geben.

Zum Song „Begierde/Scham“ wurden Sie angeblich durch Simone de Beauvoir und ihr Buch „Die Mandarins von Paris“ inspiriert. Bei Ihnen heißt es: „Er will, dass sie muss. Sie tut es, ohne zu sehen.“ Ein Lied über die Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau?

Sophie Löw: Ja. Es ist ein Lied über ein Konstrukt, das da ist, das alle kennen, das sehr unstimmig ist, das aber niemand ändert, weil wir manchmal so tief in Konstrukten verankert sind, unterbewusst gefangen sind. Unterbewusstsein ist generell ein großes Thema. Sehr unantastbar, aber dafür sehr gut fühlbar.

Ein Konflikt, den beide Geschlechter fühlen?

Sophie Löw: Begierde und Scham stecken in der Frau, um die es geht. Und Lust steckt in ihr. Und Gewalt. Das ist ihr Konflikt. Das ist unser Spannungsfeld.

Was steckt hinter dem Namen „Culk“?

Sophie Löw: Wir wollten einen Namen, der einfach für nichts steht. Einen Kunstbegriff.

Johannes Blindhofer: Einen Begriff, der gefüllt werden kann. Mit uns!

Was wiederum erfüllt Sie? Fühlen Sie sich in der zeitgenössischen heimischen Musikszene wohl?

Sophie Löw: In Wien sehr! Es fühlt sich irgendwie so an, als gäbe es jetzt einen großen Aufschwung in Österreich. Als Band Teil davon zu sein, ist besonders schön. Das erfüllt! Ich glaube, Deutschland spürt das auch. Und andere Länder [lacht]. Dort spielen jetzt viele Bands aus Österreich.

Johannes Blindhofer: Wenn etwas Neues passiert, ist das immer aufregend. Auch wenn es sich jetzt wahrscheinlich speziell aufregend anfühlt, weil in Wien vor zehn Jahren einfach wahnsinnig wenig passiert ist, gemessen am Potenzial und an der Größe der Stadt. Aber zeitgenössische Bands sind und waren immer spannend. Ich kaufe auch viele neue Platten, das ist schon wichtig.

„Unterschiedliche Disziplinen können schon ziemlich inspirierend sein.“

Zeitgenössische Musik funktioniert immer öfter autodidaktisch. Welchen Zugang haben Sie?

Sophie Löw: Musik studiert hat niemand von uns. Einen professionellen Background hat noch am ehesten Benni, der arbeitet jetzt als Sounddesigner. Ich studiere Fotografie und Grafik. Das ist zwar ein anderer Prozess, aber auch ein kreativer, der mir sehr hilft. Für meine Songs, für Konzepte, für Themen. Unterschiedliche Disziplinen können schon ziemlich inspirierend sein. Außerdem glaube ich, dass eine frühe, zu intensive und langjährige Musikausbildung viel kaputt macht. Ein Kind weiß vielleicht noch nicht so recht, wohin es möchte. Deshalb bin ich froh, dass es bei mir so war, wie es war.

Welchen Charakter sollte für Sie eine Performance-Situation haben?

Sophie Löw: Ich glaube, dass wir am ehesten etwas Clubartiges brauchen. Etwas Dunkles, Enges.

Johannes Blindhofer: Es wird in Zukunft manchmal vorkommen, dass wir auch bei Tageslicht spielen. Wie das wird, weiß niemand, weil der kleine, in sich geschlossene Rahmen eigentlich schon ziemlich wichtig für uns ist. Wir brauchen eine Box, in der alles nahe beisammen sein kann.

Nähe zum Publikum ist schön?

Christoph Kuhn: Schön und angenehm. Wir haben in Dortmund ein einziges Mal auf einer hohen Bühne gespielt und da war die Distanz schon sehr deutlich spürbar. Intime Rahmen sind intensiver.

Culk (c) Andre Habermann

Sie haben in Deutschland bereits jetzt eine Fanbase. Freut Sie das? 

Sophie Löw: Das freut uns sehr, weil uns oft ans Herz gelegt wurde, viel in Deutschland zu spielen. Wir haben auch nur in Deutschland eine Booking-Agentur.

Johannes Blindhofer: Im Februar haben wir dank unserer „dq agency“ eine elftägige Tour durch Deutschland. Es klappt also super, die sind sehr cool! Vor allem weil wir der Agentur damals außer „Begierde/Scham“ nichts anbieten konnten. Das Vertrauen schmeichelt.

Wäre in Österreich mehr Unterstützung wünschenswert?

Johannes Blindhofer: Österreich ist halt generell nicht so groß und als Nischen-Band gibt es wenig  Auswahl. Wir dürfen also gar nicht beleidigt sein. Außerdem ist zum Beispiel FM4 großartig! Die haben uns sofort gespielt.

Sophie, Sie haben vorhin von unterschiedlichen Disziplinen gesprochen, die inspirierend sein können, aber auch hilfreich im Arbeitsprozess. Sie machen das Artwork, die Videos etc. selbst, weil …?

Sophie Löw: … ich meine Sachen nicht so gerne aus der Hand gebe [lacht]!

Johannes Blindhofer: Sophie weiß als Musikerin und als Grafikerin aber vor allem genau, was unserer Sache dient und was ihr schadet. Also erspart sie uns nicht nur unglaublich viel Geld, sondern auch viele Erklärungen, Rechtfertigungen, Streitereien. Wir waren beispielsweise mit dem Cover, das sie uns vorgeschlagen hat, sofort glücklich.

Sophie Löw: Die visuelle Ebene in der Musik gefällt mir gut, aber es werden einem oft Steine in den Weg gelegt. Auf Konzerten klappt die Organisation für Visuals oft nicht, weil niemand einen Beamer hat. Bei Anfragen für ein Bühnenbild heißt es dann: „Der Brandschutz ist gefährdet. Weniger ist mehr.“

Wie wird es weitergehen?

Sophie Löw: Unverkrampft! Pläne zu schmieden ist ja eher schlecht, aber wir fühlen jedenfalls, dass noch viel in uns steckt, wir noch Potenzial nach oben haben. Und ich freue mich darauf, das zu entdecken!

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Julia Philomena

Links:
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Siluh Records (Website)

Termine:
2019-02-18 GER – Passau, Zauberberg
2019-02-19 GER – Freiburg, Slow Club
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2019-02-21 GER – Hannover, Zum Stern
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2019-02-25 GER – Dresden, Ostpol
2019-02-26 GER – Nürnberg, Club Stereo
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2019-03-09 AUT – Wien, Das Werk
2019-03-22 AUT – Salzburg, Arge
2019-03-23 AUT – Linz, Kapu
2019-05-02 CZ – Prague, Klubovna
2019-05-03 GER – Augsburg, City Club
2019-05-04 GER – München, Milla
2019-05-17 GER – Stuttgart, Merlin
2019-05-18 GER – Karlsruhe, P8