„UNSERE LEBENSENTWÜRFE HABEN UNS EINANDER BESCHERT, WAS WIR ALS GROSSES GLÜCK EMPFINDEN.“ – THE SWEET JANES IM MICA-INTERVIEW

Nach den Alben „Simon Says“ (2018) und „Keep The Zombies Out“ (2019) hat das Innsbrucker Frauen-Duo THE SWEET JANES nun erstmals ein Album komplett auf Deutsch veröffentlicht. Schlicht mit „Das deutsche Album“ betitelt, begeben sich hier KARIN BERNER (Gesang, Gitarre, Beat Buddy, Mundharmonika) und GELI ENNEMOSER (Gesang, Gitarre, Stylophone) zumindest von den Texten her auf neues Terrain. Wobei ihr genuiner Punk’n’Roll jetzt fast noch zwingender daherkommt und das Album dabei so klingt, als hätten sie schon bislang nicht in Englisch gesungen. Didi Neidhart hat sich mit den beiden Musikerinnen zum E-Mail-Interview getroffen und über die „schwere deutsche Sprache“, „Kitsch“ und das Motto „Nie erwachsen werden“ unterhalten. 

Wie seid Ihr nach zwei Alben in Englisch darauf gekommen, jetzt ein Album in deutscher Sprache aufzunehmen?

Bild (c) The Sweet Janes

The Sweet Janes: Wir haben uns zum ersten Mal bei einer ausgedehnten Probe an deutsche Lyrics herangewagt. Unsere „Schlagerangst“ bezwingend, haben wir einen ursprünglich englisch getexteten Song spontan beim Spielen übersetzt und gemerkt: es steht uns gut. Es fühlte sich authentisch an. Und nachdem wir diese Tür einmal aufgestoßen hatten, ging es einfach auf Deutsch weiter.

Im Pop gilt ja schon lange nicht mehr der Spruch „Deutsche Sprache schwere Sprache“, dennoch vermute ich bei euch schon eine Traditionslinie (Lassie Singers, Stereo Total, Parole Trixi, etc.), die es womöglich nicht erst seit Kurzem gibt. Lieg ich da richtig?

The Sweet Janes: Ja, da liegst du vollkommen richtig! Wir kennen alle Lassie Singers– und viele Stereo Total-Lieder auswendig! Und wir verehren auch Judith Holofernes (Wir sind Helden) und Peter Licht. Beide sind wichtige Impulsgeber für uns, wie deutsche Texte und Musik zusammengehen können.

„Was auf Englisch ganz cool klingt, entpuppt sich in unserer Muttersprache leider oft als ein ziemlicher Topfen.“

Viele sagen ja, in Englisch zu singen, wäre einfacher, weil sich da super hinter den Worten und den mitunter mannigfaltigeren Bedeutungs- und Deutungsmöglichkeiten versteckt werden kann. Kurz gesagt: Es fühlt sich scheinbar weniger „nackert“ (oder verletzlich) an „I Love You“ statt „Ich liebe Dich“ zu singen. Wie ist das bei Euch?

The Sweet Janes: Natürlich sind wir bei unseren deutschen Texten kritischer. Was auf Englisch ganz cool klingt, entpuppt sich in unserer Muttersprache leider oft als ein ziemlicher Topfen. Außerdem haben wir das Gefühl, auf Deutsch mehr von uns preiszugeben – das macht das Texten spannender.

Thematisch ist das Album ja genau so bunt wie das Cover. Es geht grob umrissen um Politik („kleingeister“, „ungehorsam“), Liebe („gut mit dir“), Alltagsbetrachtungen („die wg“), aber auch wie sich all das immer wieder in die Quere kommt („wtf“, „keine angst“) und schlussendlich doch auch um Utopien („superlichtgeschwindigkeit“, „fahrer acht“, „herzfinsternis“). Wie kommt Ihr zu diesen Themen oder die zu Euch? Sind das (autobiografische) Beobachtungen, Ergebnisse von Medienkonsum, Themen, die Ihr quasi als wichtig erachtet und „bearbeiten“ wollt, oder passieren die einfach?

The Sweet Janes: Irgendwie wollen wir einfach nur Geschichten erzählen. Manchmal genügt ein eine Zeile, ein Satz oder ein interessantes Wort, wie bei „herzfinsternis“ (obwohl wir das einfach bei Bonnie Tyler geklaut haben). Oft ärgern wir uns natürlich über Politik, oder aber Karin hat einfach zu viel ferngesehen („die wg“ basiert auf einer Aussage Prince Damiens im „Dschungelcamp“). „wtf“ ist einer der Songs, die es schon auf Englisch gegeben hat, die besondere Herausforderung dabei war, die Stimmung des Songs auch auf Deutsch rüberzubringen.

Gab es eigentlich Umstellungsprobleme beim Songwriting von Englisch auf Deutsch?

The Sweet Janes: Ja und nein. Trotz unserer selbstkritischen Herangehensweise (Stichwort „Schlagerangst“) haben wir aus unserem nahen Umfeld immer wieder gehört, dass es cool kommt, wenn wir deutsch texten. Und es macht uns Spaß. Das schließt aber nicht aus, dass wir auch wieder mal anderssprachige Songs schreiben werden. Auf Klingonisch zum Beispiel, aber dazu später …

The Sweet Janes im Museum
The Sweet Janes im Museum

„‚Erwachsen‘ zu sein bleibt uns weiterhin suspekt.“

Was mir u. a. aufgefallen ist, sind Stimmungsbilder, die ich eher mit 20-Somethings und deren (Selbst-)Beobachtungen assoziieren würde (z. B. bei „die wg“ und „herzfinsternis“), die Ihr aber in einer Mischung aus Sentimentalität & Melancholie ganz unzynisch (und ohne Altersdepressionen) immer noch quasi als Teil eines gewissen Lifestyles nicht ad acta legen (oder verdrängen) wollt. Wenn Ihr bei „herzfinsternis“ singt „du torkelst durch dein Leben wie vor 30 Jahren“, dann meint das ja weniger ein „werde endlich erwachsen“, sondern eher ein „so einfache Lösungen wie damals gibts nicht mehr“. Solche Sachen gabs bei Euch ja schon immer. Seht Ihr Euch eventuell auch als quasi Chronistinnen eines gewissen Rock’n’Roll-Lifestyles?

The Sweet Janes: Die Einleitung zu dieser Frage trifft unser Band-Mindsetting ziemlich genau auf den Punkt. Wir machen seit fast dreißig Jahren gemeinsam Musik, und dabei gelingt es uns immer noch, wenn wir die Proberaumtüre zumachen, dass die Welt ein stückweit draußen bleibt. Aus unserer Punkzeit haben wir uns auch unseren unverfrorenen Umgang mit Musik – und dem Leben überhaupt – bewahrt. Das „Torkeln“ bei der „herzfinsternis“ bezieht sich neben dem allgemeinen „im Leben straucheln“ durchaus auf banale Trunkenheit. Einfache Lösungen gab es noch nie, und „erwachsen“ zu sein bleibt uns weiterhin suspekt. Als Chronistinnen eines Rock’n’Roll-Lifestyles würden wir uns nicht bezeichnen, als Bewahrerinnen vielleicht, auch wenn uns der Alltag das oft nicht leicht macht.

Geht es dabei im Grunde nicht immer auch darum, zu sagen, dass gewisse Entwürfe von Lebensläufen (zum Glück) nie zu den eigenen geworden sind und es gleichzeitig aber auch nicht immer leicht ist zu sagen, ob gewisse Sachen von früher nicht schon lange Old Fashioned (oder überholt) sind?

The Sweet Janes: Unsere Lebensentwürfe haben uns einander beschert, was wir als großes Glück empfinden. Über Trends machen wir uns wenig Gedanken – unsere Kinder haben „The Sweet Janes“ online abonniert, wir sind mittendrin …

So prägnant und eingängig die Lyrics diesmal sind, so verspielt und mit deutlich mehr „Ornamentik“ kommt mir diesmal die Musik vor. War das Absicht, oder hat sich das dann halt so ergeben (und wann war dann mal „Zuviel“ auf den Spuren)?

Cover Das deutsche Album
Cover “Das deutsche Album”

The Sweet Janes: Hier müssen wir Gelis Sohn Simon Handle ins Spiel bringen, den „unsichtbaren Dritten“. Die Aufnahme-Sessions (aller bisher veröffentlichten Alben) in seiner Wiener Wohnung haben uns soundmäßig immer weitergebracht, bereichert und inspiriert. Er spielt bei den Aufnahmen übrigens auch die Bassspuren. Sein Credo „weniger ist mehr“ haben wir inzwischen verinnerlicht. Beim Aufnehmen toben wir uns natürlich aus und reduzieren beim Schneiden und Mischen dann auf das Wesentliche. Hier trifft Simon immer genau, was wir sein wollen – einfach und direkt.

„Für uns ist der Begriff ‚Kitsch‘ nicht negativ besetzt.“

Wie wichtig ist Euch das Format Duo? Bei „gut mit dir“ kommt ja der wunderbare, fast an Blumfeld erinnernde, Satz „Wenn du das Licht ausmachst, hält die Wärme der Verstärker uns wach“ vor. Seht Ihr Euch auch als Partners in Crime, als quasi Bande/Gang und einfach nur als Musikgruppe?

The Sweet Janes: Partners in Crime! Das Format Duo funktioniert für uns fast wie von selbst. Auch hier kann weniger bedeutend mehr sein.

Bei einem Facebook-Vorgespräch habt Ihr extra auf den Wegfahr-Song „fahrer acht“ hingewiesen und dabei auch das Wort „Kitsch“ verwendet. Jetzt klingt der Song mit seiner 1970er-Stimmung auch sehr nach Aufbrechen und Wegfahren (egal wohin), was durch die Mundharmonika ja auch noch unterstrichen wird. Aber wieso „Kitsch“? Haben nicht auch die am einfachsten gestrickten 1970er Schlager zum Thema „Mit dem Auto rumfahren“ zumindest die Pril-Blumen als 1968er/Hippie-Missverständnis mit im Gepäck?

The Sweet Janes: Für uns ist der Begriff „Kitsch“ nicht negativ besetzt. Im Gegenteil, wir lieben die Pril-Blumen und besingen echte Sehnsucht nach Rumfahren in der Fremde!

Abgesehen davon, dass das Wort „superlichtgeschwindigkeit“ wohl noch nie in einem Pop-Song so cool gesungen worden ist, deutet Ihr hier doch an sozusagen die Erde zu verlassen. Was gerade im Moment sehr verständlich ist. Aber wie kam dieses Science-Fiction-Thema plötzlich in Eure Welt? Können wir da eventuell noch mehr erwarten?

The Sweet Janes: Abgesehen davon, dass das Wort „superlichtgeschwindigkeit“ wohl überhaupt noch nie in einem Pop-Song gesungen worden ist, sind wir Trekkies der ersten Stunde. Natürlich wollen wir die Erde verlassen, wer wollte das nicht! Zur Sicherheit haben wir schon mal einen Klingonischkurs gebucht …

Wie habt Ihr Euch das Ganze eigentlich finanziert?

The Sweet Janes: Durch harte Arbeit in unseren Brotberufen als Buchsetzerin und Lehrerin. Zum Glück haben wir sonst keine teuren Hobbies.

Wo gibt es das Album?

The Sweet Janes: Zum Gratis-Download auf Bandcamp. Man kann aber auch gerne was dafür bezahlen. Wir wollen nämlich als nächstes Bandmerchending Aschenbecher (!) bedrucken lassen. Für ein paar Songs gibt es auch schon Videos (siehe Youtube-Playlist)

Wegen Corona wird es wahrscheinlich keine (regulären) Konzerte, etc. geben. Habt Ihr da trotzdem etwas geplant?

The Sweet Janes: Natürlich hat uns diese umfassende Krise auch ausgebremst, wie alle! Ein Online-Live-Konzept haben wir nicht, dafür sind wir wohl wirklich zu Old School. Wir füllen die giglose Zeit aber hartnäckig mit wöchentlichen Probeabenden und versuchen, so die Contenance zu bewahren. Zum Teil verbringen wir sie plaudernd – oder beantworten Deine Interview-Fragen. Dafür sagen wir danke!

Danke für das Interview.

Didi Neidhart

 

++++

Links:
The Sweet Janes (Facebook)
The Sweet Janes (Instagram)
The Sweet Janes: Das deutsche Album (bandcamp)