„UNSERE ARBEIT IST SEHR PROJEKTORIENTIERT“ – DECAPITATED JIZZ MASSACRE IM MICA-INTERVIEW

JOHANNES RULAND, JAKUB VELIKOVSKÝ und JURA MUSGER bilden ein Musiker-Kollektiv, das unter dem Name DECAPITATED JIZZ MASSACRE – oder auch als MMNM – an die Öffentlichkeit tritt. Im Interview mit Jürgen Plank erzählen RULAND und MUSGER von ihren projektorientierten Arbeiten, von Improvisation und dem Vertonen von Lyrik des anarchistischen Dichters ERICH MÜHSAM. Sie berichten außerdem von der großen musikalischen Bandbreite, die es in ihrem Werk gibt – bis hin zu Hip-Hop und Elektronik.

Wie war dein Weg zur Musik und was macht ihr musikalisch miteinander?

Johannes Ruland: Ich spiele Schlagzeug und gemeinsam mit Jakub Velikovský machen wir neben Decapitated Jizz Massacre noch ein wenig Computermusik, als Ergänzung. Ich stamme ja aus Deutschland, dort habe ich relativ viel gemacht, vom Jazz-Quartett bis zu Percussion-Ensembles und Theatermusik. Ich habe mit 6 Jahren begonnen, Schlagzeug zu spielen und meine Bandbreite zieht sich von der musikalischen Früherziehung bis zum experimentell-politischen Agieren.

Jura Musger: Mein Beitrag ist die Sprache, das heißt ich schreibe Texte und interpretiere diese Texte, mal mehr mal weniger rhythmisch, mal mehr mal weniger melodisch. Ich bin seit Mitte der Nuller-Jahre im WUK verortet, ungefähr im Jahr 2001 habe ich dort schon bei Jam-Sessions mitgemacht. In dem Raum, in dem wir jetzt auch sind, der ist also schon lange mein zweites Wohnzimmer. Zunächst gab es verschiedene Formationen, dann die Band Emulgator, bei der auch Johannes schon dabei war. Meine musikalische Entwicklung war durch die Gitarre geprägt, mit der ich im Alter von 6 Jahren begonnen habe.

Wie habt ihr euch als Band formiert?

Johannes Ruland: Vor Decapitated Jizz Massacre gab es die Band Emulgator, da haben wir sehr viel improvisiert. Auch eigene Tracks gab es. Und wir haben einige größere Kunstprojekte gemacht, vor allem in Verbindung mit Film und Video. Wir haben unter anderem beim 30-Jahresjubiläum des WUK das Projekt „Spielraum, Zielraum“ gemacht, da haben wir unten im Proberaum gespielt und es gab oben im Foyer des WUK mit Beamern Projektionen, sodass die Leute Perspektiven einnehmen konnten, die sie sonst nicht haben konnten. Bei einer Fußall-Europameisterschaft der Herren haben wir das Final-Spiel live vertont, das haben wir EM.ulga.Tor genannt. Zwei Mal haben wir auch Stummfilme vertont.

Bild MMNM
MMNM (c) Christian Gold-Kurz

Ihr agiert unter der Marke Decapitated Jizz Massacre und macht verschiedene Projekte.

Jura Musger: Genau. Unsere Arbeit ist sehr projektorientiert. Seit 2018 haben wir sehr intensiv zu dritt miteinander gearbeitet und uns sind die Namen der Projekte wichtiger als die Bezeichnung des Kollektivs. Bei unserem Projekt „Tat und Tod“ ist zum Beispiel Dario dabei, der mit seinen Videos einen wesentlichen Beitrag leistet. Beim Projekt „Kommentar aus Kellern“ haben wir auch immer wieder Gastmusiker*innen dabei.

„Wirklich gestartet wurde das Projekt „Kommentar aus Kellern“ an dem Abend, an dem zwei in Österreich geborene Schülerinnen in Schubhaft genommen worden sind“

Dann bleiben wir beim „Kommentar aus Kellern“, was ist das?

Jura Musger: Genau, das ist ein Projekt mit dem wir im Winter 2020/2021 begonnen haben. Damals war gerade der dritte Lockdown. Ein Vorläufer davon war die Vertonung der damals gültigen Corona-Schutzmaßnahmen-Verordnung. Wirklich gestartet wurde das Projekt „Kommentar aus Kellern“ an dem Abend, an dem zwei in Österreich geborene Schülerinnen in Schubhaft genommen worden sind. Wir haben darüber diskutiert und waren erschüttert und ich habe einen kurzen Text dazu geschrieben. An diesem Tag haben wir noch den Song aufgenommen und ins Internet gestellt. Wir haben das fortgesetzt, indem wir sehr konkrete politische Ereignisse das Tages bzw. der Woche hernehmen und ohne jetzt lange daran zu feilen sehr schnell einen Text schreiben, eine musikalische Ausführung erarbeiten und möglichst schnell mischen und veröffentlichen. So kommt man nicht in Versuchung, immer wieder etwas zu ändern. Wir veröffentlichen sehr schnell und so wie es in diesem Moment gestimmt hat, stehen wir dazu.

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An welchen Themen arbeitet ihr euch ab?

Johannes Ruland: Das bisher nach den Klickzahlen erfolgreichste Video war jenes über die Handhabung der Covid-19-Situation in Österreich. Dann gab es ein Video über Sprache und Gendern. Korruption, Justiz und Medien waren auch schon Themen, die Auswahl an Themen ist in Österreich ausreichend. Wir nehmen die Themen, die wir für relevant halten und die gerade viel diskutiert werden. Wir haben uns etwas mehr Technik in den Proberaum geholt und haben so ein Set-Up, mit dem wir sofort aufnehmen können. Das unterstützt diesen Ansatz schnell zu veröffentlichen.

Nicht nur in Österreich, würde ich meinen, gibt es genügend Themen. So eine rasche Veröffentlichung würde ich wie ein Posting in den sozialen Medien sehen. Da ist man immer nur einen Klick vom nächsten Shit-Storm entfernt. Welche Rückmeldungen gab es schon?

Jura Musger: Ich würde mir einen Shit-Storm wünschen, der bringt ja Aufmerksamkeit. Erstaunlicherweise sind wir noch in keinen Shit-Storm hineingelaufen. Ich bin mir auch nicht sicher, wie einfach das für Leute wie uns wäre, die relativ low-profile sind, die nicht im Fokus der medialen Aufmerksamkeit stehen, einen solchen erzeugen. Natürlich gibt es in meinen Texten Inhalte die man kritisieren oder grundlos heruntermachen kann. Nur: sich an mir abzuarbeiten bringt der Person, die das tut wenig. Ich würde mich aber über einen Shit-Storm freuen. Es gibt bei uns intern Diskussionen wie man Dinge sagen sollte, hinter welchen Dingen wir stehen können. Ob Aussagen zu wenig oder zu stark zugespitzt sind.

Ihr habt musikalisch eine große Bandbreite, wie schätzt ihr das selbst ein? Ich habe zum einen Hip-Hop herausgehört und auch eine Zuwendung zu Klängen aus den 1960er und 1970er-Jahren, mit einer Querflöte. Und ich würde euch in einer Protestlied-Tradition sehen, die heute oft in Richtung Hip-Hop übersetzt wird.

Johannes Ruland: Stilistisch liegt der Bereich Rap und Hip-Hop nahe, ich weiß nicht ob mir für das „Kommentar aus Kellern“-Projekt ein Genre einfallen würde. Bei Emulgator haben wir damals das Genre „Trash Jazz“ erfunden. Jetzt geht es auch in den Bereich Noise und Klang und ist auch punkig und rockig – das ist so unsere Bandbreite.

Jura Musger: Unser Anspruch ist sicher bis zu einem Grad, dass nicht jeder Song gleich klingt. Ich glaube es wäre schwer die Lieder im Sinne eines Albums – eine antiquierte Form – zu veröffentlichen. Man könnte nicht sagen, dass es da einen musikalischen roten Faden gibt. Protest ist natürlich immer gut und wichtig.

Wir kommen aus einer Tradition des Improvisierens, bei Emulgator war die Improvisation ein ganz wesentlicher Teil. Das ist auch weiterhin ein Teil unserer aktuellen Arbeit, da geht es darum musikalische Ausdrucksformen zu finden.

Bild Kommentar aus Kellern
Kommentar aus Kellern (c) Christian Gold-Kurz

„Erich Mühsam ringt in seiner Lyrik nicht nur mit der Welt, sondern auch mit sich selbst“

Damit zu eurem Projekt „Tat und Tod“, bei dem ihr Texte von Erich Mühsam vertont. Wie kam das?

Johannes Ruland: Wir hatten die Idee Texte herzunehmen, die es schon gibt, und diese musikalisch zu verarbeiten. Über Juras Vater sind wir zu den Texten von Erich Mühsam gekommen, jeder hat sich damit beschäftigt und wir haben 13 Stücke vertont. Es hat sich im Laufe der Zeit gezeigt, dass da eine Art Theater-Performance entstehen soll und die Stücke haben wir in diesem Sinne erstellt.

Wie ist der Autor Erich Mühsam historisch einzuordnen?

Jura Musger: Als Teil dieser Performance haben wir uns auch Zeitungsausschnitte herausgesucht und der letzte Ausschnitt betrifft den Tod des Dichters. Da steht, dass er sich selbst wohl als Anarchist bezeichnet hätte. In dieser Tradition steht er, aber das Wunderschöne bei ihm ist, dass er in sich sehr widersprüchlich ist. Erich Mühsam ringt in seiner Lyrik nicht nur mit der Welt, sondern auch mit sich selbst. Er wurde Ende des 19. Jahrhunderts geboren und ist geschichtswirksam geworden als einer der Protagonisten der Münchner Räterepublik. Ihm ging es um die Selbstermächtigung und um den Ausbruch aus der Unfreiheit. Ich habe mir auch andere Lyrik aus dieser Zeit angeschaut und bin beim Mühsam hängen geblieben, weil die Gedichte schon sehr musikalisch sind. Er hat eine unglaubliche Sprachintuition und bei ihm findet sich eine Musikalität, die sich auch in der zeitgenössischen Rap-Musik wiederfindet, er verwendet zum Beispiel oft Binnenreime.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Jürgen Plank

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Live:

MMNM, 7.7.2022, 18:30, Mühlschüttelpark

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Links:
Decapitated Jizz Massacre (Facebook)
MMNM
Tat und Tod