„UNSERE OHREN SIND SEHR VIEL SENSIBLER ALS UNSERE AUGEN.“ ‒ KATHARINA ROTH IM MICA-INTERVIEW

Die Komponistin KATHARINA ROTH beschäftigt sich intensiv mit den Ausdrucksspektren von Schlagwerk und Stimme. Es entstehen kompositorische Auslotungen zwischen fragil-zerbrechlich und brachial-gewaltig. Mit Michael Franz Woels sprach sie über die Faszination von klassisch nordindischer Musik, über die berührende Unmittelbarkeit in Musiktherapie und über die Frage, warum manch warnende weibliche Stimme kein Gehör findet.

Ich kenne dich vor allem als Komponistin. Nun spielst du auch in einem Improvisations-Trio …

Katharina Roth: Das trio silberfisch ist 2020 in Wien entstanden. Ich habe die Musikerinnen, an der Harfe Maura Knierim und am Violoncello Laura Deppe, bei einem Haubenstock-Ramati-Projekt vor ungefähr zwei Jahren kennengelernt. Seit Anfang letzten Jahres haben wir uns dann öfter zusammengetan, um gemeinsam mehr sowohl rein frei improvisatorisch zu spielen, als uns auch grafischen Partituren im weitesten Sinne zu widmen. Letztes Jahr haben wir einige Stücke von Anestis Logothetis im Porgy & Bess präsentiert und sind nun dabei, neue Stücke zu entwickeln.

trio silberfisch
trio silberfisch (c) Tobias Leibetseder

Ist der Wunsch nach mehr improvisatorischem Spiel in den letzten Jahren mehr geworden?

Katharina Roth: Es ist die letzten Jahre mehr geworden. Früher habe ich „klassisch“ nach Noten gespielt, das freie Improvisieren macht mir große Freude und hat sich in den letzten Jahren entwickelt.

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Ein weiteres, frisches Projekt von dir ist das LIZARD Ensemble. Wie kam es zu dem Wunsch, ein eigenes Ensemble zusammenzustellen?

Katharina Roth: Bis vor kurzem habe ich an der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz studiert, und dort viele Musikerinnen und Musiker kennengelernt, die Lust auf aktuellste Musik hatten, aber eben ein Ensemble vermissten, das solche Stücke umsetzen kann und in der Stadt repräsentiert. Das ist mir in der Studienzeit in Linz extrem aufgefallen. Als ich die Musikerinnen und Musiker zusammen hatte, wollte ich den Kontakt und den Gründungsanschub, den ich in Linz aufgebaut hatte, nutzen. Wir sind rund fünfzehn Leute, spielen aber nicht immer tutti. Anfang November werden wir an drei aufeinanderfolgenden Tagen in der Brennkammer im Porgy & Bess spielen, es werden auch ein paar Uraufführungen dabei sein.

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Mit Linz verband dich dein Kompositionsstudium bei Carola Bauckholt. Ein Komponist, der dich in deiner Anfangszeit geprägt hat, war Tilo Medek. Welchen Einfluss hatten sie auf deine Arbeiten?

Katharina Roth: Der Komponist Dieter Mack war auch sehr wichtig für mich. Aber ich versuche mal von vorne anzufangen: Tilo Medek habe ich bereits 2003 kennengelernt. Ich hatte das große Glück, dass Tilo Medek an meinem Musikgymnasium in Rheinland-Pfalz unterrichtete. Er hatte sich zwar immer geweigert, eine Stelle an einer Hochschule anzunehmen, obwohl ihm das mehrmals angeboten wurde. Aber in seinen letzten Jahren hat es ihn gereizt, direkt an einer Schule als Gastlehrer zu unterrichten. So kam ich plötzlich zu einem Kompositionsunterricht. Das war wirklich etwas sehr Besonderes für mich. Er war ein unglaublich vielseitig gebildeter Mensch. 2006 ist er leider an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben. Die Zeit, die ich mit ihm erleben durfte, war sehr prägend für mich. Er hat die Lust und Neugier auf verschiedenste Arten von Musik geweckt. Das Ausprobieren und Offenbleiben hat immer Unterschiedlichstes mit sich gebracht: Wir haben zum Beispiel verschiedenste Ausflüge gemacht. Ich erinnere mich noch an einen Ausflug zu einem Pferdeschmied. Wir haben uns angeschaut: Wie klingen die verschiedenen Hufeisen? Warum wird ein Pferd überhaupt behuft? Wie funktioniert das eigentlich? Es war ein sehr weit gefasster, offener und anregender Unterricht und viel mehr als nur das. Wir haben viel analysiert und diskutiert und durch seine herzliche Art und seine umfassende Bildung viel für das Leben im Ganzen gelernt.

Lizard Ensemble
Lizard Ensemble (c) Franzi Kreis

„SIE IST EINE ERMÖGLICHERIN.“

Magst du zu den anderen Komponist*innen auch noch etwas erzählen?

Katharina Roth: Während meiner Schulzeit hatte ich das Glück, im Landesjugendensemble Rheinland-Pfalz/Saarland als Pianistin mitspielen zu dürfen. Während einer Arbeitsphase haben wir Stücke von Dieter Mack erarbeitet, der dann auch zu unserer Probenphase kam. Seine kraftvolle, sehr rhythmisch durchdrungene und teilweise auch groovige Musik hat mir direkt gut gefallen, auch wenn es vom Zusammenspiel eine riesige Herausforderung darstellte. Auch zwischenmenschlich kamen wir gut miteinander klar, und so entstand der Wunsch, zum Studieren nach Lübeck zu gehen.

Carola Bauckholt habe ich dann 2017 kennengelernt und war begeistert. Neben ihrer Musik schätze ich ihre immerzu positive Art, mit der sie an Dinge herangeht, sehr. Sie ermutigt einen unglaublich, Dinge auszuprobieren. Auch die abstrusesten Ideen werden erst mal stehen gelassen und gemeinsam wird überlegt, wie man sie realisieren könnte. Dadurch tun sich oft neue Welten auf. Sie ist eine Ermöglicherin. Und sie war ja auch der Grund, warum ich den Master in Komposition in Linz gemacht habe.

Du widmest dich auch verstärkt dem Bereich des Musiktheaters. Es gibt eine schöne Dokumentation der Musiktheater-Miniatur „fort:une“. Im Zuge der Beschäftigung mit Kaiser Maximilian I. bist du anscheinend auf das interessante Leben seiner Tochter Margarethe von Österreich gestossen …

Katharina Roth: Ich finde, Kaiser Maximilian I wird ausreichend gehuldigt, und er hatte auch nicht nur gute Seiten. Seine Tochter, Margarethe von Österreich, hingegen war eine so unglaublich starke Figur in ihrer Zeit, sie war eine Stadthalterin in den Niederlanden und hat über sehr viel Macht, Einfluss und Energie verfügt. Trotz aller Widrigkeiten in ihrem Leben hat sie Unglaubliches vollbracht.

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Und generell zu meinem Interesse an Musiktheater: Es war mir schon relativ früh eigen, oft bereits beim Komponieren szenische Ideen zu entwickeln. Die lassen sich dann auch gar nicht so richtig abstellen, sie sind meinem Denken immanent. Häufig ist dann die Notwendigkeit da, diese szenischen Ideen auch umzusetzen. Oft bedingen sie sich auch musikalisch. Beim Stück „Vodka Lemon oder Gin Tonic“ haben mich die vielen verschiedenen Facetten, wie Krankheit und Gesundheit bei uns oft gegeneinander ausgespielt werden, interessiert. Wie kann man Ansichtsweisen entwickeln, die nicht nur zwischen Schwarz und Weiß unterscheiden?

Vodka Lemon oder Gin Tonic? von Katharina Roth – MusikTheaterLabor (dorftv)

Das führt uns zu einem Bereich der Musikanwendung, dem du dich gerade intensiv widmest. Und zwar der Musiktherapie. Was hat dich dazu veranlasst?

Katharina Roth: Ich sehe mich in erster Linie als Komponistin, finde die anderen Tätigkeitsfelder aber sehr bereichernd und diese Abwechslung auch notwendig. Auf das Gebiet der Musiktherapie bin ich durch Zufall gestoßen. In Lübeck habe ich Komposition bei Dieter Mack und Klavier bei Jacques Ammon studiert. Im Rahmen meiner Studien bin ich dort gegen Ende durch Zufall über ein Buch gestolpert, in dem es einen Artikel über Musiktherapie gab. Diesen Bereich kannte ich bis dahin noch gar nicht. Und nach diesem Artikel wusste ich auch nicht viel mehr darüber, denn es ist ein sehr breites Feld. Man kann zwar schon versuchen, es mit Worten zu beschreiben, aber Erfahren und Erfassen lässt es sich erst im Tun. So habe ich dann nach einer Praktikumsstelle gesucht und diese in einem Krankenhaus in Leipzig gefunden. Dort konnte ich drei Wochen lang mit Musiktherapeutinnen und -therapeuten mitgehen und ihnen zusehen. Diese Musik kann und darf ganz unmittelbar berühren: über den Aspekt der Improvisation und einen nichtwertenden Zugang.

Gerade schreibe ich an meiner Abschlussarbeit an der mdw, die sich mit dem Einsatz der Stimme in der Musiktherapie beschäftigt. Ich habe beforscht, wie es sich mit dem Singen während der Coronazeit verhalten hat: ob es ein Singverbot oder ähnliches gab, dies explizit oder implizit ausgesprochen wurde und wie damit umgegangen wurde. Das werte ich gerade aus. Und ich versuche auch einen Überblick zu geben, wie unterschiedlich das Arbeiten mit Stimme in der Musiktherapie aussehen kann. In der Arbeit mit verschiedensten Menschen ist es ein essentieller Bestandteil, wenn ich an Menschen mit Demenz, mit Behinderungen oder an Kinder und Neugeborene denke. Das Singen ist etwas so Natürliches. Wenn das wegfällt, glaube ich, könnte ein großes Loch entstehen. Das möchte ich erforschen. Und ich habe schon bemerkt, dass viele Menschen vorsichtiger geworden sind und manche auch gar nicht mehr zu einem Konzert kommen. Sie nutzen die Angebote der Live-Streams, weil sie einfach bequemer oder sicherer sind.

Du hast deine Musik einmal als „durchhörbar§ bezeichnet. Hat für dich diese Durchlässigkeit auch eine Bedeutung in deiner musiktherapeutischen Arbeit?

Katharina Roth: Auf gewisse Art und Weise. Es gibt ganz viele verschiedene Arten, musiktherapeutisch zu arbeiten. Man kann gemeinsam improvisieren, einzeln oder in Gruppen, sich gemeinsam etwas anhören, Musikinstrumente explorieren oder auch einfach über Musik sprechen.

„STIMMEN UND PERKUSSION INTERESSIEREN MICH NACH WIE VOR SEHR.“

So wie wir beide gerade. Die Stimme und Perkussionsinstrumente sind als sehr ursprüngliche Ausdrucksformen menschlicher Musikalität oft ein Fokus in deinen Kompositionen …

Katharina Roth: Ja, Stimmen und Perkussion interessieren mich nach wie vor sehr. Man kann immer wieder andere Facetten entdecken. Stimmen halten so viele Klangmöglichkeiten bereit und sind so unterschiedlich. Bei Schlagwerk ist auch die Vielfalt des Instrumentariums unglaublich.

Der in Deutschland aufgewachsene Schriftsteller Senthuran Varatharajah unterscheidet in einem Interview zwischen drei Stimmen, die ein Mensch besitzt. Zum einen eine Stimme, die man nur selber über Knochenschall hören kann, dann die Stimme, die andere Menschen von einem kennen. Und drittens die innere Stimme, mit der wir nachdenken oder uns mit uns gedanklich selber unterhalten.

Katharina Roth: Ich finde diese Unterscheidung interessant. Wenn ich mich dem Phänomen Stimme nähere, so ist der Zugang trotzdem ein anderer. Ich versuche relativ früh im Kompositionsprozess mit der Person, für die ich ein Stück schreibe, in Kontakt zu kommen. Um eben genau diese Stimme gut kennenzulernen. Aus einem gemeinsamen Probieren und Kennenlernen dieser Stimme und Persönlichkeit entwickeln sich eben neue Gedanken, quasi neue innere Stimmen. Beim Komponieren gehe ich natürlich manchmal auch von meiner Stimme aus, aber im Hinterkopf habe ich immer die Person, die das später singen wird.

Du hast dich im Bereich Stimme auch mit einer ganz speziellen Gesangstechnik beschäftigt. Dhrupad ist eine nordindische Gesangsart. Wie kam es zur Vertiefung in diesem Bereich?

Katharina Roth: Diese Frage führt mich wieder zurück nach Lübeck zu meinem Kompositionsstudium bei Dieter Mack. Ich habe Musik aus vielen unterschiedlichen Kulturen kennenlernen dürfen. Er selbst war ein sehr großer Experte von balinesischer und indonesischer Musik und hat eine große Offenheit mitgebracht. Auch die Klasse war sehr multikulturell geprägt. So habe ich dann begonnen, mich für indische Musik zu interessieren. Dhrupad ist eine sehr alte Form von klassischer, indischer Musik, und ich war davon sehr fasziniert. Zu dieser Zeit hatte ich mir gerade sehr schwer getan, mir lange Musikstücke anzuhören und selbst nur kürzeste Miniaturen geschrieben. Erst durch diese Dhrupad-Musik war ich wieder gebannt von Stücken, die eine Stunde oder länger dauern. Ich konnte mir dieses Genießen und im Momentsein, das ich beim Anhören von Dhrupad-Musik erlebte, damals gar nicht richtig erklären.

Wie würdest du Dhrupad-Musik beschreiben?

Katharina Roth: Die Tanpura [eine gezupfte Langhalslaute, Anm.] ist bei jedem Stück dabei. Ein Bordun-Bass, der den Grundton vorgibt. An diesem Grundton orientiert sich die Stimme, um die feinen Intervalle, die von Raga zu Raga unterschiedlich sind, auch intonieren zu können. Ein Raga ist ein Tonvorrat, aber auch eine bestimmte Stimmung, man könnte das auch mit einer Familie mit unterschiedlichen Familienmitgliedern vergleichen. Es gibt verschiedene Regeln in dieser Familie, wen man wann besuchen darf. Welche Verbindungen sie zueinander haben ist ganz wichtig. Man muss sich verinnerlichen, welche Töne die prominenteren sind, zu denen man vielleicht öfter immer wieder zurückkehrt. Und andere streift man ganz kurz, und sagt bloß mal kurz Hallo – wie bei einem Familientreffen. Das Umspielen und das freie Bewegen innerhalb des Ton-/Familiensystems, findet unter Berücksichtigung von strengen Regeln statt.

Die Dhrupad-Musik ist so gegliedert, dass man in einer Konzertperformance vier unterschiedliche Teile hat. Zuerst einen sehr langen, einführenden Teil, er dient zum Kennenlernen und ist sehr meditativ. Er lädt ein zum Lauschen in die Schönheit der Töne, die präsentiert werden. Dann gibt es einen Teil, der Jhor heißt, und einen anderen namens Jhala. Beide sind jeweils rhythmisch geprägt, und werden stets durch eine größere Trommel, die Pakhawaj, begleitet. Beide Teile haben eine gewisse rhythmische Grundstruktur und feste Regeln, die zu beachten sind. Innerhalb dessen gibt es dann aber auch Freiraum für die eigene improvisatorische Gestaltung. Und dann gibt es noch den sogenannten Kompositionsteil, im weitesten Sinne einen Liedtext. Eine Melodie wird ein paar Mal vorgetragen, um dann direkt in die Improvisation überzugehen. Die Begriffe Komposition und Improvisation werden in Indien aber anders aufgefasst als bei uns – ich habe mich oft daran gerieben.

In der indischen Vokalmusik ist es sehr wichtig, den eigenen Grundton zu finden und es wird sehr viel mit der Tiefe der eigenen Stimme gearbeitet. Dieser andere Zugang, dieses andere Denken über die Stimme hat mich fasziniert. In Indien ist es ganz üblich, wenn man Sängerin werden möchte, dass man jeden Morgen vor Sonnenaufgang aufsteht und dann erst einmal Übungen für die Tiefe macht. Man geht sehr langsam Schritt für Schritt einen Ton tiefer, verweilt und hält einen Ton auch mal zwanzig Minuten lang. Bis man dann im besten Fall eine Oktave unter seinem Grundton angelangt ist. Das nennt man Kharach.

Interessieren dich auch unterschiedliche Religionen, haben diese einen Einfluss auf dein kompositorisches Schaffen?

Katharina Roth: Mythologien sind etwas, das mich immer wieder beschäftigt; und verschiedenste Formen religiösen Seins und wie sie ausgelebt werden. Einen starken Bezug zu Religionen hatte mein Stück „Gute Reise!“ Da habe ich mich mit den verschiedenen Übergängen vom Leben zum Sterben ‒ und wie die unterschiedlichen Religionen damit umgehen ‒ beschäftigt.

Aber ich fühle mich zu keiner stärker hingezogen oder möchte sie in irgendeiner Art und Weise repräsentieren.

Katharina Roth – Gute Reise! (dorftv)

Das Stück „Mahakala“ wurde von einem Thangka-Bild inspiriert. Diese meist sehr großen Gemälde sieht man ganz oft in Nepal, vor allem findet man sie in den buddhistischen Tempeln. Sie stellen verschiedene Gottheiten dar und mich hat diese eine in ihrer Darstellung, und mit dieser Macht, die Mahakala zugesprochen wird, sehr fasziniert. 

Katharina Roth – Mahakala (dorftv)

Du beschreibst zwei unterschiedliche Pole, die sich oft in deinen Stücken wiederfinden. Zum einen gibt es fragilere Momente in Werken, dann aber auch gewaltigere, brachialere Passagen. Du hast einmal erklärt, dass das in gewisser Weise auch Aspekte deiner Persönlichkeit widerspiegelt.

Katharina Roth: Sicherlich auch. Es ist jedenfalls etwas, das ich immer wieder in meiner Musik feststelle, wenn ich sie retrospektiv betrachte. Zum einen bin ich sehr an feinen, fragilen klangfarblichen Aspekten interessiert, die sich entwickeln. Und zum anderen an sehr massiven, fast destruktiven Klangblöcken, an rauen Klängen, die mich in ihrer Beschaffenheit interessieren.

Das Arbeiten mit Texten findet man schon in deinen frühesten Werken, zum Beispiel in „Lila Nachtigallen. Songs on Poems by Herta Müller“.

Katharina Roth: Wenn ich an die letzte Zeit denke, so sind auch viele Stücke für Stimmen entstanden, bei denen keine konkreten Texte vorhanden waren. Manchmal merke ich schon recht bald am Anfang, dass einem Stück kein Text aufgezwungen werden möchte.

„MANCHMAL ERFORDERT EIN TEXT EBEN UNTERSCHIEDLICHSTES, MIT DEM MAN ERST GAR NICHT GERECHNET HAT.“

Kommen wir noch zu aktuelleren Projekten …

Katharina Roth: Anfang Mai hatte ich eine Uraufführung mit der Company of Music im Rahmen des Festivals 4020 im Brucknerhaus in Linz, für die ich das Vokalstück „beim Styx!“ für 12 Stimmen geschrieben habe. Es geht im weitesten Sinne um diesen Fluß Styx, der zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Toten fließt. Ein Fährmann namens Charon geleitet die Seelen hinüber. Früher war „beim Styx!“ ein Schwur, auf den die olympischen Gottheiten geschworen haben. Und wenn dieser Schwur nicht eingehalten wurde, dann verlor man seine Stimme, ich glaube für neun Jahre. Das hat mich dazu angeregt, mich mit dieser Mythologie auseinander zu setzen.

Für ein Stück mit dem Ensemble reconsil stand der Text schon vorher fest. Ich wurde gefragt, ob ich zu dem ersten Sonettenkranz von Semier Insayif mit dem Namen „herzkranzverflechtung“ ein Stück schreiben möchte. Die meisten Sonette haben eine sehr strenge Form, nur das letzte ist sehr fragmentarisch und hat mich eingeladen, dazu konnte ich etwas machen. Da dieser letzte Teil aus zwei vorherigen Texten besteht, habe ich letztendlich drei Sätze geschrieben. Manchmal erfordert ein Text eben Unterschiedlichstes, mit dem man erst gar nicht gerechnet hat.

Ensemble reconsil: herzkranzverflechtung
Ensemble reconsil: herzkranzverflechtung (c) Joanna Pianka

Ein Musiktheaterstück ist gerade im Entstehen. Es ist in einem weiblichen Kollektiv namens kassandra collective entstanden, zusammen mit den Komponistinnen Huihui Chang und Anna Korsun, der Regisseurin Kapitolina Tcvetkova und den Sängerinnen Julia Hagenmüller und Lena Spohn. Das Projekt dreht sich um „Kassandra“ und wir schauen uns an, wer diese Frau, deren Prophezeiungen nicht gehört wurden, im Heute sein könnte. Wieso kann sie kein Gehör finden? Wie sehen diese Resonanzphänomene aus? Welche Rolle spielt es dabei, dass sie eine Frau ist in dieser doch immer noch sehr männlich dominierten Gesellschaft? Vom Kassandra-Stoff ausgehend haben die Sängerinnen uns Komponistinnen angefragt, ob wir dazu arbeiten möchten. Das Stück „Kassandra. Eine Performance über das Ringen mit Resonanz einer tragischen Heldin“ wird vom 8. bis 11. September im Kunstraum 34 in Stuttgart aufgeführt und wir werden es auch im Rahmen der Musiktheatertagen Wien im WUK am 16. und 17. September zeigen.

Wie siehst du eigentlich diese Online-Verfügbarkeit von Konzerten, diese Streaming-Angebote?

Katharina Roth: Das ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits ist es gut, dass es diese Möglichkeit gibt und auch andere Türen öffnet. Es kann aber in den seltensten Fällen ein Live-Erlebnis ersetzen. Man muss auch echt viel Geld in die Hand nehmen, um einen guten Stream zu machen. Man kann mit dem gleichen Budget wie für ein Live-Konzert kein gutes Online-Konzert machen. Es ist zu hoffen, dass wir Wege finden, um diese Live-Erlebnisse doch immer wieder möglich zu machen. Jegliche Form von Musik kann mich in dieser Intensität eigentlich nur live berühren. Unsere Ohren sind sehr viel sensibler als unsere Augen, das unterschätzen wir oft.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Franz Woels

Termine:
Musiktheatertage Wien: Kassandra
16. und 17. September 2022
WUK Projektraum, Währinger Straße 59, 1090 Wien

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Katharina Roth
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